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    <nid>7718</nid>
    <title>Von der Nakba bis Gaza: Eine unbeendete Geschichte</title>
    <created>Thursday, Mai 14, 2026 - 14:46</created>
    <location>Palästina</location>
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    <path>https://disorient.de/magazin/nakba-jahrestag-78-gaza</path>
    <body>Am 78. Jahrestag der Nakba gedenken Palästinenser:innen nicht nur einer vergangenen Tragödie, sondern auch ihrer Fortsetzung im Genozid in Gaza. Eine Katastrophe für das kollektive Gewissen aller Menschen.
Read this article in English: From the Nakba to Gaza: An Unfinished History
Jedes Jahr am 15. Mai gedenken Palästinenser:innen der Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat im Jahr 1948, der Nakba (dt.: Katastrophe). Die Nakba war nicht bloß ein politisches Ereignis, das zu Gebietsverlusten oder Umsiedlung führte. Sie stellt vielmehr den Zusammenbruch einer gesamten Lebensweise dar – ein Bruch, der die Bedeutung von Heimat, Identität, und sogar die Beziehung zwischen Menschen und Ort neu definierte. 
Für palästinensische Geflüchtete wurde „Heimat“ zu einer aufgeschobenen Möglichkeit anstelle einer greifbaren Gegenwart. Heute stehen noch immer über 5,9 Millionen registrierte Geflüchtete unter dem Mandat der UNRWA, wodurch die Nakba zu einem generationsübergreifenden Zustand geworden ist. Sie hat sich im palästinensischen Bewusstsein als andauernde Erfahrung verankert, die durch jeden Krieg, jede Vertreibung und jeden Verlust immer wieder neu geformt wird – ein anhaltender Zustand zwischen Besatzung, Exil und dem unerfüllten Versprechen von Staatlichkeit.
Die erste Nakba: Entstehung einer modernen Tragödie
Nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina und der Gründung des Staates Israel im Mai 1948, gefolgt vom Ausbruch des ersten arabisch-israelischen Krieges, kam es zu einer der größten Vertreibungswellen des 20. Jahrhunderts. Rund 750.000 Palästinenser:innen – fast zwei Drittel der damaligen palästinensischen Bevölkerung – wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.
Mehr als 530 Städte und Dörfer wurden zerstört, entvölkert oder gewaltsam neu besiedelt. Ein über Jahrhunderte gewachsenes soziales und wirtschaftliches Gefüge wurde zerrissen. Große urbane Zentren wie Jaffa, Haifa, al-Lydd und Ramla verloren innerhalb weniger Monate den Großteil ihrer arabischen Einwohner:innen. 
1948 bis 1988: Von vollständiger Befreiung zu politischem Realismus
Nach der Nakba zielte der palästinensische Diskurs zunächst auf die vollständige Befreiung aller Gebiete ab. Nach dem zweiten arabisch-israelischen Krieg von 1967 zwangen veränderte regionale und internationale Dynamiken die palästinensische Führung jedoch zu einer strategischen Neuausrichtung. Das Zehn-Punkte-Programm der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) von 1974 markierte dabei den ersten diplomatischen Schritt hin zu einer eigenen Autorität auf dem verbleibenden palästinensischen Gebiet. Dieser Wandel gipfelte 1988 in der palästinensischen Unabhängigkeitserklärung, mit der die Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats implizit akzeptiert, und eine Zwei-Staaten-Lösung befürwortet wurden.
Die Palästinenser:innen akzeptierten damit faktisch einen Staat auf nur 22 Prozent der Fläche des historischen Palästinas – ein beispielloses Zugeständnis im Vergleich zu anderen nationalen Befreiungsbewegungen. Die wechselnden israelischen Regierungen begegneten diesem Zugeständnis jedoch nicht mit einer Anerkennung der palästinensischen Souveränität. Stattdessen unterstützten sie den Ausbau der Siedlungen und kreierten somit eine Diskrepanz zwischen dem offiziellen diplomatischen Diskurs und den Realitäten vor Ort.
1993 bis 2000: Aufgeschobener Frieden
Die Oslo-Abkommen ab 1993 stellten einen entscheidenden Wendepunkt dar: Die palästinensische Führung erkannte Israel nun offiziell an und akzeptierte gleichzeitig die Aufschiebung von Kernfragen: Jerusalem, die Rückkehr von Geflüchteten, Grenzen und Siedlungsbau – in der Annahme, dass ein schrittweiser Aufbau von Vertrauen zu einem endgültigen Frieden führen könnte.
Während die diplomatischen Verhandlungen voranschritten, verfestigte sich auch in diesen Jahren die Besatzung vor Ort weiter: Die Bevölkerung in den israelischen Siedlungen verdoppelte sich während des Friedensprozesses und zementierte damit eine Übergangsphase in einen dauerhaften Zustand, welcher die Möglichkeit eines zusammenhängenden palästinensischen Staates untergrub.
2000 bis 2008: Von Verhandlungen zum Konfliktmanagement
Als die Palästinenser:innen im Jahr 2000 in Camp David in erneute Verhandlungen traten, waren sie bereit, einen historischen Kompromiss auf Grundlage der Grenzen von 1967 einzugehen. Die Verhandlungen scheiterten jedoch erneut an unüberbrückbaren Differenzen hinsichtlich palästinensischer Souveränität und dem Anspruch auf Jerusalem.
Infolgedessen veränderte sich die israelische Strategie. Statt darauf hinzuarbeiten den Konflikt zu lösen, sollte er nun verwaltet werden: Mauern wurden errichtet, Siedlungen ausgebaut und palästinensische Staatlichkeit wurde zu einer rein administrativen Autonomie ohne echte Souveränität reduziert.
Wenige Jahre später stellte die Arabische Friedensinitiative von 2002 eine umfassende regionale Normalisierung im Gegenzug für den vollständigen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten in Aussicht. Trotz Garantien seitens verschiedener Nachbarländer, nahmen die wechselnden israelischen Regierungen diese Initiative nicht ernst. 
Das strukturelle Versagen der internationalen Gemeinschaft
Die Nakba ereignete sich in einer Übergangsphase, die der Konsolidierung des modernen Menschenrechtssystems vorausging – erst im Dezember 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Ihr folgte die Resolution 194 der UN-Generalversammlung, die das Recht palästinensischer Geflüchteter auf Rückkehr oder Entschädigung bekräftigte. Trotz wiederholter Bestärkung wurde die Resolution nie umgesetzt. Die Palästinafrage wurde damit zu einem der am längsten ungelösten Probleme der modernen internationalen Politik.
Während Palästinenser:innen nach wie vor um die Anerkennung ihrer Rechte ringen müssen, erlangte der israelische Staat rasch internationale Anerkennung. Diese Asymmetrie schuf eine außergewöhnliche Situation in der Weltpolitik: ein humanitär anerkanntes Volk, dem eine endgültige politische Lösung verwehrt bleibt.
Entgegen westlicher Vorurteile weist die palästinensische politische Entwicklung einen kontinuierlichen Pragmatismus und zahlreiche Zugeständnisse auf. Die israelische Politik hingegen war weitgehend von territorialer Konsolidierung und sich verengenden politischen Horizonten geprägt. Auch die internationale Gemeinschaft war strukturell nicht in der Lage, diesen Kurs umzukehren: Frieden scheiterte bisher nicht daran, dass die Palästinenser:innen Kompromisse ablehnten. Sondern daran, dass auf die Verhandlungen keine konkreten Umsetzungen folgten.
Gaza: Die Nakba als gegenwärtige Realität
Was sich heute in Gaza abspielt, rückt all diese ungelösten Fragen mit Nachdruck in den Vordergrund. Die meisten Bewohner:innen Gazas sind selbst Geflüchtete oder Nachkommen von Geflüchteten aus dem Jahr 1948. Erneut werden sie innerhalb von Grenzen, die sie nicht verlassen können, entwurzelt. Es erscheint wie ein Wiederaufleben der Bilder der Nakba: der Krieg ist keine reine militärische Konfrontation, sondern ein vollständiger Zusammenbruch einer Gesellschaft, in der nicht mehr an Alltag zu denken ist.
Die Tragödie in Gaza offenbart zugleich eine schwere Krise der Weltordnung. Eine Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Versprechen gegründet wurde, die Menschheit vor kollektiven Katastrophen zu schützen, scheint nun unfähig, die Wiederholung einer solchen Katastrophe zu verhindern. So wird das Gedenken an die Nakba zu einer moralischen und politischen Neubewertung der Gegenwart.
Eine Frage von geteilter Menschlichkeit
Das bezeichnende Merkmal der aktuellen Lage in Gaza ist nicht nur die eskalierende Gewalt, sondern ein moralischer Wandel in der globalen Wahrnehmung. Engagement findet zunehmend außerhalb traditioneller Diplomatie statt: an Universitäten, in der Zivilgesellschaft und im transnationalen Aktivismus. Die Debatte verlagert sich von der Frage, wer Macht besitzt, hin zu der Frage, wer moralische Legitimität besitzt. 
Nachhaltige Sicherheit kann nicht auf permanenter menschlicher Gefährdung beruhen. Und Stabilität kann nicht dadurch entstehen, dass Tragödien auf unbestimmte Zeit verwaltet werden, anstatt ihre Ursachen zu beseitigen. Von der Nakba 1948 bis zum heutigen Gaza zeigt sich die Palästinafrage nicht als regionaler Konflikt, sondern als andauernder Kampf um die Bedeutung von Gerechtigkeit in einer postkolonialen Welt. Die Frage, die Gaza nun an westliche Leser:innen und an die internationale Ordnung selbst stellt, ist zutiefst zivilisatorisch: Welche Bedeutung hat Menschlichkeit, wenn sie nicht universell ist?
Gaza ist daher nicht das Ende einer Geschichte: Es ist ein andauernder Moment des globalen Erwachens. Wenn die Nakba auch als palästinensische Tragödie begann, so droht ihre Fortsetzung zu einer Krise des kollektiven Gewissens der Menschheit zu werden. Für Palästinenser:innen ist die Nakba keine bloße Erinnerung– sie ist eine gelebte Erfahrung. Was heute in Gaza geschieht, ist das vielleicht schmerzhafteste Kapitel eines unvollendeten Buches.
 
