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    <title>Warum wurde Hakan Tosun getötet?</title>
    <created>Monday, April 6, 2026 - 09:49</created>
    <location>Türkei</location>
    <name>theisinger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/tot-journalist-hakan-tosun</path>
    <body>Nach dem Mord am Journalisten und Umweltaktivisten Hakan Tosun im Oktober 2025 gibt es in der Türkei seit Monaten Proteste. Die Öffentlichkeit fordert Aufklärung und ist mit der ersten Anklage auf Körperverletzung ohne Vorsatz unzufrieden.
[Contentwarnung: Dieser Artikel enthält explizite Beschreibung von Gewalt und Tod.] 
„Wer schützt Hakans Mörder? Die Mörder der Natur und Hakans Mörder sind dieselben. Sorge für Gerechtigkeit, schütze nicht die Mörder“, rufen Hunderte Menschen auf den Straßen bei Demonstrationen in über 20 türkischen Städten am 1. März 2026. Sie sind wütend. Die Protestierenden fordern die Aufklärung des Mordes an dem Journalisten Hakan Tosun und tragen Schilder mit Aufschriften wie: „Journalist:innen-Morde sind politisch, Ökologie-Morde sind politisch“ und auch „Warum wurde Hakan Tosun getötet?“.
Der Journalist, Videoreporter und Umweltaktivist Hakan Tosun wurde in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2025 im Istanbuler Stadtteil Esenyurt brutal attackiert und starb im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Über vier Monate wartete die Familie von Hakan Tosun auf die Eröffnung des Prozesses gegen die zwei mutmaßlichen Täter. Als der Staatsanwalt des Istanbuler Bezirks Büyükçekmece am 23. Februar 2026 verkündete, dass die zwei Angreifer lediglich wegen Körperverletzung angeklagt werden sollten und es keine Hinweise für Vorsatz gäbe, brach ein Sturm der Entrüstung in den türkischen Medien los.
Noch am selben Tag berief die Schwester des getöteten Journalisten Öznur Tosun zusammen mit ihren Anwält:innen eine Pressekonferenz in der Istanbuler Zweigstelle der Menschenrechtsvereinigung İnsan Hakları Derneği (IHD) ein. Sie kritisierten den offiziellen Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft zur Anklageerhebung gegen die mutmaßlichen Täter aufs Schärfste.

Kritik an der Staatsanwaltschaft
Rechtsanwalt Cemil Yücel sagte auf der Pressekonferenz, dass der Staatsanwalt eher ein Plädoyer zur Verteidigung der Täter verfasst hätte als eine Anklageschrift. Wie es sein könne, dass kein Vorsatz vorliege, wenn die Täter auf brutalste Weise Hakan Tosun mit Füßen auf den Kopf und ins Gesicht getreten hatten. Nach Auswertung von Straßenkameras war festgestellt worden, dass die zwei Täter nach dem ersten Angriff den Tatort verlassen hatten und dann wiedergekommen waren, um Hakan Tosun in einer zweiten Attacke schwerstens zu misshandeln. Er hatte Schädel- und Gesichtsbrüche, intrakranielle Blutungen, Hirnblutungen und Hirngewebeschäden, die letztlich zu seinem Tod führten.
Im November erklärten die Anwälte der Familie Tosun, Hakan Bozyurt und Onur Cingil, auf einer Pressekonferenz, dass sie mehrere Anträge bei der Staatsanwaltschaft eingereicht haben. Ziel war es, wichtige Beweismittel in die Ermittlungsakte zum Tod von Hakan Tosun aufnehmen zu lassen. Von insgesamt 25 Anträgen wurden jedoch nur drei von der Staatsanwaltschaft berücksichtigt.
Rechtsanwalt Onur Cingil kritisierte außerdem, das Fehlen von Fotos von der Tatortuntersuchung in der Akte: „Außerdem wurden hinsichtlich der 17 verschiedenen Kameraaufnahmen, die wir in der Umgebung gemeldet haben, keinerlei Maßnahmen ergriffen. Dies birgt die Gefahr, dass die Aufnahmen gelöscht werden.“


Unterschlagung von Beweismitteln?
Die Polizei hatte erklärt, sie habe 256 GB Bildmaterial gesichtet. Aber den Anwälten wurden lediglich zehn Minuten Videomaterial übergeben. Die Aussagen von Zeugen, die in der Tatnacht den Notruf gewählt hatten, des Personals im Krankenwagen und der Personen, die auf den Videoaufnahmen zu sehen waren, wurden ebenfalls nicht in die Akten aufgenommen.
Von den jungen Männern, die auf Videos von Straßenkameras am Tatort zu sehen waren, wurden zwei als mutmaßliche Täter verhaftet, der 18-Jährige A.M. und der 24-Jährige A.Ş. Der dritte, Y.Ö., der auf Videoaufnahmen zu sehen ist, wie er einen der Täter zum Tatort bringt und dann auf die Täter wartet, wurde lediglich als Zeuge vernommen und ist auf freiem Fuß. Familie Tosun und ihre Anwälte werfen ihm jedoch vor, von Beginn an an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Deshalb haben sie eine Anzeige gegen ihn erstattet wegen „Beteiligung an vorsätzlicher Tötung.“
Rechtsanwalt Yücel erklärte in der Pressekonferenz 2026, dass der Hintergrund des Vorfalls nicht untersucht worden sei und die Behörden weder die HTS-Daten (Historical Traffic Search) noch die Telefonaufzeichnungen der Verdächtigen geprüft hätten. Auch seinen Anträgen zur Klärung der Frage, ob es Anstifter:innen gab, sei nicht stattgegeben worden.
Der Journalist Umut Taştan hatte recherchiert, dass die Angehörigen einer der Täter einem Ladenbesitzer die Videokamera abgenommen hatten, die den Angriff auf Hakan Tosun höchstwahrscheinlich aufgezeichnet hatte. Außerdem war der Vater desselben Täters gemeinsam mit Polizisten der Wache des Stadtteils Esenyurt in einem Restaurant gesehen worden. Rechtsanwalt Onur Cingil sagte zu dis:orient: „Ich habe einen Antrag gestellt, um die Aufzeichnungen der Kameras in diesem Restaurant zu erhalten, aber dem wurde nicht nachgekommen.“. Daraufhin erstatteten die Anwälte der Familie Tosun Anzeige gegen die Polizeidienststelle Esenyurt Mevlana wegen Amtsmissbrauchs und Pflichtverletzung.
Kampf gegen Umweltvergehen und Enteignung
Hakan Tosun hat als Videoreporter seit Jahren über Umweltvergehen, Plünderung und Zerstörung der Natur, Gentrifizierung und Enteignungen berichtet. Er stand auf der Seite von Dorfbewohner:innen, deren Heimat zugunsten von Kohle, Gold- und Erzabbau geopfert wurde. Er hat die Menschen interviewt, ihnen eine Stimme gegeben, ihr Anliegen in verschiedenen Zeitungen und auf sozialen Medien verbreitet. Er hat als Zeuge ausgesagt, um Menschen zu unterstützen, die angeklagt wurden, weil sie ihre Heimat gegen Polizei und Gendarmerie verteidigt hatten. 
Er selbst wurde wegen seiner Teilnahme an Protesten angeklagt. Aufgrund von Protesten gegen die Bebauung eines städtischen Waldgebietes, Validebağ, im Stadtteil Üsküdar in Istanbul wurde der Journalist verhaftet. Über den Widerstand in Validebağ drehte Hakan Tosun den Dokumentarfilm „Hayat var“ (dt. „Es gibt Leben“).
Auch in den folgenden Jahren blieb er bei konfliktreichen gesellschaftlichen Themen vor Ort und dokumentierte die Perspektiven der Betroffenen. In einer Goldmine in Iliç im Südosten der Türkei kam es im Februar 2024 zu einem schweren Unfall. Neun Minenarbeiter kamen dabei ums Leben. Außerdem löste der Sturz von 10 Millionen Kubikmetern zyanidverseuchter Erde in ein Flussbett eine Umweltkatastrophe aus. Im August 2024 ging Hakan Tosun nach Iliç und sprach mit Arbeitern, den Familienangehörigen der Toten und den Bewohner:innen. Er hat den Betroffenen mit seiner Dokumentation „Tüm Ayrıntılarıyla İliç Altın Madeni gerçekleri“ („Die Fakten zur Goldmine in Iliç – mit allen Details“) eine Stimme gegeben.

„Das ist das Tränengas“
In den Monaten vor seinem Tod hatte Hakan Tosun über die Enteignung von Bäuer:innen in der ägäischen Provinz Muğla berichtet. Sie hatten protestiert, weil sie ihr Land nicht für den Kohleabbau zugunsten von Energiefirmen, die der Regierung nahestehen, hergeben wollten.
Im Erdbebengebiet Hatay Samandağ filmte er, wie Mandarinen- und Olivenbäume abgerissen, ganze Gärten zerstört wurden, weil die Landbesitzer:innen wegen eines staatlichen Wohnbauprojektes, das als überdimensioniert und als Geschäftsmodell für regierungsnahe Baufirmen kritisiert wurde, enteignet worden waren. Hakan Tosuns Schwester Özlem Tosun erinnerte sich daran, wie er das letzte Mal aus Hatay zurückgekommen war. „Als ich ihn umarmte, musste ich plötzlich husten und Hakan lachte. Er sagte: Weißt du, warum du hustest? Das ist das Tränengas, mit dem wir angegriffen wurden. Ich habe geduscht, frische Sachen angezogen, aber ich dünste immer noch dieses Gift aus. Kannst du dir vorstellen, was diese Menschen täglich ertragen müssen?“

Die Arbeit von Hakan Tosun weitertragen
Hunderte Menschen waren zu Hakan Tosuns Beerdigung gekommen. Seine Familie, Freund:innen und Weggefährt:innen sowie Umwelt- und Menschenrechtsaktivist:innen haben verschiedene Plattformen gegründet und es sich zur Aufgabe gemacht, dass der gewaltvolle Tod von Hakan Tosun aufgeklärt wird. Die Plattformen und Communities führen auch in seinem Namen ihre Arbeit in der ganzen Türkei zur Verteidigung der Natur gegen Plünderung und Ausbeutung und gegen Gentrifizierung und Enteignung weiter. Sie möchten zeigen, dass sie viele sind, dass sie nicht aufhören werden, nach den wahren Gründen für den Tod von Hakan Tosun zu suchen.
Der Journalist Umut Taştan erhielt für seine Videoreportage „Warum wurde Hakan Tosun getötet“ vom 14. Oktober den Preis für TV-Nachrichtenrecherche der Türkischen Journalist:innen-Vereinigung TGC (Türkiye Gazeteciler Cemiyeti).
Nach den monatelangen Protesten in mehreren Städten und den Forderungen in den türkischen Medien nach Aufklärung und Verfolgung von wichtigen Spuren hat die Staatsanwaltschaft von Bakırköy Istanbul offiziell Anklage erhoben wegen vorsätzlicher Tötung. Der Prozess beginnt am 6. Mai.
 
 
 
