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    <title>Villa 187: Wo ist Zuhause, wenn du nicht bleiben kannst?</title>
    <created>Friday, Juni 5, 2026 - 19:34</created>
    <location>Katar, Sudan</location>
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    <body>In ihrem Kurzfilm „Villa 187“ hält die Filmemacherin Eiman Mirghani den stillen Zerfall ihres Zuhauses in Katar fest – ein Verlust, der sich für sie und ihre sudanesische Familie wie eine zweite Entwurzelung anfühlt.
This article is also available in English.
Ping. Der Ton einer iPhone-Benachrichtigung. Eine tiefe, melodische Stimme beginnt, auf Arabisch zu sprechen: „Eiman, meine liebe Tochter. Wie geht es dir? Ich schicke diese Sprachnachricht, um dir etwas Wichtiges mitzuteilen: Ich werde in den Ruhestand gehen.“ Eine Frau hört zu und blättert durch Fotos. Ein Familienalbum: Sepiafarbene Aufnahmen eines Mannes an einer Uferpromenade; derselbe Mann im Talar bei einer Abschlussfeier. Sie öffnet einen Schrank voller Videokassetten.
Schnitt. Schwarz-weißes Flackern leitet verwackelte Videos der fotografierten Szenen ein: eine Hochzeit. Das junge Paar tauscht Ringe aus, im Hintergrund spielt eine Band. Schnitt. Die Kamera ist auf das Tor eines hellen Betongebäudes gerichtet, das von einer Mauer mit cremefarbener Metalltür umgeben ist. Auf einer schwarz-weißen Tafel steht die Hausnummer: 187.
„Wir werden also unser Zuhause verlassen. Das Zuhause, in dem ihr alle geboren wurdet“, fährt die Stimme fort.
Durch Film die eigene Stimme finden
Mit dieser Szene beginnt der Kurzfilm „Villa 187“ der sudanesischen Filmemacherin Eiman Mirghani. Der Film feierte im November 2025 beim Doha Film Festival im Rahmen des Programms „Made in Qatar“ seine Premiere, wo Eiman den Preis für die beste Regie gewann. Nach „The Bleaching Syndrome“ ist es bereits ihr dritter Film.

Dis:orient hatte die Gelegenheit, wenige Wochen nach der Premiere mit der Regisseurin zu sprechen: „Ich wollte schon immer Filmemacherin werden. Allerdings waren meine Eltern nicht begeistert. Sie fragten sich, was ich als Third Culture Kid sudanesischer Eltern, aufgewachsen in der Golfregion, mit einem Filmstudium anfangen würde“, erinnert sich Eiman. Nach ihrem Bachelorabschluss in Film- und Medienwissenschaft begann sie am Doha Film Institute zu arbeiten: „Sie haben meine Karriere als Filmemacherin wirklich gefördert. Zum Doha Film Festival zurückzukommen, meinen Film dort zu zeigen und einen Preis zu gewinnen fühlte sich an, als würde sich der Kreis schließen.“
Aufwachsen an einem Ort, der nie von Dauer war
Eine andere Aufnahme: Die Kamera zoomt auf den Reisepass, den Eiman durchblättert. Auf dem Umschlag steht Dschumhurija al-Sudan (dt.: Republik Sudan). „Mittlerweile ist Katar für uns fast mehr Zuhause als unser Heimatland selbst. Für dich und deine Schwestern ist es euer Zuhause“, sagt ihr Vater.
Eiman Mirghani wurde als Tochter sudanesischer Eltern in Katar geboren. Der Aufenthaltsstatus der Familie war dabei von der Arbeitsbürgschaft ihres Vaters abhängig. Mehr als 30 Jahre lebten sie dort mit einem beständigen Gefühl der Unsicherheit, erzählt Eiman. „In Katar geboren zu sein, macht dich nicht automatisch katarisch. Stammst du nicht aus der Golfregion, ist deine Zeit dort beschränkt. Das ist allen, die dort wohnen, bewusst.“ Dennoch betont sie, dass die Situation ihrer Familie relativ sicher war, insbesondere im Vergleich zu den unzähligen Sudanes:innen, die durch den seit April 2023 anhaltenden Krieg vertrieben wurden.
Festhalten von Erinnerungen
„Es war wie eine tickende Zeitbombe. Wir wussten, irgendwann würde uns die Nachricht erreichen, dass wir unser Zuhause verlassen müssen. Wir waren alle von der Bürgschaft meines Vaters abhängig.“ Als der Tag kam, sendete Eimans Vater ihr und ihren Schwestern eine Sprachnachricht, die zum roten Faden ihrer Geschichte werden sollte. Der Geschichte über den Verlust ihres Zuhauses, der Villa 187. Das veranlasste sie dazu, den Prozess vom Packen bis zum Umzug mit dem Medium zu begleiten, dass sie am besten kennt: dem Film.
Gemeinsam mit ihrem Kameramann Baris Konbal begann sie, an Wochenenden zu drehen. „Ich liebe dieses Haus. Ich bin hier aufgewachsen. Es ist ein Teil von mir und ich hatte das Gefühl, dass ich die Erinnerungen festhalten musste“, erinnert sie sich an ihre erste Reaktion auf die Nachricht. Auf die Frage, weshalb die Stimme ihres Vaters statt ihrer eigenen durch den Film führt, entgegnet sie: „Wir haben die alle Sprachnachricht zur gleichen Zeit bekommen. Und ehe wir uns versahen, packten wir unsere Koffer und mussten gehen. Ich wollte diese Realität so authentisch wie möglich darstellen.“

Gehen ohne anzukommen
Während der Dreharbeiten stieß Eiman auf die alte VHS-Sammlung ihrer Familie. Sie ließ die Kassetten digitalisieren und arbeitete das Material in den Film ein: „Während des Drehs war ich oft traurig. Erst in der Postproduktion begann der Film, sich wirklich lebendig anzufühlen. Ich habe diese Erinnerungen wiederentdeckt; sie haben mir dabei geholfen, dem Film Struktur zu verleihen.“
Eiman verarbeitet weit mehr als den Verlust eines Gebäudes, das sie das Zuhause ihrer Familie nennt. „Ich denke, dass alle Menschen, die in einem Land leben, das nicht ihr Heimatland ist, in einem gewissen Maße eine Identitätskrise durchstehen. Du magst von Freund:innen und Familie aus deinem Heimatland umgeben sein, aber du bist nie wirklich zuhause.“ So erlebte sie den plötzlichen Umzug als eine zweite Entwurzelung in einem Leben, in dem sie aufgrund des unsicheren Aufenthaltsstatus ihrer Familie ohnehin nie wirklich hatte ankommen können.
Die unmögliche Rückkehr ins Heimatland
Kurze Zeit bevor Eiman erfuhr, dass sie und ihre Familie ausziehen müssen, brachte die Revolution von 2018 und 2019 den langjährigen sudanesischen Diktator Omar al-Bashir zu Fall. Damals habe es, erinnert sich Eiman, vorsichtige Hoffnung gegeben, dass sich der Sudan erholen könne.
Doch spätestens mit dem Ausbruch des Stellvertreterkriegs im April 2023 wurde klar, dass dies nicht der Fall und der Sudan kein sicherer Ort zum Leben mehr war. Stand Mai 2026 steht das Land am Rande einer Hungersnot. Rund zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 9 Millionen Menschen gelten als Binnenvertriebene, weitere 4,5 Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation als die „größte Vertreibungskrise“ unserer Zeit.
Da der Krieg weiterhin andauert, beschreibt Eiman ihrer Suche nach einem Zuhause als einen Schwebezustand: „Du weißt nicht, wohin du gehen sollst. Du kannst nicht dahin zurückkehren, woher du kommst... Die größte Herausforderung für mich war, Frieden mit dieser Situation zu schließen.“
Was macht ein Zuhause aus?
Eine weitere Szene. Das durchdringende Geräusch von Klebeband, das über einen Umzugskarton gezogen wird. Aufgestapelte Bücher. Ein Korb voller Spielzeug, aus dem ein Teddybär hervorlugt. Im Hintergrund der blecherne Klang einer Spieluhr. Ein einzelner Nagel in einer weißen Wand verweist auf einen Bilderrahmen, der einst dort hing.
Dann die letzten Aufnahmen: die Küche, ein Schlafzimmer, der Flur. Leergeräumt von all dem, was das Haus einst zu einem Zuhause machte. Ein letztes Mal ist die ruhige Stimme des Vaters zu hören: „Es gibt nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsst. Wie ich bereits gesagt habe, habe ich lange hiermit gerechnet und mich gut darauf vorbereitet. Inschallah (dt.: So Gott will) wird alles gut gehen. Ich liebe euch so sehr.“
Der Bildschirm wird schwarz, der Abspann beginnt. Wie der Film neigt sich auch das Gespräch mit Eiman langsam dem Ende zu. Eine Frage bleibt nach „Villa 187“: Was bedeutet Zuhause für sie?
Eiman seufzt, dann lächelt sie: „Am Ende des Tages habe ich gelernt, dass ein Haus einfach ein Haus ist. Ein Gebäude. Auch wenn du eine emotionale Bindung zu einem Haus aufbauen kannst, sind es doch die Menschen darin, die dir das Gefühl von Zuhause vermitteln. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen Eltern, bei meinen Schwestern bin. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen engen Freund:innen bin. Ich bin dankbar, dass ich dieses Gefühl immer noch spüren kann, selbst nachdem wir Villa 187 verlassen haben.“
 
 
 
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    <title>Villa 187: Where Is Home When You Can’t Stay?</title>
    <created>Friday, Juni 5, 2026 - 17:46</created>
    <location>Katar, Sudan</location>
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    <path>https://disorient.de/magazin/villa-187-short-film-where-is-home-when-you-cant-stay</path>
    <body>In her short film “Villa 187”, filmmaker Eiman Mirghani captures the quiet unraveling of her home in Qatar—a loss that feels like a second uprooting for her Sudanese family.
Diesen Artikel gibt es auch auf Deutsch. 
Ping. The sound of an iPhone notification. A melodic, deep voice starts talking in Arabic: “Eiman, my beautiful girl. How are you? I am sending you this voice note to tell you something important. I am about to retire.” Listening to the voice note, a woman is skimming through pictures. A family album: sepia photographs of a man posing at a waterfront, the same man in a university gown at a graduation ceremony. She goes on to open a cabinet filled with video tapes.
A cut. Black and white flickering, shaky video sequences of the photographed scenes begin: a wedding. The young couple exchanges rings, a band is playing in the background. Another cut. The camera is pointed at the gates of a bright concrete building, guarded by a wall and a crème-colored metal door. A black and white plate shows the house number: 187.
“So, we will leave our home in the compound. The home that you were all born in”, the voice goes on.
Finding her voice through film
The scene described opens the short film “Villa 187”, directed and produced by Sudanese filmmaker Eiman Mirghani. It premiered in November 2025 at the Doha Film Festival as part of the “Made in Qatar” program, where Eiman won the award for best director. The film is her third, following the short film “The Bleaching Syndrome”.

