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    <title>Die türkische Oppositionspartei CHP: Chronologie einer Spaltung</title>
    <created>Friday, Juli 10, 2026 - 11:30</created>
    <location>Türkei</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/die-tuerkische-oppositionspartei-chp-chronologie-einer-spaltung</path>
    <body>Die Polizei räumt die Parteizentrale der größten türkischen Oppositionspartei CHP. Mit Billigung des langjährigen Parteichefs Kemal Kılıçdaroğlu muss sein Nachfolger Özgür Özel das Gebäude verlassen. Der Ursprung dieser Spaltung liegt in der Wahlniederlage von 2023. 
Im Mai 2023 fanden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Türkei statt, die die Republikanische Volkspartei (CHP) grundlegend verändern sollte. Als Favoriten galten damals die Kandidaten der beiden größten Wahlbündnisse: Für die Volksallianz (Cumhur İttifakı) trat der AKP-Vorsitzende und amtierende Präsident Recep Tayyip Erdoğan an. Das Bündnis der Nation (Millet İttifakı) schickte den Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kılıçdaroğlu, ins Rennen. Letzterer verlor gegen Recep Tayyip Erdoğan, der 52,18 % der Stimmen für sich gewinnen konnte. 
Neue Parteispitze für die CHP 
Auf der Suche nach den Gründen dieser Niederlage kam es in der CHP zu Auseinandersetzungen. Unter dem Namen „Veränder:innen“ (Değişimciler) – angeführt vom damaligen CHP-Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, und dem Fraktionsvizevorsitzenden Özgür Özel – wurde zunächst innerhalb der Partei und dann in der Öffentlichkeit diskutiert, dass Kemal Kılıçdaroğlu, der die Partei seit 13 Jahren führte und mit der letzten Wahl nunmehr die zwölfte Wahl in Folge verloren hatte, die Verantwortung für das Scheitern übernehmen müsse. Konkret forderten sie den Rücktritt Kılıçdaroğlus. 
Dieser widersetzte sich zunächst, vertraute dann aber darauf, dass er genug Rückhalt in der Partei hatte. Auf dem 38. Parteitag der CHP am 5. November 2023 traten Kemal Kılıçdaroğlu und Özgür Özel gegeneinander um das Amt des Parteivorsitzenden an: Kemal Kılıçdaroğlu erhielt 536 Stimmen, während Özgür Özel mit 812 Delegiertenstimmen zum neuen Vorsitzenden der CHP gewählt wurde. Damit übernahmen die selbsternannten Veränder:innen die Parteiführung.  
Eine historische Wahl 
Im darauffolgenden Jahr führte Özgür Özel die CHP erstmals als Parteivorsitzender bei den landesweiten Kommunalwahlen vom 31. März 2024 in einen landesweiten Urnengang. Und tatsächlich markierten die Wahlen einen Wendepunkt: Mit 37,77 % wurde die CHP erstmals seit 1977 stärkste Kraft vor der AKP, die auf 35.49 % kam. Gleichzeitig erzielte die neue Parteiführung um Özel einen großen Erfolg, indem sie die Mehrheit der Großstädte gewann und vor allem die Wiederwahl von Ekrem Imamoğlu als Oberbürgermeister von Istanbul sicherstellte. Aufgrund seiner Popularität konnte sich Imamoğlu als potenzieller Präsidentschaftskandidat für die nächsten Wahlen 2027 positionieren.  
Die Opposition unter Druck 
Die Regierung und regierungsnahe Medien erhöhten daraufhin den Druck auf Imamoğlu. Da Präsidentschaftskandidat:innen in der Türkei einen Hochschulabschluss nachweisen müssen, wurde sein Universitätsabschluss infrage gestellt. Am 18. März 2025 annullierte seine Alma Mater, die Universität Istanbul, Imamoğlus Abschluss. 
Die Regierung weitete ihre Repressalien weiter aus. Gegen die Stadtverwaltung von Istanbul sowie weitere von der CHP geführte Kommunen wurden Ermittlungen wegen Terror- und Korruptionsvorwürfen eingeleitet. Im Zentrum der Vorwürfe standen unter anderem der sogenannte „urbane Konsens“ (Kent Uzlaşısı) – eine wahlstrategische Zusammenarbeit zwischen der CHP und der pro-kurdischen DEM-Partei (zuvor HDP), die insbesondere die Kommunalwahlen vom 31. März 2024 prägte. Ziel dieser Kooperation war es, die Oppositionsstimmen zu bündeln und die Chancen gegen die regierende AKP zu erhöhen. Die Strategie trug maßgeblich zu den Wahlerfolgen der Opposition bei. 
Özgür Özel gerät ins Visier  
Während die Vorbereitungen für die Gerichtsverfahren liefen, erklärte Erdoğan, die Justiz habe „Ermittlungen gegen die größte Diebesbande der Geschichte der Republik und die unverfrorenste organisierte kriminelle Vereinigung aller Zeiten“ eröffnet. Solche Äußerungen zeigten deutlich, dass gegen Imamoğlu und seine Mitstreiter:innen ein Prozess der politischen Ausschaltung eingeleitet worden war.  
Am 19. März 2025 wurde Ekrem Imamoğlu festgenommen. Die Ermittlungen richteten sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen Personen aus seinem politischen Umfeld. Damit geriet ein weiterer zentraler Akteur der CHP unter Druck: der neue CHP-Vorsitzende Özgür Özel. 
Der Coup von innen 
Parallel zu den Ermittlungen gegen CHP-geführte Kommunen begann ein weiterer politischer Konflikt innerhalb der CHP. Am 15. Februar 2025 reichte der CHP Bürgermeister Lütfü Savaş gemeinsam mit weiteren Personen Klage gegen Imamoğlu  ein. Savaş, der über viele Jahre hinweg zunächst für die AKP und später für die CHP-Bürgermeister von Hatay gewesen war, war von der neuen CHP-Führung bei den Kommunalwahlen 2024 nicht erneut als Kandidat nominiert worden. Er erstatte Strafanzeige und behauptete, Delegierte seien durch finanzielle Zusagen in ihrer Stimmabgabe beeinflusst worden.  
Das Verfahren eröffnete die Möglichkeit, den Führungswechsel innerhalb der CHP rückgängig zu machen und die neue Parteiführung um Özgür Özel anzufechten. Eine erfolgreiche Klage würde die Nichtigkeit des CHP-Parteitages bedeuten. Der diesem Verfahren zugrundeliegende juristische Begriff der „absoluten Nichtigkeit“ (Mutlak Butlan) gelangte damit in den öffentlichen Diskurs. 
Um einem möglichen Entzug der Parteiführung zuvorzukommen, berief die CHP im April 2025 einen außerordentlichen Parteitag ein, auf dem Özgür Özel mit großer Mehrheit erneut zum Vorsitzenden gewählt wurde. Auch dagegen reichten CHP-Abgeordnete Klage ein. Vor der für den 24. Oktober 2025 angesetzten Verhandlung über die „absolute Nichtigkeit“ hielt die Partei am 21. September erneut einen außerordentlichen Parteitag ab und bestätigte Özel ein weiteres Mal im Amt. 
Die Spaltung wird vorangetrieben 
Das Verfahren wurde zunächst eingestellt, anschließend jedoch an eine höhere Instanz weitergeleitet, die die Fortführung des Verfahrens anordnete. Die Regierung trieb die Spaltung der CHP indes weiter voran, indem sie Zwangsverwalter in Istanbul einsetzte, die parteiinterne Gegner der Veränder:innen waren. 
Kemal Kılıçdaroğlu, der anfangs nur zögerlich auf den wachsenden Druck auf die CHP reagiert hatte, verstummte zunehmend. Das weckte den Verdacht, er könne von Beginn an in das Nichtigkeitsverfahren verstrickt gewesen sein. Ehemalige Vorsitzende der CHP forderten ihn daraufhin auf, klar zu stellen, dass er selbst im Falle eines erfolgreichen Verfahrens nicht an die Parteispitze zurückkehren werde.  
Parallel dazu begannen mehrere inhaftierte CHP-Oberbürgermeister:innen, die unter Korruptionsverdacht standen, im Rahmen der „tätigen Reue“ (etkin pişmanlık) Geständnisse abzulegen. Dabei fielen auch belastende Aussagen gegen die aktuelle Parteispitze. Özgür Özel und weiteren Führungsmitgliedern wurde vorgeworfen, Gelder aus Gemeindekassen erhalten zu haben. Inzwischen laufen gegen fast alle CHP-geführten Stadtverwaltungen Ermittlungen. Um korruptionsbedingten Ermittlungen zu entgehen, traten CHP-Bürgermeister:innen zurück und wechselten zur AKP, wie zum Beispiel die Bürgermeisterin der Stadt Aydın.  
Zwangsverwaltung nun auch im Westen der Türkei 
Über Jahre hinweg wurden HDP-geführte Kommunen unter dem Vorwurf der Terrorismusfinanzierung ins Visier der Justiz genommen. Zahlreiche Bürgermeister:innen wurden ihres Amtes enthoben und durch staatlich eingesetzte Zwangsverwaltungen (Kayyum) ersetzt – selbst dann, wenn Gerichte sie später freisprachen. Auch die Ermittlungen gegen die CHP-regierten Gemeinden folgen einem Muster: Recht und Gesetz werden zunehmend zu einem politischen Instrument, mit dem erreicht werden soll, was auf demokratischem Weg nicht gelungen ist. 
Die Lage spitzt sich zu 
Die Geständnisse, die Übertritte zur AKP, die Annäherung ehemaliger Parteimitglieder an die Regierung, verstärkt durch politischen und juristischen Druck, mündeten am 21. Mai 2026 in das Urteil, das feststellte, dass die Wahl Özels zum Parteivorsitzenden 2023 unrechtmäßig gewesen sei. Mit dem Urteil richteten sich alle Augen sofort auf Kılıçdaroğlu, der nun wieder an der Parteispitze stehen sollte. Dieser hatte am Vortag bereits eine Erklärung abgegeben, die den Verdacht erweckte, dass er um die Entscheidung des Gerichts gewusst hatte. 
Özel nannte das Urteil nichtig und kündigte an, die CHP-Parteizentrale in Ankara nicht zu räumen. Auf Antrag Kılıçdaroğlus ließ die Polizei das Gebäude am 24. Mai 2026 jedoch zwangsräumen.  

