12.03.2026
Ein Gespenst geht um in den Medien – das Gespenst von Reza Pahlavi
Foto: Anti-islamische Republik Demonstrant:innen feiern Khameneis Tod in Göteborg, Schweden, 7. März 2026 von Crannofonix News (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anti-Islamic_Republic_Iran_protest_Gothenburg_2026-03-07_29.jpg).
Foto: Anti-islamische Republik Demonstrant:innen feiern Khameneis Tod in Göteborg, Schweden, 7. März 2026 von Crannofonix News (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anti-Islamic_Republic_Iran_protest_Gothenburg_2026-03-07_29.jpg).

Reza Pahlavi dominiert die Medien, andere Stimmen verschwinden – ein altbekanntes Muster, das demokratische Vielfalt in Iran bedroht.

Dieser Text ist auf Englisch am 06. Februar 2026 bei Fair Observer erschienen. Dis:orient veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autoren eine von Rojan übersetzte und gekürzte Version.
 

Aufgrund der langjährigen Spannungen in Iran unter dem iranischen Regime und der ungelösten Folgen des Jin, Jiyan, Azadî (Frau, Leben, Freiheit)-Aufstands sind erneut landesweite Proteste ausgebrochen, die aus sozialpolitischen, wirtschaftlichen, ethnonationalen und geschlechterbasierten Belastungen resultieren. Während der Demonstrationen entfaltete sich gleichzeitig ein Krieg der Narrative über Politik, Führung und Legitimität in oppositionellen Diaspora-Medien und teils in internationalen Medien. 

Einige Medien präsentierten sich als Plattformen der Opposition. Durch ihre Berichterstattung bestimmten sie jedoch maßgeblich, welche Oppositionsstimmen sichtbar wurden und welche weniger Beachtung fanden. Propaganda zeigt sich hier nicht als Falschinformation, sondern in der selektiven Hervorhebung von Fakten, die bestimmte Stimmen begünstigt. Ähnliche Dynamiken zeigen sich auch bei politischen Figuren: Medien tragen zur Inszenierung Reza Pahlavis bei, des im Exil lebenden Sohns des letzten iranischen Monarchen.

Der Personenkult und die mediale Mythenbildung

Während des aktuellen Aufstands ließ die Medienberichterstattung vermuten, dass Pahlavi die Protestierenden angeführt habe. Natürlich stellt sich hier nicht die Frage, ob er Unterstützer:innen im Iran hat – das tut er –, sondern ob er wirklich im Zentrum der jüngsten Proteste stand, wie die BBC behauptete. Obwohl diese Medien daran interessiert sein mögen, Oppositionsstimmen zu verbreiten, um das Regime zu stürzen, scheinen sie die Nuancen der sozialen Sensibilitäten des Iran nicht zu erfassen.

Ihre jüngste umfassende Berichterstattung über Reza Pahlavi, der als die „zentrale Figur“ der Opposition dargestellt wird, fällt mit dem Nachlassen der Aufstände in mehreren kurdischen Städten zusammen. Gerade dort blieben Proteste teilweise begrenzt oder konnten sich gar nicht erst ausweiten.

Dazu gehören Sine (Farsi: Sanandasch), die Hauptstadt, und Seqqiz, wo die Jin, Jiyan, Azadî-Proteste 2022 ihren Anfang nahmen. Dieser Umstand ist besonders drastisch vor dem Hintergrund der systematischen Verletzungen der ethnonationalen Rechte in nicht-persischen Regionen durch die frühere Pahlavi-Dynastie. Vor diesem Hintergrund erscheint die mediale Zentrierung auf Pahlavi besonders problematisch, da diese solche Darstellungen nicht nur taktlos erscheinen lässt, sondern auch als politisch potenziell zersetzend.

Innerhalb weniger Tage schienen populäre persische oppositionelle Medienplattformen und Fernsehsender wie Independent Farsi, BBC Persian, Iran International und Manoto eine gemeinsame redaktionelle Linie einzuschlagen. Ihre Berichterstattung bestand nicht mehr nur aus einzelnen Meldungen über die Proteste, sondern wirkte zunehmend wie eine sorgfältig zusammengestellte Abfolge von Beiträgen. Während der Proteste traten durch die redaktionelle Auswahl, Wiederholung und Rahmung bestimmter Inhalte differenzierte, kontextreiche und vielstimmige Analysen immer stärker in den Hintergrund.