Dis:orient had the chance to talk to the director a few weeks after the premiere: “I always wanted to be a filmmaker. My parents were not too happy about it. As a third culture kid growing up in the Gulf with Sudanese parents, they wondered: what am I going to do with a film degree?”, Eiman recalls. After graduating with a bachelor’s degree in film and media studies, she started to work at the Doha Film Institute: “They really nurtured me as a filmmaker. Coming back to Doha Film Festival, showing my film there, and winning an award felt like a full-circle moment.”
Growing up in a place that was never permanent
Another shot: the camera zooms in on the passport that Eiman is flipping through. Jumhuriyyah al-Sudan (en.: Republic of Sudan), it reads on the cover. “Qatar has started to become perhaps more of a home to us than our homeland itself. To you and your sisters, it is home”, the recorded voice of her father calmly goes on. 
Eiman Mirghani was born and raised in Qatar by Sudanese parents. The family’s residency status depended on her father’s work sponsorship, a situation that, she reflects, was marked by a persistent sense of insecurity throughout their more than 30 years in the country: “Being born in Qatar does not mean that you are Qatari. Anyone living in the Gulf but not originally from the Gulf knows that their time there is limited.” She nevertheless underscores that her family’s situation was comparatively secure, especially when set against the countless Sudanese who have been forcibly displaced by the ongoing war that started in April 2023.
Documenting the unraveling of a home
“We knew that there was a ticking time bomb: at a certain point we would all get the message that we have to leave because we were under my father’s sponsorship.” When that day finally arrived, Eiman’s father sent her and her sisters a voice note that would eventually become the narrative thread of losing their family home, Villa 187. It prompted her to document the process of packing and moving through the medium she knows best: film.
Together with her cinematographer, Baris Konbal, she began filming on weekends. “I love this house. I grew up in this place. It's part of me. I felt like I needed to document it”, she recalls her first reaction to the news. When asked why her own voice does not appear in the film, but is instead led by her father’s voice, she replied: “We all received the voice note at the same time. And next thing we knew, we were packing up and had to leave. I wanted to present that reality in its truest form. I think this was the best way to do it.”

The continuity of a life in between
During the filming process, Eiman rediscovered her family’s VHS collection. She decided to digitize the tapes and to incorporate them into the film: “I felt a lot of sadness during the filming phase. It was in the post-production phase where the film really came to life. I rediscovered those memories and put the film together with their help.”
Watching the film, it becomes apparent that Eiman is negotiating more than just the loss of the physical building she calls her family’s home. “I think anybody who lives in a country that is not their own will always have some level of an identity crisis. You may be surrounded by friends and family from where you come from, but you're never truly at home.” Accordingly, she experienced the announcement of the move as a second uprooting in a life that had never truly felt rooted to begin with, because of her family’s uncertain status in Qatar.
The impossibility of a return to the homeland
At the time she learned her family would eventually have to move out, Sudan had just emerged from the revolution of 2018 and 2019 that led to the fall of long-ruling dictator Omar al-Bashir. There was cautious hope, she recalls, that the country was on a path to recovery. However, after the proxy war broke out in April 2023, it became evident that this was not the case, and that Sudan was not a safe place to live. As of May 2026, the Republic is on the brink of famine, with around two-thirds of the population depending on food aid. With almost 9 million internally displaced persons and 4.5 million Sudanese having fled to the neighboring countries, the UN describes the situation as the “world’s largest displacement crisis.”
As the war is ongoing, Eiman describes the search for a home as a state of limbo: “You don’t know where you’re going, and you can’t go back to where you come from. The biggest challenge for me was to make peace with the status quo”.
What makes a home? 
Another scene. The screeching sound of tape sealing a box. Books piled up. A basket with toys, a teddy bear peeking out, the tinny sound from a mechanical music box playing in the background. A single nail in a white wall, signaling the frame that once hung there. Then the final shots: the kitchen, a bedroom, the hallway. Emptied of all belongings that could hint to the people that once called this place their home. One final time, her father’s soothing voice sets in: “There are no issues for you to worry about. Like I said earlier, I was expecting this scenario for a long time, and I have fully prepared for it. Inshallah (en.: God willing), everything will run smoothly. I love you so much”. 
The screen fades black, the credits roll. Like the film, the conversation with Eiman slowly comes to an end. One question remains after following the journey of “Villa 187”: What does home mean to her? She sighs, then smiles: “I learned that at the end of the day, a house is a house. It is a building. Of course, you can have a lot of emotional attachment to it, but it is the people inside the house that really give you that feeling. I feel at home when I am with my parents, with my sisters. I feel at home with my very close friends. I am grateful that I am still able to have this feeling now, even after we left Villa 187.”
 
 
 
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    <title>„Wir wollen leben“: Die ungebrochene Kontinuität westlicher Gewalt </title>
    <created>Sunday, Mai 24, 2026 - 17:26</created>
    <location>Deutschland</location>
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    <body>Das Bild der „gerechten westlichen Ordnung“ bröckelt. In seinem Buch beleuchtet Emran Feroz Fälle systematischer Gewalt, und kritisiert ihre fehlende Aufarbeitung und selektive Solidarität. 
Dies ist ein Beitrag unserer Reihe Re:zension. Hier stellen wir regelmäßig Bücher, Filme und andere Medien vor. Wenn Ihr Vorschläge für solche Werke habt oder mitmachen wollt, schreibt uns gerne an rezensionen@disorient.de. 
„Was bringt ein internationaler Strafgerichtshof, wenn dort (…) afrikanische oder jugoslawische Kriegsverbrecher verurteilt werden, aber keine amerikanischen oder israelischen?“ Wer sich diese Frage zuvor noch nicht gestellt hat, dem geht sie spätestens nach Emran Feroz’ 2025 erschienenem Buch nicht mehr aus dem Kopf. Der Autor, Kriegsreporter und Journalist eröffnet seinen Essayband „Wir wollen leben“ mit diesen Worten.
Von Irak über Afghanistan bis nach Gaza: Feroz führt den Leser:innen von der ersten Seite an schonungslos vor Augen, dass nicht allen Menschenleben derselbe Wert zugeschrieben wird. Nach jeder umgeblätterten Seite, jeder neu erzählten Geschichte von Gräueltaten, verdeckten Kriegsverbrechen und Künstlichen Intelligenzen, die über Leben und Tod entscheiden, bleibt der Schmerz darüber, dass bis heute niemand für all das zur Rechenschaft gezogen wurde.
Empathie wird im Kontext einer gewaltvollen Welt, so scheint es als Leser:in, zu einem selektiven Gut, das nicht allen Menschen gleichermaßen zusteht. Feroz zeigt darüber hinaus auf, wie schnell Menschen, denen anfangs Empathie entgegengebracht wurde, zu „Unerwünschten“ werden – etwa im Fall ukrainischer Geflüchteter oder den Menschen, die 2015 aus Syrien fliehen mussten. „Menschen werden gegeneinander aufgewogen“, schreibt er, „mitsamt ihren Erfahrungen, Schicksalen und Traumata.“ Gegen dieses Ausspielen von Empathie schreibt Feroz an. Er fordert Solidarität ein, die nicht selektiv ist.
Gegen die Einschränkung der Pressefreiheit
Feroz arbeitet mit großer journalistischer Sorgfalt – seine Essays, die zurecht eine gewisse Wut in sich tragen, zeigen quellengestützt Zusammenhänge zwischen Kriegsverbrechen im globalen Süden auf, über die sonst kaum oder gezielt nicht berichtet wird.
Über Gaza zu schreiben – den Ort, der heute der tödlichste für Journalist:innen weltweit ist – bedeutet, Karrierechancen und das eigene Ansehen zu riskieren. Besonders in einem Land, in dem die Morde in Gaza in der Berichterstattung oft kaum Beachtung finden oder das repressiv gegen diese vorgeht. Regelmäßig framen deutsche Medien Berichte zur Gewalt im Gazastreifen als „Falschmeldungen“– etwa, wenn die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf behauptet, dass die „Hamas im Gazastreifen den Propagandakrieg gewonnen“ hätte, oder wenn britische Rechtsextremist:innen wie Douglas Murray unkritisch zitiert werden. 
Auch eher links zu verordnende Medien in Deutschland sind davon nicht frei – selbst in Zeitungen wie der taz sind laut Feroz „israelische Opfer im Vergleich zu palästinensischen um das 23-fache überrepräsentiert.“ All diese Muster führten zuletzt dazu, dass Deutschland im Pressefreiheits-Index auf Platz 14 rutschte.
Aufgearbeitet wird die fehlerhafte Berichterstattung trotz ihrer weitreichenden Folgen kaum. Feroz zeigt, wie auch von den größten US-amerikanischen Zeitschriften, wie der New York Times und Washington Post, „jede männliche Person im wehrfähigen Alter (...) im Umfeld eines Luftangriffs (…) per se als ‚feindlicher Kombattant‘ eingestuft“ werde – ohne Überprüfung oder Belege. Das Buch ist voll von Beispielen wie diesem, die nicht nur das Weltbild einer ganzen Generation prägten, sondern auch Kriege mit Millionen von Toten legitimierten.
Eine Frage der Deutungshoheit
Zudem werde Journalist:innen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte und BIPoC-Journalist:innen immer wieder ihre Legitimität und Expertise abgesprochen. Feroz zieht ein persönliches Beispiel dafür heran: „So wurden wir etwa – nach unserer Preisverleihung! – gefragt, ob wir ‚auch Journalisten‘ seien oder inwiefern wir als ‚Helfer‘ zu der preisgekrönten Geschichte (die ohne uns nicht möglich gewesen wäre) beigetragen hätten.“ Er kritisiert, dass stattdessen der Berichterstattung überwiegend weißer Journalist:innen Relevanz zugesprochen werde.
Meist handelt es sich dabei um Personen, die embedded, also in Kooperation mit Militäreinheiten vor Ort, in NATO-Green-Zones und fernab der Lebensrealität der Bevölkerung aus sogenannten „Krisengebieten“ berichten. Sie sind dabei nicht denselben Gefahren ausgesetzt wie die lokale Bevölkerung, und kommen zudem selten mit dieser in Berührung. Journalist:innen wie der Autor selbst, der seinerzeit in Kabul unweit von Bombenattentaten bei Familienmitgliedern unterkam, finden seltener Gehör. 
Die Fassade bröckelt
Gerade in Zeiten, in denen sich der Faschismus zum Greifen nah anfühlt und vermeintliche Formen von „Recht und Ordnung“ nicht mehr zu gelten scheinen, ist es wichtig, Kontinuitäten aufzuzeigen. Emran Feroz schreibt über Gaza, von aktuellen politischen Entscheidungen Trumps, aber er erinnert auch an Obamas „Terror-Tuesday“ –und damit an Menschen, die von Drohnen ermordet wurden, weil die Unschuldsvermutung für sie nicht gilt. 
Auf derartige Zusammenhänge hinzuweisen ist wichtig, um zu verdeutlichen, dass die Gewalt, die wir heute in so vielen Teilen der Welt beobachten, systematisch und strukturell ist. Ein System, das nicht mit Trump begonnen hat, sondern schon lange besteht: US-gestützte Militärputsche, Vietnam, Afghanistan, Guantanamo und eine ausgeklügelte Kriegspropaganda, die die Außenpolitik der USA und einiger europäischer Staaten prägt.
Spätestens der Genozid in Gaza oder der aktuelle Angriff der USA auf Iran zeigen: Die Fiktion einer westlichen Weltordnung bröckelt. Auch innerhalb einer breiten Öffentlichkeit im globalen Norden. Es wäre hierbei allerdings ein Fehler, in den aktuellen Entwicklungen neue, nie dagewesene Formen von Ungerechtigkeit zu sehen. Der Fehler liegt bereits in der Annahme, dass diese vermeintliche Weltordnung irgendwann einmal gerecht war.
Deshalb fragt Feroz: „Wie soll es besser laufen, wenn die Vergangenheit trotz der lange bestehenden Faktenlage kaum aufgearbeitet wurde?“ Sein Buch ist ein Versuch, ebendieser Startpunkt zu sein. 
Emran Feroz: Wir wollen leben! Von Afghanistan bis Gaza - ein Aufschrei gegen Entmenschlichung und Krieg, Westend Verlag, Neu-Isenburg, 2025,€12.
 