Quo vadis CHP? 
Damit steht die größte Oppositionskraft der Türkei vor einer absurden Konstellation: zwei Vorsitzende – einer gewählt, einer eingesetzt. Die Basis scheint vorerst eher hinter Özel zu stehen. Kılıçdaroğlu wird etwa als „Verräter Kemal“ beschimpft, ihm wird vorgeworfen, mit der Regierung zu paktieren.  
Nun stellen sich einige Fragen: Wird Kılıçdaroğlu dem Druck Özels nachgeben und rasch einen außerordentlichen Parteitag einberufen? Bislang deutet nichts darauf hin. Wird Özel mit seinen Weggefährt:innen eine neue Partei gründen, um bei Wahlen antreten zu können? Die aktuelle Empörung über das Verfahren verleiht Özel Rückhalt – ein Momentum, das schnell verpuffen könnte. In der Türkei gewöhnt sich die Bevölkerung an Ungerechtigkeit, oft erschreckend schnell. 
Und eine weitere Frage: Droht Özgür Özel ein politisches Betätigungsverbot – oder gar eine Verhaftung? Der Blick auf das Schicksal früherer starker Kontrahenten Erdoğans wie Selahattin Demirtaş oder Ekrem Imamoğlu machen diese Szenarien keineswegs abwegig. 
Das Wahljahr 2027 
Während sich die Türkei auf die nächsten Wahlen 2027 vorbereitet, befindet sich ausgerechnet die größte Oppositionspartei in einer tiefen innerparteilichen Krise. Zugleich sehen sich ihre aussichtsreichsten Politiker wachsendem politischen, juristischen und medialen Druck ausgesetzt. Im Hinblick auf die kommenden Wahlen bedeutet das, potenzielle Kontrahenten werden geschwächt, innerparteiliche Konflikte der CHP verschärft. Somit schafft die Regierung die politischen Voraussetzungen für ihren weiteren Machterhalt. 
 
 
 
 
 
 
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    <title>Saudische Streamer:innen und die nationale Gaming-Offensive</title>
    <created>Thursday, Juli 9, 2026 - 18:19</created>
    <location>Saudi-Arabien</location>
    <name>theisinger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/saudische-streamerinnen-nationale-gaming-offensive</path>
    <body>Saudi-Arabien investiert seit 2017 massiv in den Gaming-Sektor mit dem Ziel, das globale Zentrum für Spielkultur zu werden. Über 30 Jahre existiert die saudische Gaming-Szene bereits – darunter internationale Spitzen-E-Sportler:innen.
Die umfangreichen Investitionen des Königreichs Saudi-Arabien in traditionell europäische Sportarten wie Fußball, Golf und Formel 1 werden in der westlichen Öffentlichkeit meist mit Empörung kommentiert. Kaum Beachtung erhielt bisher, dass Saudi-Arabien seit zehn Jahren in den Gaming-Sektor investiert, einem Markt der vor allem vom asiatisch-pazifischen Raum dominiert wird. Über die 2017 gegründete Saudi Esports Federation und den staatlichen Public Investment Fund (PIF) flossen bis dato bereits 40 Mrd. Euro in den Sportindustriellen Komplex rund um das kompetitive Video spielen (E-Sport) sowie in den Gaming-Sektor allgemein.
Saudi-Arabiens Investitionsoffensive im Gaming-Sektor
Das beinhaltet vor allem die Organisation von Turnieren mit hohen Preisgeldern, den Aufbau und die Förderung konkurrenzfähiger saudischer Teams und Spieler:innen, die Investition in regionale und globale Spielentwicklung sowie den Aufbau von Infrastruktur, wie den Gaming &amp; Esports District im saudischen Tourismus-Großprojekt Qiddiya City. Erst seit 2025 berichten vermehrt auch deutsche Medien über die ehrgeizigen Ziele des Landes, ein globaler E-Sport-Hotspot zu werden. Hintergrund ist die Übernahme des US-amerikanischen Gaming-Publishers EA Sports im September 2025 durch die saudische Savvy Games Group, einer 100% Tochter des Staatsfonds PIF. Fast parallel dazu fanden im August 2025 in Riad bereits zum zweiten Mal die E-Sport-Weltmeisterschaften statt. 
Aus Positionspapieren wie der National Gaming &amp; Esports Strategy (2022) geht hervor, dass das Land bis 2030 in den meisten Sektoren der Spieleindustrie sowie im E-Sport regionale Speerspitze und ein international anerkanntes Drehkreuz für Industrie, Szene und Kultur werden möchte. Das passt zum zentralen Anliegen der Saudi Vision 2030, die die Diversifikation der nationalen Wirtschaft unter anderem durch den Ausbau der Unterhaltungsindustrie vorantreiben möchte. Saudi-Arabiens Soft Power durch finanzielle Dominanz in der Sport-, Medien- und Entertainment-Industrie ist jedoch nie nur nach außen adressiert, sondern richtet sich stets auch an das spielaffine nationale Publikum.
Saudische Spitzen-E-Sportler:innen
Gaming ist sehr populär in Saudi-Arabien und gehört längst zum popkulturellen Mainstream. Die saudische Gaming-Szene besteht seit den 1980er-Jahren und ist seit den frühen 2010er-Jahren mit dem Aufkommen von Smartphones stetig gewachsen. Das Land hat seit Jahren eine hervorragende digitale Infrastruktur und hohe Nutzungsraten für Online-Games und Social Media. Gaming ist heute eine der zentralen Freizeitbeschäftigungen von jungen Saudis und ein wichtiger Sektor innerhalb der regionalen Unterhaltungsindustrie. Da verwundert es kaum, dass das Land eine Reihe von internationalen Weltklasse-E-Sportler:innen hervorgebracht hat.
Die bekanntesten und renommiertesten unter ihnen sind Mossad Aldossary (Gamer-Name: Msdossary), Mohammed Alotaibi (trk511), Yazid Bakhashwin (Kiileerrz) oder Abdulaziz Alshehri (mrdOne), die international vor allem in Rocket League oder FIFA brillieren und hochbezahlte Superstars sind. Zusätzlich dazu generieren Gaming-Inhalte auf digitalen Plattformen wie YouTube zusätzlich hohe Reichweiten. Saudische Gaming-Influencer:innen wie MJRM Games oder BanderitaX erreichen mit gameplays, reactions oder playthroughs ein Millionen-Publikum und dominieren die arabischsprachige Sphäre auf YouTube.
Gegenbewegung zu orientalistischen Stereotypen in Spielen
Arabische Independent-Games versuchen orientalistischen Stereotypen in westlichen Games etwas entgegenzusteuern, so auch regionale Spieleentwickler:innen wie Falafel Games (Libanon) oder Semaphore (Saudi-Arabien). Arabische Spiele und die entstehende Gaming-Industrie am Golf galten als Gegenbewegung zu hegemonialen westlichen Darstellungen der WANA-Region und als Versuch, islamische Werte durch regionale Spiele zu stärken.
Semaphore veröffentliche beispielsweise 2011 ein Spiel mit regionaler Ästhetik und kulturellem Bezug. Unearthed: Trail of Ibn Battuta zeigte historisierte Charaktere und Spielewelten aus der islamischen Geschichte mit arabischen, persischen oder türkischen Namen. All das bot Identifikationsmöglichkeiten für die zahlreichen Spieler:innen aus der WANA-Region, auch wenn das Spiel kommerziell nicht einschlug. Heute steht für Saudi-Arabien vor allem die inhaltliche und technologische Anschlussfähigkeit an die internationale Szene im Vordergrund.
Mainstream-Spiele mit regionaler Ästhetik
Gaming ist seit 2015 kein Nischenphänomen mehr und die große Masse an saudischen Gamer:innen spielt keine arabischen Indie-Games, sondern Mainstream-Bestseller wie Valorant, Call of Duty, GTA V oder Dota. Mittlerweile bauen auch kommerzielle FPS[1]-Spiele wie Call of Duty - Modern Warfare islamisch gelesenen Hauptpersonen und Storylines ein, um den WANA-Markt mit seiner Masse an Spieler:innen anzusprechen. 
Für das Königreich ist die Entwicklung von Spielen, die saudische Ästhetik und Kultur transportieren und globale Strahlkraft entwickeln, von zentraler Bedeutung, um auch in der WANA-Region kulturelle Soft Power auszuüben. Das Land wirbt daher öffentlichkeitswirksam mit dem Ziel, den Frauenanteil im professionellen E-Sport zu erhöhen. Erste Erfolge zeigen sich bei Spielerinnen wie Modhi Alkanhal oder Tala Al-Mazrou die von der Saudi Esports Federation gefördert und aufgebaut werden sowie beim Profi-Frauenteam Falcons Vega MENA. 
Förderung von Gamer:innen
Frauen müssen sich in der geschlechtergetrennten saudischen Gesellschaft auf kultureller, sozialer und rechtlicher Ebene mit festgelegten Normen, Werten und Rollenbildern arrangieren. Die öffentlichen Maßnahmen zur Förderung und Sichtbarmachung von Frauen sind einerseits Teil der Nation-Branding-Strategie, um das Land salonfähig für ausländische Investitionen zu machen. Andererseits reagiert das Königreich damit auf innenpolitische Bedürfnisse vor allem im Zuge des neoliberalen Reformprogramms, die unter anderem die Arbeitskraft von Frauen in einer diversifizierten Wirtschaft besser nutzen möchte. 
Die Förderung von Gamer:innen jedoch lediglich auf Nation-Branding und ökonomische Reformen zu beschränken, würde den vielen saudischen Spieler:innen nicht gerecht werden, die die regionalen und globalen Communities seit den 1980er-Jahren maßgeblich prägen. Laut PwC Middle East identifizieren sich 70 % der saudischen Bevölkerung unter 35 Jahren als Gamer:innen, das sind ca. 23 Millionen Menschen, knapp die Hälfte davon sind Frauen. Soziolog:innen konnten zeigen, dass sich Frauen seit den 1980er-innerhalb der globalen Gaming-Szene und Gaming-Kultur wider der herrschenden patriarchalen Strukturen Sichtbarkeit und Agency erkämpft haben.
Reichweitenstarke saudische Streamerinnen wie Meshael_MR, Nitrake oder imw3w3 spielen Spiele wie Valorant, Call of Duty oder League of Legends und nutzen die Streaming-Plattform Twitch um sich und die arabischsprachige Gaming-Szene zu präsentieren. Soziolog:innen fanden heraus, dass Twitch für Streamerinnen und deren Communities ein Raum für affektive Vergemeinschaftung und weibliche Solidarität sein kann. Im taktische FPS-Spiel Valorant gibt es nuancierte Darstellungen weiblicher Spielcharaktere, die unter anderem Stärke und Führungskraft repräsentieren. Für Spieler:innen die aufgrund von Race oder Gender in der Gaming-Kultur unterrepräsentiert sind erhöht das die Attraktivität des Spieles.
Politisierung und Ökonomisierung der saudischen Gaming-Szene
Im Zuge der Vision 2030 und den Investitionen in den Gaming-Sektor wird eine bereits bestehende und aktive saudische Szene nun auch wirtschaftlich und politisch in die Nation-Branding Strategie des Landes einbezogen. Das geht Hand in Hand mit einer immer stärkeren Kommerzialisierung des Gaming-Sektors sowie digitalen Plattformen als wichtigem Zweitmarkt für Gaming-Content. Die politische Förderung saudischer Gamer:innen macht lediglich eine Szene und Community sichtbar, die bereits seit Jahrzehnten aktiv ist. Neben frauen- und jugendpolitischen Reformen von oben, die auch immer außenpolitisch relevant sind, steht das Land auch vor tiefgreifenden und langfristigen gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich mit Geld nur bedingt beschleunigen lassen.
 
