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    <nid>7945</nid>
    <title>Ein Roman für alle Sinne</title>
    <created>Saturday, September 19, 2026 - 13:47</created>
    <location>Irak, Deutschland</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/karosh-taha-gulistan-ein-roman-fuer-alle-sinne</path>
    <body>Karosh Tahas Gulistan ist ein körperliches Überwältigtwerden. Das Buch fordert und beansprucht die Lesenden auf allen Ebenen, um die Geschichte von Kurd:innen unter der Gewaltherrschaft Saddam Husseins erfahrbar zu machen.
Çîya und Gulistan sind Kurd:innen im baathistischen Irak der 1980er‑Jahre. Alles beginnt in der Schneiderei von Çîya. Der Laden trägt den kurdischen Namen Gulistan, Blumengarten, benannt nach seiner Ehefrau. Nach dem Besuch von Regimeschergen, die ihn zu dem Namen seines Ladens befragen, verschwindet Çîya. Gulistan begibt sich auf die Suche nach ihm und entdeckt ihn in der Gestalt eines Doppelgängers Saddam Husseins schließlich wieder. 
Der Roman Gulistan erzählt von der unerbittlichen Herrschaft des Diktators Saddam Hussein, die den Menschen nicht nur ihre Freiheit raubt, sondern bis in ihre Körper, ihre Sprache und ihre Wahrnehmung vordringt. Als Kurd:innen sind Çîya und Gulistan zusätzlichen Repressionen ausgesetzt, die die Autorin Karosh Taha besonders durch die literarische Bearbeitung von und mit Sprache erfahrbar macht.
Stigmatisierung der kurdischen Sprache
So wird Gulistans Stottern im Text visuell sichtbar: durch vergrößerte Wortabstände, die das Stocken ihrer Sprache auch auf der Seite hörbar machen. Doch dieses Stottern ist mehr als eine sprachliche Eigenheit. Es entsteht dort, wo die Kurdin Gulistan gezwungen ist, in einer ideologisch aufgeladenen Sprache zu sprechen. Wenn sie sich auf Arabisch an Polizisten wenden muss, wird Sprache selbst zum Ort der Lähmung und macht ihr „Anderssein“ hörbar – und zieht Feindseligkeit nach sich, sogar beim Krankenhauspersonal, als Gulistan dort nach ihrem Mann sucht.
Welche Auswirkungen die Stigmatisierung und das Verbot der kurdischen Sprache auf das Individuum in Saddams Irak haben, zeigt Taha eindrücklich an etwas so Grundlegendem und Persönlichem wie einem Namen. Çîya kann sein Kurdischsein im Gespräch zunächst vor den Lakaien des Regimes verbergen, wahrscheinlich weil sein Arabisch „gut genug“ ist, doch letztlich wird ihm sein kurdischer Name zum Verhängnis: „Sein Name Çîya war ein Berg der ihn verriet.“ [sic]
Çîya bedeutet „Berg“ auf Kurdisch. Die Berge sind für kurdische Menschen Teil ihres geografischen Bezugs zur Welt, ein Schutzraum. Es gibt einen weitverbreiteten Spruch unter Kurd:innen, der in verschiedenen Variationen auftritt, aber immer dieselbe Botschaft trägt: Ji çiyan pê ve tu heval nînin. Es gibt keine Freunde außer den Bergen. Bei Taha bietet nicht einmal dieser bergige Rückzugsort Schutz vor der Diktatur Saddams. Für Gulistan wird der eigene Name zum Ort des Verstummens: „Wie dieser Name mir den Mund schloss und nur die Ohren Çîyas mich befreien konnten.“ 
Gewalt und Sprache
Die durchdringende Erfahrbarkeit des Romans entsteht auch durch Tahas Sprache selbst. Immer wieder greift sie auf Wörter und Bilder zurück, die dem menschlichen Körper innewohnen, und setzt sie in ungewohnte, teils verstörende Beziehungen zueinander: „Wenn ich mit den Beinen die Straßen zeichnete verschwanden alle Tage zu einer Vergangenheit als es nur noch Gesichter gab die mich jagten. Unser Mund wiederholte sich im Mund eines anderen im Gebet: Brich diese Stadt auf.“ [sic]
Gewalt verdreht, seziert, fragmentiert Körper. Vielleicht lässt sich gerade dadurch erahnen, was das Leben in einer Diktatur mit einem Menschen macht: wie Gewalt nicht außerhalb des Körpers bleibt, sondern sich wortwörtlich in jeder Zelle des Körpers einnistet.
„Gulistan zeigte auf ihren Körper mit Flüssen auf dem Rücken wie Narben. Er hat schon Çîya getötet, sagte Gulistan einmal zu den Geheimgestellten, und einmal sagte sie: Ich habe Çîya mitgebracht aus Rippen geflochten.“

„Es gibt Fälle von schwebenden Händen die vom Körper nicht vermisst werden. Die Beine bilden eine noch unbekannte Schnittstelle.“ [sic]

In drei Sprachen
Karosh Taha fügt ihrem Roman eine weitere Schicht hinzu, indem sie neben dem dominierenden Deutschen auch Englisch und Kurdisch sprechen lässt. Am überraschendsten ist dabei vielleicht das Englische: Es erscheint, wenn Ausschnitte aus einem realen Interview mit Saddam Husseins ehemaligem Leibarzt Ala Bashir in den Text eingefügt werden. Taha schreibt: „Sein Englisch unterbrochen von der Suche nach einem Wort – das ist die Sprache, in der wir uns begegnen.“
Gerade dieser Satz ist bemerkenswert. Englisch wird hier zu einer gemeinsamen, scheinbar „neutralen“ Sprache. Auf der einen Seite steht ein arabischer Erstsprachler, dessen Sprache im Irak als Instrument politischer Unterdrückung eingesetzt wurde; auf der anderen eine Sprecherin des Kurdischen, einer Sprache, die marginalisiert wurde. Im Englischen begegnen sie sich auf einem vermeintlich gleichen sprachlichen Terrain.
Auch Teil deutscher Gegenwart
Kurdisch selbst ist im Roman am wenigsten präsent. Es taucht in kurzen Einschüben und einzelnen, isolierten Sätzen auf. Gerade diese Fragmentierung spiegelt die Stellung der Sprache wider – im Irak ebenso wie in den anderen Teilen Kurdistans. Eine Sprache, die trotz ihrer tiefen Verankerung im Leben ihrer Sprecher:innen an den Rand gedrängt wird.
Und dadurch, dass Gulistan auf Deutsch geschrieben ist, verortet Karosh Taha diese Geschichte damit auch in Deutschland. Denn die Gulistans, die Çîyas und die Saddams gehören nicht nur zur Geschichte des Irak oder Kurdistans. Sie leben auch in Deutschland. Ihre Geschichten sind längst Teil deutscher Gegenwart, Teil Deutschlands. Einmal formuliert die Autorin diese Verbindung in Gulistan ganz unmissverständlich: „Du musst in ein Land, wo man einmal Menschen verbrannte.“
Kampf um Raum, Sicht- und Erzählbarkeit
Viel ließe sich auch über die besondere grafische Gestaltung des Buches sagen. Besonders eindrücklich ist jedoch, wie sich in der zweiten Hälfte die räumliche Anordnung des Textes auf der Seite verändert: Der Textteil, der zunächst am unteren Seitenrand beinahe wie eine Fußnote und klar durch einen Strich vom „Haupttext” abgetrennt erscheint, nimmt – im wahrsten Sinne des Wortes – immer mehr Raum ein. Bis er ihn schließlich vollständig verdrängt und die ganze Seite konsumiert. Blättert man durch diesen Teil des Buches, entsteht der Eindruck eines subversiven Daumenkinos. Die Form des Textes selbst wird so zum Ausdruck eines Kampfes um Raum, Sicht- und Erzählbarkeit. 
Wie herausfordernd das ist, erleben die Leser:innen auch hier am eigenen Leib, denn es entwickeln sich zunehmend zwei optisch parallel verlaufende Texte, die aber inhaltlich nicht klar voneinander abzugrenzen sind.  So müssen sich die Leser:innen entscheiden, welchem Textteil sie zunächst folgen wollen. Entscheidet man sich beispielsweise, den oberen Textteil „aufzulesen“, muss man anschließend wieder zurückblättern, um an den Anfang des unteren Textteils zu kommen. Das Gelesene von oben und unten vermischt sich, der Blick schweift unwillkürlich wieder nach oben, nach unten. Gulistan fordert die ganze Aufmerksamkeit (ein). 
Ein literarisches Gegendenkmal
Und doch gibt es Momente, in denen Taha keinerlei Unklarheit zulässt. Historische Referenzen auf die Leidensgeschichte der Kurd:innen, etwa auf den Giftgasangriff auf die kurdische Bevölkerung in der Stadt Halabdscha im Jahr 1988, sind so explizit gesetzt, dass es fast wirkt, als wolle die Autorin an diesen Stellen sicherstellen, dass es auch wirklich alle verstehen.
„Wir haben mitgebracht
          den Wind am 16. März 1988 aus Helebçe
          die Anordnung zu Amputationen
Wir haben mitgebracht
          Unübersetzbares
         die Berührung des Krieges“ 

Und das hat einen Grund: In Zeiten, in denen Menschen im Irak in eine Saddam-Nostalgie verfallen und weltweit autoritäre Kräfte an Zug gewinnen, setzt Karosh Taha ein literarisches Gegendenkmal all jenen, deren Geschichten und Schicksale Anlass zur Warnung an uns alle sind. Wir müssen ihnen aufmerksam zuhören, auch wenn es Anstrengung und Kraft kostet. Und wenn wir es beim ersten Mal nicht verstehen, dann müssen wir weiter zuhören.
Karosh Taha: Gulistan, DuMont Verlag, Köln 2026.
 
 
 

