19.10.2018
Den „Orient“ studieren – Angebot und Nachfrage eines überholten Begriffs
Grafik: Tobias Pietsch
Grafik: Tobias Pietsch

Vor 40 Jahren veröffentlichte Edward Said das Buch Orientalism. Seine kritische Forschung zur westlichen Wissenschaft der „Orientstudien“ und ihrer Konstruktion des Anderen zeigt, wie tief dieser Wissenschaftszweig mit kolonialen Praktiken verwoben ist und begründete die Postkoloniale Theorie mit. Nun beginnt in Deutschland das Wintersemester und von Jahr zu Jahr steigen die Studierendenzahlen dieser Fachbereiche. Doch welche Rolle spielt die kritische Auseinandersetzung mit dem Orientbegriff im Wissenschaftsbetrieb heute? Kolumnistin Leonie Nückell auf Grundlagensuche.

Dieser Text ist Teil der Alsharq-Kolumne „Des:orientierungen“. Alle Texte der Kolumne findest du hier.

Semesterbeginn am Leipziger Orientalischen Institut. Zwei neue Mitarbeiter werden begrüßt, die W2-Professur für Arabische Sprach- und Übersetzungswissenschaft und eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter wurden neu besetzt. Auf einen weißen Professor, folgt ein weißer Professor. Auf eine weiße wissenschaftliche Mitarbeiterin, folgt ein weißer wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Sicherlich hervorragend qualifiziert für den Job, wie das eine Unikarriere verlangt, bringen sie erneut eine weiße Perspektive in ein mehrheitlich weißes Kollegium. So weit, so kartoffelig.

Das Leipziger Institut definiert sich vor allem durch seine weit zurückreichende philologische Tradition. Sie ist unter anderem eng mit Heinrich Leberecht Fleischer (1801-1888) verbunden, der die Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG) wesentlich mitbegründete. Die DMG ist die älteste wissenschaftliche Vereinigung deutscher Orientalist_innen und eine Organisation, die auch in der heutigen Arabist_innenszene Bedeutung hat. Etwas, worauf das Leipziger Institut stolz ist. Die Bilder verblichener Leipziger Orientalisten-Autoritäten hängen in honoriger Reihe im Flur des Instituts.

Doch auch der Moderne wird Raum gegeben. Um dem allgemeinen Trend der Islamwissenschaften hin zu regionalwissenschaftlicher Forschung Beachtung zu schenken, findet „die jüngere (auch koloniale) Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas“ ihren Platz in der Lehre, wie es auf der Homepage des Instituts heißt.

Dass das „auch koloniale“ in Klammern stehen bleiben kann, ordnet sich gut in das deutsche (nicht-) koloniale Selbstbild. Zum einen ist die Annahme verbreitet, die Philologie, der Hauptzweig der deutschen Tradition der „Orientstudien“, sei in kolonialer Hinsicht harmlos. Zum anderen wird sich gerne darauf berufen, dass Saids Studie die deutsche Universitätslandschaft außen vor ließ (was Suzanne Marchand in ihrem Buch German Orientalism in the Age of Empire. Religion, race, and scholarship von 2009 nachholte, in der Uni habe ich über die Arbeit der US-amerikanischen Historikerin jedoch nichts erfahren).

Dass dies erklärtermaßen pragmatischen Gründen geschuldet ist, wie Platz-, Zeit- und Ressourcenmangel, und nicht, weil Said keinen Anlass dazu gesehen hätte, können deutsche Wissenschaftler_innen dabei getrost ignorieren. Denn es ist einfach, in diesem Zusammenhang die Tatsache zu betonen, dass Frankreich und Großbritannien, mit den USA Gegenstand der Studie, die großen Kolonien in der Region unterhielten.

Das „mehr“ an Verantwortung, das damit verknüpft wird, verleitet dann leichtfertig zu „keiner“ Verantwortung im eigenen Wissenschaftsbetrieb. (Immerhin hatte Deutschland ja auch gar keine Kolonien im Orient und nach 1918 ja sowieso keine mehr, und eigentlich wollte Wilhelm Zwo ja auch nicht so richtig welche haben.)

Pragmatisch ehrlicher ist man in Hamburg mit seinem großen Hafen, dem „Tor zur Welt“. Das „Seminar für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients“ wurde 1908 am Hamburgischen Kolonialinstitut gegründet, um „Kaufleute und Beamte durch sprach- und landeskundliche Kurse auf den Einsatz im Orient vorbereiten.“ Heute heißt es „Abteilung Vorderer Orient“, angegliedert an das Asien-Afrika-Institut und handelt seine Geschichte in zwei Absätzen auf der Homepage ab.

Die ebenfalls in philologischer Tradition stehende Tübinger „Abteilung für Orient- und Islamwissenschaft“ hat immerhin einige Nazigrößen hervorgebracht. Sowohl Karl Georg Kuhn als auch Otto Rössler, beide bereits vor 1933 Mitglieder der NSDAP und Spezialisten für die „Judenfrage“, wurden 1945 aus dem Hochschuldienst entlassen, jedoch frisch entnazifiziert 1949 in jenen wiederaufgenommen. Otto Rössler war im „Dritten Reich“ damit beauftragt, arabische Länder auf die Seite Deutschlands zu ziehen. Und auch der 1926 in Tübingen habilitierte und in der deutschen Islamwissenschaft für seine Koranübersetzung bekannte Rudi Paret beteiligte sich munter am Kriegsgeschehen: Er dolmetschte 1941-1943 für das Deutsche Afrikakorps.