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    <title>Arabisch ist eine lebendige Sprache, nicht nur ein Forschungsobjekt</title>
    <created>Tuesday, März 31, 2026 - 10:28</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/arabisch-lebendige-sprache-nicht-nur-ein-forschungsobjekt-deutsche-kolonialgeschichte-dekolonial</path>
    <body>Die Nachfolgefächer der europäischen Orientalistik verstärken weiterhin orientalistische Strukturen in der Wissenschaft. Dabei kommt aktiver Spracherwerb im Studium oft zu kurz. Was bedeutet das für die Dekolonialisierung der WANA-Fächer?
Vor einiger Zeit besuchte ich eine sprachpraktische Übung, in der ein arabischer Originaltext behandelt wurde. Der Text sollte uns inhaltlich auf das Thema der Sitzung einstimmen – doch statt über die Argumente des Autors zu diskutieren, verbrachten wir 90 Minuten damit, uns an der richtigen Vokalisierung und korrekten Aussprache einzelner Wörter abzuarbeiten. Über den Standpunkt des Autors zum Thema des Seminars wusste ich nach der Sitzung genau so viel wie vorher.  
So oder ähnlich laufen Seminare auf Masterniveau in Fächern wie der Arabistik, Islamwissenschaften oder Nahoststudien, für die Arabischkenntnisse vorausgesetzt werden, häufig ab – Quellentexte werden zwar auf Arabisch gelesen, jedoch eher aus philologischer Sicht untersucht, Inhaltliches wird auf Deutsch oder Englisch diskutiert. Arabisch wird als Forschungsobjekt analysiert, aber nicht als Sprache genutzt in der aktiv diskutiert, gelernt, oder Wissen produziert wird.
Eine nicht repräsentative Umfrage, die ich mit etwa 20 Studierenden zweier deutscher Universitäten durchgeführt habe, zeigt: Trotz Unterschieden zwischen den Institutionen liegt der Fokus häufig auf Grammatik und klassischen Texten, weniger auf aktiver Sprachverwendung. Was verrät der Umgang mit Sprache über orientalistische Strukturen in den Nachfolgefächern der europäischen Orientalistik? Und wie kann aktiver Spracherwerb zu einer Dekolonialisierung der Wissenschaft beitragen?
Antisemitische Rassentheorie durch deutsche Orientalist:innen
Arabistik, Islamwissenschaften und WANA-fokussierte Regionalwissenschaften sind die heutigen Nachfolgefächer der deutsch(sprachig)en Orientalistik. Edward Said versteht unter „Orientalismus“ die Konstruktion des sogenannten „Orients“ als das „Andere“, das inhärent gegenteilige, minderwertige Gegenstück zum Westen. Die europäische Orientalistik spielte in der Schaffung dieses Wissens- und Machtsystems, das instrumentell für die Kolonialisierung der Region war, eine maßgebliche Rolle. Dabei wurde der „alte Orient“ – seine vergessenen, vermeintlich mystischen Sprachen, Kulturen und Geschichte – studiert und als Maßstab für die Bewertung und Unterwerfung des „modernen Orients“ genutzt und die gegenwärtige Realität der WANA-Region weitgehend ignoriert und negiert.
Für Edward Said spielte Deutschland in seinem Werk „Orientalismus“ keine Rolle, da das Deutsche Reich keine direkte Kolonialherrschaft in der WANA-Region ausübte. Doch die deutsche Orientalistik war schon früh in die imperialistischen Bestrebungen des Deutschen Reichs verwickelt – ihre Verbindungen zum Auswärtigen Amt während des ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik brachten die Institutionalisierung der Disziplin voran, was es den Nationalsozialisten später ermöglichte, effektiv aus den Reihen der Orientalistik zu rekrutieren. Auch Said bereute später die Arbeiten deutscher Orientalist:innen nicht in seinem Werk verarbeitet zu haben.
Die weitreichende Verankerung der deutschen Orientalistik im Nationalsozialismus ist bis heute kaum aufgearbeitet, dabei schrieben deutsche Orientalist:innen unter anderem an antisemitischen Rassentheorien mit, die zur Begründung des nationalsozialistischen Machtanspruches genutzt und in Propagandakampagnen auch in der WANA-Region verbreitet wurden.
Arabistik, Islamwissenschaften und Regionalwissenschaften heute
Genauso wie der „Orient“ als historisches Objekt studiert wurde, war lange Zeit auch die Herangehensweise an Arabisch als Sprache rein philologisch geprägt – mit Fokus auf historische, oft religiöse Quellentexte. Erst in den 2000er-Jahren, nach dem 11. September 2001 und spätestens nach den Revolutionen in der WANA-Region ab 2010, vollzog sich in Teilen der Disziplin eine vorsichtige Wendung. Immer mehr wurden nun auch postkoloniale Perspektiven mit einbezogen und sich für den sozio-kulturellen Kontext moderner Texte, popkultureller Phänomene oder Film interessiert. 
Durch diese Entwicklung kam auch frischer Wind in die Sprachlehre – seitdem lässt sich in Teilen eine Reorientierung von passivem, grammatikorientiertem Unterricht mit Ausrichtung auf das Lesen von Quellen hin zu mehr aktivem Sprechen und Alltagsvokabular erkennen.  Am Centrum für Nah- und Mitteloststudien in Marburg etwa kommen alle paar Wochen im Rahmen der „Halqa Arabiyya" Studierende und Lehrende zusammen, um zusammen wissenschaftliches Arabisch zu üben, zu sprechen und sich zu fachlichen Themen auszutauschen.
Arabisch wird so unterrichtet wie Latein
Dennoch scheint die Realität der Studierenden eine andere zu sein: „Ich wollte Arabisch sprechen, aber leider wird Arabisch so unterrichtet, als ob es Latein oder eine andere tote Sprache wäre“, beschreibt eine studierende Person ihre Erfahrung. Viele der Befragten beschreiben einen Mangel an aktivem Sprechen, modernem Alltagsvokabular und dem Erlernen von Dialekten.
Die meisten Bachelorprogramme in diesen Fächern umfassen intensive Sprachkurse, in die Studierende viel Zeit und Mühe stecken. Dennoch scheint es, dass die Differenz zwischen der investierten Zeit ins Sprachelernen und dem tatsächlichen aktiven Sprachlevel sehr groß ist.
Das frustrierende Gefühl, am Ende des Bachelors eigentlich noch gar nicht richtig sprechen zu können, teilen viele der befragten Studierenden: „Ich besitze zwar die Fähigkeiten alte Gedichte zu lesen und zu entschlüsseln, aber ich kann, wenn überhaupt nur auf einem sehr grundlegenden Level, je nach Situation und mit wem, sprechen.“
Im Ausland absolvierte universitäre Arabischsprachkurse hingegen scheinen den Spracherwerb deutlich wirkungsvoller zu fördern, sowohl in Dialekten als auch auf Hocharabisch. Interessant ist auch, dass Arabischkurse laut den Studierenden im Vergleich zu Kursen in anderen (europäischen) Sprachen weniger praxisnah unterrichtet werden.
Arabisch als Forschungsobjekt
Auch wenn sich in den letzten Jahren viel geändert hat: Die Studierenden beschreiben, was auch der in Marburg lehrende Arabist Christian Junge schildert: Arabisch nimmt im universitären Kontext immer noch hauptsächlich die Rolle eines Forschungsobjekts ein. Europäische Geisteswissenschaften, die sich mit Sprache, Kultur oder Literatur des globalen Südens auseinandersetzen, produzieren Wissen in europäischen Wissenschaftssprachen – WANA-Sprachen, wie etwa Arabisch, werden marginalisiert.
Wissen, das in der WANA-Region auf Arabisch produziert wird, spielt in europäischer Wissenschaft eine verschwindend geringe Rolle. Dies ist nicht nur auf einen Mangel an Bewusstsein, sondern auch auf ein strukturelles Problem der Verfügbarkeit aktueller arabischsprachiger Quellen an deutschen Universitäten zurückzuführen.  Zur Veranschaulichung: Ein:e Anglist:in oder Romanist:in, der:die nicht in der Lage wäre in deren Fachsprache zu kommunizieren oder zu arbeiten ist in europäischer Akademia undenkbar.
Wie kann ein dekolonialer Arabischunterricht aussehen?
Allgemein würden sich die meisten der Befragten über mehr sprachpraktische oder fachliche Kurse auf Arabisch als Teil ihres Studiums freuen; sie wünschen sich, dass das Studium sie darauf vorbereitet nicht nur Alltagsgespräche zu führen, sondern auch auf der Sprache arbeiten, forschen, präsentieren oder diskutieren zu können.
Und genau das ist es was zur „De-exotisierung“ der Sprache und letztendlich der Dekolonialisierung der ehemaligen Orientalistik einen wertvollen Beitrag leisten kann; Arabisch als moderne, lebendige Sprache zu denken und zu unterrichten. In diesem Sinne ruft Christian Junge zu einer „postkolonialen Philologie” auf, die Arabisch als Sprache der Wissensproduktion, nicht nur als Quellensprache etabliert. Diese Wissensproduktion muss sichtbarer werden und Wissenschaftler:innen in Europa müssen sich ihrer Positionalität und der Geschichte ihrer Disziplin bewusster werden.
Ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer dekolonialeren Praxis an deutschen Universitäten wäre es darauf hinzuarbeiten, dass Arabisch kein Forschungsobjekt bleibt, sondern als eine aktive, moderne Welt-, Kultur- und auch Wissenschaftssprache unterrichtet wird. Dazu gehört auch mehr Wissenschaftler:innen und Sprachdozierende aus der WANA-Region einzustellen und Wissen aus der WANA-Region in Lehrpläne einzubauen. Klar bleibt: die Abwesenheit von Arabisch als aktive Sprache, in der Wissen produziert wird, verstärkt eurozentristische und orientalistische Machtstrukturen nur weiterhin.
 
 
 
 
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    <title>„Mein Vietnam“ - Nassers verhängnisvoller Krieg im Jemen</title>
    <created>Saturday, März 28, 2026 - 13:32</created>
    <location>Jemen, Ägypten</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/mein-vietnam-aegypten-nassers-verhaengnisvoller-krieg-jemen</path>
    <body>Ägyptens Krieg im Jemen entlarvte die Widersprüche des Nasserismus: internationalistische Rhetorik traf auf den Anspruch regionaler Vorherrschaft.
Die Außenpolitik des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser wird heute vor allem mit der Suezkrise und der Feindschaft zu Israel in Verbindung gebracht. Dabei war es ein anderer, weitgehend vergessener Krieg in der Peripherie der arabischen Halbinsel, der die Widersprüche des Nasserismus deutlicher als jeder andere Konflikt zutage treten ließ und entscheidend zu dessen Ende beitrug.
Bis Mitte der 1970er-Jahre spielte Ägypten eine prominente Rolle in der Weltpolitik. Angeführt von Präsident Nasser lag das Land im Spannungsfeld mehrerer Konfliktlinien: des arabisch-israelischen Konflikts, innerarabischer Rivalitäten sowie der Dekolonialisierung und nicht zuletzt des Kalten Kriegs.
Nasser, der erste einheimische Herrscher am Nil seit der Antike, war der Übervater Ägyptens, das er als zentralistische Republik und de facto Diktator regierte. Nassers politisches Projekt war komplex: Es verband antikolonialen arabischen Nationalismus mit Staatskapitalismus, Sozialstaat, Massenmobilisierung, der Vereinnahmung und Schwächung radikaler Bewegungen sowie dem Militär als wichtigster Machtbasis.
Bürgerkrieg im Nordjemen
Anfang der 1960er war der Jemen geteilt. Die südliche Hafenstadt Aden und der gesamte Osten wurden von Großbritannien kontrolliert. Der Nordwesten hingegen, mit der Hauptstadt Sanaa, war ein isoliertes, verarmtes und strengreligiöses Königreich unter der Herrschaft von König und Imam Muhammad al-Badr, dessen 4,5 Millionen Untertan:innen größtenteils in Stämmen organisiert waren.

Beeindruckt von Nassers Ägypten, radikalisierten sich jedoch alsbald die jungen Armeeoffiziere des Königreichs. Im September 1962 stürzten sie al-Badr und riefen die Jemenitische Arabische Republik (JAR) aus.
Es entbrannte ein jahrelanger Bürgerkrieg, der bis zu 200.000 Menschen das Leben gekostet haben könnte. Nasser unterstützte die JAR mit zeitweise bis zu 70.000 Soldaten, während Saudi-Arabien, Großbritannien, Israel und die regionalen Königshäuser die royalistischen Kräfte des in die Berge geflohenen Imams unterstützten.
„Kairo kann nicht innerhalb seiner Stadtmauern verteidigt werden“
Bis heute ist unklar, welche Rolle Nasser bei dem Coup spielte. Offiziell erklärte Kairo, überrascht worden zu sein und erst auf Einladung der JAR militärisch eingegriffen zu haben. Nassers Entscheidung für die anschließende Intervention wurde dabei durch gravierende Fehleinschätzungen begünstigt.
In Kairo wusste man nur sehr wenig über den Jemen, wodurch die soziale Verankerung des Imams unterschätzt und die Zustimmung für die neue Republik überschätzt wurde. Aufgrund seiner Weltanschauung verfiel Nasser dem Irrglauben, ein Putsch gegen eine als vormodern, korrupt und tyrannisch empfundene Monarchie müsse auf breite Zustimmung stoßen.

Geopolitisch sah sich Nasser derweil in Bedrängnis. Denn erst im Jahr zuvor hatte sich Damaskus aus der ägyptisch-syrischen Staatenunion gelöst. Auch wirtschaftliche Stagnation, Turbulenzen in der Führungsriege und die Erzfeindschaft mit London setzten ihn unter Druck. In der Nilrepublik wuchs daher das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, und mit ihm die existenzielle Sorge um die eigene „arabische Revolution“. 
Auf dem Papier bot das Eingreifen in Jemen einige strategische Vorteile: Ägypten könnte an die Grenzen seiner Intimfeinde Saudi-Arabien und Großbritannien heranrücken und diese militärisch sowie durch die Unterstützung von lokalen Nationalisten herausfordern. „Kairo kann nicht innerhalb seiner Stadtmauern verteidigt werden“, wie Nasser es bildlich formulierte. Zugleich könnte Kairo beide Zugänge des Roten Meeres kontrollieren und damit Israels südliche und östliche Seewege abschneiden.
Jemenitischer Treibsand
Durch die Intervention warf Nasser Kairos Image als progressive Führungsmacht der arabischen Welt in die Waagschale. Als angeschlagene Gallionsfigur des arabischen Nationalismus konnte er es sich kaum leisten, die junge Republik in Sanaa, die sich explizit auf ihn berief, ihrem fast sicheren Zusammenbruch zu überlassen. 
Was mit einer einzigen ägyptischen Spezialeinheit begann, führte rasch zur Stationierung von zehntausenden Truppen. Die unerwartete Widerstandsfähigkeit der royalistischen Stämme sowie die Schwäche der JAR verlangten indes nach ständigen Verstärkungen vom Nil. Zudem versuchte Kairo mit großem Aufwand, Nationenbildung zu betreiben, und entsandte dafür zahlreiches administratives, pädagogisches und medizinisches Personal.