 
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    <nid>7944</nid>
    <title>Wie der Krieg in Gaza die Wissenschaftsfreiheit unter Druck setzt</title>
    <created>Tuesday, September 15, 2026 - 16:00</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>metzger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/proteste-berlin-universitaeten</path>
    <body>Wann wird Protest zum Sicherheitsproblem? Eine Studie zeigt, wie die Repression gegen pro-palästinensische Demonstrationen deutsche Universitäten verändert und die akademische Integrität gefährdet. 
Israels Vorgehen in Gaza polarisiert Menschen weltweit – auch an Universitäten, die seit Beginn des Krieges zum Schauplatz von Protesten wurden. Im deutschen Epizentrum der Proteste, Berlin, besetzten Studierende im Mai 2024 einen Innenhof der Freien Universität (FU), kurz darauf geschah dasselbe an der Humboldt-Universität (HU). Als Reaktion darauf rief die Universitätsleitung die Polizei auf den Campus. Studierendenproteste werden nicht mehr als menschenrechtlicher Aktivismus wahrgenommen, sondern zum sicherheitsrelevanten Anliegen der Polizei erklärt.
Die CDU Berlin greift in ihrem Wahlprogramm ebenfalls auf das Narrativ zurück und will verhindern, dass „Hochschulen zu Schutzräumen für Antisemiten werden“. Die AfD findet ähnliche Worte und fordert Härte gegen „Hausbesetzer und Judenhass“. Ob diese politische Einordnung den Protesten gerecht wird, untersuchten die Friedensforscher:innen Jannis Julien Grimm und Lilian Mauthofer vom Center for Interdisciplinary Peace and Conflict Research (INTERACT) der Freien Universität Berlin.
Die beiden Forschenden beobachteten Proteste sowie Disziplinarverfahren zwischen 2023 und 2025. Darüber hinaus befragten sie an den Demonstrationen beteiligte Studierende. Dass die Proteste zunehmend zum Anliegen der Polizei wurden, beschreiben sie als „Versicherheitlichung“: Ein Thema wird zur Gefahr erklärt, um Sondermaßnahmen zu rechtfertigen.
In Deutschland sei dieser Prozess aufgrund der Erinnerungspolitik zum Holocaust und der Doktrin der „Staatsräson“ besonders ausgeprägt. Das Framing der Gaza-Proteste als Sicherheitsproblem beruhe auf einer „selektiven Darstellung von Schutzbedürftigkeit“: Jüdische Identität werde als schutzbedürftig, palästinensische hingegen als verdächtig markiert. Ein Vorgehen, das sowohl jüdischen als auch palästinensischen Identitäten ihre Vielfalt aberkennt.
Die Normalisierung der Repression
Was als politischer Konflikt zwischen Studierenden beginnt, dient zunehmend als Vorwand für eine nachhaltige Veränderung des Umgangs mit Dissens an Universitäten. Dabei ist der Ablauf meist ähnlich: Eine Minderheit organisiert aus ideologischer Überzeugung Proteste, die eine Eigendynamik entwickeln. Nachdem sie in Konflikt mit anderen Gruppen geraten, wird die Polizei hinzugezogen. Am Ende stehen Disziplinarverfahren, Anzeigen und Vorschriften für Veranstaltungen.
Als Ergebnis wurden Universitäten zu „Institutionen des Risikomanagements und der Einschränkung“, ein Trend, der beim Umgang mit den Klimaprotesten 2022 begann und sich mit den Gaza-Protesten beschleunigte. Die entstandenen Sicherheitsstrukturen werden laut Grimm weiter bestehen, da Universitäten allgemeine Rahmenwerke wie Formulare, Sicherheitspläne und Haftungsprotokolle für alle Veranstaltungen und Proteste etablieren. Das Erscheinen der Polizei bei akademischen Vorträgen ist in vielen Städten kein Einzelfall, weil „die bürokratische Maschinerie in Gang gesetzt wurde“.
Berlin als Epizentrum
Der Fokus der Studie auf Berlin hat mehrere Gründe: Die Stadt gilt als Zentrum der palästinensischen Diaspora in Deutschland, die Geschehnisse dort bekommen hohe mediale sowie politische Aufmerksamkeit. In anderen Städten blieben die Reaktionen auf ähnliche Proteste verhaltener – ein Hinweis darauf, dass sich die Entwicklung nicht allein als staatliche Repression „von oben“ erklären lässt: Sie ist das Ergebnis des Zusammenspiels von Lobbygruppen, institutionellen Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Diskursen, medialer Berichterstattung und lokalen politischen Dynamiken.
Dabei reproduziert die Repression rassistische Vorurteile und Diskriminierung, wie in Gesprächen mit Studierenden deutlich wurde. Die polizeilichen Maßnahmen richten sich dabei überproportional gegen Menschen, die als arabisch oder migrantisch gelesen werden. Besonders widersprüchlich war die Situation für jüdische Studierende, die sich den Solidaritätsgruppen für Palästina angeschlossen hatten.
Universitäten neu denken
Die Repression der Universitäten gegenüber den eigenen Studierenden zeigt einen grundlegenden Konflikt: Hochschulen bekennen sich zu dekolonialer, antirassistischer und kritischer Wissenschaft, während sie den Aktivismus, der sich auf diese Werte beruft, unterdrücken. Dennoch sieht Grimm in dieser Entwicklung auch Anlass zur Hoffnung. Die Studierenden wenden sich zunehmend von symbolischen Formen der Konfrontation ab und beginnen stattdessen Wissen zu produzieren, rechtliche Unterstützung anzubieten und Strukturen gegenseitiger Fürsorge zu organisieren.
Die Studierenden verteidigen nicht nur ihr Recht auf Protest – sie denken die Universität neu und bestehen auf deren Verantwortung, ein Ort offener Erkenntnissuche zu sein. Für viele ist die Universität zu einer Basis emanzipatorischer Politik geworden. Damit ist die Angst nicht verschwunden, aber sie hat ihren Charakter verändert.
Forschende als Zielscheibe
Dass nicht nur Studierende zum Ziel werden, mussten zahlreiche Wissenschaftler:innen erfahren, die einen offenen Brief gegen das Vorgehen bei den Protesten unterzeichneten: Die pro-israelische Boulevardzeitung Bild betitelte sie als „UniversiTäter“. Erinnerungen an den Holocaust werden mobilisiert, um legitimen Protest als Sicherheitsbedrohung umzudeuten.
Um die Auswirkungen solcher Kampagnen auf Wissenschaftler:innen zu erfassen, befragte INTERACT bundesweit Forschende mit Expertise zur WANA-Region sowie zu Israel und Palästina. Ziel war es, Wahrnehmungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit der Diskussion über Israel und Palästina seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 zu erfassen.
Das Ergebnis ist das Bild eines akademischen Umfelds, das zunehmend von Vorsicht und Zurückhaltung geprägt ist. 84 Prozent der Befragten nahmen eine wachsende Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit wahr, 70 Prozent gaben an, sich bei Themen mit Israelbezug häufig oder gelegentlich selbst zu zensieren.
Diese Zurückhaltung bleibt nicht folgenlos: Mehr als die Hälfte fürchtete Fehlinterpretationen ihrer Aussagen sowie mögliche berufliche oder reputationsbezogene Konsequenzen. Dabei wurden 19 Prozent bereits zum Ziel von Antisemitismusvorwürfen. 15 Prozent berichteten von der Absage einer Veranstaltung, an der sie beteiligt waren.
Universitäten in der Verantwortung
Laut Grimm haben die systematische Einschüchterung von Wissenschaftler:innen und die Angst vor dem Antisemitismusvorwurf zu einer Verengung des öffentlichen Diskurses geführt. Es ist zwar notwendig, über den Anstieg von Antisemitismus zu sprechen. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass andere Fragen wie die Spannung zwischen Staatsräson und Völkerrecht ignoriert werden.
Er sieht die Universitäten in der Verantwortung und betont, dass das Zuhören selbst ein politischer Akt ist. Die Aufgabe der Universität bestehe nicht darin, den Konflikt zu lösen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden. Dialog erfordere die Anerkennung mehrerer Perspektiven – auch derer, die den eigenen Überzeugungen widersprechen.
Nehmen Universitäten diese Rolle nicht wahr, normalisiert sich die Einschränkung der Meinungsäußerung und geht über den Horizont ihres ursprünglichen Ziels hinaus. Um dies zu verhindern, müssen sie einen Rahmen für die Auseinandersetzung mit kontroversen Themen schaffen. Wo dieser Raum verloren geht, steht letztendlich die akademische Integrität auf dem Spiel.  
 
 
 
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    <nid>7943</nid>
    <title>Zeugnis kultureller Erinnerung: Erster kurdischer Film „Zare“</title>
    <created>Tuesday, September 8, 2026 - 21:23</created>
    <location>Armenien</location>
    <name>theisinger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/zeugnis-kultureller-erinnerung-erster-kurdischer-film-zare</path>
    <body>Liebe, Unterdrückung, Widerstand – der Film „Zare“hält erstmals die Lebensrealität und kulturelle Praxis von Kurd:innen in Bewegbild fest. Noch 100 Jahre später ist er ein bedeutendes Dokument kollektiven Gedächtnisses.
„Zare“ aus dem Jahr 1926 gilt als erster kurdischer Film der Kinogeschichte. Der 72-minütige Stummfilm handelt von der jungen Zare, deren Leben von Liebe, familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichem Druck bestimmt wird. Unter der Regie von Hamo Beknasarjan erzählt der Film die Geschichte der letzten Jahre des zaristischen Russlands im Jahr 1915. Zugleich zeichnet er ein Bild des kurdischen Alltags und bewahrt kulturelle Erinnerungen. Damit ist „Zare“ nicht nur ein Spielfilm, sondern auch ein frühes filmisches Dokument, das Geschichte und gesellschaftliches Gedächtnis sichtbar macht.
Alltag und gesellschaftlichen Rituale als authentische Grundlage
Ursprung des kurdischen Filmhandwerks liegt in Armenien, wo auch der Film „Zare“ entstand. Gedreht wurde er im Dorf Sarîbolaxê am Fuße des Bergs Ararat in den Elegez-Hochebenen, einer Region mit hohem kurdischem Bevölkerungsanteil. Rund 500 Menschen waren an der Produktion beteiligt, die damit nahezu den Charakter eines Gemeinschaftsprojekts hatte. Neben wenigen professionellen Schauspieler:innen standen vor allem Kurd:innen aus der Region vor der Kamera und verliehen dem Film eine besondere Authentizität sowie ethnografische Tiefe.
Während der zweimonatigen Dreharbeiten lebte das Filmteam eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Die Beobachtungen des Alltags, der mündlichen Erzähltraditionen und gesellschaftlichen Rituale der Kurd:innen flossen unmittelbar in die filmische Erzählung ein. Die Titelrolle übernahm die armenische Schauspielerin Maria Tadewossjan, Seydo wurde von Hrachia Nersisyan gespielt. Das Drehbuch basiert auf der Erzählung „Zares Schicksal“ von Hakob Ghazaryan. Obwohl „Zare“ ein Stummfilm ist, gilt er, gemessen an den technischen und ästhetischen Möglichkeiten seiner Zeit, als außergewöhnlich anspruchsvolles Werk, das filmisches Können mit philosophischer und literarischer Tiefe verbindet.

Liebe und Widerstand im Schatten des Ararat
Der Film beginnt mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen der majestätischen Silhouette des Ararat und der weiten Hochebenen, die sich an seinen Hängen ausbreiten. Die stille Pracht des schneebedeckten Berges und die idyllische Landschaft verleihen der visuellen Welt des Films schon von den ersten Bildern an eine besondere Poetik.
Anschließend richtet sich die Kamera auf das stille Gebet einer alten jesidischen Frau, die ihr Gesicht der Sonne zugewandt hat. Diese kurze, aber bedeutungsvolle Szene spiegelt die alte Glaubenstradition und die kulturelle Tiefe der Kurd:innen in einer eleganten visuellen Erzählung wider. Im Zentrum der Handlung steht die Liebe zwischen dem jungen Dorfmädchen Zare und dem Hirten Seydo; mit dem späteren Auftreten von Temur Beg (Herr Temur), dem Sohn des Dorfvorstehers, gewinnt die Geschichte jedoch eine konfliktreiche Dimension.
Vor diesem Hintergrund macht der Film die Herrschaft der Feudalordnung, ihren unterdrückerischen Charakter und die sozialen Ungleichheiten der Zeit mit einer kritischen Bildsprache sichtbar. Temur Beg steigert seinen Wunsch, Zare zu heiraten, aus seinem standesbedingten Selbstverständnis heraus zu einem kompromisslosen Anspruch – stößt jedoch auf Widerstand.
Widerstandskraft des alten jesidischen Glaubens
Als ihm der direkte Weg versperrt bleibt, verfolgt er eine kalkulierte Strategie. Während des Krieges ordnet die zaristische Regierung über die lokalen Behörden die Zwangseinberufung kurdischer Jugendlicher an die Front an. Auch Seydo und Zares Bruder sollen eingezogen werden. Temur Beg nutzt die Situation, um seinen Rivalen auszuschalten. Seydo wird zunächst fortgeschickt, kann jedoch fliehen und ins Dorf zurückkehren. Nach einer Denunziation durch Temur Begs Männer wird er schließlich gefasst und ins Gefängnis gebracht.
Als die an die Front entsandten Männer nach einiger Zeit ins Dorf zurückkehren, zeigt der Film die verheerenden Folgen des Krieges auf eindringliche Weise: Einige fehlen, andere sind gefallen, wieder andere kehren schwer verwundet zurück. Zu den tragischsten Schicksalen zählt Zares Bruder. Trotz aller Bemühungen erliegt er seinen Verletzungen.
 
Doch „Zare“ erzählt nicht nur von einer historischen Epoche. Der Film bewahrt zugleich die rituelle Welt und die Widerstandskraft des alten jesidischen Glaubens als Ort visueller Erinnerung. Diese Aufgabe trägt vor allem Zares Familie. Insbesondere ihre Mutter Nano erscheint als Hüterin der kulturellen und sozialen Traditionen ihrer Vorfahren und versucht, diese trotz aller Umbrüche zu bewahren.

Von der Unterdrückung hin zur filmischen Befreiung
Zare, die nach dem Krieg allein mit ihren alten Eltern zurückbleibt, wird von Temur Begs Männern entführt. Mit stillschweigender Duldung der örtlichen Behörden wird die Gewalt im Rhythmus von Trommeln und Flöten als Hochzeitsfest inszeniert. Doch mitten in den Feierlichkeiten stellt sich Zare der Zwangsheirat entschlossen entgegen und untergräbt damit die vermeintliche Legitimität dieser Verbindung.
Als Temur Beg seinen Willen nicht durchsetzen kann, greift er auf gesellschaftliche Normen als Machtinstrument zurück. Unter dem Vorwurf der „Ehrverletzung“ wird Zare öffentlich gedemütigt: Ihre Augen werden geschwärzt, sie wird auf einem Esel durch das Dorf geführt und dem Spott der Menge ausgesetzt. Die Szene verdichtet sich zu einer eindringlichen visuellen Metapher für patriarchale Gewalt und kollektive Kontrolle. Ihre realistische Inszenierung war so überzeugend, dass einige Dorfbewohnerinnen während der Dreharbeiten nicht erkannten, dass es sich um eine Filmszene handelte, und die Hauptdarstellerin Mareto Tadevosyan angriffen.
Am Höhepunkt der Handlung greift der aus dem Gefängnis geflohene Seydo gemeinsam mit seinem Bruder Xıdır und seinen Gefährten in den Konflikt ein. Um Zare zu befreien, töten sie Temur Beg. Damit rückt der Film den Widerstand gegen die feudale Herrschaft und die Vorstellung eines gesellschaftlichen Wandels ins Zentrum. Diese Schlüsselszene wird häufig als Ausdruck der sowjetischen Ideologie gelesen, in der Klassenkampf und revolutionäre Befreiung die dramatische Handlung bestimmen.
In der Schlussszene brechen Seydo und Zare in die Berge auf, um Sicherheit zu finden. An der ersten Quelle wäscht Seydo Zares Gesicht – eines der poetischsten Bilder des Films. In dieser Szene wird der Berg für die Kurd:innen zum Symbol für Freiheit und Zuflucht, während das Wasser für Reinigung, Klarheit und einen Neuanfang steht. Mit diesen Naturbildern endet „Zare“ trotz aller Gewalt und Unterdrückung in einer hoffnungsvollen Perspektive.