 
 
 

 
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    <title>Von der Nakba bis Gaza: Eine unbeendete Geschichte</title>
    <created>Thursday, Mai 14, 2026 - 14:46</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>lembke</name>
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    <body>Am 78. Jahrestag der Nakba gedenken Palästinenser:innen nicht nur einer vergangenen Tragödie, sondern auch ihrer Fortsetzung im Genozid in Gaza. Eine Katastrophe für das kollektive Gewissen aller Menschen.
Read this article in English: From the Nakba to Gaza: An Unfinished History
Jedes Jahr am 15. Mai gedenken Palästinenser:innen der Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat im Jahr 1948, der Nakba (dt.: Katastrophe). Die Nakba war nicht bloß ein politisches Ereignis, das zu Gebietsverlusten oder Umsiedlung führte. Sie stellt vielmehr den Zusammenbruch einer gesamten Lebensweise dar – ein Bruch, der die Bedeutung von Heimat, Identität, und sogar die Beziehung zwischen Menschen und Ort neu definierte. 
Für palästinensische Geflüchtete wurde „Heimat“ zu einer aufgeschobenen Möglichkeit anstelle einer greifbaren Gegenwart. Heute stehen noch immer über 5,9 Millionen registrierte Geflüchtete unter dem Mandat der UNRWA, wodurch die Nakba zu einem generationsübergreifenden Zustand geworden ist. Sie hat sich im palästinensischen Bewusstsein als andauernde Erfahrung verankert, die durch jeden Krieg, jede Vertreibung und jeden Verlust immer wieder neu geformt wird – ein anhaltender Zustand zwischen Besatzung, Exil und dem unerfüllten Versprechen von Staatlichkeit.
Die erste Nakba: Entstehung einer modernen Tragödie
Nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina und der Gründung des Staates Israel im Mai 1948, gefolgt vom Ausbruch des ersten arabisch-israelischen Krieges, kam es zu einer der größten Vertreibungswellen des 20. Jahrhunderts. Rund 750.000 Palästinenser:innen – fast zwei Drittel der damaligen palästinensischen Bevölkerung – wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.
Mehr als 530 Städte und Dörfer wurden zerstört, entvölkert oder gewaltsam neu besiedelt. Ein über Jahrhunderte gewachsenes soziales und wirtschaftliches Gefüge wurde zerrissen. Große urbane Zentren wie Jaffa, Haifa, al-Lydd und Ramla verloren innerhalb weniger Monate den Großteil ihrer arabischen Einwohner:innen. 
1948 bis 1988: Von vollständiger Befreiung zu politischem Realismus
Nach der Nakba zielte der palästinensische Diskurs zunächst auf die vollständige Befreiung aller Gebiete ab. Nach dem zweiten arabisch-israelischen Krieg von 1967 zwangen veränderte regionale und internationale Dynamiken die palästinensische Führung jedoch zu einer strategischen Neuausrichtung. Das Zehn-Punkte-Programm der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) von 1974 markierte dabei den ersten diplomatischen Schritt hin zu einer eigenen Autorität auf dem verbleibenden palästinensischen Gebiet. Dieser Wandel gipfelte 1988 in der palästinensischen Unabhängigkeitserklärung, mit der die Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats implizit akzeptiert, und eine Zwei-Staaten-Lösung befürwortet wurden.
Die Palästinenser:innen akzeptierten damit faktisch einen Staat auf nur 22 Prozent der Fläche des historischen Palästinas – ein beispielloses Zugeständnis im Vergleich zu anderen nationalen Befreiungsbewegungen. Die wechselnden israelischen Regierungen begegneten diesem Zugeständnis jedoch nicht mit einer Anerkennung der palästinensischen Souveränität. Stattdessen unterstützten sie den Ausbau der Siedlungen und kreierten somit eine Diskrepanz zwischen dem offiziellen diplomatischen Diskurs und den Realitäten vor Ort.
1993 bis 2000: Aufgeschobener Frieden
Die Oslo-Abkommen ab 1993 stellten einen entscheidenden Wendepunkt dar: Die palästinensische Führung erkannte Israel nun offiziell an und akzeptierte gleichzeitig die Aufschiebung von Kernfragen: Jerusalem, die Rückkehr von Geflüchteten, Grenzen und Siedlungsbau – in der Annahme, dass ein schrittweiser Aufbau von Vertrauen zu einem endgültigen Frieden führen könnte.
Während die diplomatischen Verhandlungen voranschritten, verfestigte sich auch in diesen Jahren die Besatzung vor Ort weiter: Die Bevölkerung in den israelischen Siedlungen verdoppelte sich während des Friedensprozesses und zementierte damit eine Übergangsphase in einen dauerhaften Zustand, welcher die Möglichkeit eines zusammenhängenden palästinensischen Staates untergrub.
2000 bis 2008: Von Verhandlungen zum Konfliktmanagement
Als die Palästinenser:innen im Jahr 2000 in Camp David in erneute Verhandlungen traten, waren sie bereit, einen historischen Kompromiss auf Grundlage der Grenzen von 1967 einzugehen. Die Verhandlungen scheiterten jedoch erneut an unüberbrückbaren Differenzen hinsichtlich palästinensischer Souveränität und dem Anspruch auf Jerusalem.
Infolgedessen veränderte sich die israelische Strategie. Statt darauf hinzuarbeiten den Konflikt zu lösen, sollte er nun verwaltet werden: Mauern wurden errichtet, Siedlungen ausgebaut und palästinensische Staatlichkeit wurde zu einer rein administrativen Autonomie ohne echte Souveränität reduziert.
Wenige Jahre später stellte die Arabische Friedensinitiative von 2002 eine umfassende regionale Normalisierung im Gegenzug für den vollständigen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten in Aussicht. Trotz Garantien seitens verschiedener Nachbarländer, nahmen die wechselnden israelischen Regierungen diese Initiative nicht ernst. 
Das strukturelle Versagen der internationalen Gemeinschaft
Die Nakba ereignete sich in einer Übergangsphase, die der Konsolidierung des modernen Menschenrechtssystems vorausging – erst im Dezember 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Ihr folgte die Resolution 194 der UN-Generalversammlung, die das Recht palästinensischer Geflüchteter auf Rückkehr oder Entschädigung bekräftigte. Trotz wiederholter Bestärkung wurde die Resolution nie umgesetzt. Die Palästinafrage wurde damit zu einem der am längsten ungelösten Probleme der modernen internationalen Politik.
Während Palästinenser:innen nach wie vor um die Anerkennung ihrer Rechte ringen müssen, erlangte der israelische Staat rasch internationale Anerkennung. Diese Asymmetrie schuf eine außergewöhnliche Situation in der Weltpolitik: ein humanitär anerkanntes Volk, dem eine endgültige politische Lösung verwehrt bleibt.
Entgegen westlicher Vorurteile weist die palästinensische politische Entwicklung einen kontinuierlichen Pragmatismus und zahlreiche Zugeständnisse auf. Die israelische Politik hingegen war weitgehend von territorialer Konsolidierung und sich verengenden politischen Horizonten geprägt. Auch die internationale Gemeinschaft war strukturell nicht in der Lage, diesen Kurs umzukehren: Frieden scheiterte bisher nicht daran, dass die Palästinenser:innen Kompromisse ablehnten. Sondern daran, dass auf die Verhandlungen keine konkreten Umsetzungen folgten.
Gaza: Die Nakba als gegenwärtige Realität
Was sich heute in Gaza abspielt, rückt all diese ungelösten Fragen mit Nachdruck in den Vordergrund. Die meisten Bewohner:innen Gazas sind selbst Geflüchtete oder Nachkommen von Geflüchteten aus dem Jahr 1948. Erneut werden sie innerhalb von Grenzen, die sie nicht verlassen können, entwurzelt. Es erscheint wie ein Wiederaufleben der Bilder der Nakba: der Krieg ist keine reine militärische Konfrontation, sondern ein vollständiger Zusammenbruch einer Gesellschaft, in der nicht mehr an Alltag zu denken ist.
Die Tragödie in Gaza offenbart zugleich eine schwere Krise der Weltordnung. Eine Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Versprechen gegründet wurde, die Menschheit vor kollektiven Katastrophen zu schützen, scheint nun unfähig, die Wiederholung einer solchen Katastrophe zu verhindern. So wird das Gedenken an die Nakba zu einer moralischen und politischen Neubewertung der Gegenwart.
Eine Frage von geteilter Menschlichkeit
Das bezeichnende Merkmal der aktuellen Lage in Gaza ist nicht nur die eskalierende Gewalt, sondern ein moralischer Wandel in der globalen Wahrnehmung. Engagement findet zunehmend außerhalb traditioneller Diplomatie statt: an Universitäten, in der Zivilgesellschaft und im transnationalen Aktivismus. Die Debatte verlagert sich von der Frage, wer Macht besitzt, hin zu der Frage, wer moralische Legitimität besitzt. 
Nachhaltige Sicherheit kann nicht auf permanenter menschlicher Gefährdung beruhen. Und Stabilität kann nicht dadurch entstehen, dass Tragödien auf unbestimmte Zeit verwaltet werden, anstatt ihre Ursachen zu beseitigen. Von der Nakba 1948 bis zum heutigen Gaza zeigt sich die Palästinafrage nicht als regionaler Konflikt, sondern als andauernder Kampf um die Bedeutung von Gerechtigkeit in einer postkolonialen Welt. Die Frage, die Gaza nun an westliche Leser:innen und an die internationale Ordnung selbst stellt, ist zutiefst zivilisatorisch: Welche Bedeutung hat Menschlichkeit, wenn sie nicht universell ist?
Gaza ist daher nicht das Ende einer Geschichte: Es ist ein andauernder Moment des globalen Erwachens. Wenn die Nakba auch als palästinensische Tragödie begann, so droht ihre Fortsetzung zu einer Krise des kollektiven Gewissens der Menschheit zu werden. Für Palästinenser:innen ist die Nakba keine bloße Erinnerung– sie ist eine gelebte Erfahrung. Was heute in Gaza geschieht, ist das vielleicht schmerzhafteste Kapitel eines unvollendeten Buches.
 