 
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    <title>From the Nakba to Gaza: An Unfinished History</title>
    <created>Thursday, Mai 14, 2026 - 14:40</created>
    <location>Palästina</location>
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    <path>https://disorient.de/magazin/nakba-gaza-unfinished-history</path>
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On the 78th anniversary of the Nakba, Palestinians are not only remembering a past tragedy, but its continuation in the genocide in Gaza. A catastrophe for humanity's collective conscience.
Each year on May 15th, Palestinians commemorate the flight and expulsion from their homeland in 1948, known as Nakba (eng.: catastrophe). The Nakba was not merely a political event that resulted in territorial loss or population displacement; it represented a comprehensive collapse of an entire way of life — a forced rupture that redefined the meaning of homeland, identity, and even the relationship between human beings and place itself. 
The Palestinian refugee came to carry homeland as a deferred possibility rather than a tangible present. Today, over 5.9 million registered Palestinian refugees remain under UNRWA’s mandate, transforming the Nakba into an intergenerational condition. It entered Palestinian consciousness as an ongoing experience, continuously reshaped by every war, every displacement, and every loss––a prolonged condition between occupation, exile, and the unfulfilled promise of statehood. 
The First Nakba: The Founding of a Modern Tragedy
After the end of the British Mandate and with the establishment of the State of Israel in May 1948, followed by the outbreak of the first Arab-Israeli war, Palestine witnessed one of the twentieth century’s largest forced displacement events. Approximately 750,000 Palestinians — nearly two-thirds of the Arab population at the time — were compelled to leave their homes.
More than 530 Palestinian towns and villages were destroyed, depopulated, or forcibly repopulated, dismantling a social and economic fabric developed over centuries. Major urban centers such as Jaffa, Haifa, al-Lydd, and Ramla lost most of their Arab inhabitants within months. 
1948 to 1988: From Total Liberation to Political Realism 
Following the Nakba, Palestinian discourse initially centered on full liberation of the territories. However, after the 1967 Arab-Israeli war, shifting regional and international dynamics pushed Palestinian leadership toward strategic redefinition. The 1974 Ten-Point Program of the Palestine Liberation Organisation (PLO) marked the first diplomatic opening toward establishing authority on any liberated Palestinian territory. This transition culminated in the 1988 Palestinian Declaration of Independence, implicitly accepting UN Security Council Resolutions 242 and 338 and endorsing the two-state solution.
Palestinians effectively accepted a state on only 22% of historic Palestine — an unprecedented concession among modern national liberation movements. Israeli governments, however, did not reciprocate with equivalent recognition of Palestinian sovereignty; settlement expansion continued, creating an early divergence between diplomatic discourse and territorial realities.
1993 to 2000: Deferred Peace 
The Oslo Accords, starting in 1993, represented the most consequential turning point. Palestinian leadership formally recognized Israel while accepting postponement of core issues — Jerusalem, refugees, borders, and settlements— under the assumption that incremental confidence-building would lead to final peace.
Negotiations advanced diplomatically while occupation deepened territorially. Settlement populations doubled during the peace process itself. This fact on the ground transformed the interim phase into a permanent condition and eroded the feasibility of a contiguous Palestinian state.
2000 to 2008: From Negotiation to Conflict Management 
At Camp David in 2000, Palestinians entered negotiations prepared for historic compromise based on the 1967 borders. Negotiations collapsed amid irreconcilable gaps over sovereignty and Jerusalem.
Subsequently, Israeli strategy shifted toward managing rather than resolving the conflict, building separation barriers, expanding settlements, and reducing Palestinian statehood to administrative autonomy without genuine sovereignty.
The Arab Peace Initiative in 2002 offered comprehensive regional normalization in exchange for full Israeli withdrawal from territories occupied in 1967. Despite unprecedented regional guarantees, successive Israeli governments declined to engage with it as a serious negotiating framework.
Structural International Failure
The Nakba occurred during a transitional moment preceding the consolidation of the modern human rights system––with the Universal Declaration of Human Rights being adopted in December 1948. Following the declaration, UN General Assembly Resolution 194 affirmed Palestinian refugees’ right of return or compensation. Yet, despite repeated reaffirmations, the resolution was never implemented, leaving the Palestinian question among the longest unresolved conflicts in modern international politics.
Israel achieved rapid international recognition as a state, while Palestinians have continued seeking recognition of their political rights. This asymmetry created an exceptional condition within international politics: a people acknowledged humanitarianly but denied a final political resolution.
Contrary to prevailing Western stereotypes, Palestinian political evolution reveals gradual pragmatism and cumulative concessions. Israeli policies, by contrast, was largely characterized by territorial consolidation and shrinking political horizons for any resolution. The international community was structurally incapable to reverse this trajectory. Peace failed not because Palestinians rejected compromise, but because negotiations unfolded without implementation capacity.
Gaza: The Nakba as Present Reality
What is unfolding in Gaza today forcefully returns this unresolved question to the forefront. Most Gazans are themselves refugees or descendants of refugees from 1948. They are reliving historical uprooting within borders they cannot leave. It appears as an intensified reappearance of the original Nakba’s imagery: mass displacement and erased cities. The recent war represents not merely military confrontation, but systemic societal collapse, where daily life becomes impossible to reproduce.
Gaza’s tragedy exposes a deeper crisis within the global order. A world established after World War II on promises of protecting humanity from collective catastrophe now appears unable to prevent the reproduction of such catastrophe. Thus, commemorating the Nakba becomes a moral and political reassessment of the present.
The Question of Shared Humanity
The defining feature of the Gaza moment is not merely escalating violence, but a shift in global moral perception. Engagement is increasingly happening outside traditional diplomacy, in universities, civil society, and transnational activism. The debate is shifting from who holds power to who holds moral legitimacy. Security cannot sustainably rest upon permanent human precarity, and stability cannot emerge from indefinitely managing tragedy rather than ending its causes.
From the Nakba of 1948 to Gaza today, the Palestinian question reveals itself not as a regional dispute but as an enduring struggle over the meaning of justice in the post-colonial world. The question Gaza now poses to Western readers — and to the international order itself — is profoundly civilizational: What meaning remains for humanity if it is not universal?
Gaza, therefore, is not the end of a story: It is a moment of global awakening still unfolding. If the Nakba began as a Palestinian tragedy, its continuation risks becoming a crisis of humanity’s collective conscience. For Palestinians, the Nakba is not a memory observed — it is a lived time. And Gaza today is perhaps the most painful chapter of a yet unfinished book.
 
 
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    <title>17. ALFILM in Berlin: Kino in Zeiten multipler Krisen </title>
    <created>Monday, Mai 11, 2026 - 21:44</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>yildirim</name>
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    <body>Das ALFILM Festival bringt WANA auf die Leinwände. Der Eröffnungsfilm „Palestine 36“ zeigt ein oft übersehenes Kapitel palästinensischen Widerstands – mit erschreckenden Parallelen zur Gegenwart.
„Uns fehlen die Worte. Wir haben so viel verloren. Es überrascht nicht, dass Niederlagen und Trauer im Mittelpunkt der diesjährigen Ausgabe stehen. Die Filme, die wir zeigen, spiegeln wider, wie wir uns in diesem historischen Moment fühlen.“ Diese Worte richtet Pascale Fakhry, Geschäftsführerin des ALFILM Festivals, an das Publikum im Saal. Der Raum des Hebbel-Theaters ist voll besetzt, die Vorstellung seit Wochen ausverkauft. 

Erinnern und Zeug:innenschaft ablegen
Die Vorfreude liegt spürbar in der Luft und verbindet das Publikum bereits vor dem ersten Bild. Viele Menschen fiebern jedes Jahr aufs Neue dem ALFILM entgegen, das seit 2009 in Berlin stattfindet. Das Programm umfasst vielfältige, zeitgenössische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus WANA. Im diesjährigen „Spotlight“ steht der Sudan unter dem Titel „A New Projection – Retrospectives, Revolution and Restaurations“ (dt.: Eine neue Perspektive – Rückblicke, Revolution und Restaurationen).  

Laut Iskandar Abdalla, dem künstlerischen Leiter des Festivals, sollen damit die Facetten der sudanesischen Geschichte beleuchtet, und gleichzeitig die vielfältigen Formen des Widerstandes in den Blick genommen werden. Das „Spotlight“-Programm kuratierte der sudanesische Produzent und Gründer der Sudan Film Factory, Talal Afifi.
Auch Iskandar Abdalla richtet eindringliche Worte an das Publikum: „Es ist das dritte Jahr in Folge, dass ich hier bei der Eröffnung des ALFILM Festivals stehe und mich frage: Was bedeutet es, Filme anzuschauen und sich über Filme auszutauschen, in Zeiten, in denen ganze Bevölkerungsgruppen in der Region, die wir zu repräsentieren versprechen, ethnisch gesäubert, massenhaft vertrieben und gewaltsam unter der Last von Armut, ökologischen Krisen und politischer Unterdrückung zermalmt werden?“ Umso bedeutender sei es, hinzuschauen, zu erinnern und Zeug:innenschaft über das abzulegen, was passiere. 
Auftakt mit einem oft übersehenen Kapitel palästinensischen Widerstands
Erinnern, Zeug:innenschaft ablegen: Dafür steht auch der Film „Palestine 36“, geschrieben und produziert von Annemarie Jacir, die sich vor der Deutschlandpremiere im Hebbel-Theater per Videobotschaft bei den Zuschauer:innen meldet. Der Film spielt im Jahr 1936 – einem entscheidenden Jahr in der Geschichte Palästinas. Er zeigt die Gleichzeitigkeit zweier Entwicklungen, die das Land bis heute prägen: Das britische Mandat über Palästina nach dem Fall des osmanischen Reiches und den Verlust von Land und Arbeit durch die rasant ansteigende Migrationsbewegung jüdischer Menschen aus Europa und der Sowjetunion. 
Die Zuspitzung dieser Krisen lässt sich im Laufe des Filmes mitverfolgen – angefangen bei der Unzufriedenheit palästinensischer Arbeiter:innen über schlechtere Löhne im Vergleich zu den jüdischen Neuankömmlingen, über die Gründung von Rebellengruppen bis hin zur Formierung eines breiten, von Bäuer:innen geführten Widerstandes. All dies wird anhand von Yusuf erzählt, einem jungen Mann, dessen Leben sich zwischen Jerusalem und dem Dorf seiner Familie abspielt.
Filmplakat von „Palestine 36“. Foto: MPI media group. Pressemappe, 2026.
Neben der Entstehung des Widerstandes präsentiert die Filmemacherin Jacir auch die Spaltungen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, besonders zwischen der städtischen Elite und den Menschen auf dem Land, die den Siedler:innen und der britischen Besatzung direkt ausgeliefert waren. 
Der Film schafft es, diesen von Verlust und Niederlage geprägten Abschnitt der palästinensischen Geschichte – wissen wir heute doch, dass die Ereignisse einige Jahre später in der Nakba mündeten, die sich bis heute in Form von Vertreibung, Apartheidsystem und Genozid fortsetzt – zutiefst menschlich darzustellen. Die Resilienz, die Solidarität untereinander und die Einforderung von Freiheit und Würde durchziehen jede Szene. 
Frauenrollen im Widerstand
Zwei Dinge fallen besonders auf: Der Film ist geprägt von starken Frauen und Mädchen. Zwar spinnt sich der Erzählstrang um Yusuf, doch bleiben auch die weiblichen Charaktere immer im Vordergrund: Die Journalistin Khuloud, die unter einem männlichen Synonym politische Artikel schreibt und sich im Laufe des Films immer weiter dem Widerstand anschließt. Oder Rabab und Afra, Mutter und Tochter, die bei jeder britischen Razzia unglaubliche Widerstandskraft beweisen und heimlich die Rebellen mit Nahrung versorgen, die sich um ihr Dorf herum versteckt halten. 
Besonders vor dem Hintergrund, dass Frauen in historischen Erzählungen chronisch unterrepräsentiert sind, und sich geschichtliche Erzählungen meist an „großen Männern“ orientieren, bricht „Palestine 36“ mit dieser Art der Geschichtsschreibung. Die Rolle der Frauen als Rückgrat einer widerständischen Gesellschaft und ihre aktive Rolle im Kampf um Freiheit und Würde wird unmissverständlich klar.
Gespenstische Parallelen zur Gegenwart
Eine weitere Erkenntnis vermittelt der Film jedoch auch: Einige der Szenen, in denen Siedler:innengewalt oder die rohe Willkür der britischen Besatzung gezeigt werden, rufen grausame Bilder aus der Gegenwart ins Gedächtnis. Im Film brennende Felder, angezündet von Siedler:innen; in der Gegenwart brennende Dörfer nach Siedler:innenprogromen in der Westbank. 

