31.03.2026
Arabisch ist eine lebendige Sprache, nicht nur ein Forschungsobjekt
Stifte und Hefte für den Arabischunterricht. Foto: Rieke Mülstegen
Stifte und Hefte für den Arabischunterricht. Foto: Rieke Mülstegen

Die Nachfolgefächer der europäischen Orientalistik verstärken weiterhin orientalistische Strukturen in der Wissenschaft. Dabei kommt aktiver Spracherwerb im Studium oft zu kurz. Was bedeutet das für die Dekolonialisierung der WANA-Fächer?

Vor einiger Zeit besuchte ich eine sprachpraktische Übung, in der ein arabischer Originaltext behandelt wurde. Der Text sollte uns inhaltlich auf das Thema der Sitzung einstimmen – doch statt über die Argumente des Autors zu diskutieren, verbrachten wir 90 Minuten damit, uns an der richtigen Vokalisierung und korrekten Aussprache einzelner Wörter abzuarbeiten. Über den Standpunkt des Autors zum Thema des Seminars wusste ich nach der Sitzung genau so viel wie vorher.

So oder ähnlich laufen Seminare auf Masterniveau in Fächern wie der Arabistik, Islamwissenschaften oder Nahoststudien, für die Arabischkenntnisse vorausgesetzt werden, häufig ab – Quellentexte werden zwar auf Arabisch gelesen, jedoch eher aus philologischer Sicht untersucht, Inhaltliches wird auf Deutsch oder Englisch diskutiert. Arabisch wird als Forschungsobjekt analysiert, aber nicht als Sprache genutzt in der aktiv diskutiert, gelernt, oder Wissen produziert wird.

Eine nicht repräsentative Umfrage, die ich mit etwa 20 Studierenden zweier deutscher Universitäten durchgeführt habe, zeigt: Trotz Unterschieden zwischen den Institutionen liegt der Fokus häufig auf Grammatik und klassischen Texten, weniger auf aktiver Sprachverwendung. Was verrät der Umgang mit Sprache über orientalistische Strukturen in den Nachfolgefächern der europäischen Orientalistik? Und wie kann aktiver Spracherwerb zu einer Dekolonialisierung der Wissenschaft beitragen?

Antisemitische Rassentheorie durch deutsche Orientalist:innen

Arabistik, Islamwissenschaften und WANA-fokussierte Regionalwissenschaften sind die heutigen Nachfolgefächer der deutsch(sprachig)en Orientalistik. Edward Said versteht unter „Orientalismus“ die Konstruktion des sogenannten „Orients“ als das „Andere“, das inhärent gegenteilige, minderwertige Gegenstück zum Westen. Die europäische Orientalistik spielte in der Schaffung dieses Wissens- und Machtsystems, das instrumentell für die Kolonialisierung der Region war, eine maßgebliche Rolle. Dabei wurde der „alte Orient“ – seine vergessenen, vermeintlich mystischen Sprachen, Kulturen und Geschichte – studiert und als Maßstab für die Bewertung und Unterwerfung des „modernen Orients“ genutzt und die gegenwärtige Realität der WANA-Region weitgehend ignoriert und negiert.

Für Edward Said spielte Deutschland in seinem Werk „Orientalismus“ keine Rolle, da das Deutsche Reich keine direkte Kolonialherrschaft in der WANA-Region ausübte. Doch die deutsche Orientalistik war schon früh in die imperialistischen Bestrebungen des Deutschen Reichs verwickelt – ihre Verbindungen zum Auswärtigen Amt während des ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik brachten die Institutionalisierung der Disziplin voran, was es den Nationalsozialisten später ermöglichte, effektiv aus den Reihen der Orientalistik zu rekrutieren. Auch Said bereute später die Arbeiten deutscher Orientalist:innen nicht in seinem Werk verarbeitet zu haben.

Die weitreichende Verankerung der deutschen Orientalistik im Nationalsozialismus ist bis heute kaum aufgearbeitet, dabei schrieben deutsche Orientalist:innen unter anderem an antisemitischen Rassentheorien mit, die zur Begründung des nationalsozialistischen Machtanspruches genutzt und in Propagandakampagnen auch in der WANA-Region verbreitet wurden.

Arabistik, Islamwissenschaften und Regionalwissenschaften heute

Genauso wie der „Orient“ als historisches Objekt studiert wurde, war lange Zeit auch die Herangehensweise an Arabisch als Sprache rein philologisch geprägt – mit Fokus auf historische, oft religiöse Quellentexte. Erst in den 2000er-Jahren, nach dem 11. September 2001 und spätestens nach den Revolutionen in der WANA-Region ab 2010, vollzog sich in Teilen der Disziplin eine vorsichtige Wendung. Immer mehr wurden nun auch postkoloniale Perspektiven mit einbezogen und sich für den sozio-kulturellen Kontext moderner Texte, popkultureller Phänomene oder Film interessiert. 