Mit den Verwicklungen der deutschen Orientalistik und dem NS-Staat hat sich Ekkehard Ellinger ausführlich in seiner Studie Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 von 2006 auseinandergesetzt. Aber auch diese kam mir in meinem Studium nicht unter.

Koloniales Erbe – an den Instituten gut aufgehoben?

Wie steht es also mit unserer Beschäftigung mit den Anderen? Und wie mit der mit uns selbst? Edward Said wies in seiner Studie nach, dass die Erschaffung und Beschäftigung mit dem Anderen sehr viel mehr über das Eigene aussagt. Indem diese zwei Seiten dichotom gegenübergestellt werden, wird das Eigene dem Anderen als überlegen institutionalisiert.

Der „Orient“ ist dabei eine vage Vorstellung des (zumeist männlichen) weißen Europäers von Mystik und Exotik. Chaotisch und unterentwickelt, ist er dazu geeignet, durch Europa „zivilisiert“ zu werden.

Hierin zeigt sich, dass der „Orient“ so nicht existiert. Er wurde durch den weißen Europäer als Konstrukt erschaffen, damit er ihn definieren, ihn sich Untertan machen und vor allem sich selbst überlegen fühlen konnte. Und auch wenn sich Deutschland gerne auf den Standpunkt einer vermeintlich harmlosen philologischen Tradition zurückzieht, zeigt selbst ein kurzer Blick in die Geschichte der Institute, dass auch diese in der kolonialen Dynamik keineswegs unschuldig ist.

Leider weisen Lehre und Forschung in Deutschland eher auf die Beschäftigung mit den Anderen als mit dem Eigenen darin hin. Postkoloniale Theorie wird häufig als Randphänomen behandelt und die Frage, wer in den Instituten über wen lehrt, bleibt meist ungestellt.

Die Einführungsvorlesungen zu Themen wie „islamischer Geschichte“ oder „Kultur“ erfolgt in großen Teilen durch Kartoffelpersonal, gelesen werden die Standardwerke westlicher Wissenschaftler_innen.

Lehrende mit dem Hintergrund der beforschten Regionen finden sich als Muttersprachler_innen meistens in den Sprachkursen. Zudem zeigt die nach wie vor weite Verbreitung von irgendwie „orientalisch“ im Namen, dass der Regionenbegriff oft nicht grundlegend hinterfragt wird.

Natürlich gibt es hier immer wieder Gegenbeispiele in Forschung und Lehre. Etwa transregionale Forschungszentren, die ihren Blick auf Verflechtungen, anstatt Dichotomien richten, wie das Postdoc-Program EUME (Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa). Oder das Marburger Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS), das 2006 bewusste Schritte hin zu mehr Interdisziplinarität unternahm.

Aber auch an deutschen Unis etablierte Wissenschaftler_innen aus den Regionen, wie der Leiter der Abteilung für Politik am CNMS Rachid Ouaissa, sie alle flimmern als Hoffnungsschimmer einer postkolonialen Utopie in der deutschen Unilandschaft.

Von einer grundlegenden Hinterfragung der eigenen Disziplin und inwiefern diese heute zur Hilfswissenschaft für neokoloniale Praktiken in Politik, Wirtschaft und Entwicklungshilfe (pardon, internationale Zusammenarbeit) wird, ist die deutsche Orientalistik jedoch weit entfernt.

Zwar mag sich die Vernetzung in die Zielregionen heute mehr auf Augenhöhe bewegen als in den 1940ern, die oben geschilderten Zustände sind mir in meiner Studiengeschichte jedoch immer wieder begegnet – und ich habe immerhin an drei verschiedenen deutschen Universitäten gelernt.

Der Ruf nach mehr Diversität in den Instituten, mehr Selbstkritik und mehr postkolonialer Theorie in der Lehre bleibt also eine Aufgabe, an die sich eine neue Generation mit beschwingender Radikalität heranwagen sollte. Der internationale Trend in diese Richtung und das große Potential, das darin steckt, sollte nicht mit scheinbar harmlosen Debatten über die Syntax in den Märchen von Tausend und einer Nacht verpasst werden.

Denn auch deren Übersetzung erschafft eine Vorstellungswelt, die wesentlich durch den Horizont des_der Übersetzer_in geprägt wird. Und diese gilt es zu hinterfragen.

 

Leonie hat Arabistik, Islamwissenschaft und Soziologie in Bochum, Hamburg und Leipzig studiert. Ihr Bezug in die Region ist vor allem durch einen zweijährigen Aufenthalt in Tunesien geprägt. Zurzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Ethnologie der Universität Leipzig und als freie Literaturübersetzerin. Bei Alsharq...
Redigiert von Adrian Paukstat, Daniel Walter