[1] First-Person-Shooter (dt. Ego-Shooter) sind Spiele, in denen menschliche oder menschenähnliche Spielfiguren aus der Ich-Perspektive gelenkt werden.
 
 
 
 
 
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    <title>Gaza: Reconstruction Without Sovereignty? </title>
    <created>Friday, Juni 26, 2026 - 16:00</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/gaza-reconstruction-without-sovereignty</path>
    <body>The architects of Gaza’s post-war future promise reconstruction. The question is whether lasting peace can emerge from a process that prioritizes stability and administration over political justice and self-determination. 
Named after the “High Representative for Gaza”, Nickolay Mladenov, his “peace plan” appears to be far more than an international attempt to rebuilt Gaza. While the proposal is presented as a humanitarian and political response aimed at preventing the wars recurrence, it raises profound questions about the future it seeks to construct––and the place Palestinians themselves will occupy within that future. 
What Is Mladenov’s Plan?  
Mladenov’s fifteen-point plan presents a comprehensive vision for post-war Gaza. It was put in place by the so-called “Board of Peace”, inaugurated by Donald Trump against the backdrop of putting an end to Israel’s war on Gaza. Ironically, it is a board that does not represent a single Palestinian. They are only represented in the so-called ‘National Committee for the Administration of Gaza’ (NCAG), which has no decision-making powers but merely performs an executive role. 
The plan is built around a permanent ceasefire, disarmament measures, large-scale reconstruction, and the restructuring of administrative and security institutions. Further, it aims to establish a transitional governance structure, the NCAG, which is supported and supervised by the “Board of Peace”.  
The Limits of Liberal Peace in the Palestinian Context 
This troubling dimension of the plan is what may be described as “governance without sovereignty.” It seeks to establish a system capable of managing Palestinian society, without addressing the underlying question of self-determination and national rights. This reflects a wider transformation in international approaches to the Palestinian issue—from pursuing an end of the occupation and guaranteeing Palestinian sovereignty to managing the humanitarian and security consequences of the conflict.
In other words: the focus shifts from addressing the roots of the crisis to containing its outcomes; from questions of political justice to questions of stability and risk management. Such a shift produces a form of “post-disaster governance” more than it seeks to achieve historical justice or a genuine horizon of liberation.  
With this pattern, the plan clearly belongs to what political theory describes as the “liberal peace” model. This model assumes that institution-building, improved governance, and reconstruction can generate stability. Yet, this framework encounters a fundamental dilemma in the Palestinian context. It approaches a reality defined by occupation, blockade, and profound asymmetries of power. As a result, it addresses the consequences of violence more than the structural conditions that produce it. 
Internationalizing Gaza and Reengineering the Palestinian Space 
Looking at the “Board of Peace”, the plan reflects a growing tendency to internationalize Gaza’s future. Direct Palestinian agency is being undermined. They are becoming the object of political and security engineering conducted by external actors. The danger here lies in a transition from direct military domination to more sophisticated forms of control exercised through economics, aid, governance mechanisms, and security oversight. 
Therefore, the central question should not simply be: How can Gaza be rebuilt? It should be: Can sustainable peace be achieved without political justice? Historical experience has repeatedly demonstratedthat reconstruction without addressing the root causes of conflict may produce temporary stability, but rarely produces genuine peace.  
The Palestinian Challenge: Restoring the Centrality of Rights 
The Palestinian challenge does not lie simply in rejecting international initiatives. Rather, it lies in the ability to restore national rights to the center of any future political or humanitarian process. This requires reclaiming the Palestinian question as one of national liberation, rights, and sovereignty—not merely a humanitarian crisis or security file.  
It also requires rebuilding Palestinian political agency on inclusive and representative foundations, as political fragmentation and institutional paralysis create the very conditions that allow technocratic solutions to emerge as substitutes for a national political project. 
The significance of Mladenov’s plan lies in a framework in which freedom may be exchanged for stability, sovereignty for administration, and rights for conditional assistance. Consequently, the Palestinian struggle is not limited to rebuilding what war has destroyed; it will also involve defending the political meaning of the Palestinian cause itself—protecting the right of a people to freedom and self-determination. 
 
 
 
 
 
 
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    <title>„Friedensplan“ für Gaza: keine palästinensische Selbstbestimmung </title>
    <created>Friday, Juni 26, 2026 - 15:51</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/friedensplan-fuer-gaza-keine-palaestinensische-selbstbestimmung</path>
    <body>Trumps "Friedensrat" für Gaza verspricht Wiederaufbau nach dem Krieg. Anstelle sich um politische Gerechtigkeit zu kümmern, setzt dieser jedoch auf die Verwaltung des Status quo. Dauerhafter Frieden ist damit ungewiss.
Read this text in English: Gaza: Reconstruction Without Sovereignty? 
Der Friedensplan von Nickolay Mladenov, dem Generaldirektor des vom US-Präsidenten eingesetzten Friedensrates, scheint weit mehr zu sein als nur ein internationaler Versuch, den Gazastreifen wieder aufzubauen. Zwar wird der Vorschlag als humanitäre und politische Maßnahme präsentiert, die zum Ziel hat, einen weiteren Krieg zu verhindern. Er wirft jedoch tiefgreifende Fragen hinsichtlich der Zukunft auf sowie hinsichtlich des Platzes, den die Palästinenser:innen selbst darin einnehmen werden.
Was ist Mladenovs Plan für Gaza? 
Mladenovs Fünfzehn-Punkte-Plan enthält eine umfassende Vision für den Gazastreifen nach dem Krieg. Er wurde vom sogenannten Friedensrat auf den Weg gebracht, der von Donald Trump im Zuge des Waffenstillstands im israelischen Krieg gegen Gaza ins Leben gerufen wurde. Ironischerweise ist kein:e einzige:r Palästinenser:in Teil des Gremiums. Lediglich im sogenannten National Committee for the Administration of Gaza (NCAG) (dt. Nationalen Komitee für die Verwaltung des Gazastreifen) sind sie vertreten. Dieses besitzt keine Entscheidungsbefugnisse, sondern spielt lediglich eine ausführende Rolle. 
Der Plan sieht einen dauerhaften Waffenstillstand, Abrüstungsmaßnahmen, einen groß angelegten Wiederaufbau sowie eine Umstrukturierung der Verwaltungs- und Sicherheitsinstitutionen vor. Darüber hinaus sieht er das NCAG als temporären Regierungsapparat, der vom Friedensrat unterstützt und beaufsichtigt wird, vor. 
Die Grenzen des liberalen Friedens im palästinensischen Kontext 
Dieser beunruhigende Aspekt des Plans lässt sich als „Regierung ohne Souveränität“ beschreiben. Er zielt darauf ab, ein System zu etablieren, mit dem die palästinensische Gesellschaft verwaltet werden kann, ohne die zugrunde liegende Frage der Selbstbestimmung und der nationalen Rechte anzugehen. Dies spiegelt einen umfassenden Wandel in der internationalen Herangehensweise an die Palästina-Frage wider – weg vom Streben nach einem Ende der Besatzung und der Gewährleistung palästinensischer Souveränität hin zur Bewältigung der humanitären und sicherheitspolitischen Folgen des Konflikts.  
Mit anderen Worten: Der Schwerpunkt verlagert sich. Anstatt die Ursachen der Krise zu bekämpfen, versucht man die Folgen abzumildern; anstatt Fragen nach politischer Gerechtigkeit zu stellen, geht es um Stabilität und Risikomanagements. Eine solche Verlagerung produziert eine Form von „Post-Katastrophen-Verwaltung“, anstatt auf historische Gerechtigkeit oder eine echte Perspektive für palästinensische Selbstbestimmung abzuzielen.
Angesichts dessen gehört der Plan eindeutig zu den Konzepten, die in der politischen Theorie als Modell des „liberalen Friedens“ bezeichnet wird. Laut dem Modell führen der Aufbau von Institutionen, eine verbesserte Regierungsführung und Wiederaufbau zu Stabilität. Im palästinensischen Kontext stößt dieser Ansatz jedoch auf ein grundlegendes Dilemma. Er trifft auf eine Realität, die von Besatzung, Blockade und tiefgreifenden Machtasymmetrien geprägt ist. Infolgedessen befasst er sich eher mit den Folgen von Gewalt als mit den strukturellen Bedingungen, die diese hervorbringen.
Die Internationalisierung Gazas und die Umstrukturierung Palästinas  
In vielerlei Hinsicht spiegelt der „Friedensplan“ eine zunehmende Tendenz zur Internationalisierung von Gazas Zukunft wider. Die direkte Handlungsfähigkeit der Palästinenser:innen wird untergraben und sie werden zu Objekten politischer und sicherheitspolitischer Einflussnahme externer Akteure. Die Gefahr besteht hier in einem Übergang von direkter militärischer Herrschaft zu indirekteren Formen der Kontrolle, die über Wirtschaft, Hilfsleistungen, Verwaltungsmechanismen und Sicherheitsaufsicht ausgeübt werden. 
Daher sollte die zentrale Frage nicht einfach sein, wie Gaza wiederaufgebaut werden kann. Sie sollte vielmehr lauten: Kann ohne politische Gerechtigkeit ein nachhaltiger Frieden erreicht werden?Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass ein Wiederaufbau, bei dem die Ursachen des Konflikts nicht angegangen werden, zwar vorübergehende Stabilität schaffen kann, aber selten zu echtem Frieden führt.
Nationale Rechte müssen wieder in den Mittelpunkt rücken 
Die Herausforderung für die Palästinenser:innen besteht nicht allein darin, internationale Initiativen zurückzuweisen. Vielmehr geht es darum, die nationalen Rechte wieder in den Mittelpunkt jedes künftigen politischen oder humanitären Prozesses zu rücken. Dies erfordert, die Palästina-Frage wieder als eine Frage der nationalen Befreiung, der Rechte und der Souveränität zu begreifen – und nicht lediglich als humanitäre Krise oder Sicherheitsproblem.
Zudem ist es erforderlich, die politische Handlungsfähigkeit der Palästinenser:innen auf inklusiven und repräsentativen Grundlagen wiederaufzubauen. Dies ist umso wichtiger, als politische Fragmentierung und institutionelle Lähmung genau jene Voraussetzungen begünstigen, unter denen technokratische Lösungen an die Stelle eines nationalen politischen Projekts treten können.
Mladenovs Plan schafft einen Rahmen, in dem Freiheit gegen Stabilität, Souveränität gegen Verwaltung und Rechte gegen Hilfe, die an Konditionen gebunden ist, eingetauscht werden. Deshalb wird sich der palästinensische Kampf nicht nur auf den Wiederaufbau nach dem Krieg beschränken, sondern auch die Verteidigung der politischen Bedeutung der palästinensischen Sache – dem Schutz des Rechts eines Volkes auf Freiheit und Selbstbestimmung – umfassen.
 