Im Film Palästinenser:innen, die zusammengepfercht hinter Zäunen festgehalten werden, teilweise mit verbundenen Händen; in der Gegenwart Männer in Gaza, die gefesselt und mit verbundenen Augen auf dem Boden aufgereiht werden. Im Film Männer, die von der britischen Besatzung auf Pritschenwagen abtransportiert werden – die gleichen Bilder in der Gegenwart in Gaza unter den Händen der israelischen Besatzung. Szenen der Kolonialen Gewalt, die seit rund 100 Jahren das Leben von Palästinenser:innen bedingt – und oft auch beendet. 
Berlin als Festivalort: Hauptstadt des Mittäter:innenlandes 
Neben den grausamen Parallelen zwischen Film und Gegenwart wird den Zuschauer:innen im Saal eine weitere Konstante vor Augen gehalten, die Berlin als Ort für das Festival besonders macht. Auch wenn es im Film nur angedeutet wird, beispielsweise durch den Zoom auf den Ausweis einer neu ankommenden Person mit der Aufschrift „Deutsches Reich”: Deutschland ist mitschuldig. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – nicht nur durch die politische Rückendeckung der israelischen Regierung, sondern auch als zweitgrößter Waffenlieferant für die Kriegsverbrechen ebendieser.
Pascale Fakhry appelliert daher in ihrer Rede: „Lasst uns gemeinsam trauern. Laut, damit diejenigen, die die Waffen liefern, mit denen wir getötet werden, die uns in Länder zurückschicken wollen, die sie aktiv zerstören, und die vorgeben, die Verteidiger der Menschenrechte zu sein, erkennen, was sie uns antun. Lasst uns unsere Verzweiflung zum Ausdruck bringen, damit sie uns wahrnehmen. Und damit sie die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Unser Blut klebt an euren Händen.“ 
Die Verweigerung des Unsichtbarmachens 
Das Spannungsverhältnis zwischen der Zelebrierung von Filmkunst aus WANA, von talentierten Regisseur:innen und Künstler:innen, und die allgegenwärtige Trauer und Schwere angesichts des politischen Kontextes, in dem das ALFILM stattfindet, ist in den Eröffnungsreden spürbar. Und dennoch, wie in den Jahren zuvor, bleibt am Ende die Hoffnung. Geschöpft aus dem Einnehmen von Raum, geschöpft aus dem Zusammenkommen inspirierender Menschen, geschöpft aus dem Gefühl, dass es auch im Angesicht schrecklichster Gewalt weitergeht. Dass noch immer, und gerade deshalb, Geschichten erzählt, Erinnerungen festgehalten und Kunst erschaffen wird. 

„Ich glaube an Kino nach der Katastrophe und inmitten der Katastrophe. Nicht, weil ich denke, dass Filme die Welt verändern oder Völkermorde verhindern können. Aber ich glaube, dass sie das Leben im Angesicht des Todes bewahren“, beschreibt Iskandar Abdalla in seiner Eingangsrede das Gefühl, mit welchem die Zuschauer:innen den Kinosaal verlassen: „Es gibt ein Leben nach dem Tod, und es gibt ein Leben trotz des Todes.“ 
 
 
 
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    <title>In memory of Adel Tartir: A Pioneer of Palestinian Theatre  </title>
    <created>Friday, Mai 8, 2026 - 15:46</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
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    <body>In this tribute, his son celebrates the actor and theatre-maker Adel Tartir’s relentless belief in theatre as liberatory practice­­—a legacy that endures beyond his death.  
With his passing on July 10, 2025, the artist, storyteller, and guardian of the Sandouq El-Adjab (eng.: Wonderbox), Adel Tartir, left a theatrical imprint to preserve and celebrate. For more than half a century, he devoted his life to the theater and laid the founding pillars of the contemporary Palestinian theatre movement. From Al-Saqifa Theatre to Balaleen Troupe, and later the Sandouq El-Ajab Theatre, he believed that genuine, committed theatre—born of and belonging to the people—plays a mobilizing, educational, and liberating role. Tartir understood theatre as an ongoing creative and resistant engagement. He repeated time and again: “We live theatre, we breathe it, we walk it, we dance it, we sleep it.”  
On this occasion, I want to focus not only on the artist but on the man himself, writing as his eldest son, friend, and colleague. Forty years of warmth, passion, love for theatre, hope, determination, creative struggle, and shared pride.  
A lifetime of contributing to Palestinian culture 
In 1980, he wrote, directed, and acted in the first fully Palestinian monodrama, Ras Ros (eng.: Head Heads). The play focused on a garbage collector, played by Adel, who imitated multiple characters on stage representing different segments of society. In contrast to all these people, the garbage collector was working on raising a child, endowing him with the ideal qualities he hoped would bring about revolution, justice, and equality for all.  

He created a unique theatrical school that made Ras Ros one of the most important classics of Palestinian theatre. Other plays by him include al-Atama (eng.: Darkness) and Lamma Injannina (eng.: When We Went Mad), and after it al-Ama wal-Atrash (eng.: The Blind and the Deaf), al-Qubba wan-Nabi (eng.: The Hat and the Prophet), and many more. From suffering, he birthed creativity; from pain, he brought forth hope. 
Additionally, he was also a pioneer of children's theatre by creating the character Abu Al-Ajab, which became the namesake for his new theatrical school. Over the last three decades, he designed, produced, and developed twelve Sandouq El-Ajabs (eng.: wonderboxes) of varying sizes, shapes, and mechanisms to celebrate and tell the Palestinian story. The Sandouq El-Ajabs are intricate apparatuses that have been used as storytelling devices since the beginning of the 19th century. They were particularly present in the Levant region. By using these devices, he served as a guardian of Palestinian storytelling and cultural heritage. 

Memories of a deeply human artist  
Let's start with his heart. It was a heart marked by numerous stents, irregular beats, and leaking valves. A famous doctor even mistakenly attached a stent that never opened, making his ramus artery a frequent topic in his conversations. Despite all this, the warmth and love of his heart were his most beautiful traits—acted upon both on stage and behind the scenes. 
His voice was a melody. His hair and mustache told a story. His rounded belly was both the site of daily insulin injections and a playful target for his grandchildren. For seventeen years, he injected over 1,231 doses of insulin, costing over 104.635 Shekels—around 31.000 US-Dollars—and kept every used needle in a wooden box, intending to use them in his final performance. Truly, he was a brilliant mind.  
He had not finished formal schooling, but he was a school in himself. He had not studied theatre at a fine arts academy, yet he founded several theatrical schools. His library amazed me: he moved from Kafka to Sadallah Wannous to Abdel Latif Aqel to Sharif Kananeh, and beyond—from Maghrebi to Gulf theatre, from Latin American to European theatre. This theatrical library, which revealed itself after his death, made me fall in love with his eyes that had seen all that is pure and beautiful.  
A great loss for the community  
Adel Tartir was born in the village of Rafat, between Jerusalem and Ramallah, in August 1951. He is originally from Al-Lydd, where his family was displaced and ethnically cleansed during the Nakba of 1948 and moved to Ramallah.  
Walking the streets of Ramallah after his passing, I cannot help but wonder: Could it be that all this was a gruelling rehearsal for your crowning performance, my father?
Abu Dawoud is still waiting to sell you your daily newspapers; pharmacist Rola still has your medicines ready; Hanna the greengrocer still has your tomatoes, cucumbers, and local squash; Zaybaq still has your zaatar and sesame; El-Haj and your relatives are still waiting in the carpentry shop; Abu Alaa still waits every Friday with sea bream and mullet; photographer Sami still awaits your forced break; Sameeh the baker and the neighborhood kids are still ready to shout: “Abu Al-Ajab is here!” The street cleaner still waits for your daily “Bless your hands, Ahmad”; Abu Mohammed still expects you to ask about his family in Gaza; the intellectuals at Café Al-Insherah still await your greetings; and we wait for you in your lovely little home, to share your daily rituals.  
His legacy lives on  
I imagine him now, greeting the characters of Ras Ros, checking on his Sandouq El-Ajabs, planting a smile on a child's face. I can see him passionately calling on fellow theatre actors to unite, advocating for a national theatre, an active union. In my memory, he is listening to children before adults: speaking to a little girl in a small village near Hebron or a boy in Jalazone refugee camp and telling stories in Nazareth. I still see him performing, lecturing, and storytelling in Amman, Baghdad, and Tunis–inspiring storytellers from Khartoum, Algiers, and Kuwait. I see all this and beyond, and I adore him for it.
As always, he was ahead of us in vision—like Naji al-Ali's Handala drawing, facing a tomorrow that had yet to come. Was it coincidence that Naji al-Ali's poster adorned his workshop, and that he carved Handala in oak alongside Abu Al-Ajab? He prepared for his departure, directing his final performance: bidding farewell to friends, taking his usual walk, planting a grapevine at his door, bringing out his Sandouq El-Ajabs for exhibition, buying my mother a full kilo of the sesame she loves, dreaming of returning to his city of Al-Lydd, singing: “I vow to you, my home, if we return as we were, I will plant you and adorn you with dates and henna, oh my father.”  
Adel Tartir departed assured that his legacy is safe and left with a smile. He closed his eyes peacefully, whispering to me as I laid beside him, holding the hand I loved and kissing his broad forehead: “Don't forget, my son—our life is theatre, and theatre is our life.”   
Adel Tartir was not only my father; he was truly the father of the Palestinian theatre.    
 
A longer version of this piece was originally published in Arabic in  Majallat al-Dirasat al-Filastiniyya, and in English in the Blog of the Institute of Palestine Studies. Dis:orient is publishing an edited version with the kind permission of the author.  
 