Berg, Wasser und Mensch: Die ästhetische Erzählung der Kamera
Zu den herausragenden Merkmalen von „Zare“ zählt seine für die Zeit außergewöhnliche Bildsprache. Die von Arkadi Yalovoy verantwortete Kameraarbeit nutzt die Ausdrucksmöglichkeiten des Stummfilms für eine poetische Erzählweise. Die Kamera dokumentiert das Geschehen nicht nur, sondern entwickelt einen eigenen Blick auf Natur, Zeit und die Gesichter der Menschen. So entstehen Bildkompositionen von bemerkenswerter Tiefe.
Vor allem die Weitwinkelaufnahmen verdeutlichen das Verhältnis zwischen den gewaltigen Berglandschaften und den kleinen menschlichen Figuren. Wasser, Berge und Erde sind dabei weit mehr als Kulisse: Sie tragen die Erzählung symbolisch mit. Der Wechsel zwischen ruhigen, statischen Einstellungen und fließenden Bewegungen verleiht dem Film einen nahezu lyrischen Rhythmus. Mal beobachtet die Kamera aus der Distanz, mal rückt sie den Figuren so nah, dass ihre Gefühlswelt unmittelbar erfahrbar wird. Gerade diese Bildsprache verleiht „Zare“ seine emotionale Kraft und zeitlose Wirkung.
Nach Abschluss der Dreharbeiten im Spätsommer und Herbst 1926 wurde der Film zunächst in Moskau, Eriwan und weiteren Städten der Sowjetunion gezeigt und stieß auf große Resonanz. Später erhielt „Zare“ unter der Leitung des armenischen Komponisten Aleksandr Spendiarjan eine musikalische Begleitung, an der auch Casîmê Celîl und seine Tochter Cemîla Casimê Celîl mitwirkten. In dieser Fassung wurde der Film erneut in Eriwan aufgeführt. 

Erinnerung und die Konstruktion des filmischen Erbes
„Zare“ ist weit mehr als der erste kurdische Film: Er gilt als Meilenstein des kurdischen Kinos und als bedeutendes Zeugnis kultureller Erinnerung. Regisseur Hamo Beknazaryan löst den „Orient“ aus der Rolle einer exotischen Kulisse und richtet den Blick auf gesellschaftliche Realität, Unterdrückung und Widerstand.
Fast 100 Jahre nach seiner Entstehung hat der Film nichts von seiner kulturellen und filmhistorischen Bedeutung verloren. Mit „Zare“ beginnt die Geschichte des kurdischen Kinos. Ihre Entwicklung wurde jedoch durch die jahrzehntelange Leugnungs- und Unterdrückungspolitik gegenüber Kurd:innen massiv erschwert. Lange fehlten die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Entfaltung und den Aufbau tragfähiger filmischer Strukturen. Dennoch hat sich aus den Anfängen mit „Zare“ eine lebendige Filmkultur entwickelt, die heute international sichtbar ist und kontinuierlich neue Werke hervorbringt.
 
Dieser Text ist im Original auf Türkisch am 30. Mai 2026 auf dem online Nachrichtenportal bianet erschienen.
 
 
 
 
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    <nid>7942</nid>
    <title>„Ein Großteil der Beratungsstellen wird schließen“</title>
    <created>Sunday, September 6, 2026 - 00:00</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>abelmann</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/asylverfahrensberatung-vor-dem-aus</path>
    <body>80 Prozent weniger Geld soll die Asylverfahrensberatung im kommenden Jahr erhalten. Das wird nicht nur Beratungsstellen und Asylsuchende treffen, sondern auch das BAMF selbst.
„Viele Schutzsuchende fliehen vor Verfolgung und schweren Repressionen durch staatliche Akteure in ihrer Heimat. Sie haben oftmals Hemmungen, ihr Leid gegenüber amtlichen Stellen zu offenbaren“, erklärte Nancy Faeser (SPD), damalige Innenministerin, als 2023 die behördenunabhängige Asylverfahrensberatung (buAVB) ins Leben gerufen wurde.

Asylsuchende haben dadurch die Möglichkeit erhalten, sich an Beratungsstellen zu wenden, die unabhängig von staatlichen Institutionen agieren. Sie werden stattdessen von Wohlfahrtsverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen. Das neue Beratungsformat war Teil eines Gesetzes, mit welchem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie die Gerichte entlastet werden sollten. Rund 71.000 Geflüchtete ließen sich allein 2024 in einer der 189 Beratungsstellen in Deutschland beraten.

Doch dieses Angebot steht nun vor dem Aus: Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht eine Kürzung der Gelder um rund 80 Prozent vor. Statt der aktuell 24,5 Millionen Euro sollen im kommenden Jahr lediglich 5 Millionen für die Beratungen zur Verfügung stehen. Zahlreiche Beratungsstellen werden daher zwangsläufig dicht machen müssen.
Evaluation als Begründung für die Kürzung
Das Bundesministerium des Innern (BMI) unter Alexander Dobrindt (CSU) begründete diese Entscheidung unter anderem mit einer Evaluation, welche überprüfen sollte, ob die buAVB das Asylverfahren tatsächlich effizienter gestaltet und wie hoch die Nachfrage nach solchen Beratungen ist. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Kürzungspläne bekannt wurden, waren die Evaluationsergebnisse noch nicht öffentlich zugänglich. Dies führte zu Unmut und Fragezeichen bei betroffenen Organisationen.

Das BMI hatte das Forschungszentrum des BAMF 2025 damit beauftragt, zu analysieren, wie groß der tatsächliche Beratungsbedarf ist, wie die Beratung umgesetzt wird und an welchen Stellen Abläufe verbessert werden könnten. Die Forschenden berücksichtigten existierende Daten, größtenteils aus einer Befragung von Geflüchteten aus den Jahren 2016 bis 2020 (die sogenannte IAB-BAMF-SOEP-Befragung), führten Expert:innen-Interviews, verschickten einen Online-Fragebogen an Beratende und besuchten einige Beratungsstellen.

Zu den Auserwählten gehörte die Beratungsstelle des Internationalen Bunds in Leipzig. Antonia Horlacher berät hier Asylsuchende und berichtet von dem Besuch: Zwei Mitarbeitende des Forschungsinstitutes hätten sie zum Ablauf der Beratung befragt. Außerdem sei es um ihre Meinung zum Status Quo sowie die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gegangen.

Seit dem 22. Juli sind die Evaluationsergebnisse nun zugänglich. Ob diese solch eine radikale Kürzung begründen, bezweifelt die NGO Pro Asyl gegenüber dis:orient. Vielmehr würden sie  zeigen, „dass das Bundesprogramm von allen befragten Akteur:innen positiv bewertet wird und ein bundesweites zunehmend genutztes Beratungsnetz etabliert wurde.“
Entlastung von Behörden und Gerichten
„Als zentralen Mehrwert hebt die Studie die individuelle Fallbegleitung hervor, die behördliche Informationen ergänzt, Verfahren nachvollziehbar macht und Ratsuchende bei weiteren Problemlagen an passende Stellen verweist“, heißt es von Pro Asyl weiter.

Auch das Haus der Sozialen Vielfalt in Leipzig bietet derzeit noch Beratungen an. Hanne Tijman ist dort als Beraterin tätig und erklärt: „Wir beraten Menschen von dem Moment an, wo sie darüber nachdenken, einen Asylantrag zu stellen, bis zur positiven Entscheidung oder einer unanfechtbaren Ablehnung des Asylgesuchs.“
Die Beratenden unterstützen unter anderem dabei, die Anhörung beim BAMF vorzubereiten, die Teil der Prüfung des Asylantrags ist. Oft erzählen Asylsuchende ihre Fluchtgeschichte zeitlich ungeordnet, erklärt Tijman, „weil Menschen ja auch teilweise jahrelang fliehen.“ Gemeinsam könnten die Erzählungen sortiert werden. Zudem informieren Beratende über den Ablauf des Verfahrens sowie über Rechte und Pflichten. Sie würden auch die Erfolgsaussichten von Anträgen und Klagen einschätzen, erklärt Tijman. Dies entlaste die Gerichte zusätzlich.
Raum für sensible Themen
Auch Vulnerabilitäten könnten frühzeitig erkannt und dem BAMF gemeldet werden. Beispielsweise kann das Amt bei queeren Geflüchteten oder Betroffenen von Menschenhandel speziell geschulte Anhörer:innen hinzuziehen.

Seit dem 12. Juni bietet das BAMF auch eine eigene Rechtsauskunft an, bei der sich Asylantragsstellende allgemeine Informationen einholen können. Auch wenn die BAMF-Berater:innen nicht über die Asylanträge entscheiden, so ist es dennoch dieselbe Behörde, merkt Horlacher an: „Es ist fragwürdig, wie unabhängig diese Beratung sein kann.“

Auch sensible Themen würden hier wahrscheinlich nicht angesprochen werden, beispielsweise die Betroffenheit von weiblicher Genitalverstümmelung – häufig mit FGM abgekürzt, abgeleitet von der englischen Bezeichnung Female Genital Mutilation. Dafür brauche es einen sicheren Raum und Zeit, um Vertrauen aufzubauen, betont Horlacher.
Aktuelle Zahlen zum Beratungsbedarf fehlen 
Horlacher hatte einer Teilnahme an der Evaluation damals selbstbewusst zugesagt. Ihr Grund: „Die Praxis zeigt ja auch ganz klar, dass es unsere Arbeit braucht und Leute davon profitieren.“
In Leipzig wurden 2025 1.975 Beratungen an sechs Beratungsstellen durchgeführt. 3.138 gemeldete Asylbewerber:innen lebten dort Ende Juni 2025 – das bedeutet, dass 63 Prozent die buAVB nutzten. Die Evaluation kommt bundesweit auf einen ähnlichen Prozentsatz: 60,5 Prozent der Geflüchteten gaben an, einen Beratungsbedarf zu haben. Zum Zeitpunkt der Befragung, auf die sich die Evaluation stützt, gab es die buAVB allerdings noch nicht.

Auch bei der Gesetzesbegründung zur Einführung der buAVB wurde ein Bedarf von 60 Prozent geschätzt. Da hier im Gegensatz zu der vergangenen Befragung minderjährige Schutzsuchende miteinbezogen wurden, kommen die Forschenden zu dem Schluss, dass die Zahl zu hoch angesetzt sei – obwohl aktuelle Zahlen fehlen. Und auch in der Evaluation heißt es weiter, es bräuchte aktuelle Befragungen von Asylsuchenden. Laut BMI seien die aber nicht geplant. 
Wackelige Begründungen
Wie begründet das BMI also diese extremen Kürzungen? Auf dis:orient-Anfrage heißt es: „Die Evaluation hat gezeigt, dass das Ziel der buAVB nur eingeschränkt erreicht wird.“ Unter anderem werde die Beratung oft erst kurz vor Ende des Asylverfahrens in Anspruch genommen. Zweck der Beratung sei es jedoch, schon vor der Anhörung über das Verfahren zu informieren.

Die Evaluation stellt in der Tat fest, dass Beratungen am häufigsten nach einem Bescheid in Anspruch genommen werden. Gleichzeitig mache ein frühes Erreichen der Asylsuchenden die Beratungen erfolgreicher. Die Forschenden scheinen daraus jedoch einen anderen Schluss zu ziehen als das BMI: Die Beratungsstrukturen seien erfolgreich etabliert; Asylsuchende früher zu erreichen, sei „ein weiter anzustrebendes Ziel“. Außerdem stellen sie fest, dass Asylsuchende zum Großteil durch Mundpropaganda von dem Angebot erfahren würden. Dafür müssen sich Strukturen erst einmal etablieren.

Hinzu käme, dass nicht ausschließlich zum Asylverfahren beraten werden würde, teilt das BMI mit: „Asylfremde Beratung ist mit der Förderung jedoch nicht beabsichtigt.“ Die Forschenden konnten im Zuge der Evaluation feststellen, dass auch fachfremde Themen in den Beratungen zur Sprache kommen, etwa Arbeitsmarktzugang und Spracherwerb. Sie schreiben jedoch auch: „Auf Grundlage der Evaluationsdaten lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren, wie häufig solche fachfremden Themen an andere Beratungsformate durch Verweis weitergeleitet oder im Rahmen der buAVB selbst bearbeitet werden.“ Zudem seien die häufigsten Themen: „Anhörung, Dublin-Verfahren, Asylbescheid und mögliche Klageverfahren“.
Verstärkter Druck auf Asylverfahren
Dass die Zahl der Asylanträge in den letzten Jahren zurückging, sei laut Tijman kein Grund, die Finanzierung so drastisch zu kürzen. Denn auch Menschen, die sich bereits im Asylverfahren befinden, hätten einen Beratungsbedarf. Zudem seien Fluchtbewegungen immer dynamisch.

Auch aktuelle Entwicklungen in der Migrationspolitik verstärken den Druck auf Asylsuchende. Tijman ist sich sicher, dass die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) – seit dem 12. Juni 2026 in Kraft – Beratungen umso wichtiger mache. Beispielsweise durch das beschleunigte Verfahren: „Wenn man ein beschleunigtes Asylverfahren durchläuft, was maximal drei Monate dauert, hat man natürlich viel weniger Zeit, die Anhörung vorzubereiten und Nachweise über die Verfolgungsgeschichte zu besorgen.“ Beispielsweise sei es oft schwierig an Haftbefehle aus dem Herkunftsland heranzukommen, meint Tijman. „Je kürzer das Asylverfahren, desto wichtiger ist die unabhängige Beratung.“
Beratung vor dem Aus
90 Prozent der Finanzierung für Beratungsstellen kommen aus dem Bundeshaushalt. In der Theorie könnten Kommunen, Länder oder private Stiftungen einspringen, in der Praxis sei dies jedoch unrealistisch, erklärt Tijman. Sollten die geplanten Kürzungen Realität werden, ist sie sicher: „Ein Großteil der Beratungsstellen wird schließen.“ Auch Antonia Horlacher erklärt: „Die Beratenden werden in den nächsten Monaten nach anderen Jobs suchen. Damit geht auch viel Wissen verloren.”

