01.02.2026
„Syrer:innen werden in der Türkei bleiben, trotz beschränkter Rechte“
Syrische Familie im Ortsteil Basmane in Izmir, November 2022, Foto: Erdal Buldun.
Syrische Familie im Ortsteil Basmane in Izmir, November 2022, Foto: Erdal Buldun.

Seit 2011 hat die Türkei mehr als fünf Millionen Syrer:innen aufgenommen. Cahide Sarı Okur, Generalsekretärin des Vereins für Migrationsforschung Agora in Izmir, spricht über die aktuelle Lage, Rückkehrdynamiken und sozialen Zusammenhalt.

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Cahide, der Verein Agora arbeitet zu marginalisierten Gruppen und ihren Rechten in der Türkei. Wenn wir auf die ersten Jahre nach 2011 zurückblicken: Wie wurde die Ankunft der Syrer:innen organisiert, und worin bestanden die größten Defizite in dieser Zeit?

Als Syrer:innen erstmals in der Türkei ankamen, wurde der Prozess weder systematisch noch transparent gesteuert. Gewerkschaften aus dem Gesundheitssektor und Menschenrechtsorganisationen erhielten häufig keinen Zugang zu den temporären Unterkünften, was eine unabhängige Beobachtung unmöglich machte.

 Dadurch konnten wir nie umfassend beurteilen, ob Frauen ausreichend geschützt waren oder ob Menschenrechtsverletzungen stattfanden. Im Laufe der Zeit verließen viele Syrer:innen diese Lager und zogen in große Städte, um Arbeit zu finden oder sich Verwandten anzuschließen. Wir haben zu keinem Zeitpunkt einen umfassenden, systematischen Ansatz zur Ansiedlung oder Integration beobachtet.

Welche Leistungen sind für Syrer:innen schwer zugänglich?

Im Bildungsbereich traten große Probleme auf, vor allem beim Schulzugang für Kinder. Staatliche Stellen führten Übergangslösungen ein, etwa arabischsprachige Programme, die sie gemeinsam mit internationalen Organisationen und dem Bildungsministerium entwickelten. Diese Maßnahmen blieben jedoch uneinheitlich und zeigten nur langsam Wirkung.

Syrer:innen erhalten in der Türkei „vorübergehenden Schutz”. Dadurch haben sie formal Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und sozialen Diensten. In der Praxis bleibt der Zugang zu legaler Beschäftigung jedoch bis heute aufgrund von Quotenregelungen und bürokratischen Hürden äußerst begrenzt. Dies hat die überwältigende Mehrheit der Syrer:innen in informelle und unsichere Arbeitsverhältnisse gedrängt.

Viele sind in der Textilindustrie, der Schuh- und Möbelproduktion, im Bauwesen und Tourismus beschäftigt oder arbeiten als Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft. Durch die informelle Beschäftigung sind sie massiver Ausbeutung ausgesetzt: Arbeitgeber:innen zahlen Löhne nicht aus, missachten Sicherheitsstandards und nehmen Arbeitsunfälle in Kauf.

Cahide Sarı Okur setzt sich mit dem Verein Agora für die Rechte marginalisierter Gruppen in der Türkei ein, Foto: Asim Murat Okur (privat).

Was Sie beschreiben, sind prekäre Lebensbedingungen. Wie haben Syrer:innen diese Situation bewältigt?

Die meisten waren auf die Rote-Halbmond-Karte (Kızılaykart) angewiesen, die begrenzte Integrationshilfe sowie monatliche Bargeldhilfe für besonders vulnerable Haushalte bereitstellt. Diese Zahlungen sind extrem niedrig und reichen kaum aus, um den grundlegenden Lebensmittelbedarf zu decken. Familien überlebten durch eine Kombination aus informeller Arbeit, Verschuldung und Hilfe ihres sozialen Umfelds.

Wie haben sich die Einstellungen der Bevölkerung gegenüber Syrer:innen im Laufe der Zeit in der Türkei verändert?

Die Geflüchtetenfrage wurde wiederholt von politischen Akteur:innen instrumentalisiert. Selbst Parteien und Organisationen, die sich als links verstehen, hatten Schwierigkeiten, einen konsequent rechtebasierten Ansatz in der Migrationspolitik zu entwickeln.

In mehreren Großstädten kam es zu Vorfällen, die Pogromen ähnelten: Häuser wurden in Brand gesetzt, Geschäfte verwüstet, Kinder allein aufgrund ihrer syrischen Herkunft belästigt. Diese Ereignisse waren selten spontan. Sie fielen häufig mit Wahlzyklen zusammen und wurden oftmals durch politische Rhetorik angeheizt. Gleichzeitig setzt sich die alltägliche Ausbeutung weitgehend unbehelligt fort.

Die Agora-Vereinigung hat kürzlich einen Bericht zur aktuellen Situation von Syrer:innen in der Türkei veröffentlicht. Wie hat der Regimewechsel in Syrien im Dezember 2024 die Perspektiven der Geflüchteten beeinflusst?