 
 
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    <nid>7713</nid>
    <title>Gedenken an Adel Tartir: Pionier des palästinensischen Theaters </title>
    <created>Thursday, Mai 7, 2026 - 15:31</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/gedenken-adel-tartir-pionier-des-palaestinensischen-theaters</path>
    <body>In diesem Nachruf ehrt der Sohn des Schauspielers und Theatermachers Adel Tartir dessen Glauben an die befreiende Kraft des Theaters – ein Vermächtnis, das über seinen Tod hinaus wirkt.  
Read this text in English: In memory of Adel Tartir: A Pioneer of Palestinian Theatre.
Mit seinem Tod am 10. Juli 2025 hinterließ der Künstler, Geschichtenerzähler und Hüter der Sanduk El-Adschab (dt.: Wunderbox), Adel Tartir, ein historisches Theatervermächtnis, das es zu bewahren und zu würdigen gilt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang widmete er sein Leben dem Theater und legte damit den Grundstein für die zeitgenössische palästinensische Theaterbewegung. Vom Al-Sakifa-Theater über die Balaleen-Truppe bis hin zum späteren Sanduk El-Adschab-Theater: Tartir war davon überzeugt, dass authentisches Theater – aus dem Leben der Menschen kommend und zu ihnen gehörend – eine mobilisierende, bildende und befreiende Rolle innehat. Er verstand Theater als fortwährendes kreatives und widerständiges Engagement. Immer wieder betonte er: „Wir leben Theater: Wenn wir atmen, wenn wir gehen, wenn wir tanzen, wenn wir schlafen.“  
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen selbst in den Vordergrund zu rücken. Ich schreibe als sein ältester Sohn, Freund und Kollege. Und ich blicke zurück auf vierzig Jahre voller Herzlichkeit, Leidenschaft, Liebe zum Theater, Hoffnung, Entschlossenheit, kreativer Auseinandersetzung und geteiltem Stolz.  
Ein Lebenswerk im Dienste der palästinensischen Kultur 
Im Jahr 1980 schrieb, inszenierte und spielte Adel Tartir das erste palästinensische Monodrama Ras Ros (dt.: Köpfe). Im Mittelpunkt des Stücks stand ein Müllmann, gespielt von ihm selbst, der auf der Bühne verschiedene Charaktere verkörperte. Sie repräsentierten die unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft. Der Müllmann widmete sich der Erziehung eines Kindes und vermittelte ihm, im Gegensatz zu all den gespielten Charakteren, ideale Eigenschaften, von denen er hoffte, dass sie Revolution, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle herbeiführen könnten. 

Er schuf damit eine einzigartige Theaterschule, die Ras Ros zu einem der wichtigsten Klassiker des palästinensischen Theaters machte. Zu seinen weiteren Stücken gehören al-Atama (dt.: Dunkelheit) und Lamma Injannina (dt.: Als wir verrückt wurden), gefolgt von al-Ama wal-Atrash (dt.: Der Blinde und der Taube), al-Qubba wan-Nabi (dt.: Der Hut und der Prophet) und vielen anderen. Leid verwandelte er in Kreativität; aus Schmerz brachte er Hoffnung hervor. 
Darüber hinaus war er ein Pionier des Kindertheaters. Er schuf die Figur Abu Al-Adschab, die seiner neuen Theaterschule ihren Namen gab. Über drei Jahrzehnte entwarf, produzierte und entwickelte er zwölf Sanduk El-Adschabs in unterschiedlichen Größen, Formen und mit verschiedenen Mechanismen, um die palästinensische Geschichte zu erzählen und zu zelebrieren. Die Sanduk El-Adschabs sind komplexe Vorrichtungen, die in der Region bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts für das Geschichtenerzählen verwendet werden. Indem er sich diese Geräte zu eigen machte, fungierte er als Hüter der palästinensischen Erzähltradition und des Kulturerbes. 

Erinnerungen an einen zutiefst menschlichen Künstler  
Beginnen wir mit seinem Herzen. Ein Herz, das von zahlreichen Gefäßprothesen, Herzrhythmusstörungen und undichten Herzklappen gezeichnet war. Ein berühmter Arzt setzte ihm einst versehentlich eine Gefäßprpthese ein, die sich nie öffnete. Dadurch wurde seine Ramus-Arterie zu einem häufigen Gesprächsthema. Trotz alledem waren die Wärme und die Liebe seines Herzens seine schönsten Eigenschaften – die er sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen zum Ausdruck brachte. 
Seine Stimme war eine Melodie. Sein Haar und sein Schnurrbart erzählten eine Geschichte. Sein rundlicher Bauch war sowohl der Ort für die täglichen Insulininjektionen als auch ein spielerisches Angriffsziel für seine Enkelkinder. Siebzehn Jahre lang spritzte er sich über 1.231 Dosen Insulin, was ihn über 104.635 Schekel – etwa 31.000 US-Dollar – kostete. Er bewahrte jede gebrauchte Nadel in einer Holzkiste auf, um sie für eine letzte Performance nutzen zu können. Er war wahrlich ein brillanter Geist.  
Eine formale Schulausbildung hat er nie abgeschlossen, doch er war eine Schule in sich selbst. Auch ohne ein Theaterstudium gründete er mehrere Theaterschulen. Auch seine private literarische Sammlung beeindruckte mich zutiefst: Sie reichte von Kafka über Sadallah Wannous und Abdel Latif Akel bis hin zu Sharif Kananeh und darüber hinaus – vom Theater des Maghreb bis zu den Golfstaaten, vom lateinamerikanischen zum europäischen Theater. Diese Theaterbibliothek, die sich mir nach seinem Tod offenbarte, ließ mich seine Augen noch mehr lieben, die so viel Schönes gesehen hatten.  
Ein großer Verlust für die Gemeinschaft  
 Adel Tartir wurde im August 1951 in dem Dorf Rafat zwischen Jerusalem und Ramallah geboren. Seine Familie stammt ursprünglich aus al-Lydd, von wo sie jedoch während der ethnischen Säuberungen im Zuge der Nakba 1948 vertrieben wurde. 
Als ich nach seinem Tod die Straßen von Ramallah entlanglief, fragte ich mich unweigerlich: War all dies eine zermürbende Probe für deinen krönenden Auftritt, mein Vater?  
Abu Dawoud wartet immer noch darauf, dir deine Tageszeitungen zu verkaufen. Apothekerin Rola hält immer noch deine Medikamente bereit. Hanna, der Gemüsehändler, verkauft immer noch deine Tomaten, Gurken und den lokalen Kürbis. Zaybaq führt immer noch dein Zaatar und Sesam. El-Haj und deine Verwandten warten immer noch in der Tischlerei. Abu Alaa wartet immer noch jeden Freitag mit dem Fisch. Fotograf Sami wartet immer noch auf eure gemeinsame Pause. Bäcker Sameeh und die Kinder aus der Nachbarschaft stehen immer noch bereit um: „Abu Al-Adschab ist da!“ zu rufen. Der Straßenkehrer wartet immer noch auf dein tägliches „Gott segne deine Hände, Ahmad“. Abu Mohammed erwartet immer noch, dass du nach seiner Familie in Gaza fragst. Die Intellektuellen im Café Al-Insherah warten immer noch auf deine Grüße. Und wir warten noch immer auf dich in deinem schönen kleinen Zuhause, um die täglichen Rituale mit dir zu teilen.  
Sein Vermächtnis lebt weiter  
Heute stelle ich mir vor, wie er die Figuren von Ras Ros begrüßt, nach seinen Sanduk El-Adschabs sieht und einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich sehe ihn vor mir, wie er seine Theaterkolleg:innen leidenschaftlich zur Einheit aufruft und sich für ein Nationaltheater mit einer aktiven Gewerkschaft einsetzt.  
In meiner Erinnerung hört er Kindern mehr zu als den Erwachsenen: Er spricht mit einem kleinen Mädchen in einem Dorf nahe Hebron, einem Jungen im Flüchtlingslager Jalazone oder erzählt Geschichten in Nazareth. Ich sehe ihn noch immer auftreten, Vorträge halten und Geschichten erzählen: In Amman, Bagdad und Tunis. Ich sehe, wie er damit Geschichtenerzähler:innen aus Khartum, Algier und Kuwait inspiriert. Ich sehe all das und noch viel mehr und ich verehre ihn dafür.  
Wie immer war er uns in seiner Weitsicht voraus – wie Naji al-Alis Handala-Zeichnung, die einem Morgen entgegenblickt, der erst noch anbrechen muss. War es Zufall, dass Naji al-Alis Plakat seine Werkstatt schmückte und dass er Handala neben Abu Al-Adschab ins Eichenholz schnitzte?  
Er bereitete sich auf seinen Abschied vor und inszenierte seine letzte Aufführung: Er verabschiedete sich von Freund:innen, machte seinen üblichen Spaziergang, pflanzte eine Weinrebe vor seiner Tür, holte seine Sanduk El-Adschabs für eine Ausstellung hervor, kaufte meiner Mutter ein ganzes Kilo Sesam, den sie so liebt. Er träumte davon, in seine Stadt al-Lydd zurückzukehren, und sang: „Ich schwöre dir, meine Heimat, wenn wir so zurückkehren, wie wir waren, werde ich dich bepflanzen und dich mit Datteln und Henna schmücken, oh mein Vater.“  
Adel Tartir ging in der Gewissheit, dass sein Vermächtnis in guten Händen ist, und verließ uns mit einem Lächeln. Er schloss friedlich die Augen.  Und als ich neben ihm lag, seine geliebte Hand hielt und seine breite Stirn küsste, flüsterte er mir zu: „Vergiss nicht, mein Sohn, unser Leben ist Theater, und Theater ist unser Leben.“  
Adel Tartir war nicht nur mein Vater, er war auch der Vater des palästinensischen Theaters.  
 
Die ungekürzte Originalversion dieses Textes erschien in Majallat al-Dirasat al-Filastiniyya auf Arabisch, und in englischer Übersetzung auf dem Blog des Institute of Palestine Studies. Dis:orient veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors eine bearbeitete und übersetzte Fassung.  
 
 
 
 
 