 
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    <title>From the Nakba to Gaza: An Unfinished History</title>
    <created>Thursday, Mai 14, 2026 - 14:40</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>lembke</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/nakba-gaza-unfinished-history</path>
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On the 78th anniversary of the Nakba, Palestinians are not only remembering a past tragedy, but its continuation in the genocide in Gaza. A catastrophe for humanity's collective conscience.
Each year on May 15th, Palestinians commemorate the flight and expulsion from their homeland in 1948, known as Nakba (eng.: catastrophe). The Nakba was not merely a political event that resulted in territorial loss or population displacement; it represented a comprehensive collapse of an entire way of life — a forced rupture that redefined the meaning of homeland, identity, and even the relationship between human beings and place itself. 
The Palestinian refugee came to carry homeland as a deferred possibility rather than a tangible present. Today, over 5.9 million registered Palestinian refugees remain under UNRWA’s mandate, transforming the Nakba into an intergenerational condition. It entered Palestinian consciousness as an ongoing experience, continuously reshaped by every war, every displacement, and every loss––a prolonged condition between occupation, exile, and the unfulfilled promise of statehood. 
The First Nakba: The Founding of a Modern Tragedy
After the end of the British Mandate and with the establishment of the State of Israel in May 1948, followed by the outbreak of the first Arab-Israeli war, Palestine witnessed one of the twentieth century’s largest forced displacement events. Approximately 750,000 Palestinians — nearly two-thirds of the Arab population at the time — were compelled to leave their homes.
More than 530 Palestinian towns and villages were destroyed, depopulated, or forcibly repopulated, dismantling a social and economic fabric developed over centuries. Major urban centers such as Jaffa, Haifa, al-Lydd, and Ramla lost most of their Arab inhabitants within months. 
1948 to 1988: From Total Liberation to Political Realism 
Following the Nakba, Palestinian discourse initially centered on full liberation of the territories. However, after the 1967 Arab-Israeli war, shifting regional and international dynamics pushed Palestinian leadership toward strategic redefinition. The 1974 Ten-Point Program of the Palestine Liberation Organisation (PLO) marked the first diplomatic opening toward establishing authority on any liberated Palestinian territory. This transition culminated in the 1988 Palestinian Declaration of Independence, implicitly accepting UN Security Council Resolutions 242 and 338 and endorsing the two-state solution.
Palestinians effectively accepted a state on only 22% of historic Palestine — an unprecedented concession among modern national liberation movements. Israeli governments, however, did not reciprocate with equivalent recognition of Palestinian sovereignty; settlement expansion continued, creating an early divergence between diplomatic discourse and territorial realities.
1993 to 2000: Deferred Peace 
The Oslo Accords, starting in 1993, represented the most consequential turning point. Palestinian leadership formally recognized Israel while accepting postponement of core issues — Jerusalem, refugees, borders, and settlements— under the assumption that incremental confidence-building would lead to final peace.
Negotiations advanced diplomatically while occupation deepened territorially. Settlement populations doubled during the peace process itself. This fact on the ground transformed the interim phase into a permanent condition and eroded the feasibility of a contiguous Palestinian state.
2000 to 2008: From Negotiation to Conflict Management 
At Camp David in 2000, Palestinians entered negotiations prepared for historic compromise based on the 1967 borders. Negotiations collapsed amid irreconcilable gaps over sovereignty and Jerusalem.
Subsequently, Israeli strategy shifted toward managing rather than resolving the conflict, building separation barriers, expanding settlements, and reducing Palestinian statehood to administrative autonomy without genuine sovereignty.
The Arab Peace Initiative in 2002 offered comprehensive regional normalization in exchange for full Israeli withdrawal from territories occupied in 1967. Despite unprecedented regional guarantees, successive Israeli governments declined to engage with it as a serious negotiating framework.
Structural International Failure
The Nakba occurred during a transitional moment preceding the consolidation of the modern human rights system––with the Universal Declaration of Human Rights being adopted in December 1948. Following the declaration, UN General Assembly Resolution 194 affirmed Palestinian refugees’ right of return or compensation. Yet, despite repeated reaffirmations, the resolution was never implemented, leaving the Palestinian question among the longest unresolved conflicts in modern international politics.
Israel achieved rapid international recognition as a state, while Palestinians have continued seeking recognition of their political rights. This asymmetry created an exceptional condition within international politics: a people acknowledged humanitarianly but denied a final political resolution.
Contrary to prevailing Western stereotypes, Palestinian political evolution reveals gradual pragmatism and cumulative concessions. Israeli policies, by contrast, was largely characterized by territorial consolidation and shrinking political horizons for any resolution. The international community was structurally incapable to reverse this trajectory. Peace failed not because Palestinians rejected compromise, but because negotiations unfolded without implementation capacity.
Gaza: The Nakba as Present Reality
What is unfolding in Gaza today forcefully returns this unresolved question to the forefront. Most Gazans are themselves refugees or descendants of refugees from 1948. They are reliving historical uprooting within borders they cannot leave. It appears as an intensified reappearance of the original Nakba’s imagery: mass displacement and erased cities. The recent war represents not merely military confrontation, but systemic societal collapse, where daily life becomes impossible to reproduce.
Gaza’s tragedy exposes a deeper crisis within the global order. A world established after World War II on promises of protecting humanity from collective catastrophe now appears unable to prevent the reproduction of such catastrophe. Thus, commemorating the Nakba becomes a moral and political reassessment of the present.
The Question of Shared Humanity
The defining feature of the Gaza moment is not merely escalating violence, but a shift in global moral perception. Engagement is increasingly happening outside traditional diplomacy, in universities, civil society, and transnational activism. The debate is shifting from who holds power to who holds moral legitimacy. Security cannot sustainably rest upon permanent human precarity, and stability cannot emerge from indefinitely managing tragedy rather than ending its causes.
From the Nakba of 1948 to Gaza today, the Palestinian question reveals itself not as a regional dispute but as an enduring struggle over the meaning of justice in the post-colonial world. The question Gaza now poses to Western readers — and to the international order itself — is profoundly civilizational: What meaning remains for humanity if it is not universal?
Gaza, therefore, is not the end of a story: It is a moment of global awakening still unfolding. If the Nakba began as a Palestinian tragedy, its continuation risks becoming a crisis of humanity’s collective conscience. For Palestinians, the Nakba is not a memory observed — it is a lived time. And Gaza today is perhaps the most painful chapter of a yet unfinished book.
 
 
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    <title>17. ALFILM in Berlin: Kino in Zeiten multipler Krisen </title>
    <created>Monday, Mai 11, 2026 - 21:44</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>yildirim</name>
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    <body>Das ALFILM Festival bringt WANA auf die Leinwände. Der Eröffnungsfilm „Palestine 36“ zeigt ein oft übersehenes Kapitel palästinensischen Widerstands – mit erschreckenden Parallelen zur Gegenwart.
„Uns fehlen die Worte. Wir haben so viel verloren. Es überrascht nicht, dass Niederlagen und Trauer im Mittelpunkt der diesjährigen Ausgabe stehen. Die Filme, die wir zeigen, spiegeln wider, wie wir uns in diesem historischen Moment fühlen.“ Diese Worte richtet Pascale Fakhry, Geschäftsführerin des ALFILM Festivals, an das Publikum im Saal. Der Raum des Hebbel-Theaters ist voll besetzt, die Vorstellung seit Wochen ausverkauft. 

Erinnern und Zeug:innenschaft ablegen
Die Vorfreude liegt spürbar in der Luft und verbindet das Publikum bereits vor dem ersten Bild. Viele Menschen fiebern jedes Jahr aufs Neue dem ALFILM entgegen, das seit 2009 in Berlin stattfindet. Das Programm umfasst vielfältige, zeitgenössische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus WANA. Im diesjährigen „Spotlight“ steht der Sudan unter dem Titel „A New Projection – Retrospectives, Revolution and Restaurations“ (dt.: Eine neue Perspektive – Rückblicke, Revolution und Restaurationen).  

Laut Iskandar Abdalla, dem künstlerischen Leiter des Festivals, sollen damit die Facetten der sudanesischen Geschichte beleuchtet, und gleichzeitig die vielfältigen Formen des Widerstandes in den Blick genommen werden. Das „Spotlight“-Programm kuratierte der sudanesische Produzent und Gründer der Sudan Film Factory, Talal Afifi.
Auch Iskandar Abdalla richtet eindringliche Worte an das Publikum: „Es ist das dritte Jahr in Folge, dass ich hier bei der Eröffnung des ALFILM Festivals stehe und mich frage: Was bedeutet es, Filme anzuschauen und sich über Filme auszutauschen, in Zeiten, in denen ganze Bevölkerungsgruppen in der Region, die wir zu repräsentieren versprechen, ethnisch gesäubert, massenhaft vertrieben und gewaltsam unter der Last von Armut, ökologischen Krisen und politischer Unterdrückung zermalmt werden?“ Umso bedeutender sei es, hinzuschauen, zu erinnern und Zeug:innenschaft über das abzulegen, was passiere. 
Auftakt mit einem oft übersehenen Kapitel palästinensischen Widerstands
Erinnern, Zeug:innenschaft ablegen: Dafür steht auch der Film „Palestine 36“, geschrieben und produziert von Annemarie Jacir, die sich vor der Deutschlandpremiere im Hebbel-Theater per Videobotschaft bei den Zuschauer:innen meldet. Der Film spielt im Jahr 1936 – einem entscheidenden Jahr in der Geschichte Palästinas. Er zeigt die Gleichzeitigkeit zweier Entwicklungen, die das Land bis heute prägen: Das britische Mandat über Palästina nach dem Fall des osmanischen Reiches und den Verlust von Land und Arbeit durch die rasant ansteigende Migrationsbewegung jüdischer Menschen aus Europa und der Sowjetunion. 
Die Zuspitzung dieser Krisen lässt sich im Laufe des Filmes mitverfolgen – angefangen bei der Unzufriedenheit palästinensischer Arbeiter:innen über schlechtere Löhne im Vergleich zu den jüdischen Neuankömmlingen, über die Gründung von Rebellengruppen bis hin zur Formierung eines breiten, von Bäuer:innen geführten Widerstandes. All dies wird anhand von Yusuf erzählt, einem jungen Mann, dessen Leben sich zwischen Jerusalem und dem Dorf seiner Familie abspielt.
Filmplakat von „Palestine 36“. Foto: MPI media group. Pressemappe, 2026.
Neben der Entstehung des Widerstandes präsentiert die Filmemacherin Jacir auch die Spaltungen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, besonders zwischen der städtischen Elite und den Menschen auf dem Land, die den Siedler:innen und der britischen Besatzung direkt ausgeliefert waren. 
Der Film schafft es, diesen von Verlust und Niederlage geprägten Abschnitt der palästinensischen Geschichte – wissen wir heute doch, dass die Ereignisse einige Jahre später in der Nakba mündeten, die sich bis heute in Form von Vertreibung, Apartheidsystem und Genozid fortsetzt – zutiefst menschlich darzustellen. Die Resilienz, die Solidarität untereinander und die Einforderung von Freiheit und Würde durchziehen jede Szene. 
Frauenrollen im Widerstand
Zwei Dinge fallen besonders auf: Der Film ist geprägt von starken Frauen und Mädchen. Zwar spinnt sich der Erzählstrang um Yusuf, doch bleiben auch die weiblichen Charaktere immer im Vordergrund: Die Journalistin Khuloud, die unter einem männlichen Synonym politische Artikel schreibt und sich im Laufe des Films immer weiter dem Widerstand anschließt. Oder Rabab und Afra, Mutter und Tochter, die bei jeder britischen Razzia unglaubliche Widerstandskraft beweisen und heimlich die Rebellen mit Nahrung versorgen, die sich um ihr Dorf herum versteckt halten. 
Besonders vor dem Hintergrund, dass Frauen in historischen Erzählungen chronisch unterrepräsentiert sind, und sich geschichtliche Erzählungen meist an „großen Männern“ orientieren, bricht „Palestine 36“ mit dieser Art der Geschichtsschreibung. Die Rolle der Frauen als Rückgrat einer widerständischen Gesellschaft und ihre aktive Rolle im Kampf um Freiheit und Würde wird unmissverständlich klar.
Gespenstische Parallelen zur Gegenwart
Eine weitere Erkenntnis vermittelt der Film jedoch auch: Einige der Szenen, in denen Siedler:innengewalt oder die rohe Willkür der britischen Besatzung gezeigt werden, rufen grausame Bilder aus der Gegenwart ins Gedächtnis. Im Film brennende Felder, angezündet von Siedler:innen; in der Gegenwart brennende Dörfer nach Siedler:innenprogromen in der Westbank. 