Doch die Intervention trug nicht wie erhofft dazu bei, die Opposition zur JAR im Keim zu ersticken. Vielmehr wurden die regionalen Rivalitäten befeuert, Nassers Feinde zusammengeschweißt. Der Bürgerkrieg eskalierte und internationalisierte sich. Nasser unterschätzte besonders Saudi-Arabien, das als schwach und politisch illegitim betrachtet wurde, und dessen Fähigkeit, mit enormer Geldaufwendung den Widerstand des Imams aufrechtzuerhalten.
Da die royalistische Seite erfolgreich auf Guerillataktiken zurückgriff, konnte Ägypten, ausgestattet mit modernen sowjetischen Waffen, seine materielle Überlegenheit kaum ausspielen. In den folgenden Jahren mutierte die Intervention für Kairo so zu einem Treibsand, der Menschen, Material und ökonomische Ressourcen verschlang.
Kolonialisierung, Kollektivstrafen und Chemiewaffen
Die JAR-Führung wurde unterdessen zur Nebendarstellerin degradiert. Selbst Nassers antiimperialistische Rhetorik konnte kaum noch verbergen, dass Kairo den Nordjemen nicht in eine aufgeklärte arabische Republik, sondern faktisch in eine ägyptische Kolonie verwandelt hatte, die geprägt war von Korruption, Überlegenheitsdenken und rücksichtsloser Gewalt gegen Freund wie Feind. Nach dem ägyptischen Abzug 1967 blieb die JAR mit leeren Goldreserven, zerstörter Infrastruktur, hohen Auslandsschulden und einer drohenden Hungersnot zurück.
Der schmutzigste Aspekt der Intervention war aber die Kriegsführung gegenüber den Stämmen. So zerstörten ägyptische Truppen in Kollektivbestrafungen die Lebensgrundlagen selbst jener Stämme, die nur im Verdacht standen, den Imam zu unterstützen. Ganze Landstriche wurden dadurch entvölkert – Dörfer, Brunnen und Farmen lagen in Trümmern und Viehbestände waren vernichtet.

Vom Kriegsverlauf frustriert, griff Ägypten zudem immer häufiger zu chemischen Waffen. In verheerenden Luftangriffen wurden Phosgen-, Reiz- und Senfgas eingesetzt, um feindliche oder unentschlossene Stämme auf die eigene Seite zu zwingen. Wenig überraschend erwies sich das als kontraproduktiv: Viele Stämme stellten sich allein aus Hass auf Ägypten hinter den Imam, während die JAR weiter an Legitimität verlor und ihre Führung sich, schockiert von der Kriegsführung, zunehmend von Kairo entfremdete.
Der Ruf der Heimatfront
1967 erlitt Nasser seine entscheidende Niederlage, die das Jemenabenteuer abrupt beendete. Der Sechstagekrieg mit Israel traf Kairos Streitkräfte unvorbereitet. Plötzlich fanden sie sich an zwei Fronten wieder: im Sinai und im Jemen. Fünf Jahre Aufstandsbekämpfung im Jemen hatten Ägyptens Fähigkeit zum konventionellen Krieg erheblich geschwächt. Die jahrelange Gewöhnung an Lufthoheit, überlegene Feuerkraft und den Einsatz kleiner, mobiler Verbände erwies sich, konfrontiert mit der modernen israelischen Armee, als Nachteil.
Infolge der dramatischen Niederlage wurden alle Truppen aus Jemen abgezogen, die nun dringend zur Verteidigung der Heimatfront benötigt wurden. Im Dezember 1967 verließ das letzte Kontingent per Schiff das Land. Bis zu 26.000 ägyptische Soldaten waren im nordjemenitischen Bürgerkrieg gefallen oder verwundet worden. Während Ägypten den Sinai verloren hatte und die Armee am Boden lag, war die Lage der JAR nur wenig besser als noch 1962.
Die Grenzen ägyptischer Hegemonie
Ägyptens Jemenintervention erschwert es, Nassers Panarabismus als fortschrittlichen Internationalismus zu deuten. Vielmehr traten die inneren Widersprüche des Nasserismus offen zutage, vor allem die Ambivalenz zwischen progressiver internationalistischer Rhetorik und dem Streben nach regionaler Vorherrschaft.
Nasser, tief geprägt von seiner Zeit als Offizier im Palästinakrieg 1948/49, verstand seine Politik als moralischen Gegenentwurf zum kolonialistisch-imperialen Westen. Wer, wie Ägypten, selbst Opfer des westlichen Imperialismus war, so die implizite Logik, konnte keinen eigenen Kolonialismus betreiben. Doch obwohl er die globale Dominanz des Westens herausforderte, griff der Nasserismus wie selbstverständlich auf westliche Logiken zurück, etwa den Nationalstaat oder moderne Entwicklungsökonomie.
Zentral für Nassers arabischen Nationalismus war es, je nach Bedarf und Kontext, die ägyptische oder gesamtarabische Ebene in den Vordergrund zu stellen. Mit Blick auf den Jemenkrieg erklärte er: „Wir haben nicht für einen Moment gezögert, denn wir glauben, dass unsere Verantwortung nicht an unseren künstlichen Staatsgrenzen endet, sondern sich über die gesamte arabische Nation erstreckt.“ 
Dabei hatte schon die gescheiterte Union mit Syrien gezeigt, dass arabische Subidentitäten ausgeprägter waren, als Kairo es darstellte, und dass die ägyptische Hegemonie über die eigenen Staatsgrenzen hinaus keineswegs auf allgemeine Zustimmung stoßen würde. Eines der größten Hindernisse war indes selbstverschuldet: eine ägyptische Arroganz, die sich durch alle Beziehungen mit der übrigen arabischen Welt zog.
Narrative von Fortschritt und Sicherheit
Den Jemen behandelte Nasser nicht nur als außenpolitische Frage, sondern verortete ihn gedanklich in einem als gefährlich und umkämpft erachteten Raum zwischen Innen- und Außenpolitik – ein ägyptischer Hinterhof, in dem nationale Einheit und ideologische Glaubwürdigkeit ebenso zur Disposition standen wie internationales Prestige. „Wenn die arabische Revolution in Jemen geschlagen würde, wäre damit auch die eigentliche Revolution hierzulande besiegt“, so Nasser. 
Die Intervention war zugleich ein Präventivkrieg im Namen des arabischen Nationalismus, ein Versuch des Revolutionsexports und ein Experimentierfeld für den ägyptischen Modernisierungseifer. Denn Kairo sah den Jemen als absolute Gegenthese zum eigenen Selbstverständnis als moderner postkolonialer Staat an und betrachtete seine Menschen als rückständige Einheimische, deren Leben dringend verbessert werden müsste.

Auf dieser Grundlage rechtfertigte Nasser die Quasi-Besatzung und verwischte unter panarabischen Bezügen pragmatisch die Unterschiede zwischen beiden Ländern. Ob gewollt oder nicht: Die Begründungen der Intervention – Antiimperialismus, Panarabismus oder Modernisierung – begünstigten direkt oder indirekt ägyptische Expansions- und Hegemonialansprüche. Das ägyptische Selbstverständnis als moderne und antiimperialistische Avantgarde der arabischen Welt ließ das Recht, jenseits der eigenen Grenzen Hegemonie auszuüben, logisch, wenn nicht gar notwendig erscheinen – selbst unter massiver Gewaltanwendung.
Ein weitreichendes Erbe
Der Nasserismus war eines der faszinierendsten Unterfangen des letzten Jahrhunderts, fußte er doch auf zahlreichen inhärenten Widersprüchen. Dazu gehörte die Übernahme imperialistisch geprägter Institutionen wie des Nationalstaats. Nicht nur in Ägypten, sondern auch in vielen anderen Ländern des Globalen Südens erwies sich der Nationalismus dabei als zweischneidiges Schwert: einerseits als Vehikel, um sich von westlicher Unterdrückung zu befreien, andererseits als Ausgangspunkt reaktionärer Logiken nach der Unabhängigkeit.
Dies spiegelte sich auch in Nassers ambitionierter Außenpolitik wider, die zwischen antiimperialistischer Überzeugung und pragmatischem Eigennutz oszillierte. Im ideologisch aufgeladenen Stellvertreterkrieg im Nordjemen wurde dieses Spannungsfeld auf verheerende Weise sichtbar.
Der Krieg zeigte Kairos hegemonialen Ambitionen die Grenzen auf, wurde zum willkommenen Einfallstor für Nassers Feinde, machte Ägypten unbewusst zu einem Erben des westlichen Imperialismus und trug so maßgeblich zum Niedergang des arabischen Nationalismus bei. „Wir hätten niemals gedacht, dass es zu dem wird, was es geworden ist“, so Nasser, der den Jemen nicht umsonst „mein Vietnam“ nannte.
 
 
 
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    <title>Was hat die Hisbollah zum Kriegseintritt bewogen?</title>
    <created>Tuesday, März 24, 2026 - 13:19</created>
    <location>Israel, Libanon</location>
    <name>yildirim</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/was-hat-die-hisbollah-zum-kriegseintritt-bewogen</path>
    <body>Israel brach die 15-monatige andauernde „Waffenruhe“ seit dem Ende des letzten Kriegs mit der Hisbollah 2024 nahezu täglich. Warum also ließ sich die Hisbollah gerade jetzt auf den ungleichen Konflikt ein, indem sie Raketen auf Israel feuerte? 
Der Krieg kam mit einem dumpfen Knall in Beirut an. In der Nacht von Sonntag auf Montag, den 2. März, riss gegen 2:40 Uhr eine Serie von israelischen Luftangriffen halb Beirut aus dem Schlaf. Der Krieg hatte bereits einige Stunden früher begonnen, als die schiitische Miliz mehrere Raketen und Drohnen in Richtung Israel schickte. Die meisten wurden von der israelischen Luftabwehr abgefangen, einige Raketen schlugen auf freiem Feld ein. Zu Schaden kam niemand. 
Die Reaktion Israels war absehbar: In den Tagen zuvor hatte die israelische Armee Truppen auf eine Invasion des Südlibanon vorbereitet und mit massiven Gegenschlägen gedroht, sollte die Hisbollah in den von Israel und den USA geführten Krieg gegen Iran eingreifen. Dass die Hisbollah das tun würde, hielten wohl die meisten Libanes:innen für unwahrscheinlich. Sie ist seit dem Krieg 2024 sehr geschwächt. Ihre gesamte Führungsriege und schätzungsweise 5.000 Kämpfer wurden getötet, Waffendepots und militärische Infrastruktur zerstört. Außerdem begann die libanesische Regierung unter Ministerpräsident Nawaf Salam im Jahr 2025 mit der Entwaffnung der Miliz, um die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens mit Israel vom 27. November 2024 zu erfüllen.
Eine rote Linie
Die Aussage eines Hisbollah-Funktionärs wenige Tage vor Beginn des Krieges gegen den Iran schien diese Vermutungen zu bestätigen: Die Hisbollah-Führung werde eine erneute Eskalation des Konflikts vermeiden. Angriffe auf das iranische Staatsoberhaupt Ali Khamenei würden hingegen eine „rote Linie“ darstellen. So zitierten am 25. Februar mehrere internationale Zeitungen eine Meldung der Nachrichtenagentur AFP. 
Drei Tage später, am 28. Februar, wurde Chamenei in seiner Teheraner Residenz zusammen mit 40 anderen Mitgliedern des Regimes und Dutzenden Familienangehörigen getötet. Die „rote Linie“ war damit weit überschritten. In ihren öffentlichen Stellungnahmen begründete die Hisbollah ihre Angriffe mit der Vergeltung der Ermordung des iranischen Führers. Außerdem handle es sich um Selbstverteidigung gegen die 15 Monate lang andauernden Angriffe auf den Libanon durch die israelische Armee trotz offizieller Waffenruhe.
Vergeltung als Kriegsziel?
Vergeltungsschläge, die keinen nennenswerten Schaden anrichteten, jedoch berechenbar einen Krieg auslösten? Die Erklärung ist wenig zufriedenstellend. Auch Selbstverteidigung ist als Motiv wenig überzeugend, da der Krieg der Hisbollah mehr Schaden als Nutzen bringt. Die israelischen Angriffe zerstören gezielt Waffenlager, und -fertigungsanlagen, Raketenabschussbasen, Kommandozentralen, den parteieigene Fernsehsender al-Manar und Filialen des islamischen Finanzinstituts der Hisbollah, al-Qard al-Hasan. Außerdem wurden ranghohe Parteifunktionäre getötet, darunter der Geheimdienstchef Hussein Makled.
In Anbetracht dieser Verluste hält Hazem Saghieh, libanesischer Journalist und Autor mehrerer Sachbücher, die Intervention der Hisbollah für eine selbstmörderische Aktion. Er glaube nicht, dass sie eine Strategie verfolge. Sie würde sehenden Auges in den Abgrund laufen und dabei noch versuchen, möglichst viele mit sich zu reißen.
Die Entscheidung, in den Krieg einzutreten, sei höchstwahrscheinlich in Teheran getroffen worden oder von Iraner:innen im Libanon, meint Chaza Charafeddine, Autorin und Künstlerin aus einer schiitischen Familie aus dem Südlibanon. Denen ginge es nicht um das Schicksal der Libanesen, sondern nur um das Überleben des iranischen Regimes. 
Doch dem Regime in Iran nützen die nahezu wirkungslosen Angriffe der Hisbollah gegen Israel kaum. Dürfte Teheran nicht eher am Überleben der Hisbollah gelegen sein und eine stärkere Dezimierung der Miliz vermeiden wollen?