 
 
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    <nid>7874</nid>
    <title>Ein Strand für alle? Soziale Teilhabe im Oman</title>
    <created>Wednesday, Juni 24, 2026 - 22:26</created>
    <location>Oman</location>
    <name>theisinger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/ein-strand-fuer-alle-soziale-teilhabe-im-oman</path>
    <body>Maskats öffentliche Strände bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Gleichzeitig spiegeln sie die sozialen Hierarchien und Ungleichheiten wider, die den Alltag im Oman prägen.
Das Sultanat Oman, an der Südostküste der Arabischen Halbinsel gelegen, zeichnet sich neben grünen Berglandschaften und weiten Wüstenflächen durch seine 3.200 Kilometer lange Küstenlinien aus. Die hier entstandenen Strände sind Orte für soziale Freiheiten geworden, die ein kleines Fenster in die omanische Gesellschaft eröffnen. Während zahlreicher Strandbesuche sprachen wir mit verschiedenen Menschen über die Bedeutung der öffentlichen Strände.
„Ein Ort zum Durchatmen”
Besucher:innen des zentral gelegenen Atheiba-Strandes in Omans Hauptstadt werden von einer großzügig angelegten Promenade empfangen. Mit einem gehobenen Café, das vor allem eine wohlhabende und häufig auch touristische Klientel anspricht, sowie einem Park mit Spielgeräten für Kinder zieht sie Menschen unterschiedlichster Hintergründe an. Im Zentrum erstreckt sich ein gepflasterter Pier, dessen Sitzgelegenheiten zum Verweilen und Beobachten des Küstengeschehens einladen. Besonders in den Abendstunden rund um den Sonnenuntergang, wenn die Temperaturen nachlassen und eine leichte Brise für Erfrischung sorgt, füllt sich die Promenade zunehmend. Auch an den Wochenenden steigt die Zahl der Besucher:innen deutlich an.

Die meisten Besucher:innen erreichen den Strand mit dem Auto. Besonders vor dem Hintergrund, dass das Auto das geläufigste Fortbewegungsmittel im Oman ist, verstehen die Menschen dies als einen der Vorteile des weitläufigen Sandstrandes. Oft bringen sie ihre Campingausrüstung mit, zum Beispiel Klappstühle, Gaskocher zum Teekochen oder Grills. Im Laufe unserer ausgiebigen Besuche am Atheiba-Strand haben wir die informellen Räume, die dadurch geschaffen werden, als „öffentliche Wohnzimmer“ bezeichnet. Andere Besucher:innen mieten möblierte Sitzbereiche an, die von zeltartigen Konstruktionen umgeben sind. Eine omanische Frau, die mit ihrer Familie den Strand besuchte, erklärte: „Das Zelt dient als Sutrah (dt.: Sichtschutz) für unsere Privatsphäre. So kann man bequem sitzen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass man von anderen Leuten beobachtet wird. Man kann sich entspannen, das Meer betrachten und hat seinen eigenen Raum.“

Während einige Besucher:innen am Strand Sport treiben, Jetski fahren oder in Gruppen Fußball spielen, nutzen andere die Zeit für Erholung. Unabhängig von ihren jeweiligen Aktivitäten wird der Strand von vielen Menschen als Ort der Entspannung beschrieben. Ein omanischer und ein palästinensischer Besucher bezeichneten ihn als „Ort zum Durchatmen“. Eine indische Anwohnerin, die Strandbesuche als ein Ritual in ihren Alltag integriert hat, erklärte: „Es ist mein Ort der Privatsphäre und der Konzentration. Wenn ich glücklich bin, komme ich mit Freunden hierher, um zu sitzen und zu reden. Und wenn ich schlecht gelaunt oder traurig bin, komme ich allein hierher.“
Atheiba: Ein Ort für alle?
Besonders im städtischen Raum sind Orte, die Menschen nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres sozioökonomischen Status oder ihres Geschlechts ausschließen, rar. Viele öffentliche Orte setzen zudem Konsum voraus, beispielsweise die beliebten Malls oder zahlreichen Cafès. Nicht alle können sich das leisten. Mehrere Strandbesucher:innen betonten, dass der öffentliche Strand eine Ausnahme darstelle. Ein junger Omani erklärte: „Vielfalt steckt in uns. Sie ist Teil von uns – in unseren Häusern, auf den Straßen oder an unseren Arbeitsplätzen.“ Auch eine andere Person ergänzte: „Oman ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Hier trifft man alle – es ist ein Ort, an dem sich jeder frei fühlen kann.“ Ein Geschäftsinhaber am Strand hob zudem die wirtschaftliche Dimension hervor: „Der öffentliche Strand ist inklusiv – hier sitzen Reiche, Arme und die Mittelschicht alle zusammen. Er gehört allen.“
Die Antworten von Menschen ohne omanische Staatsbürgerschaft fielen ähnlich aus. Eine Ägypterin betonte: „Alt und Jung, verschiedene Kulturen und Nationalitäten – wenn man am Eid oder am Wochenende hierherkommt, trifft man alle. Es gibt keine Unterschiede.“ Auf die Frage, ob sie am Strand ein Gefühl von Zugehörigkeit verspüre, teilte die bereits erwähnte Frau aus Indien eine ähnliche Sichtweise: „Es fühlt sich jetzt wie zu Hause an. Als ich nach Oman zog, hatte ich nicht erwartet, einen öffentlichen Ort zu finden, der sich wie mein Heimatland anfühlt, aber jetzt ist es so. Ich würde ihn wirklich vermissen, wenn ich wegziehen würde.“

Demographische Diversität und steigende Urbanisierung
Die Bevölkerungsstruktur Omans gilt als eine der ethnisch, sprachlich und religiös vielfältigsten im arabischen Golfraum. Unter den rund 5,6 Millionen Einwohner:innen gibt es Anhänger:innen des ibaditischen, schiitischen und sunnitischen Islam sowie Bahai- und Hindu-Gemeinschaften – um nur einige zu nennen. Diese Vielfalt ist auf die facettenreiche Geschichte Omans zurückzuführen. Das Land spielt seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle als Seemacht und Handelsknotenpunkt. Dementsprechend ist es von kolonialen Verflechtungen geprägt – sowohl als ehemalige Besatzungsmacht von Teilen Ostafrikas, beispielsweise Sansibar, aber auch als selbst besetztes Gebiet durch Portugal. Zudem stand es in der jüngeren Geschichte unter einem starken, informellen britischen Einfluss.
Im heutigen Oman ist die Gesellschaft außerdem von Arbeitsmigration geprägt. Das Land zieht unter anderem Menschen aus anderen arabischsprachigen Ländern, wie Ägypten, sowie aus südasiatischen Ländern wie Pakistan, Indien und Bangladesch an. Im Jahr 2023 machte diese Gruppe rund 1,7 Millionen der Einwohner:innen aus.
Die rasante wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der vergangenen 50 Jahre hat einen tiefgreifenden Urbanisierungsprozess im Oman angestoßen. Gleichzeitig setzt die nationale Entwicklungsstrategie „Oman Vision 2040“ auf die Diversifizierung der Wirtschaft und fördert gezielt Sektoren jenseits der Ölindustrie. Dazu zählen der Tourismus sowie die Gewinnung ausländischer Investitionen. Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge, dass zunehmend Teile der omanischen Küste privatisiert werden könnten. An einigen Orten zeichnet sich diese Entwicklung bereits ab, etwa durch den Bau exklusiver Hotelanlagen. Noch bieten öffentliche Strände also eine kostenlose und potenziell inklusivere Alternative – aber gilt das wirklich für alle?
Am selben Ort, doch nicht zusammen
Die Erkenntnisse einer Professorin, die zu Aneignung öffentlichen Raums forscht, jedoch anonym bleiben möchte, liefern wertvolle Einblicke, die unsere Beobachtungen nuancieren. Auch sie hebt die zunehmende Kommerzialisierung der Küste hervor: Cafés, Restaurants und Hotels würden errichtet, um Investor:innen anzulocken und eine vermeintlich moderne Uferpromenade zu schaffen. In diesem Zusammenhang identifiziert sie den öffentlichen Strand ebenfalls als einen der wenigen Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen können. Jedoch schränkt sie ein: „Nun, nicht wirklich zusammenkommen – denn sie verbringen keine Zeit miteinander. Aber sie verbringen Zeit im selben Raum.“

Sie kommt trotz Spannungen durch soziale Spaltung zu dem Schluss: „Öffentliche Strände sind für Arbeitsmigrant:innen sehr wichtig. Sie sind die letzten Orte, an denen sie ihre Freizeit genießen können, sich als Teil der Gesellschaft fühlen und am Alltag teilhaben.“
Ein inklusiver Ort in einem exklusiven System
Unsere Gespräche zeigen, dass öffentliche Strände eine wichtige Rolle für das soziale Miteinander spielen. Gleichzeitig darf dabei nicht übersehen werden, welche strukturellen Bedingungen das Leben von Arbeitsmigrant:innen im Oman prägen. Obwohl das Sultanat 2023 einige arbeitsrechtliche Reformen beschlossen hat – beispielsweise, dass Arbeitgeber:innen den Pass ihrer Angestellten nicht mehr einbehalten dürfen – gefährdet das Kafala-System ihre Rechte. Die konkrete Ausgestaltung dieses sieht in jedem Land anders aus. Jedoch liegt dem System immer die Kopplung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis von Migrant:innen an Firmen oder Einzelpersonen zugrunde. Diese Abhängigkeit macht sie besonders anfällig für Missbrauch und Ausbeutung und stellt in vielen Fällen eine Form von moderner Sklaverei dar.
Es ist daher wichtig zu betonen, dass öffentlich zugängliche Räume keine Patentlösung für eine gerechtere Gesellschaft sind. Doch wie das Beispiel des Atheiba Strandes zeigt, bleiben sie entscheidende Orte, an denen soziale Grenzen – zumindest temporär – aufgeweicht werden können. So kann ein neues Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit zu diesem Ort, so begrenzt sie auch sein mag, entstehen.
Dieser Artikel ist im Rahmen einer Forschung, ermöglicht durch das DAAD-Förderprogramm „Dialog mit der islamischen Welt“, entstanden.
 