Im Film Palästinenser:innen, die zusammengepfercht hinter Zäunen festgehalten werden, teilweise mit verbundenen Händen; in der Gegenwart Männer in Gaza, die gefesselt und mit verbundenen Augen auf dem Boden aufgereiht werden. Im Film Männer, die von der britischen Besatzung auf Pritschenwagen abtransportiert werden – die gleichen Bilder in der Gegenwart in Gaza unter den Händen der israelischen Besatzung. Szenen der Kolonialen Gewalt, die seit rund 100 Jahren das Leben von Palästinenser:innen bedingt – und oft auch beendet. 
Berlin als Festivalort: Hauptstadt des Mittäter:innenlandes 
Neben den grausamen Parallelen zwischen Film und Gegenwart wird den Zuschauer:innen im Saal eine weitere Konstante vor Augen gehalten, die Berlin als Ort für das Festival besonders macht. Auch wenn es im Film nur angedeutet wird, beispielsweise durch den Zoom auf den Ausweis einer neu ankommenden Person mit der Aufschrift „Deutsches Reich”: Deutschland ist mitschuldig. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – nicht nur durch die politische Rückendeckung der israelischen Regierung, sondern auch als zweitgrößter Waffenlieferant für die Kriegsverbrechen ebendieser.
Pascale Fakhry appelliert daher in ihrer Rede: „Lasst uns gemeinsam trauern. Laut, damit diejenigen, die die Waffen liefern, mit denen wir getötet werden, die uns in Länder zurückschicken wollen, die sie aktiv zerstören, und die vorgeben, die Verteidiger der Menschenrechte zu sein, erkennen, was sie uns antun. Lasst uns unsere Verzweiflung zum Ausdruck bringen, damit sie uns wahrnehmen. Und damit sie die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Unser Blut klebt an euren Händen.“ 
Die Verweigerung des Unsichtbarmachens 
Das Spannungsverhältnis zwischen der Zelebrierung von Filmkunst aus WANA, von talentierten Regisseur:innen und Künstler:innen, und die allgegenwärtige Trauer und Schwere angesichts des politischen Kontextes, in dem das ALFILM stattfindet, ist in den Eröffnungsreden spürbar. Und dennoch, wie in den Jahren zuvor, bleibt am Ende die Hoffnung. Geschöpft aus dem Einnehmen von Raum, geschöpft aus dem Zusammenkommen inspirierender Menschen, geschöpft aus dem Gefühl, dass es auch im Angesicht schrecklichster Gewalt weitergeht. Dass noch immer, und gerade deshalb, Geschichten erzählt, Erinnerungen festgehalten und Kunst erschaffen wird. 

„Ich glaube an Kino nach der Katastrophe und inmitten der Katastrophe. Nicht, weil ich denke, dass Filme die Welt verändern oder Völkermorde verhindern können. Aber ich glaube, dass sie das Leben im Angesicht des Todes bewahren“, beschreibt Iskandar Abdalla in seiner Eingangsrede das Gefühl, mit welchem die Zuschauer:innen den Kinosaal verlassen: „Es gibt ein Leben nach dem Tod, und es gibt ein Leben trotz des Todes.“ 
 
 
 
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    <title>In memory of Adel Tartir: A Pioneer of Palestinian Theatre  </title>
    <created>Friday, Mai 8, 2026 - 15:46</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/memory-adel-tartir-pioneer-palestinian-theatre</path>
    <body>In this tribute, his son celebrates the actor and theatre-maker Adel Tartir’s relentless belief in theatre as liberatory practice­­—a legacy that endures beyond his death.  
With his passing on July 10, 2025, the artist, storyteller, and guardian of the Sandouq El-Adjab (eng.: Wonderbox), Adel Tartir, left a theatrical imprint to preserve and celebrate. For more than half a century, he devoted his life to the theater and laid the founding pillars of the contemporary Palestinian theatre movement. From Al-Saqifa Theatre to Balaleen Troupe, and later the Sandouq El-Ajab Theatre, he believed that genuine, committed theatre—born of and belonging to the people—plays a mobilizing, educational, and liberating role. Tartir understood theatre as an ongoing creative and resistant engagement. He repeated time and again: “We live theatre, we breathe it, we walk it, we dance it, we sleep it.”  
On this occasion, I want to focus not only on the artist but on the man himself, writing as his eldest son, friend, and colleague. Forty years of warmth, passion, love for theatre, hope, determination, creative struggle, and shared pride.  
A lifetime of contributing to Palestinian culture 
In 1980, he wrote, directed, and acted in the first fully Palestinian monodrama, Ras Ros (eng.: Head Heads). The play focused on a garbage collector, played by Adel, who imitated multiple characters on stage representing different segments of society. In contrast to all these people, the garbage collector was working on raising a child, endowing him with the ideal qualities he hoped would bring about revolution, justice, and equality for all.  

He created a unique theatrical school that made Ras Ros one of the most important classics of Palestinian theatre. Other plays by him include al-Atama (eng.: Darkness) and Lamma Injannina (eng.: When We Went Mad), and after it al-Ama wal-Atrash (eng.: The Blind and the Deaf), al-Qubba wan-Nabi (eng.: The Hat and the Prophet), and many more. From suffering, he birthed creativity; from pain, he brought forth hope. 
Additionally, he was also a pioneer of children's theatre by creating the character Abu Al-Ajab, which became the namesake for his new theatrical school. Over the last three decades, he designed, produced, and developed twelve Sandouq El-Ajabs (eng.: wonderboxes) of varying sizes, shapes, and mechanisms to celebrate and tell the Palestinian story. The Sandouq El-Ajabs are intricate apparatuses that have been used as storytelling devices since the beginning of the 19th century. They were particularly present in the Levant region. By using these devices, he served as a guardian of Palestinian storytelling and cultural heritage. 

Memories of a deeply human artist  
Let's start with his heart. It was a heart marked by numerous stents, irregular beats, and leaking valves. A famous doctor even mistakenly attached a stent that never opened, making his ramus artery a frequent topic in his conversations. Despite all this, the warmth and love of his heart were his most beautiful traits—acted upon both on stage and behind the scenes. 
His voice was a melody. His hair and mustache told a story. His rounded belly was both the site of daily insulin injections and a playful target for his grandchildren. For seventeen years, he injected over 1,231 doses of insulin, costing over 104.635 Shekels—around 31.000 US-Dollars—and kept every used needle in a wooden box, intending to use them in his final performance. Truly, he was a brilliant mind.  
He had not finished formal schooling, but he was a school in himself. He had not studied theatre at a fine arts academy, yet he founded several theatrical schools. His library amazed me: he moved from Kafka to Sadallah Wannous to Abdel Latif Aqel to Sharif Kananeh, and beyond—from Maghrebi to Gulf theatre, from Latin American to European theatre. This theatrical library, which revealed itself after his death, made me fall in love with his eyes that had seen all that is pure and beautiful.  
A great loss for the community  
Adel Tartir was born in the village of Rafat, between Jerusalem and Ramallah, in August 1951. He is originally from Al-Lydd, where his family was displaced and ethnically cleansed during the Nakba of 1948 and moved to Ramallah.  
Walking the streets of Ramallah after his passing, I cannot help but wonder: Could it be that all this was a gruelling rehearsal for your crowning performance, my father?
Abu Dawoud is still waiting to sell you your daily newspapers; pharmacist Rola still has your medicines ready; Hanna the greengrocer still has your tomatoes, cucumbers, and local squash; Zaybaq still has your zaatar and sesame; El-Haj and your relatives are still waiting in the carpentry shop; Abu Alaa still waits every Friday with sea bream and mullet; photographer Sami still awaits your forced break; Sameeh the baker and the neighborhood kids are still ready to shout: “Abu Al-Ajab is here!” The street cleaner still waits for your daily “Bless your hands, Ahmad”; Abu Mohammed still expects you to ask about his family in Gaza; the intellectuals at Café Al-Insherah still await your greetings; and we wait for you in your lovely little home, to share your daily rituals.  
His legacy lives on  
I imagine him now, greeting the characters of Ras Ros, checking on his Sandouq El-Ajabs, planting a smile on a child's face. I can see him passionately calling on fellow theatre actors to unite, advocating for a national theatre, an active union. In my memory, he is listening to children before adults: speaking to a little girl in a small village near Hebron or a boy in Jalazone refugee camp and telling stories in Nazareth. I still see him performing, lecturing, and storytelling in Amman, Baghdad, and Tunis–inspiring storytellers from Khartoum, Algiers, and Kuwait. I see all this and beyond, and I adore him for it.
As always, he was ahead of us in vision—like Naji al-Ali's Handala drawing, facing a tomorrow that had yet to come. Was it coincidence that Naji al-Ali's poster adorned his workshop, and that he carved Handala in oak alongside Abu Al-Ajab? He prepared for his departure, directing his final performance: bidding farewell to friends, taking his usual walk, planting a grapevine at his door, bringing out his Sandouq El-Ajabs for exhibition, buying my mother a full kilo of the sesame she loves, dreaming of returning to his city of Al-Lydd, singing: “I vow to you, my home, if we return as we were, I will plant you and adorn you with dates and henna, oh my father.”  
Adel Tartir departed assured that his legacy is safe and left with a smile. He closed his eyes peacefully, whispering to me as I laid beside him, holding the hand I loved and kissing his broad forehead: “Don't forget, my son—our life is theatre, and theatre is our life.”   
Adel Tartir was not only my father; he was truly the father of the Palestinian theatre.    
 