Aufrüstung im Schatten der Waffenruhe 
Die Hisbollah schien trotz der herben Verluste, die sie im Krieg 2024 einfuhr, auf ihr Überleben als bewaffnete Miliz gesetzt und einen erneuten Krieg mit Israel für unabwendbar gehalten zu haben. Das geht aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom 6. März hervor. Der Bericht stützt sich auf Aussagen von drei libanesischen und zwei ausländischen Quellen sowie einem israelischen Offizier. 
Unabhängig voneinander bestätigten sie, dass die Hisbollah sich in den vergangenen Monaten auf einen neuen Krieg vorbereitet habe. Etwa 50 Millionen US-Dollar pro Monat habe sie für die Aufrüstung verwendet, um Waffen zu kaufen und Drohnen und Raketen im Land selbst herzustellen. Die Gelder kämen größtenteils aus Iran. 
Das Kalkül der Hisbollah
Diese zuvor nicht bekannten Details geben Hinweise auf die Frage, warum die Hisbollah am 2. März die Eskalation des Konflikts provozierte. Der Grund dafür wird der Krieg in Iran gewesen sein, doch nicht im Sinne bloßer Vergeltung für die Angriffe auf den Verbündeten, noch des blinden Ausführens von Befehlen aus Teheran. Wenn die Hisbollah einen erneuten Krieg für unvermeidbar hielt, wollte sie offenbar den Zeitpunkt nicht weiter hinauszögern.
Das Kalkül dahinter wird gewesen sein, lieber Israel von zwei Fronten gleichzeitig anzugreifen, als die Schwächung oder gar den Sturz des Regimes in Teheran abzuwarten und dann alleine gegen die übermächtige israelische Armee kämpfen zu müssen. Auch die fortwährenden Luftangriffe gegen Ziele der Hisbollah in den vergangenen Monaten, zeitgleich mit der Vernichtung ihrer Waffendepots durch die libanesische Armee, müssen einen baldigen Kriegseintritt vorteilhaft erscheinen lassen haben. Nach dem Motto: besser eingreifen, so lange es noch möglich ist, als der Tötung ihrer Führer und der Vernichtung militärischer Infrastruktur tatenlos zuzusehen. 
Alles auf Konfrontation gesetzt
Diese Überlegungen setzen voraus – und der Reuters-Bericht bestätigt dies –, dass die Hisbollah an ihrer Existenz als bewaffneter Miliz festhielt und die Transformation zu einer regulären Partei ohne Armee ablehnte. Das ist wenig überraschend, da sie seit ihrer Gründung während des libanesischen Bürgerkriegs ihre Existenzberechtigung aus dem bewaffneten Kampf gegen Israel zog, auch noch nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Jahr 2000.
Es ist naheliegend, Israel für die Unverhältnismäßigkeit der Antwort auf einige zwecklose Raketen der Hisbollah zu verdammen. Doch in der Sprache der Gewalt, die beide Kriegsparteien beherrschen, hat Israel der Hisbollah im Krieg 2024 verdeutlicht, welches Schicksal ihr droht, wenn sie ihre Waffen nicht aufgibt, und ihr per Waffenstillstandsabkommen die Möglichkeit des Fortbestands ohne Armee eingeräumt.
Mit der Ablehnung der Entwaffnung, ihrer Wiederaufrüstung und gezielten Provokation eines neuen Krieges hat die Hisbollah diesem Angebot eine Absage erteilt. Sie hat bereits vor dem 2. März alles auf die Karte der bewaffneten Konfrontation gesetzt, möglicherweise in der Annahme, den Weg einer regulären Partei später immer noch gehen zu können. 
Auswirkungen des Kriegs auf die Bevölkerung
Den Preis für dieses Kalkül zahlen alle Libanes:innen, vor allem aber die Schiiten des Südlibanon, aus den südlichen Vororten Beiruts und der Bekaa-Ebene, in deren Interesse die Hisbollah vornehmlich zu handeln vorgibt. Sie sind es, die den Großteil der Vertriebenen ausmachen.
Während die israelischen Luftangriffe zunahmen und Bodentruppen in den Südlibanon eindrangen, erfolgten bis zum 12. März Evakuierungswarnungen für insgesamt ca. 14 Prozent der Landesfläche des Libanon. Einwohner:innen des Südlibanon verließen daraufhin panikhaft ihre Dörfer und Städte. Auch die schätzungsweise 500.000 Bewohner der südlichen Vororte Beiruts (Dahiye), forderte die israelische Armee zum sofortigen Verlassen ihrer Wohnviertel auf. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich verkündete am 5. März, bald würde die Beiruter Dahiye „aussehen wie Khan Younis“ – einer Stadt im südlichen Gaza, die von der israelischen Armee nahezu dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Massive Binnenvertreibung und humanitäre Krise
Da im Libanon nicht genügend Notunterkünfte bereitgestellt werden konnten, übernachteten Familien mit Kindern in Autos, auf Matratzen oder in Zelten am Straßenrand. In den von Vertreibung betroffenen Gebieten wohnen längst nicht nur Schiit:innen, erst recht nicht ausschließlich Hisbollah-Mitglieder. Und angegriffen werden auch Ziele außerhalb der Hisbollah-Gebiete.
Bis Mittwoch, den 18. März, stieg die Zahl der internen Vertriebenen auf über eine Million. Die Zahl der Todesopfer in den ersten 15 Kriegstagen belief sich Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums zufolge auf 912, die Zahl der Verwundeten auf 2221. In den ersten zwei Wochen des Krieges wurden 111 Kinder, 67 Frauen und 38 Rettungshelfer:innen getötet.
Um unter Beweis zu stellen, dass ihre Bewaffnung notwendig für den Schutz des Libanon vor dem feindlichen Nachbarland ist, provozierte die Hisbollah mehrere Kriege – erstmals im Jahr 2006, dann 2023–24 und nun erneut. Viele Libanes:innen sind kriegsmüde und sehen, dass die Hisbollah selbst die größte Gefahr für das Land darstellt. Den Krieg heißen nur die allerwenigsten gut. Das Leid der Menschen um sie herum und die Sorge um die eigene Sicherheit und die von Verwandten und Freunden überwiegen.
 
 
 
 
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    <title>Ein regionaler Krieg: Mehr Verlierer als Gewinner</title>
    <created>Saturday, März 21, 2026 - 13:34</created>
    <location>Iran, Israel, USA</location>
    <name>suess</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/iran-krieg-mehr-verlierer-als-gewinner-regionales-toben</path>
    <body>Israels militärische Erfolge verbessern seine regionale Position nur bedingt. Teheran regionalisiert den Konflikt mit großem Risiko, während die USA mit Fehlkalkulationen und globalen Rückschlägen kämpfen. Eine Analyse.
Was sich länger andeutete, ist nun Gewissheit: ein israelisch-US-amerikanischer Krieg gegen Iran. Obwohl diese Konfrontation seit über 20 Jahren vorausgesehen wurde, verläuft sie gleichzeitig chaotischer als geplant und so destruktiv wie befürchtet. Wer am Ende profitiert, ist noch offen, aber klar ist bereits, dass die Region einen hohen Preis dafür zahlt.
Stärker zusammen: Israel und die Vereinigten Staaten
Für die israelische Regierung verläuft der Krieg oberflächlich positiv: Nach jahrzehntelanger Lobbyarbeit hat sie die USA dazu gebracht, gemeinsam Iran zu attackieren und konnten zu Beginn einen symbolischen Gewinn mit Khameneis Ermordung erringen. Irans Gegenangriffe waren weniger effektiv als im Zwölftagekrieg im Juni 2025. Israels militärische Verluste beschränken sich auf wenige Drohnen. Diesen taktischen Erfolgen stehen allerdings ungelöste strategische Probleme gegenüber.