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    <title>Warum der Krieg gegen die Hisbollah den Libanon nicht rettet</title>
    <created>Wednesday, Mai 6, 2026 - 18:36</created>
    <location>Libanon</location>
    <name>stokke</name>
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    <body>Seit Oktober 2023 bombardiert Israel den Libanon und untermauert damit erneut die Legitimation der Hisbollah. Weder militärischer Druck noch Verhandlungen stabilisieren das Land. Die Wurzel der Krise liegt im politischen System selbst.
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar wirkte sich unweigerlich auf den Libanon aus: Nach 15 Monaten einseitiger Einhaltung des Waffenstillstands schoss die Hisbollah erstmals wieder Raketen auf Israel. Während diese vom israelischen Raketenabwehrsystem abgefangen wurden ohne Opfer zu fordern, bombardiert Israel seitdem massiv den Süden des Landes und den Beiruter Vorort Dahija. Mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. Nach etwa fünf Wochen handelten Iran und die USA einen Waffenstillstand aus, der am 8. April in Kraft trat. Anstatt diesen jedoch auf den Libanon auszuweiten, führte die israelische Armee ihre Angriffe fort und flog innerhalb weniger Minuten rund 100 Luftangriffe. Dabei wurden über 300 Menschen getötet.
Erst nach diesem Massaker erklärte Israel seine Verhandlungsbereitschaft – mehr als einen Monat zu spät für den Libanon. Denn fünf Wochen Krieg haben die politische Lage im Land grundlegend verändert. Noch Anfang März hatte die libanesische Regierung die militärische Aktivität der Hisbollah verboten und Israel direkte Verhandlungen angeboten. Selbst der schiitische Minister der Partei Amal hatte diesen Schritt mitgetragen, da die Hisbollah ohne Absprache gehandelt hatte. Die Bereitschaft, gemeinsam gegen die Miliz vorzugehen, um einen neuen Krieg zu vermeiden, war eine einzigartige historische Chance.
Die anhaltenden israelischen Bombardements haben diesen Konsens zerstört. In der schiitischen Gemeinschaft im Libanon hat sich die Stimmung erneut zugunsten der Hisbollah und des iranischen Regimes gedreht, welches in den letzten Monaten des Krieges eine große Resilienz gezeigt hat. Als am zehnten April Vertreter:innen des Libanon und Israels erstmals direkt in Washington zusammentrafen, löste dies Proteste in Beirut aus: Hunderte demonstrierten mit den Flaggen von Hisbollah und Amal vor dem Amtssitz von Premierminister Nawaf Salam und bezeichneten ihn als Verräter und Zionisten. Beide Parteien lehnen direkte Verhandlungen ohne den breiten Konsens einer Mehrheit von Libanes:innen ab und verstehen diese als Kapitulation. Solch eine Einheit ist allerdings unrealistisch, da die Hisbollah in den letzten 20 Jahren mehrmals eigenmächtig gehandelt hat, wodurch sie die Bildung eines breiten Konsenses im Libanon regelmäßig erschwert hat.
Angst vor ethnischer Säuberung 
Währenddessen treiben die Drohungen israelischer Minister über territoriale Annexion und Zerstörung nach dem Gaza-Modell die schiitische Gemeinschaft weiter hinter die Hisbollah. Die Einrichtung der gelben Linie im Süden des Libanons und die weitere Zerstörung von Häusern in der “Pufferzone” – trotz des vermeintlichen Waffenstillstands – machen aus diesen Bedrohungen Realität. Den Menschen dort bleibt nichts anderes übrig als zu fliehen oder zu hoffen, dass die Gegenwehr der Hisbollah etwas gegen ihre Ohnmacht bewirken kann. 
In einem multikonfessionellen Land, in dem Identitäten in politischen Machtkämpfen immer wieder instrumentalisiert werden, lebt jede Gemeinschaft in ständiger Angst von der anderen. Die Hisbollah inszeniert sich seit den 1980er Jahren als Beschützerin für die historisch benachteiligte schiitische Bevölkerung in der Peripherie des Landes – ein Versprechen, nie wieder als Minderheit im Islam schutzlos dazustehen.
Zudem bewirkt jede gezielte Tötung weiterer schiitischer Führungsfiguren – wie die von Ali Khamenei und Hassan Nasrallah – eine Reproduktion des schiitischen Gründungsmythos des Karbala-Traumas. Die Schlacht von Karbala im Jahr 680, in der Imam Hussein, Enkel des Propheten Muhammad, von der Umayyaden-Armee getötet wurde, ist ein zentrales Narrativ im schiitischen Islam, in welches sich historische und aktuelle Erfahrungen von Unterdrückung und ethnischen Säuberungen in mehreren arabischen Ländern einreihen. In der Gegenwart verstärken sich solche Ängste bei Schiit:innen, da die libanesische Regierung ihnen keinen Schutz bieten kann.
Kein Vertrauen in die Regierung und die Armee
Der libanesische Staat ist durch das Versagen der politischen Elite, darunter auch die Hisbollah, seit 2019 fast zerfallen. Da der Staat seine Bürger:innen seit Ende des Bürgerkriegs 1990 noch immer nicht adäquat versorgen kann, sucht jede Bevölkerungsgruppe Unterstützung bei den jeweiligen konfessionellen Parteien im Land und bei Verbündeten in der Region. Dabei hat sich nicht nur die Hisbollah an den Iran gebunden. Christlichen Parteien im Libanon konnten historisch Frankreich an ihrer Seite wissen, während ein Teil von ihnen während des libanesischen Bürgerkriegs sogar Schutz bei Israel suchte.
Eine weitere Herausforderung für die libanesische Regierung ist das Dilemma der eigenen Armee, welche seit Jahren jede Konfrontation mit Israel oder der Hisbollah meidet. Ihre Führung weiß, dass ein solches Vorgehen einem institutionellen Selbstmord gleichkäme: Die Armee ist unterfinanziert, schlecht ausgerüstet, und rekrutiert sich zu rund 30 Prozent aus der schiitischen Gemeinschaft. Daher herrscht Sorge, dass ein Vorgehen gegen die Hisbollah die Armee entlang konfessioneller Linien spalten würde – so wie es bereits während des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 geschah.
Gewalt als politisches Mittel
Der libanesische Staat steht im Umgang mit der Hisbollah vor zahlreichen Herausforderungen. Während Hisbollah-Führungsfiguren der Regierung von Salam seit der neuen Eskalation einen Sturz der Regierung nach Kriegsende androht, kündigt auch der iranische  Premierminister Salam Konsequenzen an, sollte die libanesische Regierung Verhandlungen mit Israel aufnehmen. Das weckt Erinnerungen an Szenarien wie im Jahr 2005, als die politischen Figuren, die gegen die Hisbollah und ihre damaligen Unterstützer des syrischen Assad-Regimes kämpften, gezielten Attentaten zum Opfer fielen.
Der Verdacht dabei fiel stets auf die Hisbollah – die als einzige Akteurin im Libanon, über einen so umfassenden Sicherheits- und Militärapparat verfügt, der zu einer solchen Attentatsserie fähig wäre. Ermittlungen verliefen jedes Mal im Sand: Vom Mord an Premierminister Rafik Hariri im Jahr 2005 bis hin zur Tötung des schiitischen Aktivisten Lokman Slim im Jahr 2021. Kein Verantwortlicher wurde je zur Rechenschaft gezogen, obwohl ein Sondertribunal der Vereinten Nationen zwei Hisbollah-Mitglieder im Fall Hariri angeklagt hatte. Dasselbe Muster zeigte sich nach der Hafenexplosion in Beirut, als die Hisbollah den zuständigen Richter bedrohte und dadurch die Untersuchung blockierte.
Der andauernde Krieg dürfte diese Kultur der Straflosigkeit weiter verstärken. Gleichzeitig führt Israel seit 2023 Attentate auf Führungsfiguren der Hisbollah durch, setzt völkerrechtlich verbotene Phosphorbomben ein, greift UN-Blauhelmsoldaten, Rettungskräfte, Journalist:innen sowie zivile Infrastruktur an und zerstört ganze Dörfer – alles ohne Konsequenzen.
Die finanzielle und humanitäre Lage entscheidet
Die Legitimität der Hisbollah in der schiitischen Gemeinschaft gründet sich jedoch nicht nur auf deren Ideologie, sondern auch auf konkreten wirtschaftlichen Vorteilen für die Bevölkerung. Seit 40 Jahren kompensiert die Partei durch den Aufbau von Schulen, Banken und Wohlfahrtsorganisationen die Schwäche des Staates. Gleichzeitig reichen ihre illegalen Aktivitäten bis nach Europa und bilden dabei – von Geldwäsche bis zu Captagon-Handel –kriminelle transnationale Wirtschaftsnetzwerke.
Die Hisbollah war nach jedem Krieg im Libanon stets aktiv am Wiederaufbau beteiligt: Als die Finanzkrise 2019 das Land weiter in die Armut stürzte, ersetzte die Hisbollah das kollabierte Bankensystem und band ihre Wähler:innenschaft durch soziale Hilfen an sich. Der Staat kann im Vergleich dazu heute nicht einmal die Kriegsvertriebenen versorgen und versinkt seit Ende des Bürgerkriegs zunehmend in Korruption.
Eine Lösung bleibt utopisch
Mit dem aktuellen israelischen Plan, die Hisbollah militärisch zu besiegen, sind die Chancen auf eine akzeptable Lösung für alle Konfessionen im Libanon gering. Sollte die libanesische Regierung direkte Verhandlungen mit Israel ohne die Zustimmung der schiitischen Gemeinschaft führen, droht ein ähnliches Szenario wie beim Abkommen von 1983. Damals schloss der Libanon mitten im Bürgerkrieg eine Vereinbarung mit Israel über eine Pufferzone im Süden — und annullierte sie wenige Monate später unter syrischem Druck, was die israelische Besatzung des Südlibanons bis zum Jahr 2000 zur Folge hatte.
Gleichzeitig kann der Libanon die humanitäre Katastrophe ohne Verhandlungen nicht mehr lange stemmen. Ein möglicher Ausweg aus dem Teufelskreis, in dem sich das Land seit 1975 befindet, liegt in der Abschaffung des konfessionellen Systems. Sie könnte den Schiit:innen eine politische Kompensation für den Verlust ihrer militärischen Stärke bieten. Obwohl eine solche Reform seit 1990 vorgesehen ist, wird sie jedoch vor allem von den christlichen Parteien blockiert, weil diese befürchten, ihre politischen Privilegien zu verlieren.
Die Abschaffung des politischen Konfessionalismus wird daher nur gelingen, wenn der Staat seiner Bevölkerung politische und soziale Sicherheit bieten kann und damit das Misstrauen zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften überwindet. Dafür müssten sowohl die staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik und Justiz als auch die libanesische Armee gestärkt werden, um die öffentliche Sicherheit zu garantieren und das Vertrauen zwischen den religiösen Gruppen zu fördern. Eine optimale Lösung liegt letztlich nur in einem Friedensprozess für die gesamte Region, in dem Israel das Recht der Palästinenser:innen auf einen eigenen Staat anerkennt und somit jegliche Form von Widerstand überflüssig macht. Die aktuelle Lage bietet dafür jedoch kaum Grund zur Hoffnung.
 
 
 
