Karosh Tahas Gulistan ist ein körperliches Überwältigtwerden. Das Buch fordert und beansprucht die Lesenden auf allen Ebenen, um die Geschichte von Kurd:innen unter der Gewaltherrschaft Saddam Husseins erfahrbar zu machen.
Çîya und Gulistan sind Kurd:innen im baathistischen Irak der 1980er‑Jahre. Alles beginnt in der Schneiderei von Çîya. Der Laden trägt den kurdischen Namen Gulistan, Blumengarten, benannt nach seiner Ehefrau. Nach dem Besuch von Regimeschergen, die ihn zu dem Namen seines Ladens befragen, verschwindet Çîya. Gulistan begibt sich auf die Suche nach ihm und entdeckt ihn in der Gestalt eines Doppelgängers Saddam Husseins schließlich wieder.
Der Roman Gulistan erzählt von der unerbittlichen Herrschaft des Diktators Saddam Hussein, die den Menschen nicht nur ihre Freiheit raubt, sondern bis in ihre Körper, ihre Sprache und ihre Wahrnehmung vordringt. Als Kurd:innen sind Çîya und Gulistan zusätzlichen Repressionen ausgesetzt, die die Autorin Karosh Taha besonders durch die literarische Bearbeitung von und mit Sprache erfahrbar macht.
Stigmatisierung der kurdischen Sprache
So wird Gulistans Stottern im Text visuell sichtbar: durch vergrößerte Wortabstände, die das Stocken ihrer Sprache auch auf der Seite hörbar machen. Doch dieses Stottern ist mehr als eine sprachliche Eigenheit. Es entsteht dort, wo die Kurdin Gulistan gezwungen ist, in einer ideologisch aufgeladenen Sprache zu sprechen. Wenn sie sich auf Arabisch an Polizisten wenden muss, wird Sprache selbst zum Ort der Lähmung und macht ihr „Anderssein“ hörbar – und zieht Feindseligkeit nach sich, sogar beim Krankenhauspersonal, als Gulistan dort nach ihrem Mann sucht.
Welche Auswirkungen die Stigmatisierung und das Verbot der kurdischen Sprache auf das Individuum in Saddams Irak haben, zeigt Taha eindrücklich an etwas so Grundlegendem und Persönlichem wie einem Namen. Çîya kann sein Kurdischsein im Gespräch zunächst vor den Lakaien des Regimes verbergen, wahrscheinlich weil sein Arabisch „gut genug“ ist, doch letztlich wird ihm sein kurdischer Name zum Verhängnis: „Sein Name Çîya war ein Berg der ihn verriet.“ [sic]
Çîya bedeutet „Berg“ auf Kurdisch. Die Berge sind für kurdische Menschen Teil ihres geografischen Bezugs zur Welt, ein Schutzraum. Es gibt einen weitverbreiteten Spruch unter Kurd:innen, der in verschiedenen Variationen auftritt, aber immer dieselbe Botschaft trägt: Ji çiyan pê ve tu heval nînin. Es gibt keine Freunde außer den Bergen. Bei Taha bietet nicht einmal dieser bergige Rückzugsort Schutz vor der Diktatur Saddams. Für Gulistan wird der eigene Name zum Ort des Verstummens: „Wie dieser Name mir den Mund schloss und nur die Ohren Çîyas mich befreien konnten.“
Gewalt und Sprache
Die durchdringende Erfahrbarkeit des Romans entsteht auch durch Tahas Sprache selbst. Immer wieder greift sie auf Wörter und Bilder zurück, die dem menschlichen Körper innewohnen, und setzt sie in ungewohnte, teils verstörende Beziehungen zueinander: „Wenn ich mit den Beinen die Straßen zeichnete verschwanden alle Tage zu einer Vergangenheit als es nur noch Gesichter gab die mich jagten. Unser Mund wiederholte sich im Mund eines anderen im Gebet: Brich diese Stadt auf.“ [sic]
Gewalt verdreht, seziert, fragmentiert Körper. Vielleicht lässt sich gerade dadurch erahnen, was das Leben in einer Diktatur mit einem Menschen macht: wie Gewalt nicht außerhalb des Körpers bleibt, sondern sich wortwörtlich in jeder Zelle des Körpers einnistet.