Tel Aviv rechtfertigt diesen Krieg mit dem Ziel, Irans ballistische Raketen einzudämmen, den Staat zu schwächen und eine endgültige Auflösung des iranischen Nuklearprogramms zu erreichen. Um seine Erfolge zu messen, führt Israel die Ermordung wichtiger Personen im iranischen Staatssystem und die Zerstörung von Abschussvorrichtungen für Raketen an. Aber zur Wahrheit gehört, dass Teheran weiterhin Raketen auf Israel abfeuert und der Staat bisher keinen Zerfall zeigt.
Militärische Stärke bringt keine nachhaltige Lösung
Israels erneute Bodenoffensive im Libanon gegen die libanesische Hisbollah, die eigentlich als besiegt galt und kurz vor Kriegsbeginn entwaffnet werden sollte, zeigt, dass Israel mit Militäroperationen alleine keine Siege erreichen kann. Periodisch muss es Kriege mit enormen Kosten führen. Das war auch das Ergebnis des Zwölftagekrieges: Der Waffenstillstand war letztendlich nur eine Pause bis zur nächsten Konfrontation, ohne strategische Fragen zu lösen. Abseits einer politischen Lösung wird das auch für diesen Krieg gelten. Vor allem, da Irans Atomprogramm weiterhin ohne Aufsicht durch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) fortbesteht und Teheran zu einem nuklearen Schwellenstaat macht, was Israels Luftangriffe nicht ändern können.
Dazu kommt, dass Israel mit einem weiteren Angriffskrieg seine Position als Hegemon in Westasien unterstrichen hat, der auf die Anwendung militärischer Stärke setzt. Um sich als Anführer einer regionalen Koalition darzustellen, versuchte Tel Aviv, die Golfstaaten zu Militäraktionen gegen Iran zu bewegen, blieb allerdings erfolglos. Stattdessen müssen vor allem die Golfstaaten mit den Konsequenzen der iranischen Gegenangriffe rechnen.
Irans Kalkül: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Irans Position ist komplexer: Anders als im letzten Krieg erwartete Teheran diese Konfrontation und entwarf Pläne. Iran verfolgt dabei die Strategie, den Krieg so kostspielig wie möglich zu gestalten und setzt darauf, dass es Militäroperationen länger aufrechterhalten kann als andere Akteure. Teherans Ziel ist es, ein nachhaltiges Ende des Krieges zu erzwingen, statt lediglich einen Waffenstillstand.
Ein Kern davon sind Angriffe auf Nachbarstaaten am Persischen Golf, um den Krieg zu regionalisieren und die Logik der Militärpräsenz der Vereinigten Staaten zu unterminieren. Die Golfstaaten setzen seit ihrer Gründung teilweise auf ausländische Militärhilfe. Sie erlaubten Washington nach der irakischen Invasion Kuwaits 1990 als Schutzmacht Militärbasen zu installieren, um sich als sichere Standorte global zu etablieren. Teherans Angriffe zerstören dieses Modell und werfen die Frage auf, ob die US-Präsenz sie stattdessen zur Zielscheibe macht und die USA Israel auf ihre Kosten priorisiert. Damit will Iran eine alternative regionale Sicherheitsarchitektur ohne die USA forcieren und kann zudem seine Stärke in Kurzstreckenraketen und Drohnen ausnutzen, um US-Einrichtungen unter Beschuss zu nehmen.
Gegen Israel kann Iran wegen des Mitwirkens des US-Militärs weniger Schaden als im letzten Krieg ausüben und setzt darauf, Tel Avivs Raketenabwehrsysteme auszudünnen und gleichzeitig konstant Druck aufrechtzuerhalten. Dafür muss Iran seine Mittelstreckenraketen über Wochen hinaus konservieren und Israel sich früher als Teheran erschöpfen. Ersteres kann Iran bisher aufrechterhalten, zweiteres ist unklar.
Zu Irans Strategie gehört auch, Angriffe gegen seine Infrastruktur mit ähnlichen Angriffen auf zentrale Einrichtungen in Golfstaaten, etwa auf Öl- und Entsalzungsanlagen, in einer Art Eskalationslogik (bisher erfolgreich) zu beantworten. Damit versucht Teheran, sich zu schützen sowie Kosten für die Weltwirtschaft zu verursachen, wofür Irans Blockade der Meerenge von Hormuz eine wichtige Rolle spielt. Attacken auf zivile Ziele wie Schiffe oder Hotels beschädigen jedoch seine Beziehungen mit den Golfstaaten, insbesondere nachdem Iran im Februar ablehnte, im regionalen Format mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln. Es ist Teherans riskantes Kalkül, damit den Krieg zu einem Problem für die gesamte Region und zum Teil der Welt zu machen, um Druck für eine nachhaltige Lösung zu erzeugen. Das könnte allerdings dazu führen, dass Iran ein regionaler Pariastaat [isolierter und ggf. sanktionierter Staat aufgrund von internationalen Regelverstößen, Anm. d. Red.] wird, ähnlich wie Irak nach 1991. Zudem ist unklar, wie die Golfstaaten ihre Sicherheitsarchitektur nach Kriegsende gestalten werden und ob sie eine Rolle für Iran einplanen. Entscheidend wird sein, wie geschwächt Teheran aus dem Krieg hervorgeht, was hauptsächlich von der Dauer der Konfrontationen und den Vereinigten Staaten abhängt.
Die fehlende Planung der Vereinigten Staaten
Bisher hat Washington keinen klaren Grund oder Ziele für diesen Krieg angegeben und es wirkt, als hätte sich US-Präsident Trump teils von Israel drängen und teils vom Erfolg in Venezuela blenden lassen. So schwankten seine Aussagen, vermutlich aufgrund fehlender Planung, von Regime Change über Irans Staatszerfall hin zu einem besseren Deal mit Teheran. Anders als im Irak-Krieg 2003, wofür es eine auf falschen Annahmen beruhende Strategie gab, hat das Weiße Haus Irans Kapitulation oder Kollaps angesichts der überwältigenden Feuerkraft erwartet und muss nun improvisieren. So spielten sie mit den riskanten und politisch heiklen Gedanken, kurdisch-iranische Milizen zu einer Offensive zu bewegen, Infiltrationen in iranische Nuklearanlagen durchzuführen oder Inseln am Persischen Golf zu besetzen. Demokratische US-Senatoren, die zum Iran-Krieg unterrichtet wurden, unterstrichen diese Planlosigkeit.
Dafür spricht auch, dass die USA Teherans Gegenangriffe auf Golfstaaten und den Schiffsverkehr im Persischen Golf nicht erwartet und damit die Effekte des Krieges auf globale Märkte unterschätzt haben – vor allem die Erdöl- und Erdgaspreise. Washington behalf sich bisher mit unkoordinierten Maßnahmen zur Marktstabilisierung, wie Ankündigungen von Schiffseskorten oder einem baldigen Kriegsende, die nur kurzfristig funktionieren. Klar ist: Je länger der Krieg geht, desto größer ist der Schaden für die Weltwirtschaft.
Die Vereinigten Staaten verlieren an Glaubwürdigkeit in Westasien
Der Schaden ist auch geopolitisch: Die Vereinigten Staaten überlegten öffentlich, ein Raketenabwehrsystem von Südkorea nach Westasien zu verlegen und sahen sich gezwungen, trotz Sanktionen, den Verkauf russischen und iranischen Erdöls zu erlauben. Dazu leidet ihr regionales Standing, da sie Irans Angriffe auf ihre Militäreinrichtungen und Golfstaaten nicht abwehren können und sie mit Veröffentlichungen von Fotos, die Angriffe auf Iran vom Territorium der Golfstaaten aus zeigen, sogar provozieren.
Dazu kommen wichtige Einblicke, wie das iranische Militär US-amerikanische Abwehr- und Radarsystemen überwältigte, dass die US-Munitionsbeständen für Jahre erschöpft sind und dass es große Uneinigkeit unter Trump-Anhänger:innen hinsichtlich des Krieges gibt. 
Das wirft die Frage auf, wieso die Vereinigten Staaten dieses Risiko vor den Midterm-Wahlen im November eingegangen sind. Es gab keine imminente Gefahr von Iran und nach Einschätzungen Großbritanniens nationalem Sicherheitsberater und Omans Außenminister waren seine Zugeständnisse weitreichender als im Atomabkommen von 2015. Gleichzeitig war Irans Regionalpolitik an einem Tiefpunkt mit Diskussionen um Hisbollahs Entwaffnung, dem Wegfall der Assad-Regierung 2024 und der fortschreitenden Einbindung Iran-verbündeter Milizen in den irakischen Staat.
Zusammen mit den beispiellosen internen Unruhen zum Jahreswechsel und der desolaten wirtschaftlichen Lage war Iran innen- und außenpolitisch geschwächt. Statt das für ein Abkommen zu nutzen, entfachte der Angriffskrieg Irans regionalen Einfluss, zumindest kurzfristig.
Zwei mögliche Szenarien
Es ist unklar, wie dieser Krieg enden wird. Ein Zerfall des iranischen Staates oder eine Pragmatisierung ihrer Führung sind im Moment unwahrscheinlich. Es wäre möglich, dass die Vereinigten Staaten und Israel ihre Angriffe ausweiten, um Iran zur Kapitulation zu zwingen. Das könnte den Krieg verlängern und – je nach Durchhaltevermögen Irans – sowohl den Energiemarkt als auch Teherans Staatsmacht zum Kollaps führen. Alternativ könnte Trump einen Friedensvertrag unterbreiten, der allerdings viel Einfallsreichtum braucht, um Iran zu überzeugen.
Eine Analogie aus der jüngeren Geschichte Irans ist der Iran-Irak-Krieg, in dem Saddam Hussein mit der Unterstützung von saudischen Reparationszahlungen an Teheran einen umfangreichen Waffenstillstand im zweiten Kriegsjahr anbot. Iran lehnte ab und kämpfte sechs Jahre weiter.
 
 
 

 
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    <title>Proteste gegen das Regime in Iran – ein persönliches Logbuch</title>
    <created>Wednesday, März 18, 2026 - 13:11</created>
    <location>Iran</location>
    <name>theisinger</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/proteste-gegen-das-regime-iran-logbuch</path>
    <body>Während der Krieg gegen Iran seit mehr als zwei Wochen tobt, sitzt vielen Iraner:innen die Gewalt des Mullah-Regimes noch tief in den Knochen. Unsere Autorin versucht ihr Erlebtes in Worte zu fassen.
[Contentwarnung: Dieser Artikel thematisiert Gewalt und Tod.] 
Mittwoch, 31.12.2025 bis Samstag, 03.01.2026
Am Mittwoch bin ich nach Teheran, Iran geflogen. 

Donnerstag und Freitag ist in Iran Wochenende. Samstag war Vatertag und offizieller Feiertag wegen des Geburtstags von Imam Ali. Ich hatte ein wunderschönes Wochenende mit meiner Familie. Ich wusste nicht, dass dies unsere letzten schönen Tage sein würden. 
Sonntag, 04.01.2026
Heute gab es um den Großen Basar in Teheran friedliche Demonstrationen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage. Gegen die iranische Regierung wurden im letzten Jahr Sanktionen verhängt. Die iranische Währung verlor kontinuierlich an Wert.
Montag, 05.01.2026
Die Demonstrationen am Großen Basar wurden größer; mehr Leute gingen auf die Straßen. Die Polizei schoss auf Demonstrant:innen, mit Tränengas und Schrotflinten. Meine Freundin und ihr Bruder waren zufällig am Basar. Sie gehörten nicht zu den Demonstrierenden. Doch die Schüsse trafen auch ihren Bruder, er wurde am Bein verletzt. Ein Schmuckladen öffnete heimlich die Tür. Sie drängten mit mehr als 30 Personen in den Laden, um sich dort zu verstecken. 
Donnerstag, 08.01.2026 und Freitag, 09.01.2026
In Iran haben alle Satellitenfernsehen mit Sendern, die unabhängig von den iranischen Staatsmedien sind. Dort sahen wir Reza Pahlavi, der uns dazu aufrief, auf die Straße zu gehen, um unsere Unzufriedenheit zu zeigen. Über WhatsApp-Gruppen wurden Nachrichten verbreitet, dass ältere Menschen und diejenigen, die Angst haben, ab 18 Uhr zuhause bleiben sollen. Alle haben sich vorbereitet, zu den Demos zu gehen, auch meine Freundinnen und ihre Kinder. Auch in kleinen Städten und Dörfern haben Menschen demonstriert. Ab 20 Uhr begannen die Demonstrationen. Sie endeten gegen Mitternacht.
Am Donnerstag habe ich von Qatar Airways eine Nachricht erhalten, dass mein Rückflug storniert wurde. Danach hatte ich keinen Zugang mehr zum Internet. Die Regierung schaltete das Internet vollständig ab; selbst Banken hatten keinen Zugriff mehr. Ich musste einen Weg finden, um einen Rückflug zu buchen, deshalb rief ich eine Freundin an, die ein Reisebüro betreibt. Aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Das Land war weitgehend lahmgelegt. Ab 20 Uhr wurden auch SIM-Karten gesperrt, sodass wir niemanden mehr telefonisch erreichen konnten. Wir konnten nur über Satelliten- und Auslandsnachrichten erfahren, was passiert.
Viele der Demonstrierenden waren Jugendliche und junge Erwachsene. Der oberste Führer Chamenei befahl, mit aller Härte gegen die Demonstrierenden vorzugehen. Die Polizei tötete über diese zwei Nächte mehrere Tausend Menschen.
Meine Eltern und meine Freundinnen sagten, ich soll auf keinen Fall zu den Demonstrationen gehen. Ich habe die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. Meine Freundinnen sagten, wenn ich verhaftet werde, werde ich mit meinem deutschen Pass von der Regierung benutzt, um Deutschland zu erpressen. Viele meiner Freundinnen nahmen teil. Am Donnerstag und Freitag wurde von 20:00 bis 02:00 Uhr auf die Demonstrierenden mit Tränengas, Schrotflinten und scharfer Munition geschossen. Einige hatten Glück und konnten fliehen; viele wurden getötet.
Samstag, 10.01.2026
Eltern und Verwandte mussten ihre Kinder suchen; niemand wusste, ob sie verhaftet, verletzt oder getötet waren. Die Polizei tötete sogar Verletzte in Krankenhäusern. Ärzte sowie Schwestern wurden verhaftet. Eltern und Familien der Getöteten mussten für die Herausgabe der Leichname umgerechnet etwa 5.000 Euro zahlen oder unterschreiben, dass die Getöteten als Märtyrer:in für Iran und die Regierung gestorben sind.
Meine Freundin, die ein Reisebüro hat, konnte schließlich einen Flug nach Istanbul für mich buchen. Sie bezahlte ihn für mich, weil ich kein iranisches Geld hatte. Ich gab ihr Euro.
Montag, 12.01.2026
Nach einer Woche konnte ich endlich meine Kinder für eine Minute über das Festnetz kontaktieren. Sie waren krank vor Sorge. Ich informierte auch kurz meinen Chef. Ich sagte, dass ich gesund bin und hoffentlich bald das Land verlassen würde. Alle waren besorgt.
Freitag, 16.01.2026
Am Flughafen musste ich alle meine Videos und Fotos löschen, da es sein konnte, dass man mich untersucht. Das konnte ich nicht riskieren.
Als ich schließlich in Istanbul landete, hatte ich endlich Internetzugang und konnte meine Kinder informieren. Dort buchte ich online den nächsten Flug weiter nach Deutschland. Ich erhielt tausende Nachrichten; alle waren besorgt um mich. Gleichzeitig schämte ich mich, meine Familie und Freunde so verlassen zu müssen.
Freitag, 13.02.2026
Es ist furchtbar. In jeder Familie ist jemand getötet worden. Das ganze Land ist in Trauer. Wir werden keine Ruhe finden, bis diese Regierung wechselt. Wir, die gegen die Mullah-Regierung sind, wir wollen keine Monarchie und keine Diktatur, sondern Demokratie.
Ich hatte keinen Kontakt zu meinen Eltern und konnte erst letzte Woche wieder mit ihnen telefonieren. Mir wird schlecht, wenn ich darüber spreche. Mir steigt Wut hoch. Ich bin abwechselnd wütend oder depressiv. Jeden Tag sehe ich Beerdigungen oder höre, wer wieder getötet wurde. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. 
Samstag, 14.03.2026
Das letzte Mal habe ich mit meinen Eltern am 08. Februar telefoniert.
Eine Freundin von mir kann Starlink nutzen, um mit Menschen in Iran Kontakt aufzunehmen. Sie kann unsere Freundinnengruppe wenigstens auf WhatsApp informieren, wie es unseren Familien geht, manchmal sogar Sprachnachrichten schicken. 
Sie tröstet uns und sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen. Unseren Familien würde es gut gehen. Sie schreibt uns jeden Tag, wo gerade Angriffe stattfinden. Jeden Tag steht sie früh auf und ruft unsere Familien an. Sie ist unsere einzige Verbindung.
In den staatlichen iranischen Fernsehsendern sehen wir, dass das Vermögen und die Häuser der Familien der getöteten Demonstrierenden beschlagnahmt werden. Wenn sie nicht alles verlieren möchten, müssen sie unterschreiben, dass sie keinen Kontakt zu den getöteten Angehörigen hatten.
Auch Iraner:innen in Deutschland fühlen sich bedroht. Iranische Fachkräfte, die zum Arbeiten hierhergekommen sind, posten nichts mehr. Denn wenn sie ihre Arbeit verlieren, müssten sie zurück nach Iran. Diejenigen, die auf sozialen Medien die Proteste unterstützt haben, wurden zu Staatsfeinden erklärt. Auch ich bin ein Staatsfeind, weil ich viel gepostet habe.
Mittlerweile gibt es keine Flüge mehr. Der Flughafen Teheran-Imam Chomeini ist geschlossen. Die Menschen können nur mit dem Auto über die türkische Grenze rauskommen. Die Stadt, in der meine Eltern und meine Brüder sind, wurde bombardiert. Ich spüre, dass meine Freundin, die uns Nachrichten schickt, Angst hat. Ich habe das Gefühl, dass sie uns nicht die Wahrheit sagt. An manchen Tagen kann man aus Iran mit dem Handy für eine Minute ins Ausland telefonieren. Aber mein jüngerer Bruder meldet sich nicht.
 