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    <title>Schrittweiser Zusammenbruch des Mediensystems in Afghanistan</title>
    <created>Sunday, Mai 3, 2026 - 16:32</created>
    <location>Afghanistan</location>
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    <body>Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai rückt die Lage von Journalist:innen aus Afghanistan in den Fokus: Betroffene sprechen über ein gekapertes Mediensystem, ein Klima der Angst und Schreiben als letzte Form des Widerstandes.
In der Nacht des 19. April 2026 sitzt eine Journalistin in einem Zimmer in Islamabad vor ihrem Laptop. Draußen hört sie die pakistanische Polizei, die vor der Räumung von Unterkünften afghanischer Geflüchteter warnen. Doch sie schreibt weiter. Diese Situation steht sinnbildlich für die letzten vier Jahre ihres Lebens: ein Dasein zwischen Flucht, Angst und dem unbeirrten Willen zu berichten.
Khadija Haidari begann ihre journalistische Arbeit im Winter 2022 in Kabul. Die Straßen waren von Schnee bedeckt, doch für sie war die Atmosphäre „dunkler als je zuvor“: „Der Schnee war weiß, aber für mich wirkte alles schwarz.“ Nur wenige Monate zuvor hatten die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen – ein Ereignis, das nicht nur eine politische Wende einleiten sollte, sondern den schrittweisen Zusammenbruch eines Mediensystems.
Der Zerfall eines Fortschritts
Vor 2021 galt Afghanistan trotz Krieg und Unsicherheit als eine der dynamischsten Medienlandschaften der Region. Verschiedenste Fernsehsender, Radiokanäle, Zeitungs- und Online-Medien waren aktiv und Kritik an der politischen Führung war in gewissem Maße möglich. Nach der Rückkehr der Taliban änderte sich diese Struktur jedoch rasch.
In den ersten Monaten nach der Machtübernahme im August 2021 stellten über 40 Prozent der Medien ihre Arbeit ein. Rund zwei Drittel der professionellen Journalist:innen verließen das Feld, und fast 80 Prozent der Journalistinnen verloren ihre Arbeit. Themen wie Frauenrechte oder Regierungskritik verschwanden zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs. Übrig blieb eine Berichterstattung, die häufig offiziellen Narrativen ähnelte.
Auch internationale Indizes bestätigen diese Entwicklung. Im Pressefreiheitsbericht 2025 liegt Afghanistan auf Rang 175 von 180 Ländern. Vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 lag Afghanistan im World Press Freedom Index 2021 noch auf Rang 122 von 180 Ländern.
Schreiben aus der Isolation
Khadija Haidari beschreibt, dass ihre Arbeit aus der Isolation heraus begann, als sie auf das Haus beschränkt war und ihr Alltag nur noch aus dem Blick in den Innenhof bestand. Ihre ersten Texte handelten von alltäglichen Beobachtungen: „Jede Frau, die ich sah, wurde zu einem Thema.“ Zunächst als ein persönlicher Ausdruck von Freiheit, entwickelte sich dies später zu einem Beruf – und schließlich zu einer Bedrohung.
Nach der Schließung der Universitäten für Frauen schrieb sie einen kritischen Artikel. Die Nacht darauf habe sie kaum geschlafen – nicht wegen einer direkten Drohung, sondern wegen der allgemeinen Atmosphäre der Angst: „In einer Situation, in der Menschen sogar Angst haben, einen Kommentar zu schreiben, hatte ich einen Artikel veröffentlicht.“

Weiterschreiben im Exil
Später schrieb sie unter Pseudonym über geheime Mädchenschulen und die Lage der Frauen. Journalistische Arbeit wurde zunehmend zu einer verdeckten und riskanten Tätigkeit. Im April 2024 wurde ihr Haus von den Taliban durchsucht, woraufhin sie überstürzt aus Afghanistan fliehen musste – ohne persönliche Gegenstände, nur mit der Kleidung, die sie trug.
Am 21. April wurde sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern von der pakistanischen Polizei festgenommen und sollte ohne Berücksichtigung der Sicherheitslage nach Afghanistan abgeschoben werden. Nach intensiven Bemühungen gelang es ihr schließlich auszureisen.
Sie schreibt jedoch weiter: „Solange man mir meinen Laptop nicht nimmt, werde ich schreiben.“ Die aktuelle Lage in Afghanistan beschreibt sie als ein „System der vollständigen Informationskontrolle“.
Frauen zwischen Verbot und Kriminalisierung ihrer Stimme
Die Rollen von Frauen im afghanischen Mediensektor werden strukturell ausgelöscht. Laut einem Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte vom März 2026 ist in Provinzen wie Khost nicht nur die Präsenz von Frauen im Fernsehen verboten, sondern auch ihre Stimmen im Radio – selbst in Bildungsprogrammen.
Wo Frauen noch eingeschränkt tätig sind, geschieht dies unter strengen Auflagen. Journalistinnen müssen verhüllt sein, einschließlich dunkler Masken und Gesichtsschleiern, die ihre Identität vollständig verdecken.
Journalismus unter Druck: Repression, Bedrohung und Haft
Seit der Machtübernahme der Taliban wurden hunderte Fälle von Festnahmen dokumentiert. Laut Human Rights Watch treffen Journalist:innen willkürliche Inhaftierungen. Berichte sprechen von Folter, längerer Haft ohne Zugang zu Anwält:innen oder Familienangehörigen sowie erzwungenen Geständnissen in staatsnahen Medien.
Der Jahresbericht des Afghanistan Journalists Center (AFJC) für den Zeitraum vom März 2025 bis März 2026 dokumentiert mindestens 207 Verstöße gegen Medienrechte – ein Anstieg von über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darunter befinden sich zwei Todesfälle, ein Verletzter, 183 Drohungen und 21 Festnahmen.
„Propaganda gegen das System“
Der Journalist Schakib Ahmad Nazari steht exemplarisch für die wachsenden Repressionen gegen Medienschaffende in Afghanistan. Einblick in die persönlichen Auswirkungen dieser Entwicklung gibt Samim Feizi, ein enger Freund Nazaris.
Laut Feizi habe Nazari für internationale Medien gearbeitet, darunter NTV Japan, CNN und India Today, und befinde sich seit über einem Jahr im Gefängnis Bagram. Offiziell werde ihm „Propaganda gegen das System“ vorgeworfen. Sein Umfeld sieht die Gründe jedoch in seiner Berichterstattung über Frauenproteste und die Schließung von Mädchenschulen sowie in seiner Zusammenarbeit mit ausländischen Medien.
„Er hatte schon vor seiner Verhaftung ein Gefühl der Gefahr“, erzählt Feizi „Sogar die Daten auf seinem Telefon hatte er gelöscht.“
Laut Feizi befindet sich die Familie von Nazari seither in einer prekären Lage; seine Ehefrau lebt mit den zwei kleinen Kindern ohne finanzielle Unterstützung. Unter solchen Bedingungen bewegt sich Journalismus in Afghanistan zunehmend in einem Spannungsfeld, in dem die Verbreitung von Informationen mit konkreten Risiken wie Verhaftung, Einschüchterung und Repression einhergeht.
Feizi, der nach der Inhaftierung seines Freundes aus Afghanistan fliehen musste, betont, dass selbst Aktivitäten in sozialen Netzwerken sicherheitsrelevante Konsequenzen haben können und der Begriff der Neutralität faktisch verschwunden ist. Damit meint er, dass bereits scheinbar unpolitische Äußerungen als Positionierung gewertet werden können und Journalist:innen dadurch einem erhöhten Risiko von Repressionen ausgesetzt sind.
Strukturelle Kontrolle des Mediensystems
Medien in Afghanistan unterliegen heute detaillierten Vorgaben. In einigen Regionen muss jede Veröffentlichung vorab genehmigt werden. Pressefreiheit wird nicht nur eingeschränkt, sondern das gesamte Informationssystem strukturell kontrolliert.
Ein zentraler Einschnitt ist das Verbot der Darstellung „lebender Wesen“ gemäß Artikel 17 des Gesetzes zur Förderung der Tugend. Laut AFJC wird dieses Verbot in 25 von 34 Provinzen vollständig umgesetzt. Fernsehsender wurden dadurch massiv eingeschränkt oder in reine Audio- bzw. Textformate umgewandelt.
In Regionen wie Kandahar, Helmand, Takhar und Herat bestehen Fernsehinhalte heute oft nur noch aus Naturbildern oder Texten ohne Menschen. Fernsehen verliert damit seine visuelle Funktion und wird zu einem stark reduzierten Medium.
Die Lücke zwischen Feld und Bericht
Sanjar Suhail, Träger des Emmy Journalism Award und Eigentümer der Zeitung „Hasht-e Subh“, sieht die Entwicklung als Ergebnis langfristiger globaler Prozesse. Eine Überbetonung von Sicherheit habe weltweit dazu geführt, dass humanitäre Bereiche – etwa in der Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik – zunehmend an Bedeutung verloren haben. Auch internationale Politik habe durch strategische Entscheidungen, etwa militärische Interventionen und geopolitische Prioritätensetzung, indirekt zur heutigen Lage beigetragen.
Er weist darauf hin, dass viele Journalist:innen heute aus dem Exil in Pakistan, Iran oder Europa arbeiten. Exilmedien stünden dabei vor dem Problem eines schleichenden Realitätsverlusts, da der fehlende Zugang zu Quellen und die geografische Distanz zu einer wachsenden Kluft zwischen Ereignis und Berichterstattung führten.
Zudem betont er, dass sich der Mediensektor auch wirtschaftlich in einer tiefen Krise befinde. Entweder bleibe internationale Unterstützung aus oder Werbeeinnahmen fehlten, sodass vielen unabhängigen Medien nur die Schließung oder das Exil als einzige Optionen blieben.
Überleben, Exil und Widerstand
In Afghanistan bestimmt ein enges Geflecht formaler und informeller Vorgaben die Medienarbeit. Inhalte müssen sich konsequent an offiziellen Linien orientieren, sensible Themen werden systematisch ausgeblendet. Nachrichten weichen zunehmend der Logik der „kontrollierten Erzählung“.
In diesem tiefgreifend umgebauten Informationssystem ist Journalismus kein gewöhnlicher Beruf mehr, sondern eine riskante Praxis an der Schnittstelle von Überleben, Exil und Widerstand.
 
 
 