Dass ein Beratungssystem, welches erst 2023 aus dem Boden gestampft wurde, Weiterentwicklung und Verbesserungen bedarf, dürfte nicht überraschen. Anstatt diese jedoch vorzunehmen, kürzt die Regierung dessen Finanzierung um 80 Prozent. Dies wird Beratungen weder verbessern noch effizienter machen – vielmehr bedeutet es ihr Ende. Und das, obwohl die eigens in Auftrag gegebene Evaluation den Bedarf für genau diese Form der Beratung unterstreicht.
 
 
 
 
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    <title>Proteste in Israels Peripherie: Blau-weiße Opposition gegen Bibi</title>
    <created>Wednesday, September 2, 2026 - 19:10</created>
    <location>Israel, Palästina</location>
    <name>metzger</name>
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    <body>Jeden Samstagabend demonstrieren an einer Straßenkreuzung in der israelischen Kleinstadt Pardes Hanna-Karkur Menschen gegen die Regierung Benjamin Netanjahus. Wer sind diese Menschen – und wofür stehen sie?
Eine Straßenkreuzung am Rand der Kleinstadt Pardes Hanna-Karkur, auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Haifa, Mitte Juni 2026. Auf einer kleinen Grünfläche neben der Straße versammeln sich rund zweihundert Menschen. Viele schwenken die blau-weiße israelische Flagge. Andere halten Transparente mit Aufschriften wie „Wahlen jetzt“, „Nur Frieden bringt Sicherheit“ oder „Staatliche Untersuchungskommission jetzt“ in die Höhe.
Seit mehreren Jahren treffen sich die Demonstrierenden hier jeden Samstagabend. Auf den ersten Blick wirkt die Versammlung unspektakulär. Doch sie erzählt viel darüber, wie ein Teil der israelischen Opposition heute auf Krieg, Demokratie und den eigenen Staat blickt.
Ständige Veränderung
Die wöchentlichen Demonstrationen an der Karkur-Kreuzung begannen 2020 im Zuge der ersten großen Proteste gegen Benjamin Netanjahu, nachdem dieser wegen Korruption angeklagt worden war. Organisiert werden sie von einer Gruppe Privatpersonen aus der Gegend, die sich explizit als überparteilich verstehen.
Nach dem 7. Oktober rückte die Befreiung der israelischen Geiseln in den Mittelpunkt, im März und April dieses Jahres die Beendigung der Kampfhandlungen im Libanon und gegen Iran. Heute, wenige Wochen vor den anstehenden Wahlen, richtet sich der Blick auf die israelische Innenpolitik. Jedoch blieb das Ziel laut Yossi, einem der Organisatoren, grundsätzlich gleich: „Wir wollen unsere Demokratie verteidigen“.
Die Anwesenden fordern einen Regierungswechsel, eine Verurteilung von Premierminister Netanjahu und eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober. Außerdem sprechen sie sich für ein Ende der Besatzung der 1967 von Israel besetzten Gebiete sowie für eine politische Lösung mit den Palästinenser:innen aus – meist in Form der Zweistaatenlösung.  
Forderung nach einem Kurswechsel – aber kein Bruch mit dem Staat
Auch wenn die Demonstrierenden die aktuellen Zustände sowie die Regierung Netanjahus scharf kritisieren, handelt es sich mitnichten um eine antizionistische Demonstration – die israelische Flagge ist allgegenwärtig und die israelische Nationalhymne HaTikva wird gesungen.
„Natürlich bin ich Zionistin“, erklärt Jonat, eine Demonstrantin. „Meine Eltern sind hierher geflohen und ihre gesamte Familie wurde im Holocaust getötet. Ich habe keinen anderen Ort, wo ich hingehen kann. Das ist mein Zuhause“.
Auf die Frage, was Zionismus für sie bedeute, verweist sie auf die israelische Unabhängigkeitserklärung und deren Versprechen gleicher Rechte für alle Bürger:innen. Die Demonstrierenden sehen sich nicht als Gegner:innen Israels, sondern als Verteidiger:innen eines Staates, der gleichzeitig jüdisch und demokratisch sein soll. Ein Israel, das in deren Wahrnehmung bereits existierte: „Wir wollen den Zionismus zu seinen humanistischen Idealen zurückführen“, erklärt Yossi.
Diese Haltung prägt auch das Verhältnis zu zentralen staatlichen Institutionen, insbesondere der Armee. Die Existenz oder grundsätzliche Notwendigkeit der israelischen Streitkräfte stellt kaum jemand infrage. Die meisten hier haben selbst gedient oder haben Kinder und Enkel im Militär. „Wir brauchen eine Regierung, die Frieden sucht“, sagt eine Demonstrantin. „Aber wir müssen uns verteidigen können“.   
Wo die Einigkeit endet
Trotz eines grundsätzlichen Konsenses unter den Demonstrierenden gibt es sensible Themen, an denen unterschiedliche Meinungen sichtbar werden – zum Beispiel, als eine Gruppe Jugendlicher auf der Demonstration mit einem Megafon eigene Slogans skandiert: „Sicherheit baut man nicht auf den Körpern getöteter Kinder auf“.
Dies löst den Unmut einer älteren Demonstrantin aus: Der Satz setze die israelische Armee mit der Hamas gleich, doch „Israel tötet nicht gezielt Kinder“, behauptet sie. Nach einer lebhaften Diskussion geben die Organisator:innen grünes Licht und die Jugendlichen rufen ihre Slogans weiter.
Die Szene und die unterschiedlichen Meinungen zur Kriegsführung der israelischen Armee versinnbildlichen grundsätzliche Bruchlinien und Tabus innerhalb der israelischen Linken. Während einige Demonstrant:innen eine klare Verurteilung der IDF vermeiden, sprechen andere von eindeutigen Kriegsverbrechen.
Doch von Genozid ist nicht die Rede: „Dieses Wort kommt vielen von uns noch immer schwer über die Lippen“, sagt Jonat. „Aber es ist schrecklich, was in Gaza passiert, und ich schäme mich dafür“.  
Eine auffällige Leerstelle
Ein Umstand lässt sich jedoch trotz diverser Positionen nicht leugnen: Obwohl die Karkur-Kreuzung in einem Gebiet liegt, in dem viele palästinensische Bürger:innen leben, kommen zur Demonstration fast ausschließlich jüdische Israelis. Zwar treten bei den Reden regelmäßig auch arabisch-palästinensische Politiker:innen und Aktivist:innen auf, unter den Demonstrierenden selbst sind sie aber kaum vertreten.
Bei der Frage nach dem Warum gehen die Einschätzungen auseinander: Während einige mangelnde politische und gesellschaftliche Integration als Ursache ansehen, verweisen andere auf die Angst der Palästinenser:innen vor staatlicher Repression und auf die zionistische Symbolik der Demonstration.
Ein arabisch-palästinensischer Redner der jüdisch-arabischen Partei Hadash erklärt, er sehe keinen persönlichen Grund, der Demonstration fernzubleiben: „Ich stehe Schulter an Schulter mit allen, die Frieden, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit fordern, auch wenn meine Partei und ich uns nicht als zionistisch verstehen“. Gleichzeitig betont er, dass sich viele palästinensische Bürger:innen Israels tatsächlich nicht mit den Symbolen der Demonstration oder der Vorstellung eines in der Vergangenheit „gerechten Israels“ identifizieren könnten.
Wer an einem Samstagabend an der Karkur-Kreuzung steht, begegnet keiner radikalen Opposition gegen den Staat Israel. Es sind Menschen, die ihre Regierung scharf kritisieren und sich gegen Krieg und Besatzung aussprechen. Ihre Identifikation mit Israel als jüdischem Staat bleibt dennoch ungebrochen. Damit versammelt die Demonstration unterschiedliche Positionen, die sich nicht immer widerspruchsfrei verbinden lassen. Ob diese Vorstellungen politisch zusammenfinden können und langfristig Gerechtigkeit für alle Menschen in Palästina und Israel schaffen können, bleibt eine offene Frage.
 
 
 
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    <title>Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland</title>
    <created>Tuesday, August 25, 2026 - 07:31</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>Domi</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/utopie-bewegungsfreiheit-zwischen-syrien-und-deutschland</path>
    <body>Analysen zur Migrationspolitik gibt es viele – im Gegensatz zu Texten über eine Welt ohne Grenzen. Wir stellen uns vor, was Bewegungsfreiheit zwischen Deutschland und Syrien so brächte. Yalla, folgt uns in die Utopie.
Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Freedom of Movement Between Syria and Germany
Ruqaia ist Ärztin in Schwerin, 2016 kam sie aus Latakia nach Deutschland. An Ruqaias Arbeitsplatz, einer Klinik in Schwerin, herrscht Personalmangel und sie leidet unter dem enormen Arbeitspensum. Ihr Mann ist zwar ebenfalls Arzt, war aber länger als sie in Syrien. Um gemeinsam in Deutschland leben zu können, kämpfte er lange vergeblich um einen Termin bei der Botschaft. Doch dann traten neue Regeln in Kraft,  zwischen Syrien und Deutschland herrscht eine neu etablierte Bewegungsfreiheit. Ruqaias Mann kann problemlos einen Flug nach Deutschland buchen. Sein Plan ist, sich in Schwerin direkt bei der Klinik zu bewerben und sowohl die Kolleg:innen, als auch seine Frau zu entlasten.
Ruqaia ist erleichtert. Sie plant, in den nächsten Jahren Mutter zu werden und träumt von einem Familienleben zwischen Syrien und Deutschland. Es gibt ihr Kraft, zu wissen, dass ihre Mutter nach der Geburt des Kindes für einige Zeit in Deutschland bleiben könnte, um sie zu unterstützen. 
Einreisen ohne Angst
Eine Reise zwischen Deutschland und Syrien bedeutet seit der Neuregelung: einen Flug zu finden, zu buchen und zum Flughafen zu fahren. An der Grenze einzureisen ohne Angst vor Zurückweisung, ohne Befristung oder Sorgen um Sperrkonten für Visa.
Für einen Job umzuziehen ist kein Problem. In beide Richtungen entsteht zirkuläre Arbeitsmigration, begünstigt von der weggefallenen Bürokratie. Syrien benötigt händeringend Fachkräfte, um den Wiederaufbau anzukurbeln. Deutschland wiederum kann auf die syrischen Arbeiter:innen nicht verzichten. 
Um aus dieser Lage eine Win-win-Situation zu machen, werden bilaterale Programme etabliert. In Deutschland ausgebildete Fachkräfte bieten Schulungsprogramme in Syrien an, um die Erfahrung dort weiterzugeben. Zudem können in Syrien angestellte Kräfte Deutschland besuchen und professionelle Erfahrung sammeln, während sie in Syrien weiterhin angestellt sind.  
Die Agentur für Arbeit bearbeitet keine Arbeitszulassungs- und Qualifizierungsanträge mehr, sondern koordiniert Arbeitsmigration zwischen Deutschland und Syrien. Für Arbeitgeber:innen gibt es ein von der Bundesagentur für Arbeit gefördertes Portal, bei dem sich Arbeitssuchende aus Syrien und Deutschland registrieren können. 
Sowohl die Behörden als auch die Menschen atmen auf, denn die Bürokratie ist im Gegensatz zu früher kein Aufwand mehr. Ohne die verschiedenen Aufenthaltstitel mit all ihren Vorgaben zu Arbeit, Reisefreiheit und Wohnauflagen kann sich die Verwaltung auf das Wesentliche konzentrieren.
Umm Majid, eine Oma aus Raqqa
Umm Majid ist an Leukämie erkrankt. In Syrien wurde sie behandelt, doch dann stellte sich heraus, dass sie eine Knochenmarktransplantation benötigt. Ihre Familie in Deutschland fand eine mögliche Spenderin, doch erste Versuche, sie für die Behandlung nach Deutschland zu bringen, blieben erfolglos. 
Durch eine neue Kooperation des Mujtahed-Krankenhauses in Damaskus und der Charité in Berlin im Bereich der Krebsbehandlung konnte Umm Majid schließlich ohne Visum nach Deutschland reisen. Die Transplantation war erfolgreich und Umm Majid erholt sich in Berlin. Finanzielle Schwierigkeiten wegen der Behandlung hat die Familie nicht zu befürchten. Das Programm wird vom syrisch-deutschen Ärzteverband, der Charité und dem BMZ finanziert. 
Nicht nur die Patient:innen, sondern auch das medizinische Personal kann nun zwischen Syrien und Deutschland reisen. Im Rahmen der Krankenhauskooperation kommen Mediziner:innen nach Deutschland. Krebskranke in Syrien bekommen leichter eine angemessene Therapie und Deutschland profitiert vom jungen syrischen Personal. 
Viele syrische Mediziner:innen haben aufgrund der Kriegsjahre eine hohe Geschicklichkeit und wertvolles Wissen in der Notfallmedizin und im katastrophenmedizinischen Kontext. Im Rahmen des Programms vermitteln sie dies an deutsche Kolleg:innen.
Umm Majid und ihre Familie sind heute Teil eines Patientennetzwerkes, das sich für den Ausbau solcher Gesundheitskooperationen einsetzt. Den kostenlosen Zugang zu Gesundheitsversorgung für Menschen in Syrien und Deutschland wollen sie auch Menschen aus anderen Ländern ermöglichen.