Nach dem Sturz des Assad-Regimes und dem Aufkommen der al-Sharaa-Regierung im Jahr 2024 begann eine neue Phase. In der gesamten Türkei feierten Syrer:innen und viele begrüßten den Wandel zunächst.

Laut Interviews, die zivilgesellschaftliche Organisationen im Januar und Februar 2025 führten, äußerten zunächst bis zu 70 Prozent der Befragten die Absicht zurückzukehren. Folgeinterviews im Juni, Juli und August zeigten jedoch, dass dieser Anteil deutlich zurückging.

Warum haben so viele ihre Meinung geändert?

Der entscheidende Faktor sind nicht die Bedingungen in der Türkei, sondern die Verhältnisse in Syrien. Geflüchtete sind stark auf Informationen von Verwandten und Bekannten angewiesen, die bereits zurückgekehrt sind – etwa darüber, ob sich die Sicherheitslage verbessert hat, ob Schulen und Krankenhäuser funktionieren und ob Arbeitsplätze vorhanden sind. Da die Antworten häufig negativ ausfielen, verschoben viele ihre Rückkehrpläne oder gaben sie ganz auf.

Auch Eigentumsverhältnisse spielen eine Rolle. Personen, die Land oder Häuser in Syrien besitzen, möchten oft zumindest vorübergehend zurückkehren, um Schäden zu begutachten oder Eigentum zurückzufordern. Die Türkei erlaubte zunächst begrenzte „Go-and-See“-Besuche, setzte diese Regelung jedoch im Juli 2025 aus.

Eine unserer zentralen Erkenntnisse ist, dass die ärmsten Syrer:innen, insbesondere die Dom, zu den ersten Rückkehrenden gehörten. Ihre Entscheidung war durch extreme Ausgrenzung und Diskriminierung in der Türkei motiviert. Ähnliche Muster zeigten sich nach dem Erdbeben im Februar 2023, als diskriminierende Hilfspraktiken die vulnerabelsten Gruppen überproportional trafen.

Syrisches Geschäft im Ortsteil Basmane in Izmir, November 2022, Foto: Erdal Buldun.

Welche Rolle spielen Geschlecht und Identität bei Rückkehrentscheidungen?

Die NGO Kaos GL berichtete in einem Vortrag, dass LGBTI+ Syrer:innen unter keinen Umständen eine Rückkehr planen. Angesichts der Haltung der syrischen Regierung ist die Neuansiedlung in Drittstaaten die einzige realistische Option für ein sicheres Leben.

Auch Frauen und Mädchen haben spezifische Bedenken. Viele syrische Frauen traten in der Türkei erstmals in den Arbeitsmarkt ein und erlebten mehr Autonomie, insbesondere in Städten wie Izmir und Istanbul. Sie zögern, das aufzugeben, da sie davon ausgehen, dass vergleichbare Bedingungen in Syrien nicht existieren werden. Dennoch werden Rückkehrentscheidungen in der Regel von den Männern innerhalb der Familie getroffen. Frauen haben selten Entscheidungsgewalt – außer in von Frauen geführten Haushalten, in denen Widerstand gegen eine Rückkehr häufiger anzutreffen ist.

Wie ist die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten Syriens?

Gruppen wie Assyrer:innen, Chaldäer:innen und Jesid:innen nutzten die Türkei überwiegend als Transitland und wurden andernorts neu angesiedelt, insbesondere in Kanada und den Vereinigten Staaten. Sie fühlten sich im sunnitisch geprägten sozialen Umfeld der Türkei weder sicher noch wohl und gaben ihre Identität nur selten offen preis.

Kleinere Gruppen alawitischer und drusischer Syrer:innen kamen später an, zunächst noch unter dem Assad-Regime, als der Krieg zu massiven Versorgungsengpässen führte, und anschließend in größerer Zahl als die Gewalt in Syrien weiter eskalierte.

Wie hat sich das politische Umfeld in der Türkei seit dem Regimewechsel in Syrien verändert?

Anstatt offen auf Zwangsabschiebungen zu setzen, greift die türkische Regierung zunehmend auf indirekten Druck zurück. Der Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung und Bildung wird eingeschränkt. Ab Januar 2026 müssen Syrer:innen Gesundheitskosten selbst tragen, sofern sie nicht extreme Armut nachweisen können. Die türkischen Behörden haben über diese Neuregelung kaum informiert, sodass viele Betroffene wahrscheinlich erst davon erfahren, wenn sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. 

Auch Bildungsstipendien, die ohnehin minimal waren, sollen eingestellt werden. Diese Maßnahmen spiegeln sowohl innenpolitische Entscheidungen als auch den breiteren Ansatz der EU zur Migrationskontrolle wider.