Durch diese Entwicklung kam auch frischer Wind in die Sprachlehre – seitdem lässt sich in Teilen eine Reorientierung von passivem, grammatikorientiertem Unterricht mit Ausrichtung auf das Lesen von Quellen hin zu mehr aktivem Sprechen und Alltagsvokabular erkennen.  Am Centrum für Nah- und Mitteloststudien in Marburg etwa kommen alle paar Wochen im Rahmen der „Halqa Arabiyya" Studierende und Lehrende zusammen, um zusammen wissenschaftliches Arabisch zu üben, zu sprechen und sich zu fachlichen Themen auszutauschen.

Arabisch wird so unterrichtet wie Latein

Dennoch scheint die Realität der Studierenden eine andere zu sein: „Ich wollte Arabisch sprechen, aber leider wird Arabisch so unterrichtet, als ob es Latein oder eine andere tote Sprache wäre“, beschreibt eine studierende Person ihre Erfahrung. Viele der Befragten beschreiben einen Mangel an aktivem Sprechen, modernem Alltagsvokabular und dem Erlernen von Dialekten.

Die meisten Bachelorprogramme in diesen Fächern umfassen intensive Sprachkurse, in die Studierende viel Zeit und Mühe stecken. Dennoch scheint es, dass die Differenz zwischen der investierten Zeit ins Sprachelernen und dem tatsächlichen aktiven Sprachlevel sehr groß ist.

Das frustrierende Gefühl, am Ende des Bachelors eigentlich noch gar nicht richtig sprechen zu können, teilen viele der befragten Studierenden: „Ich besitze zwar die Fähigkeiten alte Gedichte zu lesen und zu entschlüsseln, aber ich kann, wenn überhaupt nur auf einem sehr grundlegenden Level, je nach Situation und mit wem, sprechen.“

Im Ausland absolvierte universitäre Arabischsprachkurse hingegen scheinen den Spracherwerb deutlich wirkungsvoller zu fördern, sowohl in Dialekten als auch auf Hocharabisch. Interessant ist auch, dass Arabischkurse laut den Studierenden im Vergleich zu Kursen in anderen (europäischen) Sprachen weniger praxisnah unterrichtet werden.

Arabisch als Forschungsobjekt

Auch wenn sich in den letzten Jahren viel geändert hat: Die Studierenden beschreiben, was auch der in Marburg lehrende Arabist Christian Junge schildert: Arabisch nimmt im universitären Kontext immer noch hauptsächlich die Rolle eines Forschungsobjekts ein. Europäische Geisteswissenschaften, die sich mit Sprache, Kultur oder Literatur des globalen Südens auseinandersetzen, produzieren Wissen in europäischen Wissenschaftssprachen – WANA-Sprachen, wie etwa Arabisch, werden marginalisiert.

Wissen, das in der WANA-Region auf Arabisch produziert wird, spielt in europäischer Wissenschaft eine verschwindend geringe Rolle. Dies ist nicht nur auf einen Mangel an Bewusstsein, sondern auch auf ein strukturelles Problem der Verfügbarkeit aktueller arabischsprachiger Quellen an deutschen Universitäten zurückzuführen.  Zur Veranschaulichung: Ein:e Anglist:in oder Romanist:in, der:die nicht in der Lage wäre in deren Fachsprache zu kommunizieren oder zu arbeiten ist in europäischer Akademia undenkbar.

Wie kann ein dekolonialer Arabischunterricht aussehen?

Allgemein würden sich die meisten der Befragten über mehr sprachpraktische oder fachliche Kurse auf Arabisch als Teil ihres Studiums freuen; sie wünschen sich, dass das Studium sie darauf vorbereitet nicht nur Alltagsgespräche zu führen, sondern auch auf der Sprache arbeiten, forschen, präsentieren oder diskutieren zu können.

Und genau das ist es was zur „De-exotisierung“ der Sprache und letztendlich der Dekolonialisierung der ehemaligen Orientalistik einen wertvollen Beitrag leisten kann; Arabisch als moderne, lebendige Sprache zu denken und zu unterrichten. In diesem Sinne ruft Christian Junge zu einer „postkolonialen Philologie” auf, die Arabisch als Sprache der Wissensproduktion, nicht nur als Quellensprache etabliert. Diese Wissensproduktion muss sichtbarer werden und Wissenschaftler:innen in Europa müssen sich ihrer Positionalität und der Geschichte ihrer Disziplin bewusster werden.

Ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer dekolonialeren Praxis an deutschen Universitäten wäre es darauf hinzuarbeiten, dass Arabisch kein Forschungsobjekt bleibt, sondern als eine aktive, moderne Welt-, Kultur- und auch Wissenschaftssprache unterrichtet wird. Dazu gehört auch mehr Wissenschaftler:innen und Sprachdozierende aus der WANA-Region einzustellen und Wissen aus der WANA-Region in Lehrpläne einzubauen. Klar bleibt: die Abwesenheit von Arabisch als aktive Sprache, in der Wissen produziert wird, verstärkt eurozentristische und orientalistische Machtstrukturen nur weiterhin.

 

 

 

 

Rieke hat in Marburg Nah- und Mitteloststudien studiert und in Kairo Arabisch gelernt. Derzeit verbringt sie im Rahmen ihres Masterstudiums ein Auslandsjahr in Beirut. Sie interessiert sich für postkoloniale Perspektiven und migrationspolitische Themen zwischen der WANA-Region und Europa.
Redigiert von Nora Theisinger, Regina Gennrich