Fabian, Autor und Lebensgefährte der syrischen Künstlerin Laila
Deutschland und Syrien sind besonders seit dem langen Sommer der Migration 2015 immer stärker verbunden. Syrer:innen sind Teil der deutschen Gesellschaft geworden, haben Familien gegründet, arbeiten und studieren. In vielen Familien sind Deutsch und Arabisch Erst- und Zweitsprache. Die syrische Kultur prägt deutsche Straßen: durch Restaurants, Kunstausstellungen oder ihre Namen auf Klingelschildern. 
Fabian ist in Ostfriesland aufgewachsen und schreibt gern über seine Heimat. Er weiß, dass er in seinen Texten die Nordsee romantisiert, die Felder und das Watt – eine Darstellung, die die Menschen aus seiner Region gerne lesen. Laila zeigt in ihren Werken eine andere Ästhetik: Mosaik, Olivenhaine, wärmere Farben. Seitdem er mit ihr zusammen ist, will er mehr über Syrien erfahren und seine Bildwelt mit der von Laila verbinden. Wie gerufen kam da ein Programm des Syrisch-Deutschen Dachverbands der Kulturinstitutionen. Gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden verbrachte Fabian einige Monate an der Kunstakademie in Latakia. 
Aus den geknüpften Netzwerken lädt er immer wieder syrische Künstler:innen und Autor:innen nach Deutschland ein. Dank der Bewegungsfreiheit organisieren sie gemeinsam Lesungen und Ausstellungen in beiden Ländern, ohne bürokratische Verzögerungen oder Absagen aufgrund abgelehnter Visaanträge befürchten zu müssen. 
Annenmaykantereit in Damaskus
Für Syrer:innen in Syrien wird Deutschland aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen, finanziellen Verflechtungen, Entwicklungsprojekten und Austauschprogrammen immer mehr zum Bezugsland. Wer durch Damaskus oder Raqqa läuft, kann auf Deutsch grüßen und bekommt auf Deutsch die Antwort. Blogger:innen ziehen durch Syrien, berichten über die Lage, besuchen ihre Freund:innen, lernen neue Aspekte des Landes kennen und liefern auf TikTok oder Youtube Informationen an das deutsche Publikum.
Die neu geschaffene Bewegungsfreiheit hilft auch in Frage der Interkulturalität. Eine syrisch-deutsche Identität ist viel leichter zu leben, die Selbstfindung und Identitätsentwicklung ist keine Entscheidung zwischen zwei auseinanderstrebenden Wegen, sondern kann sich fluide zwischen (Sub-)Kulturen bewegen. Lina Shamamian singt für Berlin und Annenmaykantereit-Platten gewinnen in Damaskus an Beliebtheit. 
Wael, Schüler in Freiburg
Aufgewachsen in Deutschland, ohne je in Syrien gewesen zu sein, ist Wael gleichermaßen deutsch- und arabischsprachig. In der neunten Klasse entscheidet er sich für ein Austauschjahr in Syrien. Engagierte Lehrer:innen seiner Schule sind dabei, einen Austausch mit einer Schule in Masyaf aufzubauen. Dort gibt es seit längerer Zeit bereits Deutschunterricht. Durch die Bewegungsfreiheit ermöglicht, sollen jährlich zehn Schüler:innen auf die Reise gehen. 
Auch Waels beste Freundin Anne kommt mit. Ihre Begeisterung für die arabische Sprache wurde bei Waels Familie am Esstisch geweckt. Jetzt will sie richtig Arabisch lernen. Die Koffer werden gepackt, die Schule organisiert die Reiseplanung und die administrativen Schritte. Viel ist es nicht, denn Wael und Anne müssen außer ihren Ausweisen keine Papiere dabeihaben oder beantragen. 
Manche Fächer belegen die beiden gemeinsam auf Deutsch, Anne besucht einen vom syrischen Bildungsministerium geförderten Arabischunterricht und Wael hat weitere Schulfächer auf Arabisch. Während ihres Austauschjahres bekommen sie Besuch von Freund:innen aus Deutschland. Gemeinsam machen sie eine Rundreise durch Syrien. Ihr Gefühl der Verbundenheit mit Land und Leuten wächst. Gegenseitige Vorurteile wandeln sich mit der Zeit zu einem tieferen Verständnis der jeweiligen Kontexte.
Die politische Debatte in Deutschland entspannt sich
Ausgehend von der Freizügigkeit zwischen Deutschland und Syrien können selbst rechts- oder konservativ orientierte Politiker:innen nun nicht mehr über Abschiebungen und die Beschneidung von Rechten punkten. Migration als zu kontrollierendes Problem hat als politisches Leitmotiv ausgedient. 
Migration aus und nach Syrien ist kein politischer Spielball mehr, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des deutsch-syrischen Lebens. Populismus und Rassismus in Deutschland verlieren an Rückenwind und Befragungen zu dem Thema durch die Medien oder Landesämter für Statistik verlieren an Relevanz. 
Lisa, Politikwissenschaftlerin in Berlin
Für den Wiederaufbau engagieren sich in Syrien viele Bürger:innen. Lisa hatte sich während ihres Studiums an der HU Berlin auf soziale Bewegungen und Staatstransformation spezialisiert. Nach dem Sturz des Assad-Regimes wollte sie ihr Wissen weitergeben und organisierte im Jahr darauf eine Sommerschule für junge Syrer:innen in Berlin, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie dem syrischen Ministerium für Arbeit und Soziales. 
In den folgenden Jahren waren die Plätze schnell ausgebucht; die Bewerber:innen mussten keine Visaverfahren durchlaufen und konnten nach der Zusage direkt einreisen. Lisa entschied daraufhin, das Projekt auszuweiten und in Kooperation mit der Universität Aleppo eine Zweigstelle in Syrien zu eröffnen. 
Das Programm wird zu einer wichtigen Säule des politischen Wiederaufbauprozesses Syriens. Es erhält Preise und schließlich eröffnet die HU ein Institut, das sich auf die interdisziplinäre Untersuchung von Wiederaufbauprozessen spezialisiert. Dabei spielen neben dem syrischen sowohl die historisch-deutsche Erfahrung als auch andere internationale Beispiele eine Rolle.
Gemeinsam erinnern, gemeinsam gegen Autoritarismus
Seit Syrien sich 2024 von der langjährigen brutalen Diktatur befreit hat, vernetzen sich zivilgesellschaftliche Initiativen in Syrien und Deutschland auf vielen Ebenen. Löhne in der deutschen Pflege werden nun auch von syrischer Seite mitverhandelt. Es geht um faire Bezahlung und die Flexibilität der Arbeitnehmer:innen, immer wieder zwischen Deutschland und Syrien zu wählen.
Im Bereich der Erinnerungskultur gab es schnell Pionierprojekte wie eine Ausstellung zum syrischen Sednaja-Gefängnis im ehemaligen Stasigefängnis Hohnschönhausen. Dort war die Rolle von Gefängnissen in Unrechtsstaaten ein zentrales Thema, ebenso die Verbindung zwischen ehemaligen NS-Eliten und später der DDR und den autoritären Strukturen in Syrien. Heute entwickelt ein Netzwerk aus Vereinen, Organisationen, staatlichen Einrichtungen und Universitäten Konzepte für die Aufarbeitung der Verbrechen. 
Bewegungsfreiheit allein reicht nicht aus, um den Aufbau demokratischer Strukturen und einer Erinnerungskultur zu ermöglichen. Sie erleichtert jedoch den persönlichen Austausch auf Augenhöhe sowie die gemeinsame Arbeit für die gesellschaftliche Utopie. 
 
 
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    <title>Freedom of Movement Between Syria and Germany</title>
    <created>Tuesday, August 25, 2026 - 07:31</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>Domi</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/freedom-movement-between-syria-and-germany</path>
    <body>There are many analyses of migration policy, but very few texts about a possible world without borders. We imagine what freedom of movement between Germany and Syria might look like. Yalla, follow us into this utopia.
This article is part of a dossier on migration and freedom of movement between Syria and Germany, published by dis:orient in cooperation with the Rosa Luxemburg Foundation Beirut. All articles are published in German and English.
Ruqaia is a doctor who came to Germany from Latakia in 2016. She now lives in Schwerin in Germany. The clinic where she works is understaffed and she is overwhelmed by the enormous workload. Her husband is also a doctor, but he still lives in Syria. In order for them to live together in Germany, he fought to get an appointment at the embassy. But then new rules came into effect, establishing freedom of movement between Syria and Germany. Ruqaia’s husband is able to book a flight to Germany without a visa. Once he arrives, he plans to apply directly to work with his wife to help ease the burden on both her and the clinic.
Ruqaia is relieved. She plans to become a mother in the next few years and dreams of a family life that spans her two homelands: Syria and Germany. It gives her a lot of strength to know that her mother could come to Germany for a while after the baby is born to support her.
Traveling Without Fear
Since the new regulations took effect, traveling between Germany and Syria means simply finding and booking a flight, driving to the airport and crossing the border without fear of being turned away, without time limits or worries about German visa requirements like frozen bank accounts.
Moving for work is no problem. Circular labour migration takes placein both directions, made easier by the removal of bureaucratic barriers. Syria desperately needs skilled workers to jumpstart postwar reconstruction. Germany, in turn, cannot manage without Syrian workers.
To turn this situation into a win-win, bilateral programs are being established. Skilled workers trained in Germany offer training programs in Syria to pass on their expertise. In addition, workers employed in Syria can visit Germany and gain professional experience while remaining employed in their homeland.
The Federal Employment Agency no longer handles applications for work permits and qualifications, but instead coordinates labour migration between Germany and Syria. Job seekers from Syria and Germany can register at a portal for employers funded by the Agency.
Both the authorities and the people breathe a sigh of relief, because bureaucracy, unlike before, is no longer a burden. Without the various residence permits, with all their requirements regarding work, freedom of travel and residency conditions, the administration can focus on what really matters.
Umm Majid, a grandmother from Raqqa
Umm Majid has leukemia. She received treatment in Syria, but with time it became clear that she needed a bone marrow transplant. Her family in Germany found a potential donor, but initial attempts to bring her to Germany for treatment were unsuccessful.
Thanks to a new partnership between Mujtahed Hospital in Damascus and Charité in Berlin in the field of cancer treatment, Umm Majid was finally able to travel to Germany without a visa. The transplant was successful and Umm Majid is recovering in Berlin. The family does not have to worry about financial difficulties due to the treatment. The program is funded by the Syrian-German Medical Association, Charité, and the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development.
Not only patients but also medical staff can now travel freely between Syria and Germany. Medical professionals are coming to Germany as part of hospital partnerships. Cancer patients in Syria have easier access to appropriate treatment, and Germany benefits from the young Syrian medical staff.
Due to their years of experience during the war, many Syrian medical professionals have developed a high level of skill and valuable knowledge in emergency medicine and disaster medicine. As part of the program, they share this expertise with their German colleagues.
Umm Majid and her family are now part of a patient network that advocates for the expansion of such healthcare partnerships. They want to make free access to healthcare available to people in Syria and Germany, as well as to people from other countries.