Trotz der Tragweite dieser Veränderungen ist das Bewusstsein dafür unter Syrer:innen gering. Informationen verbreiten sich ungleichmäßig, Fehlinformationen sind weit verbreitet. Auffällig ist, dass Syrer:innen NGOs häufig zu Bildungsfragen konsultieren, sich bei Rückkehrentscheidungen jedoch kaum institutionell beraten lassen und stattdessen primär auf persönliche und gemeinschaftliche Netzwerke zurückgreifen.

Syrerin vor ihrem Laden im Ortsteil Basmane in Izmir, November 2022, Foto: Erdal Buldun.

Was wäre für eine freiwillige und nachhaltige Rückkehr erforderlich?

Eine nachhaltige Rückkehr erfordert Stabilität, Sicherheit, Beschäftigung sowie funktionierende Bildungs- und Gesundheitssysteme. Umfangreiche internationale Investitionen, etwa durch von der Weltbank unterstützte Infrastrukturprogramme, sind unerlässlich.

Das Ausmaß der Zerstörung in Syrien ist enorm und in einigen Regionen mit Gaza vergleichbar. Ohne Elektrizität, sanitäre Versorgung, Internetzugang und grundlegende Versorgungsleistungen kann der Alltag nicht funktionieren. Solange sich die Bedingungen innerhalb Syriens nicht substanziell verbessern, werden Syrer:innen in der Türkei bleiben, trotz beschränkter Rechte.

Wer trägt die Verantwortung für die in der Türkei verbleibenden Syrer:innen die Unterstützung benötigen?

In unserem Bericht verorten wir die primäre Verantwortung bei den Kommunen und nicht bei NGOs. Rechtlich verfügen Kommunen über weitreichende Befugnisse, einschließlich der Möglichkeit, Gesundheits- und Bildungsleistungen bereitzustellen. Das Engagement hängt jedoch stark von der politischen Führung ab. In einigen Fällen ist Zusammenarbeit nur möglich, wenn Projekte unter dem Label „sozialer Zusammenhalt“ und nicht unter „Geflüchtetenrechte“ laufen.

Kommunen kooperieren häufig, wenn externe Finanzierung verfügbar ist, sind jedoch zurückhaltend, eigene Haushaltsmittel einzusetzen oder sich öffentlich mit der Fluchtthematik zu identifizieren. Sozialer Zusammenhalt wird so zu einem politisch akzeptablen Dachbegriff – insbesondere in sozial gemischten Vierteln, in denen Syrer:innen, Türk:innen sowie Kurd:innen zusammenleben.

Welche Rolle kommt NGOs dann zu?

Die Zivilgesellschaft sollte sich auf die Beobachtung von Rückkehrprozessen, die Dokumentation von Rechtsverletzungen, die Bekämpfung von Fehlinformationen konzentrieren und sich gegen Zwangsrückführungen einsetzen. Gleichzeitig müssen Kommunen unter Druck gesetzt werden, damit diese aktiv werden. Viele kommunale Anlaufstellen für Geflüchtete werden geschlossen, obwohl weiterhin Millionen Syrer:innen im Land leben. Mit der Einschränkung ihrer Rechte wird der Bedarf an lokaler Unterstützung weiter steigen.

Mit Blick in die Zukunft: Was muss sich ändern, damit ein nachhaltiges Zusammenleben in der Türkei möglich wird?

Der Türkei fehlt es an einschlägiger Erfahrung im Bereich des sozialen Zusammenhalts und an zuverlässigen sozialen Schutzsystemen. Informelle Arbeit wird durch bestehende Hilfsstrukturen häufig indirekt gefördert, was Ausbeutung und Risiken erhöht. Es gibt keine ausreichenden Schutzmechanismen für LGBTI+-Personen und nur begrenzte für Menschen mit Behinderungen. Zudem sind die Maßnahmen zur Verhinderung von Kinderehen unzureichend.

Die Zivilgesellschaft muss auf internationale Beispiele zurückgreifen und sich für inklusive sozialpolitische Maßnahmen einsetzen. Soziale Sicherheit ist der Grundpfeiler eines nachhaltigen Zusammenlebens.

 

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und beruht auf der gemeinsamen Veranstaltung „Syria: Coming Back Is Not Going Home. Return and Displacement after the Fall of the Assad Regime.” Cahide Sarı Okur arbeitet für den Verein Agora in Izmir. Das Interview wurde auf Türkisch geführt und von der Autorin übersetzt.

 

 

Filiz ist DAAD-Lektorin am Fachbereich Modern and Medieval Languages and Linguistics der University of Cambridge, UK. Sie hat im Master Konferenzdolmetschen studiert, besitzt einen deutsch-französischen Bachelorabschluss in den Fächern Geschichte und Französisch und absolviert gerade einen zweiten Master in Arts and Cultural Management.
Redigiert von Clara Taxis, Claire DT, Nora Theisinger
Übersetzt von Filiz Yildirim