 
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    <nid>7706</nid>
    <title>Iranische Diaspora: Die stille Trauer, ein „Wir“ zu verlieren</title>
    <created>Tuesday, April 28, 2026 - 21:38</created>
    <location>Iran, Deutschland</location>
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    <body>Der Krieg spaltet: Während ihn Monarchist:innen feiern, rechtfertigen andere ihn als Widerstand gegen den Imperialismus. Ein persönlicher Blick auf Zugehörigkeit, Protest und verlorene Solidarität im Exil. 
Read this text in English: Iranian diaspora: The quiet grief of losing a "We"
Als iranische Feministin, die sowohl an pro-palästinensischen als auch pro-kurdischen Demonstrationen in Deutschland teilnahm, weiß ich, dass sich politische Kämpfe, historische Kontexte und Formen der Gewalt gerade aus einer geopolitischen Perspektive nicht immer eindeutig zuordnen lassen. Dennoch schmerzt es mich zu sehen, wie die Sprache des Widerstands von Menschen vereinnahmt wird, die sich hinter einen Staat stellen, der die eigene Bevölkerung negiert.
„So ist Krieg. Er tötet nicht nur Menschen oder zerstört Infrastruktur. Er zerreißt Beziehungen, löst Gemeinschaften auf und verschiebt Grenzen“, sagte Sally zu mir – meine Online-Freundin aus den USA. In meinen Jahren im Exil hatte ich das Glück, eine virtuelle Heimat mit Feminist:innen, Aktivist:innen und Mitstreiter:innen auf der ganzen Welt zu teilen. Aber selbst dieser Zufluchtsort fühlt sich brüchig an – verschärft durch den Blackout in Iran, der uns von unseren Angehörigen und Freund:innen in einem vom Krieg geplagten Land trennt.
Als iranische Frau im Exil kann ich nur aus der Ferne zusehen, wie die USA und Israel nicht nur Städte, Infrastruktur und Energieversorgung Irans bombardieren, sondern auch das kulturelle Erbe: die Paläste Chehel Sotoun und Ali Qapu, die Masdsched-e Dschameh Moschee in Isfahan, den Golestan-Palast in Teheran und die Burg Falak-ol-Aflak in Lorestan. Diese Jahrhunderte alten Bauwerke werden unter den Augen ungläubiger, wütender und hilfloser Menschen zu „Kollateralschäden“.
Gespaltene Diaspora
Bereits vor Beginn des Krieges war die iranische Diaspora polarisiert – getrennt durch Politik, Ideologie und Erinnerungskultur. Der Angriff auf Iran hat diese Spaltungen vertieft und soziale Netzwerke in einen umkämpften Raum verwandelt. 
Stimmen wie die von Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, die die USA und Israel zur Intervention aufforderten, um das Regime der Islamischen Republik zu stürzen, wurden lauter. Andere plädieren für die Verteidigung des Regimes, das Raketen in Richtung USA und Israel abfeuert, als einzigen Weg, den Widerstand Irans aufrechtzuerhalten.
Jede kritische Haltung wird unterdrückt. Wer sich gegen die zerstörerischen Folgen des Krieges ausspricht, wird als Unterstützer:in des Regimes angesehen. Viele Linke, darunter auch solche, die für ihre Überzeugungen jahrelang Gefängnis und Folter erdulden mussten, werden zum Schweigen gebracht oder der Komplizenschaft bezichtigt.
Die iranische Diaspora hat sich gegenseitig im Blick – ohne dabei das Schicksal der Menschen in Iran mitbestimmen zu können. Welchen Einfluss haben wir? Was bleibt von der Solidarität innerhalb der Diaspora? Ein fragiles „Wir“, das gemeinsam gegen den israelischen Genozid in Gaza stand, gegen das lautstarke Schweigen der Welt über das Schicksal der Palästinenser:innen, Libanes:innen und Syrer:innen. Das „Wir“ zerbrach zuerst an den gegensätzlichen Positionen zu den Massakern an der iranischen Bevölkerung Anfang Januar. Die Gräben haben sich durch Krieg, durch Schweigen und durch Haltungen, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, weiter vertieft.
Bilder aus der Heimat
In den letzten drei Monaten habe ich Videos von Eltern gesehen, die auf den Gräbern ihrer bei den Protesten Anfang Januar diesen Jahres getöteten Kindern tanzten – aus Widerstand gegen das erzwungene Schweigen. Videos von Familien, die die mehr als 150 getöteten Schulmädchen in Minab an der Straße von Hormus betrauern – getötet durch einen US-amerikanischen Raketenangriff. Videos, wie Menschen im ganzen Land aus Trümmern geborgen werden. Trauer kommt immer wieder zurück und richtet sich nicht nach politischen Gewissheiten.
In der Zwischenzeit, außerhalb Irans, tanzen einige und skandieren „Trump, wir lieben dich“. Während sie die Fahne Israels schwenkten, beleidigten sie die Unterstützer:innen der islamischen Republik, um sie einzuschüchtern. Reza Pahlavi, selbsternannter Anführer des Regimewechsels, sprach den Familien der drei im Krieg getöteten amerikanischen Soldaten sein Beileid aus, nicht jedoch den Familien der Zivilist:innen.
Gleichzeitig kehren andere nach Iran zurück, um sich dem anzuschließen, was sie „Widerstand“ nennen. Manche stellen Videos aus Teheran ins Internet, obwohl Krieg und Blackout weiter andauern. Eine Frau, die am Al-Quds-Tag – einer jährlich vom Staat organisierten Demonstration zur Unterstützung Palästinas – eine Kufiya, aber keinen Hidschab trug, sagte auf Englisch gegenüber den staatlichen Medien: „Sie haben unser Land angegriffen, und wir werden es für sie zu IsraHell machen.“
Die Illusion der Veränderung von Innen
Auch ich nahm zu meiner Überraschung an einer Kundgebung zum Al-Quds-Tag teil. Es war das Jahr 2009, während der Massenproteste, die als Grüne Bewegung bekannt wurden. Millionen Iraner:innen gingen nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl auf die Straße. Bei dieser Kundgebung zum Al-Quds-Tag trug ich ein grünes Armband und skandierte den Namen von Mir Hossein Mussawi, dem Oppositionskandidaten, von dem viele glaubten, er habe gewonnen. Wie viele andere nahm ich an einer staatlich geförderten, religiösen Demonstration teil, die ich sonst gemieden hätte. Der einzige Grund war, dass sie einen der wenigen Räume bot, in denen Dissens noch geäußert werden konnte. Es war ein Moment, in dem die Menschen ihre üblichen Grenzen und Überzeugungen beiseite schoben, um gesehen und gehört zu werden.

Derselbe Pragmatismus zeigte sich in der Unterstützung Mussawis. Als letzter Premierminister von Iran war er zum Ende der 1980er Jahre im Amt, als tausende Genossen meiner Eltern hingerichtet wurden und das Land unter dem ersten Golfkrieg litt. Trotzdem stellten sich 2009 zahlreiche Menschen hinter ihn als Träger des Wandels. Ihn zu unterstützen bedeutete, über eine Vergangenheit hinwegzusehen, die ihn unter anderen Umständen inakzeptabel gemacht hätte. Seit Februar 2011 steht er zusammen mit seiner Frau unter Hausarrest. Immer wieder erforderte der Wunsch nach politischer Teilhabe unsichere Bündnisse – Entscheidungen, die weniger von Überzeugung als von den begrenzten, sich wandelnden Möglichkeiten des Widerstands geprägt waren.
Angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen und politischen Lage folgten mehrere Protestwellen aufeinander, und mit jeder einzelnen gingen nicht nur Leben verloren, sondern ein Stück des Glaubens daran, dass Veränderung von innen möglich ist. Ich habe all das die letzten acht Jahre aus der Ferne in Deutschland beobachtet, da ich aufgrund meines Aktivismus in den „Frauen, Leben, Freiheit“-Protesten nicht zurückkehren konnte. Die Entfernung war nie eine Entscheidung – sie wurde mir aufgezwungen. Mit der Zeit fand ich jedoch Menschen in der iranischen Diaspora, die meine Überzeugungen teilten: die Leidenschaft für Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde. Der Krieg hat mich an den Schmerz der Trennung von einem Ort erinnert – aber auch an das Leid, das durch die fehlende Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entsteht. 
Die unmögliche Heimat
Iran ist kein Land, in das ich zurückkehren und von dem ich mich halten lassen kann. Ja, es gab Orte: Chehel Sotoun, Bisotun. Graffiti. Geschichten. Die Wege zu unmarkierten Gräbern. Aber reicht das aus, damit es mein Land ist?
Ich denke an all die Momente, in denen Frauen versuchten, einer Patrouille zu entkommen, nur weil eine Haarsträhne zu sehen war – noch bevor Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der „Sittenpolizei“ ums Leben kam. Und ebenso daran, wie Frauen ohne Hidschab mit der iranischen Flagge und Fotos der Staatsführer gezeigt werden, um zu verdeutlichen, wie moderat und liberal der Staat ist. Das sind die Umstände, die die „Heimat“ geprägt haben, lange bevor der Krieg begann. Aber wie kann man einen Ort als seine Heimat bezeichnen, wenn die eigenen Angehörigen und Freund:innen wegen solchen Bagatellen wie Kriminelle auf den Straßen verfolgt werden?

Die islamische Republik hat mich und viele andere bereits von diesem Land entfremdet. Und jetzt verbindet sie im Duktus des Krieges das Schicksal der Menschen und des Landes mit dem eigenen Überleben – während andere aus der Ferne im Namen der Freiheit zur Zerstörung aufrufen. Zur gleichen Zeit fallen US-amerikanische und israelische Bomben auf Iran.
Verweigerung statt eindeutiger Positionierung
Sogar die Idee ein Land als „unseres“ anzusehen, beginnt sich wie ein Privileg anzufühlen – eines, dass nicht jedem von uns zufällt. Die Massaker von Januar 2026 zu ignorieren – die Jahrzehnte der Repression, der Inhaftierungen und des zwanghaften Schweigens nicht erst zu erwähnen – und sich hinter diesen Staat zu stellen, ob im Namen der Verteidigung Irans oder des Widerstandes gegen den Imperialismus: Es bedeutet, sich von dem Leben und der Würde abzuwenden, die diese Verteidigung angeblich beschützen will.
Bomben befreien diese Straßen nicht. Sanktionen beschützen diese Leben nicht. Regime, die durch Angst herrschen, verkörpern nicht die Menschen, die sie angeblich verteidigen.
Was bleibt, ist keine eindeutige Positionierung, sondern Verweigerung:
Verweigerung des Kriegs im Namen der Befreiung,
Verweigerung des Massakers,
Verweigerung eines Regimes, das schon lange die Würde der eigenen Menschen verachtet,
Verweigerung von Sanktionen, die diejenigen ersticken, die ohnehin am Rande ihrer Existenz stehen,
Und vielleicht auch die stille Trauer, ein „Wir“ zu verlieren, das einst möglich erschien.
 
 

 
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    <title>Iranian diaspora: The quiet grief of losing a &quot;We&quot;</title>
    <created>Tuesday, April 28, 2026 - 19:32</created>
    <location>Iran, Deutschland</location>
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    <path>https://disorient.de/magazin/iranian-diaspora-quiet-grief-losing-we</path>
    <body>War is fracturing: While monarchists cheer for it, others defend the war in the name of defending the homeland and resisting imperialism. A personal reckoning with belonging, resistance, and lost solidarity in exile.  
As an Iranian feminist who has stood in both pro-Palestinian and pro-Kurdish rallies in Germany, I know causes, histories, and forms of violence might refuse to align neatly when seen through geopolitical lens. Yet watching the language of resistance claimed by people who stand behind a state that denies it to its own people has proven hard to bear. 
“This is what war is—it doesn’t just kill people or destroy infrastructure. It ruins connections, dissolves communities, and shifts borders”, said Sally—my internet friend living in the US. Over the years in exile, I have been blessed with sharing a virtual home with feminists, activists, and co-visionaries across the world. Even that fragile refuge feels fractured, made more painful by the internet blackout in Iran, which has already cut us off from our loved ones in a country now being bombarded by war.
As the U.S.-Israeli military campaign continues to bombard Iran—its cities, infrastructure and energy lifelines, and its cultural heritage—I watch from afar, as an Iranian woman. The 17th‑century Chehel Sotoun Palace, Ali Qapu Palace, Masjed‑e Jameh mosque in Isfahan, the Golestan Palace in Tehran, and Falak‑ol‑Aflak Castle in Lorestan. These centuries-old monuments have become “collateral damage” in a conflict, as many watch in disbelief, rage, and hopelessness.
Divisions in the Diaspora 
The Iranian diaspora was already deeply polarized before the war began—divided by politics, ideology, and memory. The U.S.-Israel war against Iran has only widened this schism, turning social networks into a contested and fractured space.
Some, including the son of Iran's last Shah, Reza Pahlavi has urged the U.S. and Israel to militarily intervene to hasten the fall of the regime; others argue that in order to uphold Iran’s resistance one has no choice but to defend the Islamic regime which is launching missiles toward Israel and U.S. bases across the region. 
Any critical position is erased. To speak against the destruction of the war is treated as support for the regime. Many leftists, including those who endured years of prison and torture for their beliefs, are silenced or accused of complicity. 
Iranians in the diaspora watch one another—who is sliding toward the regime, who celebrates war—while having no say in the fate of those inside Iran. What agency do we have? What remains of Diaspora Solidarity? A fragile “We” that stood united against the Israeli genocide in Gaza, against the deafening silence of the world facing the suffering of people in Palestine, Lebanon, and Syria under Israeli attacks, first shattered with positions on the massacre in early January by the Iranian regime and is now further divided by war, by silence, by positions we can no longer reconcile.
Scenes from the Homeland
In three months, I have watched videos of parents dancing on the graves of their children killed in the January 8–9, 2026 crackdowns—a refusal to be silenced—and families mourning more than 150 schoolchildren killed by U.S. strikes in Minab , at the Strait of Hormuz. People are pulled from rubbles across the country; grief repeats itself and does not wait for political clarity.
Meanwhile, outside Iran, some are dancing, chanting “Trump, we love you”, waving Israeli flags and using insults—to intimidate and humiliate those supporting the Islamic regime in Iran. Reza Pahlavi, the self-proclaimed leader of the transition from the Islamic regime, extends condolences to families of three American soldiers killed in the war, but not to the families of civilians. 
Simultaneously, others are returning to Iran from the west to join what they call “the resistance”.  Some upload videos from Tehran as the war and the internet blackout continue. A woman on Quds Day—an annual state‑organized demonstration expressing support for Palestine—wearing a keffiyeh, but no hijab—speaking in English to state media: “They have attacked our land, and we will make it IsraHell for them”. 
The Illusion of Change from Within
Surprisingly, I too once stood at a Quds Day rally. It was in 2009, during the mass protests known as the Green Movement , when millions of Iranians took to the streets after the disputed presidential election. In that Quds Day rally, I wore a green armband and chanted the name of Mir Hossein Mousavi, the opposition candidate many believed had won. Like many others, I joined a state-sponsored, religious demonstration I would otherwise have avoided, because it offered one of the few spaces where dissent could still be voiced. It was a moment when people set aside their usual boundaries and convictions to be seen and heard.