Fabian, author and partner of Syrian artist Laila
Germany and Syria have become increasingly connected, especially since the “long summer of migration” in 2015. Syrians have become part of German society. They have started families, and they work or study in Germany. In many families, German and Arabic are the first and second languages. Syrian culture shapes German streets through restaurants, art exhibitions, or the names on doorbell plates.
Fabian grew up in East Frisia and enjoys writing about his homeland. He knows that in his writing he romanticises the North Sea, the fields and the wetlands, a portrayal that people from his region enjoy reading. Laila presents a different aesthetic in her works: mosaics, olive groves, warmer colors. Ever since they started a relationship, he has wanted to learn more about Syria and blend his visual world with Laila’s. A program offered by the Syrian-German Umbrella Organisation of Cultural Institutions came at just the right time. Together with other cultural professionals, Fabian spent several months at the art academy in Latakia.
Through the networks he has built, he regularly invites Syrian artists and authors to Germany. Thanks to their freedom of movement, they organise readings and exhibitions together in both countries without having to worry about bureaucratic delays or cancellations due to rejected visa applications.
Annenmaykantereit in Damascus
For Syrians living in Syria, Germany is increasingly becoming a point of reference due to family ties, financial connections, development projects and exchange programs. If you walk through Damascus or Raqqa, you can greet people in German and receive a reply in German. Bloggers travel through Syria, report on the situation, visit their friends, discover new aspects of the country and share information with a German audience on TikTok or YouTube.
This newly gained freedom of movement is directly linked to interculturality. A Syrian-German multi-identity is much easier to live with; finding oneself and developing an identity does not mean a choice between diverging paths. People can move fluidly between (sub)cultures. Lina Shamamian sings for the people of Berlin and Annenmaykantereit albums are gaining popularity in Damascus.
Wael, a student in Freiburg
Having grown up in Germany without ever having been to Syria, Wael is equally fluent in German and Arabic. In ninth grade, he wants to spend a year as an exchange student in Syria. Dedicated teachers at his school are in the process of establishing an exchange program with a school in Masyaf, where German classes have been offered for quite some time. Thanks to the freedom of movement now in place, ten students are expected to make the trip each year.
Wael’s best friend, Anne, is coming along too. Her enthusiasm for the Arabic language was sparked at Wael’s family’s dinner table. Now she wants to learn Arabic properly. The suitcases are packed. The school is handling the travel arrangements and administrative steps. There isn’t much to do, since Wael and Anne do not need to apply for any documents or carry anything other than their IDs.
The two take some classes together in German: Anne attends Arabic classes sponsored by the Syrian Ministry of Education and Wael takes other school subjects in Arabic. During their exchange year, their friends visit them from Germany. Together, they take a tour of Syria. Their sense of connection to the country and its people grows. Over time, mutual prejudices give way to a deeper understanding of each other’s contexts.
The political debate in Germany is easing
Given the freedom of movement between Germany and Syria, even right-wing or conservative politicians can no longer score political points by talking about deportations and curtailing rights. Migration is no longer a problem to be controlled. It has had its day as a political leitmotif.
Migration to and from Syria is no longer a political football match, but rather a natural part of German-Syrian life. Populism and racism in Germany are losing momentum, and surveys on the topic conducted by the media or the state are losing their relevance.
Lisa, a political scientist in Berlin
Many citizens in Syria are committed to the country’s reconstruction. During her studies at HU Berlin, Lisa specialised in social movements and state transformation. After the fall of the Assad regime, she wanted to pass on her knowledge. The following year, she organised a summer school for young Syrians in Berlin, funded by the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development as well as the Syrian Ministry of Labor and Social Affairs.
In the years that followed, the program filled up quickly; applicants did not have to go through visa procedures and could enter the country immediately upon acceptance. Lisa then decided to expand the project and open a branch in Syria in cooperation with the University of Aleppo.
The program became a key pillar of Syria’s political reconstruction process. It received awards, and eventually the HU established an institute specialising in the interdisciplinary study of reconstruction processes. Both Germany’s historical experience and current international examples play a role.
Remembering Together, Standing Together Against Authoritarianism
Since Syria freed itself from its long-standing brutal dictatorship in 2024, civil society initiatives in Syria and Germany have been collaborating on many levels. Wages in the German care sector are now also being negotiated with input from the Syrian side. The focus is on fair pay and the flexibility for employees to choose to move between Germany and Syria as and when they wish.
In the realm of remembrance culture, pioneering projects quickly emerged, such as an exhibition on the Syrian Sednaya Prison held at the former Stasi prison in Hohnschönhausen. There, the role of prisons in authoritarian states was a central theme, as well as the connection between former Nazi elites, and later, the German Democratic Republic (East Germany) and the authoritarian structures in Syria. Today, a network of associations, organisations, government institutions, and universities is developing concepts for coming to terms with the crimes committed by these regimes.
Freedom of movement alone isn't enough to build democratic structures and a culture of remembrance. But it does make room for genuine, equal exchange between people, and for working together toward a shared social utopia.
 
 
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    <title>Das Ende des „Migrationsmanagements“? </title>
    <created>Wednesday, August 19, 2026 - 09:46</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>Domi</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/das-ende-des-migrationsmanagements</path>
    <body>Im Umgang mit Migration in Deutschland gewinnt die rassistische Abschottung an Bedeutung – selbst dort, wo Unternehmen migrantische Arbeitskräfte brauchen. Eine Analyse der Verschiebung und ein Ausblick auf Ansätze für die politische Linke.
Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: The End of "Migration Management"?
Am 30. März 2026 kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz während des Staatsbesuchs des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa an, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer:innen nach Syrien zurückkehren sollten. Die AfD applaudierte Merz. Sie verstand seine Äußerung als Einschwenken auf ihre Politik der „Remigration“ und forderte, praktisch alle Syrer:innen aus Deutschland auszuweisen.
Progressive Stimmen kritisierten Merz mit Verweis auf die gute Integration von Syrer:innen sowie auf die ökonomisch desolate Situation und die gefährliche Sicherheitslage in Syrien, insbesondere für religiöse Minderheiten. Zugleich wurden besonders syrische Pfleger:innen, Ärzt:innen und Apotheker:innen als nützliche Arbeitskräfte verteidigt. Massive Abschiebungen seien weder im wirtschaftlichen noch im demografischen Interesse Deutschlands.
An Merz’ Aussage und den Reaktionen zeigt sich ein grundlegender Konflikt: Auf der einen Seite steht ein rassistisches und nationalistisches politisches Projekt, das die Anwesenheit von als „fremd“ konstruierten Menschen in Deutschland durch massive Abschiebungen und um jeden ökonomischen Preis drastisch reduzieren will. Ihm gegenüber steht eine instabile Allianz progressiver und neoliberaler Kräfte, die von Menschenrechten sprechen, aber dabei (auch) den Nutzen und den Mehrwert der Syrer:innen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft im Fokus haben: Syrer:innen als Lösung für Fachkräftemangel, Überalterung und unsichere Renten.
Die Herausbildung des progressiv-neoliberalen Migrationsmanagements
Der Streit um Merz’ Aussage verweist auf ein Spannungsverhältnis, das die deutsche Migrationspolitik historisch durchzieht: den Konflikt zwischen nationalistischer Abschottung und dem Interesse an einer flexiblen „industriellen Reservearmee“. Er zeigt sich bereits in den Auseinandersetzungen um Einwanderung und Niederlassung polnischer Arbeiter:innen – den sogenannten Ruhrpolen – im Ruhrgebiet vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit, setzt sich in den sogenannten Gastarbeiter- und Vertragsarbeiterregimen der Nachkriegszeit fort und prägt bis heute die Kontroversen um Fluchtmigration. Immer wieder zeigt sich ein struktureller Widerspruch, der in stets neuer Gestalt auftritt: ein Gegensatz zwischen den Versuchen, die Mobilität und die Immobilität arbeitender Menschen zum wirtschaftlichen Vorteil flexibel zu kontrollieren und zu regulieren, und dem ebenso dauerhaften Muster, politische Stabilität im „Inland“ durch rassistisch legitimierte Abschottung und Ausgrenzung abzusichern.
In der Hochphase der neoliberalen Globalisierung in den 1990er-Jahren bildete sich im Umgang mit diesem Grundwiderspruch ein neues politisches Projekt heraus, das unter dem Etikett des „Migrationsmanagements“ bekannt ist: Gerahmt von einer Rhetorik der Nützlichkeit und teils ergänzt um Verweise auf Menschenrechte und Diversität, sollen eigensinnige Bewegungen der Flucht und Migration begrenzt und kontrolliert werden, sodass die flexible Einwanderung nützlicher Arbeitskräfte vom migrationsskeptischen Teil der Bevölkerung akzeptiert wird. Das Migrationsmanagement kombiniert somit die gezielte Anwerbung und „Integration“ von Migrant:innen für den Arbeitsmarkt mit einem restriktiven, aber doch existierenden Asylsystem und einer repressiven Politik von Abschottung, Illegalisierung und Abschiebungen.
Seit dem langen Sommer der Migration 2015 mobilisieren rechte Kräfte zunehmend erfolgreich gegen das neoliberale Migrationsmanagement. Ähnlich wie die Regierung Trump in den USA fordern sie Massenausweisungen. Der Vorstoß von Merz zur Rückkehr von 80 Prozent der Syrer:innen zeigt, dass die Aushandlung des Widerspruchs zwischen Anwerben und Abschieben zugunsten eines national-chauvinistischen Projekts kippen könnte, welches die Priorität auf Rassismus setzt und bereit ist, die ökonomischen und demographischen Konsequenzen zu akzeptieren. Sollte sich dieses Projekt durchsetzen, wäre dies das Ende des neoliberalen Migrationsmanagements.
Konflikte zwischen Reproduktion und Stabilisierung
Innerhalb dieses grundlegenden Richtungsstreits spitzen sich migrationspolitische Konflikte auf mehreren Ebenen zu. Es lassen sich vier verflochtene und sich überlappende Ebenen unterscheiden.
Zunächst stehen sich in Konflikten um Mobilität zwei Positionen gegenüber. Auf der einen Seite steht der ökonomische Mehrwert: Wenn etwa Industriebetriebe in Branchen mit Fachkräftemangel mit der Produktion nicht hinterherkommen, füllt das flexible Anwerben migrantischer Facharbeiter:innen die Lücke und sichert Wettbewerbsfähigkeit und Gewinne. Auf der anderen Seite werden durch den symbolischen und materiellen Ausschluss von Migrant:innen soziale Konflikte politisch stabilisiert. Gerade in Krisenzeiten lenkt der Fokus auf Migrant:innen die Frustration über zunehmenden Druck am Arbeitsplatz und unsichere Renten weg von ernsthaften Bemühungen um eine sozial-ökologische Transformation. Doch soziale Konflikte, etwa um Wohnraum, Arbeit oder Rente, werden nicht nur durch die AfD in Fragen der Migration umgedeutet.
Auch abseits der extremen Rechten sind Angriffe auf die offene Migrationsgesellschaft produktiv für die politische Stabilisierung. Wenn der ehemalige Kanzler Scholz beispielsweise ankündigt, „endlich im großen Stil abschieben“ zu wollen, nutzt er den Ausschluss von Migrant:innen, um Zustimmung für seine Politik zu schaffen. Für Unternehmen, die auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sind, schafft eine solche Politik allerdings Probleme. Deswegen warnen Teile der Industrie vor Rassismus als Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland. In dieser ersten Ebene stehen sich also die potenzielle Stabilisierung der politischen Verhältnisse durch rassistische Politik einerseits und die Absicherung der Produktion durch das Anwerben und Halten von migrantischen Arbeiter:innen gegenüber.
Auf der zweiten Ebene des Konflikts steht die politische Stabilisierung durch rassistische Ausschlüsse in einem Spannungsverhältnis mit der sozialen Reproduktion der Gesellschaft. Migrant:innen spielen in der alternden Gesellschaft, inklusive eines unsicheren Renten- und Sozialsystems, eine zentrale Rolle für die soziale Reproduktion. Die vergangenen Monate waren geprägt von Debatten, in denen zahlreiche Stimmen wegen sinkender Geburtenraten in Deutschland Alarm schlugen. Diese sehen die Finanzierbarkeit von Sozialsystemen und die mittel- und langfristige Zukunft der Wirtschaft gefährdet. Zudem halten viele syrische Arbeiter:innen im Gesundheitsbereich bereits heute die Versorgung von Kranken und pflegebedürftigen Menschen am Laufen und zahlen Beiträge in die Rentenkasse und das Sozialversicherungssystem ein. Damit steht das politische Projekt einer rassistischen Massenausweisung auch im Spannungsverhältnis zur sozialen Reproduktion.
Drittens sind sowohl die Arbeiter:innenschaft als auch die Kapitalfraktionen intern zunehmend im Konflikt miteinander. Durch den Fokus auf syrische Fachkräfte geht häufig verloren, dass es die Syrer:innen nicht gibt, sondern Syrer insbesondere in den Branchen Verkehr und Logistik, Lebensmittel- und Gastgewerbe, Gesundheitswesen und Baugewerbe arbeiten, während Syrerinnen häufig in sozialen und kulturellen Bereichen tätig sind.
Zwar gibt es im Vergleich zu anderen Herkunftsländern überdurchschnittlich viele höherqualifizierte Arbeiter:innen, dennoch sind auch Arbeitslose und niedrigqualifizierte Syrer:innen Teil der Realität. Damit ist die Stellung von Syrer:innen auf dem Arbeitsmarkt äußerst unterschiedlich. Wenn diese verschiedenen Positionen durch eine Rhetorik zwischen „guten“ und „schlechten“ Migrant:innen politisiert werden, kann das zu Spaltungen und Konflikten untereinander führen.
Auch die Kapitalseite tritt nicht als Einheit auf, beispielsweise in ihren Anforderungen an migrantische Arbeit. Mittelständische Unternehmen, die für den Export produzieren, sind stärker auf hochqualifizierte Fachkräfte angewiesen, während Plattformunternehmen wie in der Essensauslieferung oder in der Logistik stärker auf prekarisierte Arbeitskräfte setzen. Drohende Massenabschiebungen können dabei Teile der spezialisierten Produktion gefährden, während diese Drohung für andere Betriebe eine Masse an leicht ausbeutbaren und teils illegalisierten Arbeiter:innen schafft. Konflikte zwischen Branchenverbänden, etwa um den Umgang mit der AfD, sind Ausdruck dieser Heterogenität und gleichzeitig Gradmesser für Konfliktlinien und Kräfteverhältnisse innerhalb der Kapitalseite.
Zusammenspiel unterschiedlicher Strategien im deutschen Arbeitsregime
Um die vierte Ebene zu erklären, müssen Kontroversen über die Forderung nach einer Rückkehr nach Syrien sowie den wirtschaftlichen und demografischen Nutzen in den Kontext des deutschen Arbeitsregimes und seiner unterschiedlichen Strategien gesehen werden.
Dem Staat und den Unternehmen stehen unterschiedliche Strategien zur Verfügung, um auf einen Mangel an günstigen oder passend qualifizierten Arbeitskräften zu reagieren. Merz’ Ankündigung, dass 80 Prozent der Syrer:innen zurückkehren sollen, lässt sich in diesem Sinne auch als Einschüchterungsversuch verstehen. Denn die Sorge vor Abschiebungen und einem prekären Aufenthaltsstatus treibt Menschen dazu, schlecht bezahlte und prekäre Arbeitsbedingungen eher zu akzeptieren.
Insofern stehen die aktuellen ‚arbeitspolitischen‘ Vorhaben der Bundesregierung, zum Beispiel längere Tages- und Wochenarbeitszeiten, eine generelle Attestpflicht bei Krankheit sowie fortschreitende Automatisierung in Verbindung zur strategischen Verwertung von Syrer:innen als Arbeitskraftressource. Ziel dieser unterschiedlichen Strategien ist es, Kosten zu senken und die Produktivität zu steigern, um der momentanen Schwäche der deutschen und europäischen Ökonomie auf dem Weltmarkt zu begegnen.
Sollte das national-chauvinistische Projekt der Abschottung weiter an Bedeutung gewinnen, könnten arbeitsmarktpolitische Strategien wie die Anwerbung von Fachkräften oder die Integration von Asylsuchenden in den Arbeitsmarkt in den Hintergrund rücken. Um dennoch die Profitrate zu verbessern, bleibt Politik und Arbeitgeber:innen dann in bestimmten Sektoren vermehrt die stärkere Disziplinierung und Ausbeutung der Arbeiter:innen, die bereits vor Ort sind.
Polarisierung nach dem möglichen Ende des Migrationsmanagements
In den vergangenen Jahren hat die Mobilisierung gegen Migrant:innen die Spaltung zwischen verschiedenen Gruppen von Arbeiter:innen vorangetrieben. Mittlerweile genießt die AfD unter Arbeiter:innen und Gewerkschafter:innen eine breite Unterstützung, oft entgegen deren materiellen Interessen. Das Bündnis von marktliberalen bis linksliberalen Kräften verliert laufend an Zustimmung. Parallel dazu gibt es eine zunehmende Mobilisierung von links gegen diese Spaltung. Damit könnte sich der Konflikt um Migrationspolitik weiter verschärfen.
Die aktuelle Regierungspolitik greift neben dem Recht auf Bewegungsfreiheit auch viele Errungenschaften der Arbeiter:innenbewegung an. Beides erhöht den Druck auf Arbeiter:innen. In diesem doppelten Angriff liegt jedoch auch ein gemeinsames Mobilisierungspotential. Entlang der sich zuspitzenden Widersprüche könnte sich eine übergreifende Bewegung gegen Ausbeutung formieren. Initiativen wie Unteilbar und der Wiederaufschwung der Partei Die Linke deuten auf das Potenzial einer verbindenden linken Politik hin.
Für linke Kräfte stellt sich also die Frage, wie innerhalb der skizzierten Widersprüche erfolgreich mobilisiert werden kann. Die dominante Reaktion auf Merz’ Ankündigung betont die Nützlichkeit syrischer Fachkräfte. Eine linke Antwort sollte es nicht dabei belassen, den realen Rassismus hinter Merz’ Aussagen offen zu legen. Zusätzlich muss sie eine Kritik formulieren, die sich gegen die Nützlichkeitslogik stellt und Strategien sowohl gegen autoritär-neoliberale als auch faschistische Umgangsweisen mit der gegenwärtigen Krise stellt.
Teil einer solchen Strategie könnte eine Politik der Bewegungsfreiheit sein. Sie versteht Migration als grundlegendes Recht und fordert die Abschaffung von Grenzen. Damit einher geht die Forderung nach gleichen Rechten für alle, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Im Zentrum steht ein gemeinsamer Kampf gegen Ausbeutung, der sich nicht durch nationale Logiken spalten lässt. Statt die Überreste eines progressiv-neoliberalen Migrationsmanagements mit Verweis auf die humanitäre Lage oder den Mehrwert migrantischer Arbeitskraft für die nationale Wirtschaft zu verteidigen, könnte gerade jetzt der Moment für eine offensive Haltung sein: für solidarische und sozial-ökologisch transformatorische Migrationspolitiken, die sich weder von Nutzenkalkülen noch von nationalen Logiken verführen lassen, sondern die Prinzipien einer emanzipatorischen Bewegungsfreiheit zum Maßstab des eigenen Handelns erklären.
 