 
 
 
 
 
 
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    <nid>7871</nid>
    <title>Libya as a Hub for Mercenaries and Foreign Operations</title>
    <created>Sunday, Juni 21, 2026 - 19:42</created>
    <location>Libyen</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/libya-hub-mercenaries-and-foreign-operations</path>
    <body>Libya, once a regional powerhouse, has become a battleground for foreign interests. Khalifa Haftar, profits from allowing foreign actors to use the territory under his control for military operations. 
Following the overthrow of Muammar al-Gaddafi in 2011 and the civil war that erupted afterwards, Libya has experienced economic and political instability and persistent internal fragmentation. Today, the country is effectively divided between two main power centres: the internationally recognized Government of National Unity (GNU) in Tripoli in the west, supported by the EU and Turkey and forces in eastern Libya under the command of Khalifa Haftar, backed by the United Arab Emirates, Egypt, and Russia.
This division, combined with competing external interests in the country, has turned Libya into a complex geopolitical arena where regional and international powers pursue strategic influence, often at the expense of the country’s stability and sovereignty. Consequently, the political landscape we encounter in Libya today is no longer limited to domestic power-sharing but has increasingly evolved into a playground for foreign actors. Within this context, particularly Khalifa Haftar appears to trade his hold on power for the erosion of Libya’s wealth and sovereignty, turning the country into a logistical hub for mercenaries deployed by his regional and international allies in active conflict zones.
It is important to note that the use of foreign fighters is neither limited to one side of the Libyan conflict nor to the current cycle of conflict. During the 2019–2020 Libyan civil war, forces aligned with the Tripoli-based government also relied on foreign combatants, particularly Syrian fighters deployed with Turkish support. While such involvement was largely tied to the internal dynamics of the Libyan conflict, more recent patterns suggest that parts of Libya, especially in the east and south, are increasingly integrated into wider regional networks of transnational mercenary deployment.
 
Colombian mercenaries and war in Sudan
Today, the eastern region of Cyrenaica under Khalifa Haftar’s control, has become a core part of a complex logistical network funded by the UAE to support their proxies in the current war in Sudan, the Rapid Support Forces. Recently, Sudan filed an official complaint to the UN Security Council, accusing the UAE of recruiting and funding between 350 and 380 Colombian mercenaries, most of them retired soldiers and officers, to fight alongside the Rapid Support Forces in Darfur.
Reports also reveal that many of these recruits, some barely past their teenage years, are deceived with promises of legitimate, well-paid security jobs in the UAE, only to be deployed to active conflict zones. After having their phones and passports confiscated upon arrival in Abu Dhabi, those mercenaries, operating under the codename “Desert Wolves” are then flown from the UAE to Puntland in Somalia, and from there to Benghazi. Upon their arrival in Libya, they are put under the supervision of Haftar-aligned forces, before crossing the desert into Sudan, ultimately ending up in training camps in Darfur where they are forced into one of the world’s most brutal wars. Benghazi’s port and airport serve as a vital transit node for mercenaries and weapons, which shows that Libya’s sovereignty has become a tradable commodity. 
Russian geopolitical interests in Sub-Saharan Africa
Parallel to the UAE case, another major power has firmly established a military foothold in southern Libya: Russia. Mercenary groups and private military companies such as Wagner, rebranded mid-2023 as Africa Corps, have exploited the security vacuum and weak central control in Libya to establish informal military footholds since at least 2017.
Since the start of the Libyan conflict, the country’s south has become a staging ground for Russian operations and influence across the Sahel. In countries like Niger, Burkina Faso, Central African Republic, and Mali, Moscow offers security assistance in exchange for economic concessions and political leverage, especially after the French withdrawal from those regions.
Haftar appears to provide Russian mercenaries with protection and logistical support in exchange for sustained military and political backing. An arrangement reminiscent of Cold War-style proxy dynamics, where weak states served as battlegrounds for global rivalries at the cost of their internal stability. 
Fragmented political authority in the Fezzan
Control over southern Libya, particularly the Fezzan region, remains highly fragmented. It is shaped by local armed groups, most notably the Tubu, Ouled Slimane, and Tuareg forces, together with local militias affiliated with Haftar. These groups play a crucial role in controlling border areas and desert routes that connect Libya to Chad, Niger, and Sudan. These routes are not only used for the movement of mercenaries and military assets but also serve as smuggling route for goods and people. The Fezzan is embedded within a wider context of legal and illegal economic networks extending from Libya to its southern neighbours.
The region has been a historical transition zone for trans-Saharan trade. Today it has yet again emerged as a key corridor for cross-border movements. Political fragmentation and a limited presence of state authority have enabled both local actors and external powers to exploit these dynamics, reinforcing the Fezzan’s role as a logistical hub in broader regional conflicts.
Khalifa Haftar’s expansion into southern Libya since 2018 has further reshaped these dynamics. Rather than establishing direct and stable control, Haftar has relied on a strategy of selective co-optation, forming tactical alliances with segments of the Tebu and Ouled Slimane militias. At the same time, other factions have resisted or shifted positions depending on local power calculations. The result is a fluid political landscape where authority is negotiated rather than imposed.
Maintaining Power Through Foreign Backing
By facilitating mercenary activities, Haftar presents himself as an indispensable partner to the UAE and Russia, ensuring continued military and diplomatic support for his rule in eastern Libya. 
What stands behind this political calculation is the intention to fortify his own domestic position and legitimacy through foreign backing, which gives him a decisive military advantage over his rival, the GNU in Tripoli. Simultaneously, foreign backing shields him from meaningful international pressure to pursue a political settlement that could cost him his authority.
While most of the international community publicly supports an UN-led political solution in Libya, their actions increasingly reflect an accommodation of the status quo rather than pressure to overcome it. The Security Council described the political process as “deadlocked” in February 2026. Nevertheless, the UN mission UNSMIL continues to promote institutional unification and a political roadmap as a solution to the crisis. This situation illustrates how external actors with an interest in Libya’s internal division prefer a controlled and negotiable division of power over the risks of a genuine political reset.
Economic sovereignty and the role of oil 
Moreover, benefiting from foreign military support has also strengthened Haftar’s control over crucial natural resources. In the past, Haftar consolidated control over key oil production areas in central Libya and export infrastructures in the East. This allows him to strengthen his bargaining position vis-à-vis national or international institutions, effectively translating military dominance into economic and political leverage. Through selling oil and fuel via privately owned companies such as the Arkenu Oil Company, Libya’s resources have become increasingly tied to external actors, holding leverage over such transactions.
While for many Libyans, sovereignty may seem abstract amid ongoing economic challenges, militarization and eroding sovereignty have tangible day-to-day consequences. Those include societal polarization, the entrenchment of armed groups, weak and fragile state institutions, and a reduction of the state’s capacity to respond to unexpected crises such as the deadly collapse of two dams in Derna in 2023. For the population, such developments are an immediate reality, reflected in economic volatility, unreliable public services, and perpetual cycles of uncertainty and insecurity.
In his bid to secure his rule, Haftar is not merely compromising Libyan territory; he is fuelling regional conflicts and reaping benefits today that future generations of Libyans will pay for. He has turned Libya from a state of wealth and influence into nothing more than a dirt road cutting through the desert of global conflict. This role benefits only the ruling elite aligned with him, while the Libyan people pay the price in their stability, security, and future.
A revised version of this article was first published by Alash Media.
 
 