That same pragmatism shaped the choice of Mousavi himself. As the last prime minister of Iran, he had held office during the 1980s, when thousands of my parents’ comrades were executed and the country was consumed by war with Iraq . And yet, in 2009, many rallied behind him as a vehicle for change. Supporting him meant overlooking a past that, under other circumstances, would have made him unacceptable. He has been under house arrest with his wife since February 2011. Time and again, political participation in Iran has required uneasy alliances, choices shaped less by conviction than by the limited, shifting possibilities for resistance.
With the economic and political situation deteriorating, waves of protests came after one another. And with each wave, something more was lost—not only lives, but the belief that change from within was still possible. I witnessed all of this from afar over the past eight years, living in Germany, unable to return since the Women, Life, Freedom uprising because of my activism. Distance was never a choice—it was imposed. Over time, however, I found people in the Iranian diaspora who shared my beliefs, the passion for justice, equality and dignity for all. War has reminded me of the pain of separation from a place, but also the suffering caused by unbelonging to a community.
Home as an Impossibility
Iran isn’t a land I could return to and be held by. Yes, there were places: Chehel Sotoun, Bisotun. Graffiti. Stories. Unmarked graves I know how to find. But is that enough for it to be my land?
I think of all those moments women were trying to escape a patrol, simply because a strand of her hair was showing, before Jina Mahsa Amini was killed in the “morality police” custody, only for women to be shown with the Iranian flag and the leaders’ photos with no hijab, indicating how moderate and liberal the state is in terms of freedoms. These are the conditions that shaped “home” long before the war began. But how can you call a place yours when your loved ones must flee the streets like criminals for something so small?

The Islamic Republic has already estranged me and many more from that land. And now, in the language of war, it ties the fate of a people and a country to its own survival – while others, from afar, call for destruction in the name of freedom as Israeli and U.S. bombs are falling on Iran.
A Refusal Instead  of a Clear Position
Even the idea of having a land to call “ours” begins to feel like a privilege—one that not all of us have ever been granted. To ignore the massacres of January 2026 – not to mention decades of repression, imprisonment, and silencing—and to stand behind this state in the name of defending Iran or resisting imperialism, is to turn away from the very lives and dignity such a defense claims to protect.
Bombs do not liberate those streets. Sanctions do not protect those lives. Regimes that rule through fear do not embody the people they claim to defend.
What remains, then, is not a clear position, but a refusal:
a refusal of war in the name of liberation,
a refusal of massacre,
a refusal of a regime that has long denied its people dignity,
a refusal of sanctions that suffocate those already living on the edge
And perhaps, also, the quiet grief of losing a “We” that once felt possible.
 
 
 
 
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    <title>Lebanon: “Language really fails at describing any of this”</title>
    <created>Monday, April 20, 2026 - 22:45</created>
    <location>Libanon</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/israel-war-lebanon-language-really-fails-describing-any</path>
    <body>Thousands of people in Lebanon have been killed in Israeli attacks so far, with nearly a fitfth of the country’s population displaced. The relief organization Basmeh &amp; Zeitooneh speaks with dis:orient about war, displacement, and solidarity.
Since October 2023, Israel has conducted a series of airstrikes on Lebanon as part of its war on Hezbollah, alongside the Genocide in Gaza. Since the latest escalation in March, more than 2000 people have been killed and approcimately 1.2 million displaced. The airstrikes are accompanied by a ground invasion of southern Lebanon. Basmeh &amp; Zeitooneh are one of the biggest refugee-led organizations in Lebanon. Ralph Haddad is in charge of public relations.
Ralph, Basmeh &amp; Zeitooneh is providing emergency response, but aid workers on the ground are themselves affected. Is there still a division of roles between those affected and those providing help? 
It depends on who the aid worker is. When aid workers are from the affected communities, there is no distinction - the psychological toll is the same, except that they still have to continue working. Expatriate aid workers, on the other hand, are able to psychologically check in and out of the situation, as they are not Lebanese, Palestinian or Syrian. 
Regarding the emergency response, there is very little coordination between bigger, international organizations and local organizations. What happened in the past few weeks - and this is a broader trend - is that, at the very onset of a new wave of bombardments, larger organizations with more resources moved very quickly to “book” or reserve specific shelters near urban areas. This is because those locations are much more accessible to their staff. In contrast, local organizations need more time to coordinate and gather financial resources before they can carry out their emergency responses. As a result, they often must operate under higher risk and in more dangerous areas. 
What is the most urgent need in the light of the recent large-scale attacks by Israel? 
There are no clear priorities. Due to the reactive rather than proactive programming of the government, there is an urgent need to find alternative shelters and housing. There is also a significant need for hygiene facilities for people living on the streets.
Furthermore, adequate food aid needs to be distributed. We have been getting reports that the food aid is of poor quality and insufficient. We try to support people in cooking their own meals. 
There is a particularly high need to support senior citizens and children. Many children are out of school, confined to overcrowded spaces with no access to play or leisure activities. Seniors are not able to leave areas that received evacuation orders due to their age and limited mobility - especially those living in remote areas. Currently, there are no clear plans in place to support these populations. 
How can you provide people with information about where to go, considering that the situation on the ground is becoming increasingly unpredictable? Where are safe areas? 
For us, it is a matter of meeting people where they are. We do not advise or dictate where they should go. There are no real safe areas. Especially since the scale of bombing just keeps getting wider. We had to cease our operations for a few days after the mass April 8th bombings, which killed over 300 people in under 10 minutes, because we cannot put our own staff at risk who themselves are displaced. 
The pattern we are witnessing is that people are more inclined to stay in shelters close to their homes. Even if the northern areas such as Tripoli and Akkar are safer, many displaced people from the south or from Beirut are unwilling to make the trip. They fear not being able to return and are concerned about the logistical difficulties of travelling. 
How does the constant fear of being attacked or having to flee affect the people you help? 
The psychological toll is extremely high. People are not able to sleep because they do not know when the next strike is going to happen, nor whether the supposedly safe area is actually safe. The constant sound of fighter jets and surveillance drones creates extreme stress and a sense of paranoia. 
It is a miserable situation for everyone, especially for the most vulnerable people in the population: those under evacuation orders, with low- to middle-income and big households. For example, it is not easy to fit eight family members in a car with all their belongings. To travel somewhere unknown where they might not feel welcomed or may be put under scrutiny simply for being displaced. 
I feel that, as Lebanese people, we have lost the ability to describe these feelings. Language really fails at describing any of this. 
Many people had already been displaced.
Lebanese and non-Lebanese alike, who were displaced in the first wave of the Israeli aggressions in 2024 have still not been able to return to their villages, as Israel has continuously violated the ceasefire. 
A large part of them is just sick and tired of living in a country that is defenseless against the constant bombardment. For many, it feels like the world has turned its back on them: no one is doing anything to stop the aggressor that has been violating several aspects of international law for decades. 
Your organization is founded and led by refugees. What is the benefit of this? 
Outside of wartime, it is a benefit because it brings us closer to the communities we want to serve. Usually, the field team comes from the same communities that we aim to support. It creates a kind of rapport when the aid worker is familiar to them, for example, when they speak the same dialect. We also try to build socially cohesive teams of local Lebanese and local refugees working together. This is how, over time, we have built trust.

At the state level, however, this approach is still met with a lot of suspicion. The host community often feels that the emergency response is inadequately geared towards Syrians rather than Lebanese. Our programming always takes the Lebanese community into account. But it is difficult to fight misinformation by the media. 
How is the situation of migrant workers and refugees? 
Most migrant workers lost their jobs and homes and find themselves with no access to shelter. We are witnessing municipalities fueling tensions between the local community and non-Lebanese residents by denying them shelter, forcing them to move from place to place, or to leave the municipality altogether. 
Migrant workers and Syrian refugees have, in many cases, been displaced two or even three times. While a significant number of Syrians returned to Syria, many others cannot go back. The response for these populations is extremely inadequate, they are being retraumatized. 
How do people perceive the current political situation?   
There are differing opinions. A small portion of the population are sympathetic towards Israel and critical of the displaced people. This is because Israel is targeting so-called safe towns, where displaced people are sheltered, to increase tensions between communities in Lebanon, particularly to divide displaced people, refugees, migrant workers and the so-called host community. 
Other than this, there are contrasting opinions on who is responsible for the outbreak of this war. Even as Israel continues to bomb indiscriminately, a small number of Lebanese still believe that it is Hezbollah's fault that the war started. At the same time, displaced people are blaming Israel for their displacement. 
How does all of this affect solidarity among people? 
There is a lot of mutual aid. It is very grassroots and horizontal: a lot of community kitchens and mutual aid funds are being set up by locals and the diaspora. At the same time, some groups are viewed with suspicion, and tensions persist.
How can people outside of Lebanon best support those affected by the war? 
People can seek out Lebanese people in their communities who are actively promoting or organizing mutual aid and share those in their networks. Also, hosting fundraiser events is extremely beneficial, no matter how small. 
I want to urge the people who think that this situation does not concern them to think of how complicit their governments are and what they can do against this at the policymaking-level: what are channels of communication with your elected officials? Probably there are organizing strategies you can engage in, such as writing letters, campaigns, calls to policymakers. 
I know the German government is not extremely sympathetic [towards the people in Lebanon and the region]. Germans need to realize: their government is directly complicit in the ongoing campaign, and that elected officials should be held accountable. People do have the power to change the situation. They should use it.
 
 

 
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