 
 
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    <title>The End of &quot;Migration Management&quot;?</title>
    <created>Wednesday, August 19, 2026 - 00:13</created>
    <location>Deutschland</location>
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    <body>The racist deterrence of migration is becoming increasingly central to German border policy – even as businesses depend on migrant workers. What lies behind this shift, and how can the left respond?
This article is part of a dossier on migration and freedom of movement between Syria and Germany, published by dis:orient in cooperation with the Rosa Luxemburg Foundation Beirut. All articles are published in German and English.
On 30 March 2026, during the first state visit of Syria's transitional president, Ahmed al-Sharaa, German Chancellor Friedrich Merz declared that 80 percent of Syrians living in Germany should return to Syria. The right-wing AfD party welcomed the statement, interpreting it as a move toward its own agenda of "remigration", and demanded the deportation of virtually all Syrians in Germany.
Progressive voices criticised Merz by pointing to the successful integration of many Syrians, as well as Syria's devastated economy and ongoing security risks, particularly for religious minorities. At the same time, many defended Syrian nurses, doctors and pharmacists as indispensable workers. Large-scale deportations, they argued, would be against Germany's economic and demographic interests.
Merz's remarks and the reactions to them reveal a deeper political conflict. On one side is a racist and nationalist project that seeks to drastically reduce the presence of people constructed as "foreign" in Germany through mass deportations, regardless of the economic costs. On the other side stands an unstable alliance of progressive and neoliberal forces. While they speak the language of human rights, they also emphasise the value Syrians bring to the German economy and society: as a solution to labour shortages, an aging population and an increasingly fragile pension system.
The Rise of Progressive-Neoliberal Migration Management
The debate over Merz's statement reveals a tension that has shaped German migration policy throughout its history: the conflict between nationalist exclusion and the demand for a flexible industrial reserve army of labour. This tension can be traced back to the debates surrounding the immigration and settlement of Polish workers – the so-called Ruhrpolen – in Germany's Ruhr region before the First World War and during the interwar period. It continued through the so-called guest worker and contract worker programs after 1945 and still shapes contemporary conflicts over refugee migration.
Across these different periods, the same structural contradiction emerges in new forms: the tension between efforts to flexibly regulate both the mobility and immobility of working people in the interest of economic accumulation, and the equally persistent attempt to secure political stability at home through racist exclusion and border controls.
At the height of neoliberal globalisation in the 1990s, a new political project emerged to manage this contradiction: migration management. Framed by a rhetoric of economic usefulness and, in part, complemented by references to human rights and diversity, migration management seeks to contain and control autonomous movements of migration and displacement as a means of securing acceptance for the flexible admission of economically useful workers among migration-sceptical sections of the population. In practice, it combines the targeted recruitment and labour market integration of migrant workers with a restrictive – though still existing – asylum system, alongside policies of border enforcement, illegalisation and deportation.
Since the long summer of migration in 2015, however, right-wing forces have become increasingly successful in mobilising against neoliberal migration management. Much like the Trump administration in the United States, they have called for mass deportations. Merz's proposal that 80 percent of Syrians should return to Syria suggests that the way the contradiction between recruiting and deporting migrants is managed may be shifting in favour of a nationalist-chauvinist project. This project puts racism first and is willing to accept the resulting economic and demographic costs. If it prevails, it would mark the end of neoliberal migration management.
Conflicts Between Reproduction and Political Stabilisation
Within this broader struggle over the direction of migration policy, conflicts unfold on several interconnected levels. We can distinguish four overlapping dimensions.
The first concerns two competing approaches to mobility. On one side is the economic value of migration. When industries facing labour shortages struggle to maintain production, the flexible recruitment of migrant workers helps fill the gap, safeguarding competitiveness and profits. On the other side is the symbolic and material exclusion of migrants, which serves to stabilise political rule. Especially in times of crisis, directing public frustration towards migrants shifts attention away from the growing pressures people face at work, insecure pensions and the need for a genuine social and ecological transformation. Yet it is not only the far right that reframes social conflicts over housing, employment or pensions as questions of migration.
Beyond the far right, attacks on a society open to and shaped by migration have become a useful tool for political stabilisation. When former Chancellor Olaf Scholz, for example, announced that Germany should finally deport people on a large scale, he used the exclusion of migrants as an attempt to build support for his government's agenda. For businesses that depend on workers from abroad, however, this creates significant problems.
That is why parts of German industry increasingly warn that racism poses a threat to Germany as a location of production and investment. At this first level, then, two competing logics confront one another: the political stabilisation that racist policies may provide, and the need to sustain production by recruiting and retaining migrant workers.
The second level of conflict concerns the relationship between racist exclusion and social reproduction. In an aging society with an increasingly fragile pension and welfare system, migrants play a vital role in sustaining social reproduction. In recent months, there have been repeated warnings about Germany's declining birth rate, with many arguing that it threatens the long-term viability of both the welfare state and the economy.
At the same time, Syrian workers are already indispensable in the healthcare sector, caring for patients and older people while contributing to the pension system through their taxes and social security payments. The political project of mass deportations therefore stands in tension with social reproduction.
A third dimension is that conflicts are increasingly emerging both within the working class and between different fractions of capital. Public debate often focuses on highly skilled Syrian workers, obscuring the fact that there is no single, homogeneous group of "Syrians". Syrian men are concentrated in sectors such as transport and logistics, food services, healthcare and construction, while Syrian women are more likely to work in social and cultural occupations.
Although Syrians are, on average, more highly qualified than migrants from many other countries of origin, they also include unemployed people and workers in low-paid, low-skilled jobs. Their position in the labour market is therefore highly uneven. When these different positions are politicised through a distinction between "good" and "bad" migrants, they can deepen divisions and generate conflict among migrants themselves.
Nor does capital articulate a coherent demand when it comes to migrant labor. Export-oriented manufacturing firms, particularly medium-sized companies, depend heavily on highly qualified workers, whereas platform companies in sectors such as food delivery and logistics rely much more on precarious labour. The threat of mass deportations may endanger forms of specialised production, while at the same time creating a larger pool of vulnerable, easily exploitable – and in some cases illegalised – workers for other employers. Conflicts between business associations, for example over how to respond to the AfD, reflect this diversity of interests and reveal the underlying conflicts and distribution of power within capital itself.
Different Strategies Within Germany's Labour Regime
To understand the fourth dimension of these conflicts, the debate over returning Syrians to Syria – and the emphasis on their economic and demographic value – must be situated within the broader context of Germany's labour regime and the different strategies it employs.
Both the state and companies have a range of strategies for responding to shortages of low-cost or appropriately qualified labor. From this perspective, Merz's proposal that 80 percent of Syrians should return can also be understood as an attempt at intimidation. The constant threat of deportation and insecure residency pushes people to accept low wages and precarious working conditions that they might otherwise resist.
In this light, the current government's labour strategies – including longer daily and weekly working hours, mandatory medical certificates for sick leave and the continued expansion of automation – are closely connected to the strategic use of Syrian workers as a labour resource. Despite their differences, these strategies pursue the same objective: reducing costs and increasing productivity in response to the current weakness of the German and European economies on the global market.
If the nationalist-chauvinist project of border closure continues to gain ground, labour market strategies such as recruiting skilled workers or integrating asylum seekers into the labour market may become less important. In that case, improving profitability would increasingly depend in particular sectors on intensifying the discipline and exploitation of the workers who are already in the country.
Polarisation After the Possible End of Migration Management
In recent years, political mobilisation against migrants has deepened divisions between workers. The AfD now enjoys broad support among workers and trade union members, often despite the party's opposition to their material interests. At the same time, the alliance ranging from market liberals to progressive liberals has steadily lost support. In parallel, left-wing mobilisation against these divisions has grown stronger. As a result, conflicts over migration policy might intensify.
The current government's agenda attacks not only the right to freedom of movement but also many of the historic achievements of the labour movement. Both developments increase the pressure on workers. Yet this double attack also creates the potential for a shared political response and mobilisation. As these contradictions intensify, they may provide the basis for a broader movement against exploitation. Initiatives such as Unteilbar and the resurgence of the parliamentary left point to the potential for a unifying left-wing politics.
The central question for the left is how to successfully mobilise politically around these contradictions. The dominant response to Merz's proposal has been to stress the economic usefulness of skilled Syrian workers. A genuinely left-wing response, however, should not stop at exposing the racism behind his remarks. It must also challenge the underlying logic of usefulness itself and develop strategies that confront both authoritarian-neoliberal and fascist responses to the current crisis.
One possible element of such a strategy could be the politics of freedom of movement. It treats migration as a fundamental right and calls for the abolition of borders. Closely linked is the demand for equal rights for everyone, regardless of citizenship. At its core is a shared struggle against exploitation – refusing to divide along national lines. Rather than defending the remnants of progressive-neoliberal migration management by appealing to humanitarian concerns or the economic value of migrant labour for the national economy, this may be the moment for a more proactive alternative: migration policies rooted in solidarity and socio-ecological transformation. Such policies would be guided neither by calculations of economic usefulness nor by nationalist thinking, but by the emancipatory principle of freedom of movement.
 