A longer version of this piece was originally published in Arabic in  Majallat al-Dirasat al-Filastiniyya, and in English in the Blog of the Institute of Palestine Studies. Dis:orient is publishing an edited version with the kind permission of the author.  
 
 
 
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    <title>Gedenken an Adel Tartir: Pionier des palästinensischen Theaters </title>
    <created>Thursday, Mai 7, 2026 - 15:31</created>
    <location>Palästina</location>
    <name>gennrich</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/gedenken-adel-tartir-pionier-des-palaestinensischen-theaters</path>
    <body>In diesem Nachruf ehrt der Sohn des Schauspielers und Theatermachers Adel Tartir dessen Glauben an die befreiende Kraft des Theaters – ein Vermächtnis, das über seinen Tod hinaus wirkt.  
Read this text in English: In memory of Adel Tartir: A Pioneer of Palestinian Theatre.
Mit seinem Tod am 10. Juli 2025 hinterließ der Künstler, Geschichtenerzähler und Hüter der Sanduk El-Adschab (dt.: Wunderbox), Adel Tartir, ein historisches Theatervermächtnis, das es zu bewahren und zu würdigen gilt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang widmete er sein Leben dem Theater und legte damit den Grundstein für die zeitgenössische palästinensische Theaterbewegung. Vom Al-Sakifa-Theater über die Balaleen-Truppe bis hin zum späteren Sanduk El-Adschab-Theater: Tartir war davon überzeugt, dass authentisches Theater – aus dem Leben der Menschen kommend und zu ihnen gehörend – eine mobilisierende, bildende und befreiende Rolle innehat. Er verstand Theater als fortwährendes kreatives und widerständiges Engagement. Immer wieder betonte er: „Wir leben Theater: Wenn wir atmen, wenn wir gehen, wenn wir tanzen, wenn wir schlafen.“  
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen selbst in den Vordergrund zu rücken. Ich schreibe als sein ältester Sohn, Freund und Kollege. Und ich blicke zurück auf vierzig Jahre voller Herzlichkeit, Leidenschaft, Liebe zum Theater, Hoffnung, Entschlossenheit, kreativer Auseinandersetzung und geteiltem Stolz.  
Ein Lebenswerk im Dienste der palästinensischen Kultur 
Im Jahr 1980 schrieb, inszenierte und spielte Adel Tartir das erste palästinensische Monodrama Ras Ros (dt.: Köpfe). Im Mittelpunkt des Stücks stand ein Müllmann, gespielt von ihm selbst, der auf der Bühne verschiedene Charaktere verkörperte. Sie repräsentierten die unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft. Der Müllmann widmete sich der Erziehung eines Kindes und vermittelte ihm, im Gegensatz zu all den gespielten Charakteren, ideale Eigenschaften, von denen er hoffte, dass sie Revolution, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle herbeiführen könnten. 

Er schuf damit eine einzigartige Theaterschule, die Ras Ros zu einem der wichtigsten Klassiker des palästinensischen Theaters machte. Zu seinen weiteren Stücken gehören al-Atama (dt.: Dunkelheit) und Lamma Injannina (dt.: Als wir verrückt wurden), gefolgt von al-Ama wal-Atrash (dt.: Der Blinde und der Taube), al-Qubba wan-Nabi (dt.: Der Hut und der Prophet) und vielen anderen. Leid verwandelte er in Kreativität; aus Schmerz brachte er Hoffnung hervor. 
Darüber hinaus war er ein Pionier des Kindertheaters. Er schuf die Figur Abu Al-Adschab, die seiner neuen Theaterschule ihren Namen gab. Über drei Jahrzehnte entwarf, produzierte und entwickelte er zwölf Sanduk El-Adschabs in unterschiedlichen Größen, Formen und mit verschiedenen Mechanismen, um die palästinensische Geschichte zu erzählen und zu zelebrieren. Die Sanduk El-Adschabs sind komplexe Vorrichtungen, die in der Region bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts für das Geschichtenerzählen verwendet werden. Indem er sich diese Geräte zu eigen machte, fungierte er als Hüter der palästinensischen Erzähltradition und des Kulturerbes. 

Erinnerungen an einen zutiefst menschlichen Künstler  
Beginnen wir mit seinem Herzen. Ein Herz, das von zahlreichen Gefäßprothesen, Herzrhythmusstörungen und undichten Herzklappen gezeichnet war. Ein berühmter Arzt setzte ihm einst versehentlich eine Gefäßprpthese ein, die sich nie öffnete. Dadurch wurde seine Ramus-Arterie zu einem häufigen Gesprächsthema. Trotz alledem waren die Wärme und die Liebe seines Herzens seine schönsten Eigenschaften – die er sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen zum Ausdruck brachte. 
Seine Stimme war eine Melodie. Sein Haar und sein Schnurrbart erzählten eine Geschichte. Sein rundlicher Bauch war sowohl der Ort für die täglichen Insulininjektionen als auch ein spielerisches Angriffsziel für seine Enkelkinder. Siebzehn Jahre lang spritzte er sich über 1.231 Dosen Insulin, was ihn über 104.635 Schekel – etwa 31.000 US-Dollar – kostete. Er bewahrte jede gebrauchte Nadel in einer Holzkiste auf, um sie für eine letzte Performance nutzen zu können. Er war wahrlich ein brillanter Geist.  
Eine formale Schulausbildung hat er nie abgeschlossen, doch er war eine Schule in sich selbst. Auch ohne ein Theaterstudium gründete er mehrere Theaterschulen. Auch seine private literarische Sammlung beeindruckte mich zutiefst: Sie reichte von Kafka über Sadallah Wannous und Abdel Latif Akel bis hin zu Sharif Kananeh und darüber hinaus – vom Theater des Maghreb bis zu den Golfstaaten, vom lateinamerikanischen zum europäischen Theater. Diese Theaterbibliothek, die sich mir nach seinem Tod offenbarte, ließ mich seine Augen noch mehr lieben, die so viel Schönes gesehen hatten.  
Ein großer Verlust für die Gemeinschaft  
 Adel Tartir wurde im August 1951 in dem Dorf Rafat zwischen Jerusalem und Ramallah geboren. Seine Familie stammt ursprünglich aus al-Lydd, von wo sie jedoch während der ethnischen Säuberungen im Zuge der Nakba 1948 vertrieben wurde. 
Als ich nach seinem Tod die Straßen von Ramallah entlanglief, fragte ich mich unweigerlich: War all dies eine zermürbende Probe für deinen krönenden Auftritt, mein Vater?  
Abu Dawoud wartet immer noch darauf, dir deine Tageszeitungen zu verkaufen. Apothekerin Rola hält immer noch deine Medikamente bereit. Hanna, der Gemüsehändler, verkauft immer noch deine Tomaten, Gurken und den lokalen Kürbis. Zaybaq führt immer noch dein Zaatar und Sesam. El-Haj und deine Verwandten warten immer noch in der Tischlerei. Abu Alaa wartet immer noch jeden Freitag mit dem Fisch. Fotograf Sami wartet immer noch auf eure gemeinsame Pause. Bäcker Sameeh und die Kinder aus der Nachbarschaft stehen immer noch bereit um: „Abu Al-Adschab ist da!“ zu rufen. Der Straßenkehrer wartet immer noch auf dein tägliches „Gott segne deine Hände, Ahmad“. Abu Mohammed erwartet immer noch, dass du nach seiner Familie in Gaza fragst. Die Intellektuellen im Café Al-Insherah warten immer noch auf deine Grüße. Und wir warten noch immer auf dich in deinem schönen kleinen Zuhause, um die täglichen Rituale mit dir zu teilen.  
Sein Vermächtnis lebt weiter  
Heute stelle ich mir vor, wie er die Figuren von Ras Ros begrüßt, nach seinen Sanduk El-Adschabs sieht und einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich sehe ihn vor mir, wie er seine Theaterkolleg:innen leidenschaftlich zur Einheit aufruft und sich für ein Nationaltheater mit einer aktiven Gewerkschaft einsetzt.  
In meiner Erinnerung hört er Kindern mehr zu als den Erwachsenen: Er spricht mit einem kleinen Mädchen in einem Dorf nahe Hebron, einem Jungen im Flüchtlingslager Jalazone oder erzählt Geschichten in Nazareth. Ich sehe ihn noch immer auftreten, Vorträge halten und Geschichten erzählen: In Amman, Bagdad und Tunis. Ich sehe, wie er damit Geschichtenerzähler:innen aus Khartum, Algier und Kuwait inspiriert. Ich sehe all das und noch viel mehr und ich verehre ihn dafür.  
Wie immer war er uns in seiner Weitsicht voraus – wie Naji al-Alis Handala-Zeichnung, die einem Morgen entgegenblickt, der erst noch anbrechen muss. War es Zufall, dass Naji al-Alis Plakat seine Werkstatt schmückte und dass er Handala neben Abu Al-Adschab ins Eichenholz schnitzte?  
Er bereitete sich auf seinen Abschied vor und inszenierte seine letzte Aufführung: Er verabschiedete sich von Freund:innen, machte seinen üblichen Spaziergang, pflanzte eine Weinrebe vor seiner Tür, holte seine Sanduk El-Adschabs für eine Ausstellung hervor, kaufte meiner Mutter ein ganzes Kilo Sesam, den sie so liebt. Er träumte davon, in seine Stadt al-Lydd zurückzukehren, und sang: „Ich schwöre dir, meine Heimat, wenn wir so zurückkehren, wie wir waren, werde ich dich bepflanzen und dich mit Datteln und Henna schmücken, oh mein Vater.“  
Adel Tartir ging in der Gewissheit, dass sein Vermächtnis in guten Händen ist, und verließ uns mit einem Lächeln. Er schloss friedlich die Augen.  Und als ich neben ihm lag, seine geliebte Hand hielt und seine breite Stirn küsste, flüsterte er mir zu: „Vergiss nicht, mein Sohn, unser Leben ist Theater, und Theater ist unser Leben.“  
Adel Tartir war nicht nur mein Vater, er war auch der Vater des palästinensischen Theaters.  
 