Ich versuche optimistisch zu bleiben. Ich arbeite viel und beschäftige mich ständig mit irgendetwas. Ich lasse durch Sport meine Wut raus. Am Morgen weine ich viel, dann gehe ich zur Arbeit.
Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Wenn wir sie dieses Mal verlieren, werden wir alles verlieren.
 
 
 
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    <title>Antimuslimischer Rassismus: „Keine tragischen Einzelfälle“</title>
    <created>Saturday, März 14, 2026 - 16:06</created>
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    <name>jagemast</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/tag-gegen-islamfeindlichkeit-antimuslimischer-rassismus-claim</path>
    <body>In Berlin markiert der 15. März seit 2025 offiziell den „internationalen Tag gegen Islamfeindlichkeit“. Die Organisation CLAIM erklärt im Gespräch mit dis:orient, welchen Stellenwert der Kampf gegen Rassismus heute in Deutschland hat. 
CLAIM setzt sich seit 2017 bundesweit gegen antimuslimischen Rassismus sowie gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit ein. Ihre Kernthemen sind Sensibilisierung und Vernetzung, insbesondere für Betroffene. Außerdem dokumentiert CLAIM antimuslimische Vorfälle. Birte Freer arbeitet als Projektmanagerin im Bereich Monitoring und berichtet von ihrer Arbeit. 
Birte, die Berliner Landesregierung hat im letzten Jahr entschieden, dass der 15. März in Anlehnung an den 2022 von der UN begründeten „internationalen Tag gegen Islamfeindlichkeit“ ein offizieller Gedenktag werden soll. Das Datum markiert den Jahrestag des rechtsextremen Terroranschlags im neuseeländischen Christchurch, bei dem im Jahr 2019 während des Freitagsgebets 51 Menschen ermordet wurden. Wie ordnet ihr diese Entscheidung ein? 
Wir begrüßen, dass das Land Berlin diesen Gedenk- und Aktionstag ausruft, und es damit nun einen zweiten Tag gibt, an dem das Thema besondere Aufmerksamkeit erhält. Es gibt bereits den „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ am 1. Juli, der an die Ermordung von Marwa El-Sherbini 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal erinnert. Dieser Tag wurde von der Zivilgesellschaft ausgerufen.
Es gibt viele gute Gründe dafür, den 15. März zu begehen. Unsere Befunde machen deutlich, dass wir antimuslimischen Rassismus ernst nehmen müssen, und dass dringender Handlungsbedarf besteht. Er ist kein Randphänomen, sondern Teil gesellschaftlicher und struktureller Realität. Die Ermordung von Marwa, der NSU, München, Hanau – all das sind keine tragischen Einzelfälle, sondern Ereignisse, die zeigen: Muslim:innen und muslimisch gelesene Menschen sind in Deutschland zentrale Zielscheibe rechter Gewalt. 
Antimuslimischer Rassismus ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Was beobachtet ihr dabei?
Neben Gewalttaten und verbalen Angriffen sehen wir strukturelle Diskriminierung und Alltagsrassismus. In Berlin gab es im Jahr 2024 644 dokumentierte antimuslimische Übergriffe und Diskriminierungen, das entspricht einem Anstieg von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, denn leider herrscht eine Unterdokumentation. Viele Betroffene glauben nicht daran, dass ihre Meldung einen Wert hat, wenn es zugleich an politischem Willen und Anerkennung mangelt. Wir sprechen daher immer von der „Spitze des Eisbergs“. Es bräuchte eine systematische Dokumentation. 
Kannst du die Begriffe „antimuslimischer Rassismus“ und „Islamfeindlichkeit“ genauer definieren? 
Im deutschen Kontext werden die Begriffe häufig synonym verwendet. Grundsätzlich beschreibt „antimuslimischer Rassismus“ den Prozess der Rassifizierung und „Andersmachung“ von Muslim:innen und muslimisch gelesenen Menschen – erst einmal unabhängig davon, ob diese sich tatsächlich als „muslimisch“ identifizieren. Dies geht mit homogenisierenden und negativen Zuschreibungen einher. Wenn wir uns die Fallzahlen anschauen, sehen wir, dass aktuell viele Fälle im Zusammenhang mit aufenthalts- und migrationspolitischen Diskursen stehen. In diesen Diskursen wird der Islam vor allem als Gefahr und Muslim:innen als Sicherheitsrisiko thematisiert und unter Generalverdacht gestellt, mit Terror und Antisemitismus zu sympathisieren.
Wenn wir von „antimuslimischem Rassismus“ sprechen, denken wir strukturelle und politische Dimensionen mit, während sich der Begriff „Islamfeindlichkeit“ insbesondere auf das Merkmal der Religion fokussiert. 
Der Gedenktag wurde von einer SPD- und CDU-geführten Landesregierung eingeführt, deren politischer Kurs weitestgehend nicht durch antirassistische Haltung und Entscheidungen auffällt. Ist die Einführung reine Symbolpolitik?
Forschungen des DeZIM-Instituts aus unserem Lagebericht 2024 zeigen: Menschen, die sich als muslimisch identifizieren, haben grundsätzlich ein eher hohes Vertrauen in die Demokratie und in staatliche Institutionen. Rassistische Diskurse und mangelnde Anerkennung ihrer Lebensrealitäten führen jedoch auf Dauer dazu, dass das Vertrauen in den Rechtsstaat schwindet.  
Ein Gedenktag kann eine Grundlage sein, um Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit zu schaffen und natürlich auch Anstoß für politische Maßnahmen zu liefern. Vor allem ist er ein Signal in Richtung der Betroffenen. Damit solch ein Tag über Symbolpolitik hinausgeht, braucht es die Umsetzung struktureller Maßnahmen, beispielsweise die Sicherstellung von Beratungsangeboten, die Förderung von unabhängigen Beschwerdestellen und verpflichtende Fortbildungsmaßnahmen in der Verwaltung und anderen Teilen staatlicher Institutionen. 
Außerdem ist es wichtig, einen solchen Tag partizipativ mit den Communities zu gestalten. So etwas ist immer ein Spannungsfeld: Der politische Wille ist da, aber hinsichtlich des partizipativen Ansatzes gibt es viele Stellschrauben, die optimiert werden können. Ein solcher Tag ohne die adäquate Einbindung von Betroffenen und Communities kann natürlich zu Symbolpolitik führen. 
Offizielle Gedenktage sind Teil von Erinnerungskultur. In der deutschen Erzählung findet antimuslimischer Rassismus jedoch wenig Raum. Vielmehr werden verschiedene Diskriminierungsformen in öffentlichen Diskursen gegeneinander ausgespielt, wie bei antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus zu beobachten ist. Inwiefern versucht ihr zu intervenieren? 
Wenn wir von Erinnerungskultur sprechen, sprechen wir hauptsächlich über staatliches Gedenken. Hierbei appellieren wir daran, Betroffene in den Fokus zu nehmen. Es ist bezeichnend, dass Betroffene, Initiativen und Selbstorganisationen immer wieder selbst das Gedenken tragen und Forderungen stellen müssen. Sie warten teils jahrzehntelang auf Aufklärung und kämpfen bis heute für Gerechtigkeit – das sehen wir in Hanau, in München, aber natürlich auch beim NSU.
Bezüglich der Diskurse stellen wir fest: Besonders wenn es um antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus geht, gibt es oft eine Art „Entweder-Oder-Denken“. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass eine Gleichzeitigkeit anerkannt wird, ohne dass dabei eine Hierarchisierung der Opfer konstruiert wird. Es ist wichtig, Betroffene nicht gegeneinander auszuspielen, sondern grundsätzlich gegen alle Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu stehen und sie vollumfänglich und intersektional zu begreifen. 

CLAIM wurde in Berlin als Sachverständige von der Berliner Enquetekommission gegen Rassismus angehört. Ihre Arbeit liegt derzeit auf Eis. Die Kommission stand vielfach in der Kritik, beispielsweise weil einzelne Mitglieder strukturellen Rassismus in staatlichen Institutionen leugneten. Zudem sollen einige Expert:innen Angst gehabt haben, dass Fördergelder gestrichen werden, wenn sie Kritik an der CDU äußerten. Wie bewertet CLAIM die Arbeit der Kommission? 
Ähnlich wie beim Gedenktag ist es grundsätzlich erst einmal gut, wenn der Senat eine Enquete beschließt. Dabei geht es darum, zu schauen, wie es den Menschen in der Stadt geht, und welche Maßnahmen erarbeitet werden können. Aber es ist natürlich sehr bedenklich, wenn Einzelpersonen versuchen diese Arbeit zu torpedieren. 
Gleichzeitig steht der Fall der Enquetekommission sinnbildlich für die gesamte Arbeit im Bereich der Rassismus-Bekämpfung: Das Thema wird nicht priorisiert und häufig nicht anerkannt. Dabei sind wissenschaftliche Befunde seit Jahren bekannt. 
Diese Beobachtungen decken sich mit vergangenen Ereignissen. Zum Beispiel wurde im Jahr 2023 der Expert:innenbericht zu „Muslimfeindlichkeit“ veröffentlicht, und dann wieder zurückgezogen. 
Genau. Maßnahmen und Handlungsempfehlungen liegen seit Jahren auf dem Tisch, wie auch beim angesprochenen Bericht: Da sind sehr viel Arbeit und Expertise eingeflossen. Es gibt aber ein Umsetzungsdefizit. 
Dass antimuslimischer Rassismus nicht priorisiert und nicht anerkannt wird, bedroht auch die Aussicht auf finanzielle Förderung. Es bräuchte eine flächendeckende Unterstützung, um strukturelle Gegenmaßnahmen aufzubauen. In der Zeit nach dem Anschlag von Hanau gab es hierfür kurzzeitig einen größeren politischen Willen, aber aktuell ist Antirassismus nicht besonders weit oben auf der Agenda der Bundesregierung. 
Was ist dein Appell am heutigen „Tag zur Bekämpfung von Islamfeindlichkeit“ an die Leser:innen und an die Politik? 
Ein Tag gegen Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus ist wichtig, aber es braucht jeden Tag Zivilcourage und Gegenrede. 
Gleichzeitig braucht es zwingend verbindliche und wirksame Maßnahmen von Seiten der demokratischen Parteien und Entscheidungsträger:innen, darunter Schutzkonzepte und Unterstützungsstrukturen für Betroffene und Communities. Die Politik muss zeigen, dass sie die Bekämpfung von antimuslimischem Rassismus ernst nimmt und Betroffene nicht allein lässt. 
 
 
 
 
 
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    <title>Ein Gespenst geht um in den Medien – das Gespenst von Reza Pahlavi</title>
    <created>Thursday, März 12, 2026 - 13:23</created>
    <location>Iran</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/iran-medien-protest-bewegung-reza-pahlavi</path>
    <body>Reza Pahlavi dominiert die Medien, andere Stimmen verschwinden – ein altbekanntes Muster, das demokratische Vielfalt in Iran bedroht.
Dieser Text ist auf Englisch am 06. Februar 2026 bei Fair Observer erschienen. Dis:orient veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autoren eine übersetzte und gekürzte Version.
 