 
 
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    <title>Warum ein Leben zwischen Deutschland und Syrien nicht umkehrbar ist</title>
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    <location>Syrien</location>
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    <body>Hussam Al Zaher forderte schon 2015: Sprecht mit uns, nicht über uns. Nun meint Merz, 80 Prozent der Syrer:innen sollten zurückkehren und verkennt damit die tatsächlichen deutsch-syrischen Realitäten. Eine Antwort.
Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Why a life between Germany and Syria cannot simply be undone
Salam,
Ich bin einer von rund 890.000 Menschen, die 2015 als Geflüchtete aus Syrien nach Deutschland gekommen sind, und mein Thema war von Anfang an: Wie kommen wir ins Gespräch? Mein Glück war es, in Hamburg zu landen und dort schnell Kontakte zu Deutschen zu bekommen– zuerst über Facebook und später im echten Leben. Mir ging es aber um mehr als mein persönliches Umfeld, ich wollte einen dauerhaften Ort für den Austausch schaffen.
2018 habe ich mit vielen anderen das kohero-Magazin gegründet, eine migrantische Medienplattform. Kohero schafft Raum für Perspektiven, die in der deutschen Medienlandschaft oft zu wenig sichtbar sind: die Stimmen von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte. Unser Ziel ist es, dass Menschen nicht aus der Distanz über uns sprechen, sondern sich mit unseren Perspektiven auseinandersetzen.
Wenn Deutsche jetzt fordern, möglichst viele Syrer:innen sollten möglichst schnell zurückkehren, verkennen sie nicht nur unsere gemeinsame gesellschaftliche Realität, sondern wiederholen auch Fehler der Vergangenheit. Lasst mich erklären, warum.
Der Sturz Assads: Die Wunden heilt das nicht
Der Sturz von Assad war ein unbeschreiblicher Moment. Für mich und für alle, die von Syriens diktatorischem System und vom Krieg betroffen waren, der seit 2011 von unserer Regierung mit der Unterstützung des Iran, Russlands und der Hisbollah gegen das syrische Volk geführt wurde, ist es bis heute ein unglaubliches Gefühl.
Dieser große Krieg und der Verlust geliebter Menschen und der Heimat haben den Syrer:innen viel Schmerz zugefügt. Wir alle tragen eine tiefe emotionale Wunde in uns, die auch Assads Sturz nicht über Nacht heilen lässt. Sie tut uns noch immer weh.
Was sich durch seinen Sturz aber geändert hat, sind unsere Gefühle für Syrien. Das Ende der Assad-Ära hat uns die Heimat zurückgegeben und damit ein Gefühl von Stolz auf Syrien. Lange Zeit war da nur die Scham, weil Syrien oft mit Krieg, Schmerz, Geflüchteten, „illegaler“ Migration, angeblichen Verbrechen verbunden war. 
Mit dem Stolz kommt die große Frage: Will ich nach Syrien zurückkehren? Dabei helfen, das Land wieder aufzubauen? Und wenn ja, würde ich das schaffen? 
Das Fremde ist vertraut(er) geworden
Auch wenn ich die Frage grundsätzlich mit „Ja“ beantworte: Ich habe in den letzten zehn Jahren in Deutschland sehr hart gearbeitet, um mir hier eine neue Heimat aufzubauen. Ich habe mir ein neues Zuhause geschaffen und neue Perspektiven für die Zukunft entwickelt. 
Dem gegenüber steht ein großer Verlust durch die Flucht. Wir haben das Gefühl der Zugehörigkeit zu Syrien verloren, Familienmitglieder und Freund:innen sind während des Krieges gestorben oder verschwunden. Von manchen weiß bis heute niemand, wo sie sind. Verloren habe ich auch die Kulisse meiner Kindheitserinnerungen – mein Zuhause, meine Straße, meine Schule, meine Welt.
Verloren trifft es aber eigentlich nicht ganz richtig. Denn die Erinnerungen bleiben und lasten schwer auf mir. Es sind Erinnerungen voller Schmerz, Heimweh und „Sprachweh“. Dieses Wort kam mir in den Sinn, als ich merkte, wie sehr ich die arabische Sprache nach meiner Ankunft in Deutschland vermisste. Mir fehlte der Austausch, das Sprechen, das Kommunizieren. Diese Geschichten von Schmerz und Verlust sowie dem Ankommen in einer neuen Gesellschaft kann man nicht einfach hinter sich lassen und nach Syrien zurückgehen.
Und das Vertraute fremd(er)
Im Februar 2025 reiste ich zum ersten Mal seit fast elf Jahren nach Syrien. Ich stellte mir vor, wie ich in mein Zuhause zurückkehren würde, wie es in meinen Erinnerungen war. Ich kehrte zurück zu meiner Familie, die ich seit 2014 nicht gesehen hatte, zurück in diese Zeit von damals. Doch vor Ort traf ich auf ein völlig verändertes Zuhause. Unsere Wohnung war teilweise durch den Krieg zerstört worden. Und mit dem Gebäude auch Erinnerungen an die Momente darin. 
Es war einfach alles weg. Momente aus meinen ersten Schultagen, meine Bücher, die ich nach und nach gesammelt hatte, Bilder aus meiner Kindheit, meine hässlichen Zeichnungen, meine Gedichte, von denen ich glaubte, sie würden die Welt verändern. Der Erker, in dem ich mit meinen Freund:innen und Geschwistern gespielt habe, wo ich für Prüfungen gelernt habe und wo die köstlichen Mahlzeiten mit der Familie stattfanden – all das hatte ich in Deutschland im Kopf bewahrt, doch in unserem Haus existiert es nicht mehr. Manche der Freund:innen sind gestorben. Auch Gesichter aus meiner Nachbarschaft sind verschwunden. Kinder, deren Gesichter ich kannte, sind jetzt erwachsen. Das Haus können wir renovieren, doch das Zuhause meiner Erinnerung kommt davon nicht wieder.
Die Reise aus dem Jahr 2025 zurück ins Jahr 2011 ging schnell. In nur wenigen Tagen fuhr ich von Hamburg über Düsseldorf, dann von Beirut nach Damaskus. Auf dieser kurzen Reise hat mich die Zeit eingeholt und mir gezeigt, dass das Jahr 2011 unwiderruflich vergangen ist. Das Jahr, in dem ich gehofft, geträumt und geglaubt habe.

Der Schmerz trennt uns voneinander, statt uns zu vereinen
Nach Assads Sturz war die Freude groß. Nach drei Wochen, spätestens nach den ersten Monaten, haben aber viele gemerkt: Ja, Assad ist weg, und das ist gut. Aber er hat ein schwieriges Erbe hinterlassen, unter dem Syrien noch lange leiden wird. 
Das Erbe sind nicht nur die Toten, die Gefolterten, nicht nur die zerstörte Gesellschaft, sondern auch die Spaltung zwischen den Menschen – zwischen denen, die geblieben sind, und jenen im Exil; zwischen den in von oppositionellen Gruppen kontrollierten Gebieten und jenen unter dem Regime; zwischen Menschen in verschiedenen Städten und Regionen.
Alle haben in den  Jahren der Unterdrückung und des Krieges unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die wir als Gesellschaft kaum gemeinsam schultern können. Wie kann man mit so unterschiedlichen Erinnerungen und so viel Schmerz eine gemeinsame Zukunft aufbauen? Die Herausforderung ist nicht nur die zerstörte Infrastruktur oder die wirtschaftliche Lage, sondern vor allem das verlorene gemeinsame Gedächtnis und der isolierende Schmerz jedes und jeder Einzelnen.
Schon vor dem Sturz Assads gab es in Syrien nicht die eine Wahrheit, sondern viele unterschiedliche Wahrheiten. Wer war Täter, wer war Opfer? Wer trug Verantwortung, und wer hat selbst gelitten? Gerade wegen der Unklarheit ist die Suche nach den Fakten so schwierig und wichtig zugleich.
Um die Gegenwart und die Zukunft Syriens gestalten zu können, muss über die Vergangenheit gesprochen werden. Welche Formen von Leid haben Syrer:innen unter dem Assad-Regime erlebt? Welche individuellen und kollektiven Verluste mussten sie ertragen? Nur wenn diese Erfahrungen anerkannt und aufgearbeitet werden, kann ein gemeinsames Verständnis von Geschichte entstehen.
Nach dem Sturz des Regimes entstehen neue Spannungen und Wellen der Gewalt, zum Beispiel durch Massaker an den alewitischen und drusischen Gemeinden. Doch die meisten erkennen nur ihren eigenen Schmerz an, nicht den der anderen. Das befeuert den Konflikt weiter und ist gesellschaftlich die größte Gefahr. 
Eine Rückkehr wäre nun auch ein Neuanfang
Ich möchte beim Wiederaufbau Syriens helfen. Aber wie kann ich ein Land aufbauen, das ich selbst kaum noch kenne? Mein Leben und meine Karriere finden mittlerweile in Deutschland statt. Wenn ich nach Syrien zurückginge, müsste ich vieles noch einmal neu aufbauen. Ich frage mich, ob ich die Kraft dafür habe. Besonders gilt das für die vielen Syrer:innen, die in ihrer neuen Heimat Familien gegründet haben, teilweise mit Menschen aus anderen Ländern. Für Partner:innen und Kinder wäre Syrien ein völlig unbekanntes Land. 
Selbst wenn jemand emotional für eine Rückkehr bereit ist, gibt es vor Ort viele Hürden, zum Beispiel das Bildungssystem: Mehr als 7.000 Schulen sind zerstört. Viele andere sind überfüllt, in den Klassen sitzen oft 40 oder 50 Kinder. Es fehlt an Lehrer:innen und an Ressourcen, es gibt zu wenig Stühle und oft keine Heizung. Manchmal fehlen selbst Türen und Fenster. Die meisten Eltern wollen das ihren Kindern nicht zumuten. Auch nach der Schule sieht es nicht rosig aus: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei etwa 69 Prozent.
Insgesamt benötigt Syrien für den Wiederaufbau fast unvorstellbar viel Geld. Auch wenn Länder wie Deutschland den Prozess unterstützen, wie allein 2026 mit etwa 200 Millionen Euro im Bereich Gesundheit und Wasserinfrastruktur, reicht das bei weitem nicht aus. Die Idee, dass in den nächsten Jahren die Mehrzahl der Syrer:innen Deutschland verlassen könnten, zeigt fehlendes Wissen über uns und die Situation in Syrien.
Die Syrer:innen von heute sind die Gastarbeiter:innen von damals
Deutschland sollte seinen Blick auf uns Syrer:innen verändern. Die Debatte darf sich nicht nur um die Rückkehr drehen, sondern muss endlich anerkennen, wie viel die Menschen hier oft unter schwierigen Bedingungen aufgebaut haben. Natürlich werden viele Syrer:innen nach Syrien zurückkehren, wenn sie das möchten. Niemand argumentiert, dass alle Syrer:innen dauerhaft in Deutschland bleiben wollen.
Viele Syrer:innen sind aber längst Teil dieser Gesellschaft geworden: als Ärzt:innen, Handwerker:innen, Journalist:innen, Studierende und Nachbar:innen. Sie engagieren sich in Parteien, Kulturhäusern und Vereinen. Sie arbeiten als Bus-, Bahn- oder LKW-Fahrer:innen und in vielen weiteren Berufen. Sie haben Netzwerke aufgebaut, Unternehmen und Familien gegründet und tragen jeden Tag zum Leben in diesem Land bei. Doch im politischen und öffentlichen Diskurs fehlt der Respekt für diese Leistung. 
Deutschland müsste aus seiner Geschichte der sogenannten Gastarbeiter:innen gelernt haben. Man kann Menschen nicht einfach wieder zurückschicken, nachdem sie längst Teil der Gesellschaft geworden sind. Sie würden hier fehlen. Wenn Deutschland ständig über Rückkehr spricht, baut das Mauern und Parallelgesellschaften, es drängt die Menschen aus der Gesellschaft heraus. Denn: Wie sollen sie sich einem Land weiter verbunden fühlen, das permanent ihr Existenzrecht infrage stellt?
Dabei war die Willkommenskultur einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sich viele Syrer:innen in Deutschland erfolgreich integrieren und ein neues Leben aufbauen konnten. Sie hat Vertrauen geschaffen und Menschen die Möglichkeit gegeben, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Gerade deshalb war das Willkommenheißen mehr als eine humanitäre Geste, es war auch eine Investition in die Zukunft. Das gilt nicht nur für Syrien, sondern für viele Länder.
Verabschieden sollte sich Deutschland vom Syrien-Bild als reines Kriegsgebiet. Syrien kann in Zukunft wirtschaftlich, kulturell und geopolitisch eine wichtige Rolle spielen – auch für Europa. Deutschland profitiert langfristig davon, wenn die Menschen, die hier angekommen sind, als Brückenbauer:innen zwischen ihren Herkunftsländern und ihrer neuen Heimat wirken können: für Investitionen, in der Bildung, mit Sprachkenntnissen, Kultur und durch Partnerschaften.
Vielleicht werden in Zukunft deutsche Schulen, Universitäten oder Cafés in Syrien entstehen. Vielleicht lernen Menschen dort Deutsch; und dann nicht mehr, um zu fliehen, sondern um Beziehungen aufzubauen. Denn genau das bleibt am Ende in jedem Fall bestehen: Beziehungen zwischen Menschen.
 
 
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