„Gulistan zeigte auf ihren Körper mit Flüssen auf dem Rücken wie Narben. Er hat schon Çîya getötet, sagte Gulistan einmal zu den Geheimgestellten, und einmal sagte sie: Ich habe Çîya mitgebracht aus Rippen geflochten.“
„Es gibt Fälle von schwebenden Händen die vom Körper nicht vermisst werden. Die Beine bilden eine noch unbekannte Schnittstelle.“ [sic]
In drei Sprachen
Karosh Taha fügt ihrem Roman eine weitere Schicht hinzu, indem sie neben dem dominierenden Deutschen auch Englisch und Kurdisch sprechen lässt. Am überraschendsten ist dabei vielleicht das Englische: Es erscheint, wenn Ausschnitte aus einem realen Interview mit Saddam Husseins ehemaligem Leibarzt Ala Bashir in den Text eingefügt werden. Taha schreibt: „Sein Englisch unterbrochen von der Suche nach einem Wort – das ist die Sprache, in der wir uns begegnen.“
Gerade dieser Satz ist bemerkenswert. Englisch wird hier zu einer gemeinsamen, scheinbar „neutralen“ Sprache. Auf der einen Seite steht ein arabischer Erstsprachler, dessen Sprache im Irak als Instrument politischer Unterdrückung eingesetzt wurde; auf der anderen eine Sprecherin des Kurdischen, einer Sprache, die marginalisiert wurde. Im Englischen begegnen sie sich auf einem vermeintlich gleichen sprachlichen Terrain.
Auch Teil deutscher Gegenwart
Kurdisch selbst ist im Roman am wenigsten präsent. Es taucht in kurzen Einschüben und einzelnen, isolierten Sätzen auf. Gerade diese Fragmentierung spiegelt die Stellung der Sprache wider – im Irak ebenso wie in den anderen Teilen Kurdistans. Eine Sprache, die trotz ihrer tiefen Verankerung im Leben ihrer Sprecher:innen an den Rand gedrängt wird.
Und dadurch, dass Gulistan auf Deutsch geschrieben ist, verortet Karosh Taha diese Geschichte damit auch in Deutschland. Denn die Gulistans, die Çîyas und die Saddams gehören nicht nur zur Geschichte des Irak oder Kurdistans. Sie leben auch in Deutschland. Ihre Geschichten sind längst Teil deutscher Gegenwart, Teil Deutschlands. Einmal formuliert die Autorin diese Verbindung in Gulistan ganz unmissverständlich: „Du musst in ein Land, wo man einmal Menschen verbrannte.“
Kampf um Raum, Sicht- und Erzählbarkeit
Viel ließe sich auch über die besondere grafische Gestaltung des Buches sagen. Besonders eindrücklich ist jedoch, wie sich in der zweiten Hälfte die räumliche Anordnung des Textes auf der Seite verändert: Der Textteil, der zunächst am unteren Seitenrand beinahe wie eine Fußnote und klar durch einen Strich vom „Haupttext” abgetrennt erscheint, nimmt – im wahrsten Sinne des Wortes – immer mehr Raum ein. Bis er ihn schließlich vollständig verdrängt und die ganze Seite konsumiert. Blättert man durch diesen Teil des Buches, entsteht der Eindruck eines subversiven Daumenkinos. Die Form des Textes selbst wird so zum Ausdruck eines Kampfes um Raum, Sicht- und Erzählbarkeit.
Wie herausfordernd das ist, erleben die Leser:innen auch hier am eigenen Leib, denn es entwickeln sich zunehmend zwei optisch parallel verlaufende Texte, die aber inhaltlich nicht klar voneinander abzugrenzen sind. So müssen sich die Leser:innen entscheiden, welchem Textteil sie zunächst folgen wollen. Entscheidet man sich beispielsweise, den oberen Textteil „aufzulesen“, muss man anschließend wieder zurückblättern, um an den Anfang des unteren Textteils zu kommen. Das Gelesene von oben und unten vermischt sich, der Blick schweift unwillkürlich wieder nach oben, nach unten. Gulistan fordert die ganze Aufmerksamkeit (ein).
Ein literarisches Gegendenkmal
Und doch gibt es Momente, in denen Taha keinerlei Unklarheit zulässt. Historische Referenzen auf die Leidensgeschichte der Kurd:innen, etwa auf den Giftgasangriff auf die kurdische Bevölkerung in der Stadt Halabdscha im Jahr 1988, sind so explizit gesetzt, dass es fast wirkt, als wolle die Autorin an diesen Stellen sicherstellen, dass es auch wirklich alle verstehen.
„Wir haben mitgebracht
den Wind am 16. März 1988 aus Helebçe
die Anordnung zu Amputationen
Wir haben mitgebracht
Unübersetzbares
die Berührung des Krieges“
Und das hat einen Grund: In Zeiten, in denen Menschen im Irak in eine Saddam-Nostalgie verfallen und weltweit autoritäre Kräfte an Zug gewinnen, setzt Karosh Taha ein literarisches Gegendenkmal all jenen, deren Geschichten und Schicksale Anlass zur Warnung an uns alle sind. Wir müssen ihnen aufmerksam zuhören, auch wenn es Anstrengung und Kraft kostet. Und wenn wir es beim ersten Mal nicht verstehen, dann müssen wir weiter zuhören.
Karosh Taha: Gulistan, DuMont Verlag, Köln 2026.



