Aufgrund der langjährigen Spannungen in Iran unter dem iranischen Regime und der ungelösten Folgen des Jin, Jiyan, Azadî (Frau, Leben, Freiheit)-Aufstands sind erneut landesweite Proteste ausgebrochen, die aus sozialpolitischen, wirtschaftlichen, ethnonationalen und geschlechterbasierten Belastungen resultieren. Während der Demonstrationen entfaltete sich gleichzeitig ein Krieg der Narrative über Politik, Führung und Legitimität in oppositionellen Diaspora-Medien und teils in internationalen Medien. 
Einige Medien präsentierten sich als Plattformen der Opposition. Durch ihre Berichterstattung bestimmten sie jedoch maßgeblich, welche Oppositionsstimmen sichtbar wurden und welche weniger Beachtung fanden. Propaganda zeigt sich hier nicht als Falschinformation, sondern in der selektiven Hervorhebung von Fakten, die bestimmte Stimmen begünstigt. Ähnliche Dynamiken zeigen sich auch bei politischen Figuren: Medien tragen zur Inszenierung Reza Pahlavis bei, des im Exil lebenden Sohns des letzten iranischen Monarchen.
Der Personenkult und die mediale Mythenbildung
Während des aktuellen Aufstands ließ die Medienberichterstattung vermuten, dass Pahlavi die Protestierenden angeführt habe. Natürlich stellt sich hier nicht die Frage, ob er Unterstützer:innen im Iran hat – das tut er –, sondern ob er wirklich im Zentrum der jüngsten Proteste stand, wie die BBC behauptete. Obwohl diese Medien daran interessiert sein mögen, Oppositionsstimmen zu verbreiten, um das Regime zu stürzen, scheinen sie die Nuancen der sozialen Sensibilitäten des Iran nicht zu erfassen.
Ihre jüngste umfassende Berichterstattung über Reza Pahlavi, der als die „zentrale Figur“ der Opposition dargestellt wird, fällt mit dem Nachlassen der Aufstände in mehreren kurdischen Städten zusammen. Gerade dort blieben Proteste teilweise begrenzt oder konnten sich gar nicht erst ausweiten.
Dazu gehören Sine (Farsi: Sanandasch), die Hauptstadt, und Seqqiz, wo die Jin, Jiyan, Azadî-Proteste 2022 ihren Anfang nahmen. Dieser Umstand ist besonders drastisch vor dem Hintergrund der systematischen Verletzungen der ethnonationalen Rechte in nicht-persischen Regionen durch die frühere Pahlavi-Dynastie. Vor diesem Hintergrund erscheint die mediale Zentrierung auf Pahlavi besonders problematisch, da diese solche Darstellungen nicht nur taktlos erscheinen lässt, sondern auch als politisch potenziell zersetzend.
Innerhalb weniger Tage schienen populäre persische oppositionelle Medienplattformen und Fernsehsender wie Independent Farsi, BBC Persian, Iran International und Manoto eine gemeinsame redaktionelle Linie einzuschlagen. Ihre Berichterstattung bestand nicht mehr nur aus einzelnen Meldungen über die Proteste, sondern wirkte zunehmend wie eine sorgfältig zusammengestellte Abfolge von Beiträgen. Während der Proteste traten durch die redaktionelle Auswahl, Wiederholung und Rahmung bestimmter Inhalte differenzierte, kontextreiche und vielstimmige Analysen immer stärker in den Hintergrund.
#MediaCoup: Wie persische Medien die iranische Opposition legitimieren
In der Debatte über die demokratische Zukunft Irans werden Auseinandersetzungen darüber, wer die Opposition repräsentiert, häufig ebenso in Redaktionsräumen wie auch auf der Straße ausgetragen. Dabei zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Persischsprachige Diaspora-Medien stellen bestimmte Akteure als „legitime Opposition“ in den Vordergrund und marginalisieren andere.
Diese Dynamik wurde 2023 während der #MediaCoup-Kontroverse besonders sichtbar, die zeigte, wie Medienmacht auch als Instrument politischer Einflussnahme wirken kann. Im selben Jahr traten mehrere nicht-persische und nicht-monarchistische Journalist:innen aus oppositionellen persischsprachigen Diaspora-Medien zurück. Ihre Rücktritte fielen mit einer Kampagne unter dem Hashtag #MediaCoup zusammen, in der Nutzer Medien vorwarfen, Reza Pahlavi zu bevorzugen, alternative Stimmen zu boykottieren und Themen selektiv abzudecken – häufig mit Fokus auf persisch bewohnte Gebiete.
Bis 2026 verstärkten nachfolgende Ereignisse diese Kritiken. Während der jüngsten Proteste kursierten hauptsächlich Videos von Pahlavi-Unterstützer:innen. Andere Aufnahmen, die andere Slogans zeigten oder Clips, in denen Pahlavi-Anhänger:innen nicht-monarchistische Gegner:innen physisch angriffen, sexuell und verbal belästigten, erhielten kaum oder keine Kritik von den Medien. Diese Ereignisse zeigen ein Muster von Medien-Gatekeeping, das beeinflusst, welche Opposition als akzeptabel, respektabel und glaubwürdig wahrgenommen wird.
Dieses Muster, einen einzigen starken Führer zu erhöhen und andere Stimmen zu marginalisieren, ist in Iran nicht neu. Während der Grünen Bewegung (2009) wurden Mir Hossein Mousavi und Mehdi Karroubi, die beide mittlerweile unter Hausarrest stehen, aber langjährige Positionen innerhalb des repressiven Apparats des Regimes innehatten, in den persischen Diaspora-Medien als die einzigen Führer des Kampfes um Freiheit dargestellt. Kritik nicht-persischer Gemeinschaften an ihrer umstrittenen politischen Vergangenheit fand dagegen kein Gehör. Infolgedessen schlossen sich die Menschen in nicht-persischen Regionen nicht den Aufständen an. Die Bewegung war weitgehend auf persisch bewohnte Gebiete beschränkt.

Khomeinis Gesicht auf dem Mond
Ein ähnliches Beispiel ereignete sich 1979, als Ayatollah Khomeini als die einzige „wahre“ Stimme der iranischen Revolution erhöht wurde. Zu dieser Zeit lehnten die Kurd:innen seine Führung ab, doch ihr Widerstand blieb ungehört.
Gleichzeitig verbreitete sich in persisch geprägten Regionen das Gerücht, Khomeinis Gesicht werde auf dem Mond erscheinen. Die Geschichte zirkulierte nicht nur mündlich, sondern auch über das Radio der BBC Persian. Ohne das Gerücht ausdrücklich zu bestätigen, griffen es Sendungen auf und verliehen ihm so zusätzliche Glaubwürdigkeit. Das stärkte Khomeinis Stellung und drängte andere Stimmen und Entwicklungen in den Hintergrund. Viele Iraner:innen warteten tatsächlich darauf, ihn als beinahe messianische Figur am Himmel zu erblicken.
Einige Iraner:innen glauben noch immer, dass der erwähnte BBC-Bericht zusammen mit weiteren BBC-Interviews mit Ruhollah Khomeini den Verlauf der Iranischen Revolution mitgeprägt habe – eine Wahrnehmung, die dem Sender in Iran den Beinamen „Ayatollah BBC“ einbrachte. Entscheidend ist dabei nicht die Annahme, Medien würden Revolutionen hervorbringen; vielmehr können sie durch Rahmung, selektive Verstärkung und moralische Überhöhung einen scheinbar unangreifbaren Führer legitimieren und so einen Personenkult stabilisieren, der den Verlauf politischer Umbrüche beeinflusst.
Vor diesem Hintergrund lässt sich der persische „#MediaCoup“ weniger als Streit über Voreingenommenheit verstehen, sondern eher als Kampf um vermittelte Legitimität. Ähnliche Muster sind weiterhin sichtbar, etwa in dem weitgehend unkritisch behandelten „Emergency Period Booklet“ von Reza Pahlavi.
Wie sich Pahlavi die Zukunft Irans vorstellt


Im Juli 2025 veröffentlichte Reza Pahlavi das „Emergency Period Pamphlet”, in dem er seine Vision für Iran nach der Islamischen Republik umreißt und sich selbst als „Führer des nationalen Aufstands“ präsentiert. Er beansprucht, im Namen von rund 90 Millionen Menschen zu sprechen, und schiebt andere politische Alternativen beiseite. Klausel 12.6 beispielsweise schlägt ein Referendum vor, das Irans Zukunft auf die Wahl zwischen Monarchie und Einheitsrepublik reduziert und damit Forderungen von Föderalismus von nicht-persischen Staatsbürger:innen ausschließt.
 
Klausel 6 sieht vor, dass die Mitglieder der Institution des Nationalen Aufstands vom Führer ernannt werden und jede Änderung seine Zustimmung benötigt – echte Unabhängigkeit besteht nicht. Diese Machtkonzentration birgt das Risiko, autoritäre Muster zu reproduzieren. Dies sind nur zwei von mehreren kritischen Punkten im Pamphlet und in öffentlichen Aussagen von Pahlavi, über die die Medien bislang kaum berichteten.
Das Risiko, die Geschichte zu wiederholen 
Internationale Medien sollten nicht erneut als Sprachrohr für weitere persische Autoritäten dienen. 1979 stimmte das iranische Volk zu Beginn der Islamischen Republik in einem Referendum für ihre Errichtung; nur in Kurdistan wurde dagegen gestimmt.
Infolgedessen erließ Khomeini eine Fatwa, die zum Jihad aufrief, und schickte iranische Militär- und paramilitärische Kräfte, um Kurdistan zu unterdrücken, was zu weit verbreiteten Massakern führte.
Heute droht sich dieses Muster zu wiederholen: Das „Gespenst“ von Reza Pahlavi erscheint nicht auf dem Mond, sondern in den Medien, die andere Stimmen – besonders nicht-persische – an den Rand drängen. Die Perspektive eines demokratischen, pluralistischen Irans gerät erneut ins Hintertreffen. Während entscheidender Phasen der Aufstände vermittelten viele Medien kaum, das Gefühl, dass alle Teil der Zivilgesellschaft gehört werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Menschenrechtsverletzungen der Pahlavi-Dynastie und Pahlavis führerzentriertem Programm blieb weitgehend aus; vereinzelt setzte Kritik erst nach Abflauen der Proteste ein.
Dieses Muster zeigt, wie wichtig ausgewogene Berichterstattung ist: Wenn in den nächsten Aufständen wieder ein weiterer persischer Machthaber dominiert, werden die Demonstrationen erneut scheitern. Wenn die Stimmen der Nicht-Perser:innen wieder ungehört bleiben, ist eine demokratische Zukunft unmöglich. Und wenn die Medien behaupten, „Völker“ zu repräsentieren, müssen sie alle repräsentieren; Schweigen angesichts der Ausgrenzung bedeutet sich mitschuldig zu machen.
 
 
 
 
 
 
 
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    <title>From Iraq to Syria: Jihad against Queerness under Al-Julani</title>
    <created>Sunday, März 8, 2026 - 10:53</created>
    <location>Syrien</location>
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    <body>Syria’s interim president Al-Jolani is currently trying to rebrand himself. But what does this mean for LGBTQ+ people in Syria? A closer look at queer life under his reign – from past to present.
[Content Note: This article contains descriptions of violence and hate speech.]
 

During the era of the Islamic Mamluk state, which ruled over Egypt and the Levant from 1250 to 1517, Islamic Sufism spread widely. It viewed same-sex love and cross dressing as a form of worship and a means of drawing closer to God. During the same period, a strict Salafi Islamic doctrine emerged, grounding important parts of its identity in hostility toward same-sex practices and through accusing others of engaging in them. For example, we find the Salafi historian Ibn Al-Jawzi attacking the Islamic Sufi marriage between two men, which he says was very widespread.

The Salafi doctrine remained a minority current with little influence on Islamic societies throughout history. However, after giving rise in the modern era to Al-Qaeda, ISIS, and other organizations, it began to manifest itself in Syria following the Syrian revolution. With the interim government of Al-Julani now in place, it appears to continue its presence. 


LGBTQ+ individuals under threat in Iraq: The Al-Qaeda Era 
Abu Mohammad Al-Julani, who now goes by his real name Ahmed Al-Sharaa, was born in Saudi Arabia in 1982 and moved to Syria at the age of seven. After studying media for two years, he dropped out of university and traveled to Iraq, where he joined Al-Qaeda in 2003. During this period, Al-Qaeda systematically targeted LGBTQ+ individuals in Iraq. Their rhetoric never shied away from expressing their desire to kill LGBTQ+ people, not just in Muslim-majority countries but globally. In the third issue of Inspire, Al-Qaeda’s official magazine in the Arabian Peninsula, published in November 2010, it was mentioned that a synagogue for LGBTQ+ individuals was supposed to be among the sites targeted in a cargo plane bombing plot. Luckily, the bombs were discovered and the terrorists plan failed.

There are first-hand accounts of homophobic killing campaigns led by extremist groups like Al-Qaeda. In 2009, Human Rights Watch published the report “They Want Us Exterminated”. One of the witnesses in the report––Wahid, a Sunni from Baghdad––recalls how his boyfriend was killed by Al-Qaeda in 2004 during a “general cleansing of people they thought were immoral.” Even minor actions, like barbers threading eyebrows or facial hair, could lead to being targeted in those “cleansing” campaigns. The Al-Qaeda doctrine considered threading hair haram (en.: forbidden) because it was seen as “an imitation of women.” Wahid describes the events: "A group of bearded men surrounded my boyfriend, asked him about the names of his homosexual friends, shot him, and then drove away.” Another witness, Munir, adds that in the wake of those killing campaigns in 2004, two of his gay friends were murdered in areas controlled by Al-Qaeda. 

Summoning power in Syria: The Al-Nusra Era
When the Syrian revolution against Bashar Al-Assad began in 2011, Al-Julani went back to Syria, where he established Jabhat Al-Nusra (en.: Al-Nusra front). In 2015, Jabhat Al-Nusra executed nine gay people in rural Homs and Aleppo. According to testimony by a resident to Amnesty International, one execution was particularly horrific – not only because the boy had not yet turned 18: “When I approached the crowd, I saw the body of the boy shot twice. His mother was crying. He looked young. A man standing there told me that he was shot because he was gay. I remembered his case from a year ago, when he was detained by Al-Nusra after he reported that he was sexually assaulted by a group of men. Instead (of helping him) Al-Nusra forces detained him and those he alleged assaulted him.”