 
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    <nid>7869</nid>
    <title>Libyen als Drehscheibe ausländischer Interessen und Söldnernetzwerke</title>
    <created>Friday, Juni 19, 2026 - 18:46</created>
    <location>Libyen, Sudan</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/libyen-als-drehscheibe-auslaendischer-interessen-und-soeldnernetzwerke</path>
    <body>Einst eine regionale Großmacht, heute Schauplatz internationaler Aktivitäten. Khalifa Haftar profitiert davon, dass internationale Akteure die von ihm kontrollierten Gebiete für militärische Operationen nutzen.
Read this text in English: Libya as a Hub for Mercenaries and Foreign Operations
Seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis im Jahr 2011 und dem daraus entstandenen Bürgerkrieg leidet Libyen unter wirtschaftlicher und politischer Instabilität sowie anhaltender innerer Zersplitterung. Heute ist das Land faktisch in zwei Teile gespalten: die international anerkannte Regierung der Nationalen Einheit (GNU) im Westen des Landes mit Sitz in Tripolis, welche von der EU und der Türkei unterstützt wird, und im Osten des Landes die Kräfte unter dem Kommando von Khalifa Haftar mit Sitz in Bengasi, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Ägypten und Russland unterstützt werden.
Diese Spaltung hat Libyen in eine komplexe geopolitische Arena verwandelt, in der regionale wie internationale Akteure ihre jeweiligen Interessen verfolgen - häufig zulasten von Stabilität und staatlicher Souveränität. Folglich beschränkt sich die politische Landschaft in Libyen nicht mehr nur noch auf lokale Kräfte. Khalifa Haftar sichert seine Macht vor allem auf Kosten von Libyens Ressourcen und Souveränität. Dabei verwandelt er das Land in einen logistischen Knotenpunkt für Söldner, die von seinen regionalen und internationalen Verbündeten in aktiven Konfliktgebieten eingesetzt werden.
Dabei ist der Einsatz ausländischer Kämpfer weder auf Haftar beziehungsweise eine Seite des libyschen Konflikts beschränkt noch auf den aktuellen Konfliktzyklus. Bereits während des libyschen Bürgerkriegs 2019–2020 stützten sich auch die mit der Regierung in Tripolis verbündeten Kräfte auf ausländische Söldner. Diese stammten damals insbesondere aus Syrien und wurden mit türkischer Unterstützung eingesetzt. Während die Beteiligung externer Kämpfer damals eng mit der internen Dynamik des libyschen Konflikts zusammenhing, legen neuere Entwicklungen nahe, dass Teile des Ostens und Südens Libyens zunehmend in umfassendere Netzwerke des transnationalen Söldnereinsatzes eingebunden werden.
Kolumbianische Söldner und der Krieg im Sudan
Die östliche Region Cyrenaica steht unter der Kontrolle von Khalifa Haftar und ist heute zentral für ein komplexes logistisches Netzwerk, das von den VAE finanziert wird, um deren Stellvertreter, die Rapid Support Forces (RSF), im aktuellen Krieg im Sudan zu unterstützen. Kürzlich reichte der Sudan eine offizielle Beschwerde beim UN-Sicherheitsrat ein, in der er die VAE beschuldigte, zwischen 350 und 380 kolumbianische Söldner, meist pensionierte Soldaten und Offiziere, rekrutiert und finanziert zu haben, um an der Seite der RSF in Darfur zu kämpfen.
Berichten zufolge werden viele dieser Rekruten, von denen die Jüngsten kaum älter als Teenager sind, mit dem Versprechen legitimer, gut bezahlter Sicherheitsjobs in den VAE angeworben, nur um dann in aktive Konfliktgebiete entsandt zu werden. Nachdem ihnen bei ihrer Ankunft in Abu Dhabi ihre Telefone und Pässe abgenommen wurden, werden diese Söldner, die unter dem Codenamen „Desert Wolves“ operieren, von den VAE ins somalische Puntland und von dort nach Bengasi geflogen. Nach ihrer Ankunft in Libyen verbringen sie einige Zeit unter der Aufsicht von Haftar-treuen Kräften, bevor sie die Wüste in Richtung Sudan durchqueren und schließlich in Ausbildungslagern in Darfur landen, wo sie in einen der brutalsten Kriege der Welt gezwungen werden. Dabei dienen der Hafen und der Flughafen von Bengasi als wichtige Transitknotenpunkte für Söldner und Waffen und illustrieren, wie Libyens Souveränität zur Ware geworden ist.
Russlands geopolitische Interessen in Subsahara-Afrika
Neben den VAE hat eine weitere Großmacht im Süden Libyens eine konstante militärische Präsenz aufgebaut: Russland. Spätestens seit 2017 nutzen Söldnergruppen und private Militärunternehmen wie die Wagner Gruppe (heute Africa Corps) das Sicherheitsvakuum und die schwache zentralstaatliche Kontrolle in Libyen, um informelle militärische Stützpunkte zu errichten.
Der Süden des Landes ist somit zu einem Ausgangspunkt für russische Operationen und Einflussnahme in der gesamten Sahelzone geworden. In Ländern wie Niger, Burkina Faso, der Zentralafrikanischen Republik und Mali bietet Moskau militärische Unterstützung im Tausch gegen wirtschaftliche Zugeständnisse und politischen Einfluss an, insbesondere seit dem Rückzug Frankreichs aus diesen Ländern.
Haftar scheint russischen Söldnern Schutz und logistische Unterstützung zu gewähren und erhält im Gegenzug anhaltende militärische und politische Rückendeckung. Das Szenario erinnert an die Stellvertreterdynamiken des Kalten Krieges, in denen schwache Staaten auf Kosten ihrer inneren Stabilität zu Schauplätzen globaler Rivalitäten wurden.
Zersplitterte politische Machtverhältnisse im Fezzan
Die Kontrolle über den Süden Libyens, insbesondere über die Fezzan-Region, ist nach wie vor stark zersplittert. Sie ist von lokalen bewaffneten Gruppen geprägt, vor allem von den Truppen der Tubu, der Ouled Slimane und der Tuareg sowie von lokalen Milizen, die Haftar nahestehen. 
Die Gruppen spielen eine entscheidende Rolle bei der Kontrolle der Grenzgebiete und Wüstenrouten, die Libyen mit dem Tschad, Niger und dem Sudan verbinden. Über solche Routen werden nicht nur Söldner und militärisches Material transportiert, sondern sie dienen auch als Schmuggelwege für Waren und Menschen. Der Fezzan ist somit eingebettet in einen größeren Kontext legaler und illegaler wirtschaftlicher Netzwerke, die sich von Libyen aus in die südlichen Nachbarstaaten erstrecken.
Die Region war schon immer eine historische Transitzone für den transsaharischen Handel und hat sich heute erneut als wichtiger Korridor für grenzüberschreitende Bewegungen etabliert. Politische Spaltung und die begrenzte Präsenz staatlicher Autorität haben sowohl lokalen Akteuren als auch externen Kräften genutzt, der Fezzan ist heute ein logistischer Knotenpunkt für größere regionale Konflikte.
Khalifa Haftars Vorstoß in den Süden Libyens ab 2018 hatte diese Dynamiken verstärkt. Anstatt eine direkte und stabile Kontrolle zu etablieren, setzte Haftar auf selektive Einbindung von und taktische Allianzen mit Teilen der Tebu- und Ouled-Slimane-Milizen. Gleichzeitig leisteten andere Gruppen Widerstand oder richteten ihre Positionen je nach lokalen Machtkalkülen immer wieder neu aus. Das Ergebnis ist eine fluide politische Landschaft, in der Autorität mehr ausgehandelt als aufgezwungen wird.
Machterhalt durch ausländische Unterstützung
Durch die Förderung ausländischer Söldneraktivitäten präsentiert sich Haftar als unverzichtbarer Partner für die VAE und Russland und sichert sich so anhaltende militärische und diplomatische Unterstützung für seine Herrschaft im Osten Libyens. 
Das politische Kalkül dahinter ist, seine innenpolitische Position und Legitimität durch ausländische Unterstützung zu festigen, was ihm einen entscheidenden militärischen Vorteil gegenüber der rivalisierenden GNU in Tripolis verschafft. Gleichzeitig ist er so vor nennenswertem internationalem Druck geschützt, eine politische Lösung des innerlibyschen Konflikts anzustreben, die ihn seine Autorität kosten könnte.
Offiziell unterstützt ein Großteil der internationalen Gemeinschaft UN-geführte politische Verhandlungen für Libyen. Die Taten spiegeln jedoch zunehmend eine Akzeptanz des Status quo wider und es gibt kaum Druck, diesen zu überwinden. Der Sicherheitsrat bezeichnete den politischen Prozess im Februar 2026 als „festgefahren“. Dennoch setzt sich die UN-Mission UNSMIL weiterhin für eine institutionelle Vereinigung und einen politischen Fahrplan als Lösung der Krise ein. Der Widerspruch verdeutlicht, wie externe Akteure mit einem Interesse an der inneren Spaltung Libyens eine kontrollierte und verhandelbare Teilung der Macht den Risiken eines echten politischen Neuanfangs vorziehen.
Wirtschaftliche Souveränität und die Rolle des Öls 
Neben der politischen Kontrolle erleichtert die militärische Unterstützung aus dem Ausland auch Haftars Kontrolle über strategisch relevante natürliche Ressourcen, beispielsweise kontrolliert er wichtige Ölfördergebiete in Zentrallibyen und die Exportinfrastrukturen im Osten. Seine Verhandlungsposition gegenüber nationalen und internationalen Institutionen hat sich dadurch verbessert und seine militärische Dominanz wird effektiv in wirtschaftlichen und politischen Einfluss umgewandelt. Durch den Verkauf von Öl und Treibstoff über private Unternehmen wie die Arkenu Oil Company bindet sich Libyen jedoch zunehmend an externe Akteure, die durch solche Transaktionen an Einfluss gewinnen.
Politische Souveränität mag für viele Libyer:innen angesichts anhaltender wirtschaftlicher Herausforderungen abstrakt erscheinen, doch Militarisierung und schwindende Souveränität wirken sich spürbar auf den Alltag aus. Gesellschaftliche Polarisierung und die dauerhafte Präsenz bewaffneter Gruppen prägen das Leben ebenso wie fragile staatliche Institutionen. Das Resultat sind fehlende Kapazitäten des Staates, auf unerwartete Krisen wie den tödlichen Dammbruch in Derna im Jahr 2023 zu reagieren. Für die Bevölkerung bedeuten solche Entwicklungen wirtschaftliche Instabilität, unzuverlässige öffentliche Dienstleistungen und einen endlosen Kreislauf der Unsicherheit.
In seinem Bestreben, seine Herrschaft zu sichern, gefährdet Haftar nicht nur das libysche Staatsgebiet; er schürt regionale Konflikte und erntet heute Vorteile, für die künftigen Generationen in Libyen bezahlen werden. Unter seiner Herrschaft ist Libyen zu einem Transitkorridor globaler Konflikte geworden. Davon profitiert nur die mit ihm verbündete Elite, während das libysche Volk mit seiner Stabilität, Sicherheit und Zukunft bezahlt.
Dieser Artikel ist zuerst in veränderter Version bei Alash Media erschienen.
 
 
 

 
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    <title>Berichterstattung zum iranischen Atomprogramm: Gebt mehr Stimmen Raum!</title>
    <created>Thursday, Juni 11, 2026 - 10:09</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>gennrich</name>
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    <body>Wer bestimmt, wie wir Konflikte sehen? Ein Gespräch mit Francis Kahwe Mohammady über das iranische Atomprogramm, Auslandsjournalismus und die Frage, warum komplexe Konflikte oft auf wenige Stimmen reduziert werden. 