Die ungekürzte Originalversion dieses Textes erschien in Majallat al-Dirasat al-Filastiniyya auf Arabisch, und in englischer Übersetzung auf dem Blog des Institute of Palestine Studies. Dis:orient veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors eine bearbeitete und übersetzte Fassung.  
 
 
 
 
 
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    <title>Warum der Krieg gegen die Hisbollah den Libanon nicht rettet</title>
    <created>Wednesday, Mai 6, 2026 - 18:36</created>
    <location>Libanon</location>
    <name>stokke</name>
    <path>https://disorient.de/magazin/warum-israels-krieg-gegen-hisbollah-libanon-nicht-rettet</path>
    <body>Seit Oktober 2023 bombardiert Israel den Libanon und untermauert damit erneut die Legitimation der Hisbollah. Weder militärischer Druck noch Verhandlungen stabilisieren das Land. Die Wurzel der Krise liegt im politischen System selbst.
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar wirkte sich unweigerlich auf den Libanon aus: Nach 15 Monaten einseitiger Einhaltung des Waffenstillstands schoss die Hisbollah erstmals wieder Raketen auf Israel. Während diese vom israelischen Raketenabwehrsystem abgefangen wurden ohne Opfer zu fordern, bombardiert Israel seitdem massiv den Süden des Landes und den Beiruter Vorort Dahija. Mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. Nach etwa fünf Wochen handelten Iran und die USA einen Waffenstillstand aus, der am 8. April in Kraft trat. Anstatt diesen jedoch auf den Libanon auszuweiten, führte die israelische Armee ihre Angriffe fort und flog innerhalb weniger Minuten rund 100 Luftangriffe. Dabei wurden über 300 Menschen getötet.
Erst nach diesem Massaker erklärte Israel seine Verhandlungsbereitschaft – mehr als einen Monat zu spät für den Libanon. Denn fünf Wochen Krieg haben die politische Lage im Land grundlegend verändert. Noch Anfang März hatte die libanesische Regierung die militärische Aktivität der Hisbollah verboten und Israel direkte Verhandlungen angeboten. Selbst der schiitische Minister der Partei Amal hatte diesen Schritt mitgetragen, da die Hisbollah ohne Absprache gehandelt hatte. Die Bereitschaft, gemeinsam gegen die Miliz vorzugehen, um einen neuen Krieg zu vermeiden, war eine einzigartige historische Chance.
Die anhaltenden israelischen Bombardements haben diesen Konsens zerstört. In der schiitischen Gemeinschaft im Libanon hat sich die Stimmung erneut zugunsten der Hisbollah und des iranischen Regimes gedreht, welches in den letzten Monaten des Krieges eine große Resilienz gezeigt hat. Als am zehnten April Vertreter:innen des Libanon und Israels erstmals direkt in Washington zusammentrafen, löste dies Proteste in Beirut aus: Hunderte demonstrierten mit den Flaggen von Hisbollah und Amal vor dem Amtssitz von Premierminister Nawaf Salam und bezeichneten ihn als Verräter und Zionisten. Beide Parteien lehnen direkte Verhandlungen ohne den breiten Konsens einer Mehrheit von Libanes:innen ab und verstehen diese als Kapitulation. Solch eine Einheit ist allerdings unrealistisch, da die Hisbollah in den letzten 20 Jahren mehrmals eigenmächtig gehandelt hat, wodurch sie die Bildung eines breiten Konsenses im Libanon regelmäßig erschwert hat.
Angst vor ethnischer Säuberung 
Währenddessen treiben die Drohungen israelischer Minister über territoriale Annexion und Zerstörung nach dem Gaza-Modell die schiitische Gemeinschaft weiter hinter die Hisbollah. Die Einrichtung der gelben Linie im Süden des Libanons und die weitere Zerstörung von Häusern in der “Pufferzone” – trotz des vermeintlichen Waffenstillstands – machen aus diesen Bedrohungen Realität. Den Menschen dort bleibt nichts anderes übrig als zu fliehen oder zu hoffen, dass die Gegenwehr der Hisbollah etwas gegen ihre Ohnmacht bewirken kann. 
In einem multikonfessionellen Land, in dem Identitäten in politischen Machtkämpfen immer wieder instrumentalisiert werden, lebt jede Gemeinschaft in ständiger Angst von der anderen. Die Hisbollah inszeniert sich seit den 1980er Jahren als Beschützerin für die historisch benachteiligte schiitische Bevölkerung in der Peripherie des Landes – ein Versprechen, nie wieder als Minderheit im Islam schutzlos dazustehen.
Zudem bewirkt jede gezielte Tötung weiterer schiitischer Führungsfiguren – wie die von Ali Khamenei und Hassan Nasrallah – eine Reproduktion des schiitischen Gründungsmythos des Karbala-Traumas. Die Schlacht von Karbala im Jahr 680, in der Imam Hussein, Enkel des Propheten Muhammad, von der Umayyaden-Armee getötet wurde, ist ein zentrales Narrativ im schiitischen Islam, in welches sich historische und aktuelle Erfahrungen von Unterdrückung und ethnischen Säuberungen in mehreren arabischen Ländern einreihen. In der Gegenwart verstärken sich solche Ängste bei Schiit:innen, da die libanesische Regierung ihnen keinen Schutz bieten kann.
Kein Vertrauen in die Regierung und die Armee
Der libanesische Staat ist durch das Versagen der politischen Elite, darunter auch die Hisbollah, seit 2019 fast zerfallen. Da der Staat seine Bürger:innen seit Ende des Bürgerkriegs 1990 noch immer nicht adäquat versorgen kann, sucht jede Bevölkerungsgruppe Unterstützung bei den jeweiligen konfessionellen Parteien im Land und bei Verbündeten in der Region. Dabei hat sich nicht nur die Hisbollah an den Iran gebunden. Christlichen Parteien im Libanon konnten historisch Frankreich an ihrer Seite wissen, während ein Teil von ihnen während des libanesischen Bürgerkriegs sogar Schutz bei Israel suchte.
Eine weitere Herausforderung für die libanesische Regierung ist das Dilemma der eigenen Armee, welche seit Jahren jede Konfrontation mit Israel oder der Hisbollah meidet. Ihre Führung weiß, dass ein solches Vorgehen einem institutionellen Selbstmord gleichkäme: Die Armee ist unterfinanziert, schlecht ausgerüstet, und rekrutiert sich zu rund 30 Prozent aus der schiitischen Gemeinschaft. Daher herrscht Sorge, dass ein Vorgehen gegen die Hisbollah die Armee entlang konfessioneller Linien spalten würde – so wie es bereits während des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 geschah.
Gewalt als politisches Mittel
Der libanesische Staat steht im Umgang mit der Hisbollah vor zahlreichen Herausforderungen. Während Hisbollah-Führungsfiguren der Regierung von Salam seit der neuen Eskalation einen Sturz der Regierung nach Kriegsende androht, kündigt auch der iranische  Premierminister Salam Konsequenzen an, sollte die libanesische Regierung Verhandlungen mit Israel aufnehmen. Das weckt Erinnerungen an Szenarien wie im Jahr 2005, als die politischen Figuren, die gegen die Hisbollah und ihre damaligen Unterstützer des syrischen Assad-Regimes kämpften, gezielten Attentaten zum Opfer fielen.
Der Verdacht dabei fiel stets auf die Hisbollah – die als einzige Akteurin im Libanon, über einen so umfassenden Sicherheits- und Militärapparat verfügt, der zu einer solchen Attentatsserie fähig wäre. Ermittlungen verliefen jedes Mal im Sand: Vom Mord an Premierminister Rafik Hariri im Jahr 2005 bis hin zur Tötung des schiitischen Aktivisten Lokman Slim im Jahr 2021. Kein Verantwortlicher wurde je zur Rechenschaft gezogen, obwohl ein Sondertribunal der Vereinten Nationen zwei Hisbollah-Mitglieder im Fall Hariri angeklagt hatte. Dasselbe Muster zeigte sich nach der Hafenexplosion in Beirut, als die Hisbollah den zuständigen Richter bedrohte und dadurch die Untersuchung blockierte.
Der andauernde Krieg dürfte diese Kultur der Straflosigkeit weiter verstärken. Gleichzeitig führt Israel seit 2023 Attentate auf Führungsfiguren der Hisbollah durch, setzt völkerrechtlich verbotene Phosphorbomben ein, greift UN-Blauhelmsoldaten, Rettungskräfte, Journalist:innen sowie zivile Infrastruktur an und zerstört ganze Dörfer – alles ohne Konsequenzen.
Die finanzielle und humanitäre Lage entscheidet
Die Legitimität der Hisbollah in der schiitischen Gemeinschaft gründet sich jedoch nicht nur auf deren Ideologie, sondern auch auf konkreten wirtschaftlichen Vorteilen für die Bevölkerung. Seit 40 Jahren kompensiert die Partei durch den Aufbau von Schulen, Banken und Wohlfahrtsorganisationen die Schwäche des Staates. Gleichzeitig reichen ihre illegalen Aktivitäten bis nach Europa und bilden dabei – von Geldwäsche bis zu Captagon-Handel –kriminelle transnationale Wirtschaftsnetzwerke.
Die Hisbollah war nach jedem Krieg im Libanon stets aktiv am Wiederaufbau beteiligt: Als die Finanzkrise 2019 das Land weiter in die Armut stürzte, ersetzte die Hisbollah das kollabierte Bankensystem und band ihre Wähler:innenschaft durch soziale Hilfen an sich. Der Staat kann im Vergleich dazu heute nicht einmal die Kriegsvertriebenen versorgen und versinkt seit Ende des Bürgerkriegs zunehmend in Korruption.
Eine Lösung bleibt utopisch
Mit dem aktuellen israelischen Plan, die Hisbollah militärisch zu besiegen, sind die Chancen auf eine akzeptable Lösung für alle Konfessionen im Libanon gering. Sollte die libanesische Regierung direkte Verhandlungen mit Israel ohne die Zustimmung der schiitischen Gemeinschaft führen, droht ein ähnliches Szenario wie beim Abkommen von 1983. Damals schloss der Libanon mitten im Bürgerkrieg eine Vereinbarung mit Israel über eine Pufferzone im Süden — und annullierte sie wenige Monate später unter syrischem Druck, was die israelische Besatzung des Südlibanons bis zum Jahr 2000 zur Folge hatte.
Gleichzeitig kann der Libanon die humanitäre Katastrophe ohne Verhandlungen nicht mehr lange stemmen. Ein möglicher Ausweg aus dem Teufelskreis, in dem sich das Land seit 1975 befindet, liegt in der Abschaffung des konfessionellen Systems. Sie könnte den Schiit:innen eine politische Kompensation für den Verlust ihrer militärischen Stärke bieten. Obwohl eine solche Reform seit 1990 vorgesehen ist, wird sie jedoch vor allem von den christlichen Parteien blockiert, weil diese befürchten, ihre politischen Privilegien zu verlieren.
Die Abschaffung des politischen Konfessionalismus wird daher nur gelingen, wenn der Staat seiner Bevölkerung politische und soziale Sicherheit bieten kann und damit das Misstrauen zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften überwindet. Dafür müssten sowohl die staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik und Justiz als auch die libanesische Armee gestärkt werden, um die öffentliche Sicherheit zu garantieren und das Vertrauen zwischen den religiösen Gruppen zu fördern. Eine optimale Lösung liegt letztlich nur in einem Friedensprozess für die gesamte Region, in dem Israel das Recht der Palästinenser:innen auf einen eigenen Staat anerkennt und somit jegliche Form von Widerstand überflüssig macht. Die aktuelle Lage bietet dafür jedoch kaum Grund zur Hoffnung.
 