Due to such violations, the United Nations Security Council decided to hold a hearing dedicated to LGBTQ+ rights in 2015. Subhi Nahas, a gay refugee from the Syrian city of Idlib, shared his personal experiences with the council. He recalled how the militants of Jabhat Al-Nusra vowed to "cleanse the town of those involved in sodomy" after seizing power in Idlib in 2012. This was followed by arrests and executions of people accused of homosexuality. 
An old ideology under a new name? The Post-Liberation Era
In 2016, Al-Julani changed the name of Jabhat Al-Nusra to Hay'at Tahrir Al-Sham (HTS), attempting to distance the organization from its former ties to Al-Qaeda and to reposition it within the Syrian conflict. Over the following eight years, amid shifting alliances and changing regional dynamics, this transformation culminated in his emergence as Syria’s interim president in 2024 after the fall of Al-Assad.
When “The Telegraph” published an article in December 2024 about the relationship between the new Syrian president and LGBTQ+ people, Syrian-Armenian political analyst Kevork Almassian commented sarcastically: “Abu Mohammad Al-Julani has been described so far as a 'rebel,' 'diversity-friendly,' and 'progressive.' Soon, will he be the leader of LGBTQ+ allied forces?” Nevertheless, a lot of Western governments celebrated Al-Julani, lifted economic sanctions against him, removed him from terrorist lists, and began planning his normalization with Israel.
Meanwhile, an article by the Media Diversity Institute published mid-2025 calls Al-Jolanis policies a “crackdown” on the LGBTQ+ people in Syria. A video leaked at the beginning of last year shows a glaring example: A young Syrian transwoman sits in the back of a police car, sided by two police men. One of them is wearing a uniform with the emblem of Jabhat Al-Nusra. The police men are insulting her and cutting her with a knife, while demanding her to show her genitals and threatening to “cut it off.”
Responding to such threats, the Syrian Guardians of Equality movement issued a safety guide for LGBTQ+ individuals. One of the instructions reads: “delete any information that could reveal your sexual or gender identity in case of raids or inspections at homes or security checkpoints.” The guide also advises “visible individuals” to move out of areas that may be controlled by these groups.

The Future: An Era of Insecurity

Talking to a queer Syrian activist who moves between Syria and Europe and wants to remain anonymous for safety reasons, they told me: “not only queers—violence is being committed against Alawites, Druze, and Kurds in Syria by the new security forces. They are trying to impose their control over public spaces through violence against all minorities.” This becomes clear in recent footage of security officers forcibly shaving off the mustache of a Druze elder to humiliate him, and the cut-off ponytail of a Kurdish female fighter. 

Public executions, arrests, humiliation, and the use of accusations of “immorality” function not only as punishment but as a tool for governance through fear. Recent reports and leaked footage suggest that, despite Al-Jolanis attempts of rebranding, elements of this coercive moral policing persist. At the same time, the broader pattern of violence against minorities indicates that repression is not limited to sexuality alone. Rather, it reflects an ongoing struggle over identity, sovereignty, and social control in post-Assad Syria. 
 
 
 
 
 
 


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    <title>Von Irak bis nach Syrien: Dschihad gegen Queerness unter al-Dscholani</title>
    <created>Friday, März 6, 2026 - 13:15</created>
    <location>Syrien</location>
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    <body>Syriens Interimspräsident al-Dscholani versucht, sich ein neues weltoffenes Image zu geben. Was bedeutet das für LGBTQ+-Menschen in Syrien? Ein genauer Blick auf queeres Leben unter seiner Herrschaft – von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. 
This article is also available in English. 
[Contentwarnung:  Dieser Artikel enthält Beschreibungen von Gewalt sowie Hassrede.]
Während der islamischen Mamluken-Herrschaft von 1250 bis 1517 in Ägypten und der Levante, verbreitete sich islamischer Sufismus weitläufig. Er betrachtete gleichgeschlechtliche Liebe und Crossdressing als eine Form der Verehrung Gottes und als Mittel, ihm näher zu kommen. Zur gleichen Zeit entstand jedoch auch eine strenge salafistische islamische Doktrin, die wichtige Teile ihrer Identität in der Feindseligkeit gegenüber gleichgeschlechtlichen Praktiken und all jener, die sich daran beteiligen, begründete. Ein Beispiel findet sich in der Schrift des salafistischen Historikers Ibn Al-Jawzi, der die islamische Sufi-Ehe zwischen zwei Männern attackiert, die seiner Meinung nach zur damaligen Zeit sehr weit verbreitet war.

Im Laufe der Geschichte blieb die salafistische Doktrin eine Minderheitsströmung mit geringem Einfluss auf die islamischen Gesellschaften. Nachdem sie jedoch in der Moderne al-Qaida, ISIS und andere Organisationen wieder hervorgebracht hatten, faßte sie nach der syrischen Revolution in Syrien Fuß. Mit der derzeit amtierenden Übergangsregierung von al-Dscholani scheint sie sich fortzusetzen.
Eine Bedrohung für queere Menschen im Irak: Die Ära von al-Qaida
Abu Mohammad al-Dscholani, der heute wieder seinen Geburtsnamen Ahmed al-Scharaa nutzt, wurde 1982 in Saudi-Arabien geboren und zog im Alter von sieben Jahren nach Syrien. Nach einem zweijährigen Medienstudium brach er die Universität ab und reiste in den Irak, wo er sich 2003 al-Qaida anschloss. Während dieser Zeit nahm al-Qaida systematisch LGBTQ+-Personen im Irak ins Visier. In ihrer Rhetorik scheuten sie sich nie, ihren Wunsch LGBTQ+-Personen, nicht nur in Ländern mit muslimischer Mehrheit, sondern auch weltweit umzubringen, zum Ausdruck zu bringen. In der dritten Ausgabe von Inspire vom November 2010, dem offiziellen Magazin von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, wurde eine Synagoge für LGBTQ+-Personen als Ziel eines geplanten Bombenanschlags mit einem Frachtflugzeug verkündet. Glücklicherweise wurden die Bomben rechtzeitig entdeckt.
Auch existieren Augenzeugenberichte über homophobe Mordkampagnen, angeführt von extremistischen Gruppen wie al-Qaida. Im Jahr 2009 veröffentlichte Human Rights Watch den Bericht „They Want Us Exterminated”. Ein Zeuge, Wahid, ein Sunnit aus Baghdad, berichtet, wie sein Freund 2004, während einer „allgemeinen Säuberungsaktion von Menschen, die sie für unmoralisch hielten” von al-Qaida getötet wurde. Lediglich das Zupfen von Augenbrauen oder die Gesichtsbehaarentfernung beim Barber konnte dazu führen, dass eine Person zur Zielscheibe dieser „Säuberungskampagnen” wurde. Die Doktrin von al-Qaida betrachtete das Zupfen von Haaren als haram (dt.: verboten), da es als „Nachahmung von Frauen” angesehen wurde.

Wahid beschreibt die Ereignisse im Bericht: „Eine Gruppe bärtiger Männer umzingelte meinen Freund, fragte ihn nach den Namen seiner homosexuellen Freunde, erschoss ihn und fuhr dann davon.” Munir, ein weiterer Zeuge fügt hinzu, dass im Zuge der Mordkampagnen 2004 zwei seiner schwulen Freunde in von al-Qaida kontrollierten Gebieten ermordet wurden. 

Wachsender Einfluss in Syrien: Die Ära der al-Nusra-Front
Als 2011 die syrische Revolution gegen Bashar al-Assad begann, kehrte al-Julani nach Syrien zurück, wo er die Dschabhat al-Nusra (dt.: al-Nusra-Front) gründete. Im Jahr 2015 richtete Dschabhat al-Nusra neun homosexuelle Menschen in ländlichen Gebieten von Homs und Aleppo hin. Nach Aussage eines Einwohners gegenüber Amnesty International war eine Hinrichtung besonders grausam – nicht nur, weil der Junge noch nicht einmal 18 Jahre alt war: „Als ich mich der Menschenmenge näherte, sah ich den Körper des Jungen, auf den zweimal geschossen worden war. Seine Mutter weinte. Er sah jung aus. Ein Mann, der dort stand, erzählte mir, dass er erschossen wurde, weil er schwul war. Ich erinnerte mich an den Fall des Jungen. Vor einem Jahr  wurde er von al-Nusra festgenommen, nachdem er berichtet hatte, dass er von einer Gruppe von Männern sexuell missbraucht worden war. Statt (ihm zu helfen), nahmen die al-Nusra-Kräfte ihn und diejenigen, die ihn angeblich missbraucht hatten, fest.”

Aufgrund solcher Verstöße beschloss der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 2015, eine Anhörung zum Thema LGBTQ+-Rechte abzuhalten. Subhi Nahas, ein schwuler Flüchtling aus der syrischen Stadt Idlib, berichtete dem Rat von seinen persönlichen Erfahrungen. Er erinnerte daran, wie die Militanten von Dschabhat al-Nusra nach der Machtübernahme in Idlib im Jahr 2012 schworen, „die Stadt von denen zu säubern, die sich der Sodomie hingeben“. Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen von Menschen, die der Homosexualität beschuldigt wurden. 


Alte Ideologie unter neuem Namen? Die Post-Befreiungs-Ära 
2016 änderte al-Dscholani den Namen von Dschabhat al-Nusra zu Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und versuchte damit, die Organisation von ihren früheren Verbindungen zu al-Qaida zu distanzieren und sie innerhalb des Syrienkonflikts neu zu positionieren. In den folgenden acht Jahren, der sich ständig verschiebenden Allianzen und regionalen Dynamiken, stieg al-Dscholani nach dem Sturz von al-Assad 2024 zum Interimspräsidenten Syriens auf.

Als The Telegraph im Dezember 2024 einen Artikel über die Beziehung zwischen dem neuen syrischen Präsidenten und LGBTQ+-Personen veröffentlichte, kommentierte der syrisch-armenische Politologe Kevork Almassian sarkastisch: „Abu Mohammad al-Dscholani wurde bisher als ‚Rebell‘, ‚diversitätsfreundlich‘ und ‚progressiv‘ beschrieben. Wird er bald der Anführer der LGBTQ+-Allianz sein?” Dennoch feierten viele westliche Regierungen al-Dscholani, hoben die Wirtschaftssanktionen gegen ihn auf, strichen ihn von der Terroristenliste und begannen, Syriens Normalisierung mit Israel zu planen.

Unterdessen bezeichnet ein Mitte 2025 veröffentlichter Artikel des Media Diversity Institute al-Dscholanis Politik als „Razzia” gegen LGBTQ+-Personen in Syrien. Ein Anfang letzten Jahres durchgesickertes Video zeigt ein eklatantes Beispiel: Eine junge syrische Transfrau sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiautos, flankiert von zwei Polizisten. Einer von ihnen trägt eine Uniform mit dem Emblem von Dschabhat al-Nusra. Die Polizisten beleidigen und greifen sie mit einem Messer an, während sie von ihr verlangen, ihre Genitalien zu zeigen und drohen, „sie abzuschneiden”.

Als Reaktion auf solche Drohungen hat die syrische Bewegung „Guardians of Equality” einen Sicherheitsleitfaden für LGBTQ+-Personen herausgegeben. Eine der Anweisungen lautet: „Löschen Sie alle Informationen, die Ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität offenbaren könnten, für den Fall von Razzien oder Kontrollen in Wohnungen oder an Sicherheitskontrollpunkten.” Außerdem rät der Leitfaden „sichtbaren Personen” aus Gebieten, die möglicherweise durch diese Gruppen kontrolliert sind, wegzuziehen.


Die Zukunft: Eine Ära der Unsicherheit 
Eine queere syrische Person, die zwischen Syrien und Europa pendelt und aktivistisch tätig ist, jedoch aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, sagte mir: „Nicht nur Queers, auch Alawit:innen, Drus:innen und Kurd:innen werden in Syrien von den neuen Sicherheitskräften Gewalt angetan. Sie versuchen, durch Gewalt gegen alle Minderheiten, ihre Kontrolle über den öffentlichen Raum durchzusetzen.” Dies wird in aktuellen Aufnahmen deutlich, in denen Sicherheitsbeamte einem drusischen Ältesten gewaltsam den Schnurrbart abrasieren, um ihn zu demütigen, und einer kurdischen Kämpferin den Pferdeschwanz abschneiden. 

Öffentliche Hinrichtungen, Verhaftungen, Demütigungen und der Vorwurf der „Unmoral“ dienen nicht nur als Strafe, sondern auch als Mittel zur Herrschaft durch Angst. Jüngste Berichte und durchgesickerte Aufnahmen deuten darauf hin, dass trotz al-Dscholanis Versuchen, sich ein neues Image zu geben, Elemente dieser zwanghaften moralischen Überwachung fortbestehen. Gleichzeitig zeigt das Muster der Gewalt gegen Minderheiten, dass die Unterdrückung nicht nur auf die Sexualität beschränkt ist. Vielmehr spiegelt es einen anhaltenden Kampf um Identität, Souveränität und soziale Kontrolle im Syrien nach Assad wider.
 
 
 
 

 
 
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