Obwohl wir ihre Auswirkungen teilweise direkt in unserem Alltag spüren, scheinen internationale Konflikte oft weit weg von unserer Lebensrealität. In diesem Zusammenhang kommt den Medien eine Schlüsselrolle zu. Sie prägen ein kollektives Bild über Länder und Krisen. Wer Konflikte verstehen will, muss daher auch verstehen, wie über sie berichtet wird.
Mit dieser Frage hat sich Francis Kahwe Mohammady in seiner Dissertation beschäftigt. Darin untersucht er die Berichterstattung deutscher Tageszeitungen über das iranische Atomprogramm, das die Beziehungen zwischen Iran und westlichen Staaten seit zwei Jahrzehnten prägt und Anfang dieses Jahres im Krieg zwischen Iran, den USA und Israel gipfelte. Dis:Orient sprach mit ihm über die Verantwortung des Auslandsjournalismus, die Rolle der Medien als „vierte Gewalt“ und die Frage, warum geopolitische Konflikte oft auf wenige politische Akteure reduziert werden.
Welche Rolle und Verantwortung kommt den Medien bei der Berichterstattung über außenpolitische Konflikte zu? 
Auslandsjournalismus ist hoch relevant, weil er den Leser:innen in Deutschland das Fenster zum Ausland bietet. Während Menschen bei innenpolitischen Aspekten eher eine eigene Meinung haben, weil sie auf irgendeine Art und Weise direkt betroffen sind oder eigene Referenzpunkte haben, gewinnen viele Deutsche ihr Bild vom Ausland maßgeblich aus den Nachrichten. Auslandsjournalismus vermittelt somit ein kollektives, gesellschaftliches Bild über ein Land, zu dem viele Deutsche in der Regel wenig Berührungspunkte haben. Dementsprechend ist seine Verantwortung meiner Meinung besonders groß. 
Du hast dich in deiner Arbeit viel auf das Konzept der Medien als vierte Gewalt bezogen. Wie ist dieses Konzept zu verstehen? 
Journalismus, als sogenannte „vierte Gewalt“, ist eine der Säulen einer Demokratie und besitzt eine Korrektivfunktion gegenüber politischen Entscheidungsträger:innen. Er soll die Arbeit der Regierung und deren Politik kritisch hinterfragen und eine aufklärende Funktion übernehmen. Dieses Konzept ist in Deutschland, anders als in den USA, nicht verfassungsrechtlich verankert. Die landesspezifischen Unterschiede enden nicht bei rechtlichen Normen: Während die vierte Gewalt in den USA als sehr kritisch bis oppositionell verstanden wird, nimmt sie in Deutschland eine vermittelnde Rolle ein und neigt stärker zu Berichterstattung statt Kritik.
Die Beziehung zwischen Politik und Journalismus gleicht einem Wechselspiel, in dem Journalist:innen exklusive Informationen erhalten, während Politiker:innen im Gegenzug mediale Aufmerksamkeit bekommen.. Es ist ein Drahtseilakt für Journalist:innen, schnell an verlässliche Quellen zu kommen und gleichzeitig nicht zum Verlautbarungsorgan der Politiker:innen zu werden. 
Lass uns über die Berichterstattung selbst sprechen. Wie haben die Tageszeitungen über das iranische Atomprogramm berichtet? 
Die Berichterstattung war stark personalisiert. Besonders mächtige und einflussreiche politische Entscheidungsträger:innen werden überproportional in den Vordergrund gerückt, während andere Stimmen und Perspektiven wenig Raum finden. Das ist brisant, vor allem in einem Konflikt, der von Komplexität geprägt ist und einer ausführlichen und konkreten Berichterstattung bedarf. Außerdem werden konstruktive Momente kaum beachtet. Oft wird nur berichtet, wenn aktuelle Geschehnisse von Konflikt geprägt sind. Das ist ein strukturelles Problem.
Medien haben den Drang, Komplexität zu reduzieren. Gründe sind begrenzter Platz oder Sendezeit, die Journalist:innen zwingen, zum Wesentlichen zu kommen. Zur Berichterstattung über das iranische Atomprogramm: Während die Junge Welt, die taz und das Neue Deutschland keine kohärenten Perspektiven einnahmen, war die Berichterstattung der Süddeutschen, FAZ und der Welt stark von westlichen sicherheitspolitischen Überlegungen geprägt. Obwohl diese sicherlich relevant sind, leidet darunter eine Pluralität der Perspektiven, wenn sich Berichterstattung ausschließlich um diese Fragen dreht. Artikel über erfolgreiche diplomatische Verhandlungen oder die Haltung der Zivilgesellschaft kommen zu kurz.
Wie hat sich die Fokussierung auf politische Entscheidungsträger:innen gezeigt?
Ein gutes Beispiel waren 2015 die Atomverhandlungen zwischen dem Iran und der EU gemeinsam mit den fünf UN-Vetomächten. Ziel war, sicherzustellen, dass das iranische Atomprogramm ausschließlich zivilen Zwecken diente. Nachdem das Abkommen am 14. Juli 2015 in Wien unterzeichnet wurde, waren alle Parteien mit dem diplomatischen Erfolg zufrieden. Dementsprechend haben alle Zeitungen die Erfolgsrhetorik deutscher Politiker:innen in ihre Berichterstattung aufgenommen. 
Für ein anderes Beispiel müssen wir weiter in die Vergangenheit blicken. Nachdem der Iran 2006 den Aufforderungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), das eigene Atomprogramm auszusetzen, nicht nachkam, wurden mehrere Sanktionen verhängt. Der damalige Präsident, Mahmud Ahmadinedschad, ein konservativer Hardliner, fiel durch seine aggressive Außenpolitik auf. Die damalige Berichterstattung drehte sich hauptsächlich um seine Person und seine Aussagen. Den geopolitischen Diskurs auf einzelne Entscheidungsträger:innen herunterzubrechen, wird seiner Komplexität nicht gerecht. 
Das klingt, als hätten sich die Zeitungen hauptsächlich auf öffentlich einsehbare politische Verhandlungen und internationale Nachrichtenagenturen bezogen. Kamen auch iranische Stimmen selbst zu Wort? 
So gut wie gar nicht. Wenn sich die Zeitungen nicht die Mühe machen wollen, sich mit persischsprachigen Stimmen aus der Zivilgesellschaft zu befassen, könnten sie beispielsweise auch mit den zahlreichen politischen Stiftungen in der Region sprechen. Deren Expert:innen haben differenziertes und fundiertes Wissen über den Konflikt und die iranische Gesellschaft. Sie kamen aber nur marginal zu Wort. Dies rührt daher, dass tagesaktuelle Themen in großen Zeitungen oft von Journalist:innen bearbeitet werden, die das Politikressort leiten, aber oft nicht die relevante Expertise mitbringen. Deshalb findet sich oft normative Haltung und Meinung ohne fundiertes Wissen in solchen Beiträgen. In linkeren Zeitungen schreiben in der Regel Fachjournalist:innen, die sich über Jahre intensiv mit dem Thema befassen, solche Artikel. 
Wir brauchen mehr Pluralismus, besonders in Leitartikeln. Gebt Redakteur:innen Raum, die wissen, wovon sie schreiben. Jede Redaktion hat fähige Journalist:innen, aber nicht alle sind für jedes Thema geeignet. Auf Multiperspektivität zu setzen, besonders in der Berichterstattung zu komplexen politischen Konflikten, kommt allen Redaktionen zugute. 
Der Iran ist aktuell wieder omnipräsent in den deutschen Medien. Siehst du Parallelen zwischen der Berichterstattung über den aktuellen Krieg und den Atomverhandlungen?
Am Anfang des Krieges wurde ein Narrativ der israelischen und der US-Regierung verbreitet, die von einem Präventivschlag sprachen. Die Einschätzungen, ob der Iran im Begriff war, eine Atombombe zu bauen, gehen weit auseinander. Dementsprechend ist das Wording „Präventivschlag“, das oft unkritisch in deutscher Berichterstattung übernommen wurde, nicht neutral genug. Es ist unzureichend und journalistisch nicht sauber, die Sprache von US-amerikanischen oder israelischen Armeevertreter:innen oder Regierungschefs zu übernehmen. 
Zur aktuellen Situation ist mir noch etwas aufgefallen, das meine bisherigen wissenschaftlichen Befunde deutlich widerspiegelt. Kürzlich fanden in Berlin zwei Demonstrationen von Exil-Iraner:innen statt, die sich deutlich in ihren politischen Forderungen unterschieden. Diese Pluralität fand in der Berichterstattung kaum Beachtung. Stattdessen dominierten wieder vereinfachte Narrative, die sich eng an den Deutungen politischer Eliten orientieren.
Wenn Journalismus diese Widersprüche nicht sichtbar macht, verfehlt er seinen eigenen Anspruch: Journalismus verliert seine Legitimität, wenn er nur der Logik der Macht folgt. Er gewinnt sie zurück, wenn er Komplexität sichtbar macht, wo andere vereinfachen, wenn er Dialogräume öffnet, wo andere Fronten verhärten, und wenn er Feindbilder aufbricht, wo andere sie zementieren.
Francis Kahwe Mohammady ist Referent für Digitale Kommunikation im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Er hat an der Universität Leipzig Journalistik studiert und extern an den Universitäten Leipzig und Erfurt zur deutschen Presseberichterstattung über den Konflikt um das iranische Atomprogramm promoviert.
Seine Dissertation „Macht, Medien, Atomkonflikt. Eine Framing-Analyse des iranischen Atomprogramms“ erschien 2025 bei Springer VS und ist für 89,99€ erhältlich.
 
 
 
 
 

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    <title>Villa 187: Wo ist Zuhause, wenn du nicht bleiben kannst?</title>
    <created>Friday, Juni 5, 2026 - 19:34</created>
    <location>Katar, Sudan</location>
    <name>stokke</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/villa-187-wo-ist-zuhause-wenn-du-nicht-bleiben-kannst</path>
    <body>In ihrem Kurzfilm „Villa 187“ hält die Filmemacherin Eiman Mirghani den stillen Zerfall ihres Zuhauses in Katar fest – ein Verlust, der sich für sie und ihre sudanesische Familie wie eine zweite Entwurzelung anfühlt.
This article is also available in English.
Ping. Der Ton einer iPhone-Benachrichtigung. Eine tiefe, melodische Stimme beginnt, auf Arabisch zu sprechen: „Eiman, meine liebe Tochter. Wie geht es dir? Ich schicke diese Sprachnachricht, um dir etwas Wichtiges mitzuteilen: Ich werde in den Ruhestand gehen.“ Eine Frau hört zu und blättert durch Fotos. Ein Familienalbum: Sepiafarbene Aufnahmen eines Mannes an einer Uferpromenade; derselbe Mann im Talar bei einer Abschlussfeier. Sie öffnet einen Schrank voller Videokassetten.
Schnitt. Schwarz-weißes Flackern leitet verwackelte Videos der fotografierten Szenen ein: eine Hochzeit. Das junge Paar tauscht Ringe aus, im Hintergrund spielt eine Band. Schnitt. Die Kamera ist auf das Tor eines hellen Betongebäudes gerichtet, das von einer Mauer mit cremefarbener Metalltür umgeben ist. Auf einer schwarz-weißen Tafel steht die Hausnummer: 187.
„Wir werden also unser Zuhause verlassen. Das Zuhause, in dem ihr alle geboren wurdet“, fährt die Stimme fort.
Durch Film die eigene Stimme finden
Mit dieser Szene beginnt der Kurzfilm „Villa 187“ der sudanesischen Filmemacherin Eiman Mirghani. Der Film feierte im November 2025 beim Doha Film Festival im Rahmen des Programms „Made in Qatar“ seine Premiere, wo Eiman den Preis für die beste Regie gewann. Nach „The Bleaching Syndrome“ ist es bereits ihr dritter Film.

Dis:orient hatte die Gelegenheit, wenige Wochen nach der Premiere mit der Regisseurin zu sprechen: „Ich wollte schon immer Filmemacherin werden. Allerdings waren meine Eltern nicht begeistert. Sie fragten sich, was ich als Third Culture Kid sudanesischer Eltern, aufgewachsen in der Golfregion, mit einem Filmstudium anfangen würde“, erinnert sich Eiman. Nach ihrem Bachelorabschluss in Film- und Medienwissenschaft begann sie am Doha Film Institute zu arbeiten: „Sie haben meine Karriere als Filmemacherin wirklich gefördert. Zum Doha Film Festival zurückzukommen, meinen Film dort zu zeigen und einen Preis zu gewinnen fühlte sich an, als würde sich der Kreis schließen.“
Aufwachsen an einem Ort, der nie von Dauer war
Eine andere Aufnahme: Die Kamera zoomt auf den Reisepass, den Eiman durchblättert. Auf dem Umschlag steht Dschumhurija al-Sudan (dt.: Republik Sudan). „Mittlerweile ist Katar für uns fast mehr Zuhause als unser Heimatland selbst. Für dich und deine Schwestern ist es euer Zuhause“, sagt ihr Vater.
Eiman Mirghani wurde als Tochter sudanesischer Eltern in Katar geboren. Der Aufenthaltsstatus der Familie war dabei von der Arbeitsbürgschaft ihres Vaters abhängig. Mehr als 30 Jahre lebten sie dort mit einem beständigen Gefühl der Unsicherheit, erzählt Eiman. „In Katar geboren zu sein, macht dich nicht automatisch katarisch. Stammst du nicht aus der Golfregion, ist deine Zeit dort beschränkt. Das ist allen, die dort wohnen, bewusst.“ Dennoch betont sie, dass die Situation ihrer Familie relativ sicher war, insbesondere im Vergleich zu den unzähligen Sudanes:innen, die durch den seit April 2023 anhaltenden Krieg vertrieben wurden.
Festhalten von Erinnerungen
„Es war wie eine tickende Zeitbombe. Wir wussten, irgendwann würde uns die Nachricht erreichen, dass wir unser Zuhause verlassen müssen. Wir waren alle von der Bürgschaft meines Vaters abhängig.“ Als der Tag kam, sendete Eimans Vater ihr und ihren Schwestern eine Sprachnachricht, die zum roten Faden ihrer Geschichte werden sollte. Der Geschichte über den Verlust ihres Zuhauses, der Villa 187. Das veranlasste sie dazu, den Prozess vom Packen bis zum Umzug mit dem Medium zu begleiten, dass sie am besten kennt: dem Film.
Gemeinsam mit ihrem Kameramann Baris Konbal begann sie, an Wochenenden zu drehen. „Ich liebe dieses Haus. Ich bin hier aufgewachsen. Es ist ein Teil von mir und ich hatte das Gefühl, dass ich die Erinnerungen festhalten musste“, erinnert sie sich an ihre erste Reaktion auf die Nachricht. Auf die Frage, weshalb die Stimme ihres Vaters statt ihrer eigenen durch den Film führt, entgegnet sie: „Wir haben die alle Sprachnachricht zur gleichen Zeit bekommen. Und ehe wir uns versahen, packten wir unsere Koffer und mussten gehen. Ich wollte diese Realität so authentisch wie möglich darstellen.“