 
 
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    <title>Schrittweiser Zusammenbruch des Mediensystems in Afghanistan</title>
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    <body>Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai rückt die Lage von Journalist:innen aus Afghanistan in den Fokus: Betroffene sprechen über ein gekapertes Mediensystem, ein Klima der Angst und Schreiben als letzte Form des Widerstandes.
In der Nacht des 19. April 2026 sitzt eine Journalistin in einem Zimmer in Islamabad vor ihrem Laptop. Draußen hört sie die pakistanische Polizei, die vor der Räumung von Unterkünften afghanischer Geflüchteter warnen. Doch sie schreibt weiter. Diese Situation steht sinnbildlich für die letzten vier Jahre ihres Lebens: ein Dasein zwischen Flucht, Angst und dem unbeirrten Willen zu berichten.
Khadija Haidari begann ihre journalistische Arbeit im Winter 2022 in Kabul. Die Straßen waren von Schnee bedeckt, doch für sie war die Atmosphäre „dunkler als je zuvor“: „Der Schnee war weiß, aber für mich wirkte alles schwarz.“ Nur wenige Monate zuvor hatten die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen – ein Ereignis, das nicht nur eine politische Wende einleiten sollte, sondern den schrittweisen Zusammenbruch eines Mediensystems.
Der Zerfall eines Fortschritts
Vor 2021 galt Afghanistan trotz Krieg und Unsicherheit als eine der dynamischsten Medienlandschaften der Region. Verschiedenste Fernsehsender, Radiokanäle, Zeitungs- und Online-Medien waren aktiv und Kritik an der politischen Führung war in gewissem Maße möglich. Nach der Rückkehr der Taliban änderte sich diese Struktur jedoch rasch.
In den ersten Monaten nach der Machtübernahme im August 2021 stellten über 40 Prozent der Medien ihre Arbeit ein. Rund zwei Drittel der professionellen Journalist:innen verließen das Feld, und fast 80 Prozent der Journalistinnen verloren ihre Arbeit. Themen wie Frauenrechte oder Regierungskritik verschwanden zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs. Übrig blieb eine Berichterstattung, die häufig offiziellen Narrativen ähnelte.
Auch internationale Indizes bestätigen diese Entwicklung. Im Pressefreiheitsbericht 2025 liegt Afghanistan auf Rang 175 von 180 Ländern. Vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 lag Afghanistan im World Press Freedom Index 2021 noch auf Rang 122 von 180 Ländern.
Schreiben aus der Isolation
Khadija Haidari beschreibt, dass ihre Arbeit aus der Isolation heraus begann, als sie auf das Haus beschränkt war und ihr Alltag nur noch aus dem Blick in den Innenhof bestand. Ihre ersten Texte handelten von alltäglichen Beobachtungen: „Jede Frau, die ich sah, wurde zu einem Thema.“ Zunächst als ein persönlicher Ausdruck von Freiheit, entwickelte sich dies später zu einem Beruf – und schließlich zu einer Bedrohung.
Nach der Schließung der Universitäten für Frauen schrieb sie einen kritischen Artikel. Die Nacht darauf habe sie kaum geschlafen – nicht wegen einer direkten Drohung, sondern wegen der allgemeinen Atmosphäre der Angst: „In einer Situation, in der Menschen sogar Angst haben, einen Kommentar zu schreiben, hatte ich einen Artikel veröffentlicht.“

Weiterschreiben im Exil
Später schrieb sie unter Pseudonym über geheime Mädchenschulen und die Lage der Frauen. Journalistische Arbeit wurde zunehmend zu einer verdeckten und riskanten Tätigkeit. Im April 2024 wurde ihr Haus von den Taliban durchsucht, woraufhin sie überstürzt aus Afghanistan fliehen musste – ohne persönliche Gegenstände, nur mit der Kleidung, die sie trug.
Am 21. April wurde sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern von der pakistanischen Polizei festgenommen und sollte ohne Berücksichtigung der Sicherheitslage nach Afghanistan abgeschoben werden. Nach intensiven Bemühungen gelang es ihr schließlich auszureisen.
Sie schreibt jedoch weiter: „Solange man mir meinen Laptop nicht nimmt, werde ich schreiben.“ Die aktuelle Lage in Afghanistan beschreibt sie als ein „System der vollständigen Informationskontrolle“.
Frauen zwischen Verbot und Kriminalisierung ihrer Stimme
Die Rollen von Frauen im afghanischen Mediensektor werden strukturell ausgelöscht. Laut einem Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte vom März 2026 ist in Provinzen wie Khost nicht nur die Präsenz von Frauen im Fernsehen verboten, sondern auch ihre Stimmen im Radio – selbst in Bildungsprogrammen.
Wo Frauen noch eingeschränkt tätig sind, geschieht dies unter strengen Auflagen. Journalistinnen müssen verhüllt sein, einschließlich dunkler Masken und Gesichtsschleiern, die ihre Identität vollständig verdecken.
Journalismus unter Druck: Repression, Bedrohung und Haft
Seit der Machtübernahme der Taliban wurden hunderte Fälle von Festnahmen dokumentiert. Laut Human Rights Watch treffen Journalist:innen willkürliche Inhaftierungen. Berichte sprechen von Folter, längerer Haft ohne Zugang zu Anwält:innen oder Familienangehörigen sowie erzwungenen Geständnissen in staatsnahen Medien.
Der Jahresbericht des Afghanistan Journalists Center (AFJC) für den Zeitraum vom März 2025 bis März 2026 dokumentiert mindestens 207 Verstöße gegen Medienrechte – ein Anstieg von über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darunter befinden sich zwei Todesfälle, ein Verletzter, 183 Drohungen und 21 Festnahmen.
„Propaganda gegen das System“
Der Journalist Schakib Ahmad Nazari steht exemplarisch für die wachsenden Repressionen gegen Medienschaffende in Afghanistan. Einblick in die persönlichen Auswirkungen dieser Entwicklung gibt Samim Feizi, ein enger Freund Nazaris.
Laut Feizi habe Nazari für internationale Medien gearbeitet, darunter NTV Japan, CNN und India Today, und befinde sich seit über einem Jahr im Gefängnis Bagram. Offiziell werde ihm „Propaganda gegen das System“ vorgeworfen. Sein Umfeld sieht die Gründe jedoch in seiner Berichterstattung über Frauenproteste und die Schließung von Mädchenschulen sowie in seiner Zusammenarbeit mit ausländischen Medien.
„Er hatte schon vor seiner Verhaftung ein Gefühl der Gefahr“, erzählt Feizi „Sogar die Daten auf seinem Telefon hatte er gelöscht.“
Laut Feizi befindet sich die Familie von Nazari seither in einer prekären Lage; seine Ehefrau lebt mit den zwei kleinen Kindern ohne finanzielle Unterstützung. Unter solchen Bedingungen bewegt sich Journalismus in Afghanistan zunehmend in einem Spannungsfeld, in dem die Verbreitung von Informationen mit konkreten Risiken wie Verhaftung, Einschüchterung und Repression einhergeht.
Feizi, der nach der Inhaftierung seines Freundes aus Afghanistan fliehen musste, betont, dass selbst Aktivitäten in sozialen Netzwerken sicherheitsrelevante Konsequenzen haben können und der Begriff der Neutralität faktisch verschwunden ist. Damit meint er, dass bereits scheinbar unpolitische Äußerungen als Positionierung gewertet werden können und Journalist:innen dadurch einem erhöhten Risiko von Repressionen ausgesetzt sind.
Strukturelle Kontrolle des Mediensystems
Medien in Afghanistan unterliegen heute detaillierten Vorgaben. In einigen Regionen muss jede Veröffentlichung vorab genehmigt werden. Pressefreiheit wird nicht nur eingeschränkt, sondern das gesamte Informationssystem strukturell kontrolliert.
Ein zentraler Einschnitt ist das Verbot der Darstellung „lebender Wesen“ gemäß Artikel 17 des Gesetzes zur Förderung der Tugend. Laut AFJC wird dieses Verbot in 25 von 34 Provinzen vollständig umgesetzt. Fernsehsender wurden dadurch massiv eingeschränkt oder in reine Audio- bzw. Textformate umgewandelt.
In Regionen wie Kandahar, Helmand, Takhar und Herat bestehen Fernsehinhalte heute oft nur noch aus Naturbildern oder Texten ohne Menschen. Fernsehen verliert damit seine visuelle Funktion und wird zu einem stark reduzierten Medium.
Die Lücke zwischen Feld und Bericht
Sanjar Suhail, Träger des Emmy Journalism Award und Eigentümer der Zeitung „Hasht-e Subh“, sieht die Entwicklung als Ergebnis langfristiger globaler Prozesse. Eine Überbetonung von Sicherheit habe weltweit dazu geführt, dass humanitäre Bereiche – etwa in der Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik – zunehmend an Bedeutung verloren haben. Auch internationale Politik habe durch strategische Entscheidungen, etwa militärische Interventionen und geopolitische Prioritätensetzung, indirekt zur heutigen Lage beigetragen.
Er weist darauf hin, dass viele Journalist:innen heute aus dem Exil in Pakistan, Iran oder Europa arbeiten. Exilmedien stünden dabei vor dem Problem eines schleichenden Realitätsverlusts, da der fehlende Zugang zu Quellen und die geografische Distanz zu einer wachsenden Kluft zwischen Ereignis und Berichterstattung führten.
Zudem betont er, dass sich der Mediensektor auch wirtschaftlich in einer tiefen Krise befinde. Entweder bleibe internationale Unterstützung aus oder Werbeeinnahmen fehlten, sodass vielen unabhängigen Medien nur die Schließung oder das Exil als einzige Optionen blieben.
Überleben, Exil und Widerstand
In Afghanistan bestimmt ein enges Geflecht formaler und informeller Vorgaben die Medienarbeit. Inhalte müssen sich konsequent an offiziellen Linien orientieren, sensible Themen werden systematisch ausgeblendet. Nachrichten weichen zunehmend der Logik der „kontrollierten Erzählung“.
In diesem tiefgreifend umgebauten Informationssystem ist Journalismus kein gewöhnlicher Beruf mehr, sondern eine riskante Praxis an der Schnittstelle von Überleben, Exil und Widerstand.
 
 
 
 
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