Gehen ohne anzukommen
Während der Dreharbeiten stieß Eiman auf die alte VHS-Sammlung ihrer Familie. Sie ließ die Kassetten digitalisieren und arbeitete das Material in den Film ein: „Während des Drehs war ich oft traurig. Erst in der Postproduktion begann der Film, sich wirklich lebendig anzufühlen. Ich habe diese Erinnerungen wiederentdeckt; sie haben mir dabei geholfen, dem Film Struktur zu verleihen.“
Eiman verarbeitet weit mehr als den Verlust eines Gebäudes, das sie das Zuhause ihrer Familie nennt. „Ich denke, dass alle Menschen, die in einem Land leben, das nicht ihr Heimatland ist, in einem gewissen Maße eine Identitätskrise durchstehen. Du magst von Freund:innen und Familie aus deinem Heimatland umgeben sein, aber du bist nie wirklich zuhause.“ So erlebte sie den plötzlichen Umzug als eine zweite Entwurzelung in einem Leben, in dem sie aufgrund des unsicheren Aufenthaltsstatus ihrer Familie ohnehin nie wirklich hatte ankommen können.
Die unmögliche Rückkehr ins Heimatland
Kurze Zeit bevor Eiman erfuhr, dass sie und ihre Familie ausziehen müssen, brachte die Revolution von 2018 und 2019 den langjährigen sudanesischen Diktator Omar al-Bashir zu Fall. Damals habe es, erinnert sich Eiman, vorsichtige Hoffnung gegeben, dass sich der Sudan erholen könne.
Doch spätestens mit dem Ausbruch des Stellvertreterkriegs im April 2023 wurde klar, dass dies nicht der Fall und der Sudan kein sicherer Ort zum Leben mehr war. Stand Mai 2026 steht das Land am Rande einer Hungersnot. Rund zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 9 Millionen Menschen gelten als Binnenvertriebene, weitere 4,5 Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation als die „größte Vertreibungskrise“ unserer Zeit.
Da der Krieg weiterhin andauert, beschreibt Eiman ihrer Suche nach einem Zuhause als einen Schwebezustand: „Du weißt nicht, wohin du gehen sollst. Du kannst nicht dahin zurückkehren, woher du kommst... Die größte Herausforderung für mich war, Frieden mit dieser Situation zu schließen.“
Was macht ein Zuhause aus?
Eine weitere Szene. Das durchdringende Geräusch von Klebeband, das über einen Umzugskarton gezogen wird. Aufgestapelte Bücher. Ein Korb voller Spielzeug, aus dem ein Teddybär hervorlugt. Im Hintergrund der blecherne Klang einer Spieluhr. Ein einzelner Nagel in einer weißen Wand verweist auf einen Bilderrahmen, der einst dort hing.
Dann die letzten Aufnahmen: die Küche, ein Schlafzimmer, der Flur. Leergeräumt von all dem, was das Haus einst zu einem Zuhause machte. Ein letztes Mal ist die ruhige Stimme des Vaters zu hören: „Es gibt nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsst. Wie ich bereits gesagt habe, habe ich lange hiermit gerechnet und mich gut darauf vorbereitet. Inschallah (dt.: So Gott will) wird alles gut gehen. Ich liebe euch so sehr.“
Der Bildschirm wird schwarz, der Abspann beginnt. Wie der Film neigt sich auch das Gespräch mit Eiman langsam dem Ende zu. Eine Frage bleibt nach „Villa 187“: Was bedeutet Zuhause für sie?
Eiman seufzt, dann lächelt sie: „Am Ende des Tages habe ich gelernt, dass ein Haus einfach ein Haus ist. Ein Gebäude. Auch wenn du eine emotionale Bindung zu einem Haus aufbauen kannst, sind es doch die Menschen darin, die dir das Gefühl von Zuhause vermitteln. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen Eltern, bei meinen Schwestern bin. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen engen Freund:innen bin. Ich bin dankbar, dass ich dieses Gefühl immer noch spüren kann, selbst nachdem wir Villa 187 verlassen haben.“
 
 
 
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    <title>Villa 187: Where Is Home When You Can’t Stay?</title>
    <created>Friday, Juni 5, 2026 - 17:46</created>
    <location>Katar, Sudan</location>
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    <body>In her short film “Villa 187”, filmmaker Eiman Mirghani captures the quiet unraveling of her home in Qatar—a loss that feels like a second uprooting for her Sudanese family.
Diesen Artikel gibt es auch auf Deutsch. 
Ping. The sound of an iPhone notification. A melodic, deep voice starts talking in Arabic: “Eiman, my beautiful girl. How are you? I am sending you this voice note to tell you something important. I am about to retire.” Listening to the voice note, a woman is skimming through pictures. A family album: sepia photographs of a man posing at a waterfront, the same man in a university gown at a graduation ceremony. She goes on to open a cabinet filled with video tapes.
A cut. Black and white flickering, shaky video sequences of the photographed scenes begin: a wedding. The young couple exchanges rings, a band is playing in the background. Another cut. The camera is pointed at the gates of a bright concrete building, guarded by a wall and a crème-colored metal door. A black and white plate shows the house number: 187.
“So, we will leave our home in the compound. The home that you were all born in”, the voice goes on.
Finding her voice through film
The scene described opens the short film “Villa 187”, directed and produced by Sudanese filmmaker Eiman Mirghani. It premiered in November 2025 at the Doha Film Festival as part of the “Made in Qatar” program, where Eiman won the award for best director. The film is her third, following the short film “The Bleaching Syndrome”.

Dis:orient had the chance to talk to the director a few weeks after the premiere: “I always wanted to be a filmmaker. My parents were not too happy about it. As a third culture kid growing up in the Gulf with Sudanese parents, they wondered: what am I going to do with a film degree?”, Eiman recalls. After graduating with a bachelor’s degree in film and media studies, she started to work at the Doha Film Institute: “They really nurtured me as a filmmaker. Coming back to Doha Film Festival, showing my film there, and winning an award felt like a full-circle moment.”
Growing up in a place that was never permanent
Another shot: the camera zooms in on the passport that Eiman is flipping through. Jumhuriyyah al-Sudan (en.: Republic of Sudan), it reads on the cover. “Qatar has started to become perhaps more of a home to us than our homeland itself. To you and your sisters, it is home”, the recorded voice of her father calmly goes on. 
Eiman Mirghani was born and raised in Qatar by Sudanese parents. The family’s residency status depended on her father’s work sponsorship, a situation that, she reflects, was marked by a persistent sense of insecurity throughout their more than 30 years in the country: “Being born in Qatar does not mean that you are Qatari. Anyone living in the Gulf but not originally from the Gulf knows that their time there is limited.” She nevertheless underscores that her family’s situation was comparatively secure, especially when set against the countless Sudanese who have been forcibly displaced by the ongoing war that started in April 2023.
Documenting the unraveling of a home
“We knew that there was a ticking time bomb: at a certain point we would all get the message that we have to leave because we were under my father’s sponsorship.” When that day finally arrived, Eiman’s father sent her and her sisters a voice note that would eventually become the narrative thread of losing their family home, Villa 187. It prompted her to document the process of packing and moving through the medium she knows best: film.
Together with her cinematographer, Baris Konbal, she began filming on weekends. “I love this house. I grew up in this place. It's part of me. I felt like I needed to document it”, she recalls her first reaction to the news. When asked why her own voice does not appear in the film, but is instead led by her father’s voice, she replied: “We all received the voice note at the same time. And next thing we knew, we were packing up and had to leave. I wanted to present that reality in its truest form. I think this was the best way to do it.”

The continuity of a life in between
During the filming process, Eiman rediscovered her family’s VHS collection. She decided to digitize the tapes and to incorporate them into the film: “I felt a lot of sadness during the filming phase. It was in the post-production phase where the film really came to life. I rediscovered those memories and put the film together with their help.”
Watching the film, it becomes apparent that Eiman is negotiating more than just the loss of the physical building she calls her family’s home. “I think anybody who lives in a country that is not their own will always have some level of an identity crisis. You may be surrounded by friends and family from where you come from, but you're never truly at home.” Accordingly, she experienced the announcement of the move as a second uprooting in a life that had never truly felt rooted to begin with, because of her family’s uncertain status in Qatar.
The impossibility of a return to the homeland
At the time she learned her family would eventually have to move out, Sudan had just emerged from the revolution of 2018 and 2019 that led to the fall of long-ruling dictator Omar al-Bashir. There was cautious hope, she recalls, that the country was on a path to recovery. However, after the proxy war broke out in April 2023, it became evident that this was not the case, and that Sudan was not a safe place to live. As of May 2026, the Republic is on the brink of famine, with around two-thirds of the population depending on food aid. With almost 9 million internally displaced persons and 4.5 million Sudanese having fled to the neighboring countries, the UN describes the situation as the “world’s largest displacement crisis.”
As the war is ongoing, Eiman describes the search for a home as a state of limbo: “You don’t know where you’re going, and you can’t go back to where you come from. The biggest challenge for me was to make peace with the status quo”.
What makes a home? 
Another scene. The screeching sound of tape sealing a box. Books piled up. A basket with toys, a teddy bear peeking out, the tinny sound from a mechanical music box playing in the background. A single nail in a white wall, signaling the frame that once hung there. Then the final shots: the kitchen, a bedroom, the hallway. Emptied of all belongings that could hint to the people that once called this place their home. One final time, her father’s soothing voice sets in: “There are no issues for you to worry about. Like I said earlier, I was expecting this scenario for a long time, and I have fully prepared for it. Inshallah (en.: God willing), everything will run smoothly. I love you so much”. 
The screen fades black, the credits roll. Like the film, the conversation with Eiman slowly comes to an end. One question remains after following the journey of “Villa 187”: What does home mean to her? She sighs, then smiles: “I learned that at the end of the day, a house is a house. It is a building. Of course, you can have a lot of emotional attachment to it, but it is the people inside the house that really give you that feeling. I feel at home when I am with my parents, with my sisters. I feel at home with my very close friends. I am grateful that I am still able to have this feeling now, even after we left Villa 187.”
 
 
 
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