#MediaCoup: Wie persische Medien die iranische Opposition legitimieren

In der Debatte über die demokratische Zukunft Irans werden Auseinandersetzungen darüber, wer die Opposition repräsentiert, häufig ebenso in Redaktionsräumen wie auch auf der Straße ausgetragen. Dabei zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Persischsprachige Diaspora-Medien stellen bestimmte Akteure als „legitime Opposition“ in den Vordergrund und marginalisieren andere.

Diese Dynamik wurde 2023 während der #MediaCoup-Kontroverse besonders sichtbar, die zeigte, wie Medienmacht auch als Instrument politischer Einflussnahme wirken kann. Im selben Jahr traten mehrere nicht-persische und nicht-monarchistische Journalist:innen aus oppositionellen persischsprachigen Diaspora-Medien zurück. Ihre Rücktritte fielen mit einer Kampagne unter dem Hashtag #MediaCoup zusammen, in der Nutzer Medien vorwarfen, Reza Pahlavi zu bevorzugen, alternative Stimmen zu boykottieren und Themen selektiv abzudecken – häufig mit Fokus auf persisch bewohnte Gebiete.

Bis 2026 verstärkten nachfolgende Ereignisse diese Kritiken. Während der jüngsten Proteste kursierten hauptsächlich Videos von Pahlavi-Unterstützer:innen. Andere Aufnahmen, die andere Slogans zeigten oder Clips, in denen Pahlavi-Anhänger:innen nicht-monarchistische Gegner:innen physisch angriffen, sexuell und verbal belästigten, erhielten kaum oder keine Kritik von den Medien. Diese Ereignisse zeigen ein Muster von Medien-Gatekeeping, das beeinflusst, welche Opposition als akzeptabel, respektabel und glaubwürdig wahrgenommen wird.

Dieses Muster, einen einzigen starken Führer zu erhöhen und andere Stimmen zu marginalisieren, ist in Iran nicht neu. Während der Grünen Bewegung (2009) wurden Mir Hossein Mousavi und Mehdi Karroubi, die beide mittlerweile unter Hausarrest stehen, aber langjährige Positionen innerhalb des repressiven Apparats des Regimes innehatten, in den persischen Diaspora-Medien als die einzigen Führer des Kampfes um Freiheit dargestellt. Kritik nicht-persischer Gemeinschaften an ihrer umstrittenen politischen Vergangenheit fand dagegen kein Gehör. Infolgedessen schlossen sich die Menschen in nicht-persischen Regionen nicht den Aufständen an. Die Bewegung war weitgehend auf persisch bewohnte Gebiete beschränkt.

Khomeinis Gesicht auf dem Mond

Ein ähnliches Beispiel ereignete sich 1979, als Ayatollah Khomeini als die einzige „wahre“ Stimme der iranischen Revolution erhöht wurde. Zu dieser Zeit lehnten die Kurd:innen seine Führung ab, doch ihr Widerstand blieb ungehört.

Gleichzeitig verbreitete sich in persisch geprägten Regionen das Gerücht, Khomeinis Gesicht werde auf dem Mond erscheinen. Die Geschichte zirkulierte nicht nur mündlich, sondern auch über das Radio der BBC Persian. Ohne das Gerücht ausdrücklich zu bestätigen, griffen es Sendungen auf und verliehen ihm so zusätzliche Glaubwürdigkeit. Das stärkte Khomeinis Stellung und drängte andere Stimmen und Entwicklungen in den Hintergrund. Viele Iraner:innen warteten tatsächlich darauf, ihn als beinahe messianische Figur am Himmel zu erblicken.

Einige Iraner:innen glauben noch immer, dass der erwähnte BBC-Bericht zusammen mit weiteren BBC-Interviews mit Ruhollah Khomeini den Verlauf der Iranischen Revolution mitgeprägt habe – eine Wahrnehmung, die dem Sender in Iran den Beinamen „Ayatollah BBC“ einbrachte. Entscheidend ist dabei nicht die Annahme, Medien würden Revolutionen hervorbringen; vielmehr können sie durch Rahmung, selektive Verstärkung und moralische Überhöhung einen scheinbar unangreifbaren Führer legitimieren und so einen Personenkult stabilisieren, der den Verlauf politischer Umbrüche beeinflusst.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der persische „#MediaCoup“ weniger als Streit über Voreingenommenheit verstehen, sondern eher als Kampf um vermittelte Legitimität. Ähnliche Muster sind weiterhin sichtbar, etwa in dem weitgehend unkritisch behandelten „Emergency Period Booklet“ von Reza Pahlavi.

Wie sich Pahlavi die Zukunft Irans vorstellt

Im Juli 2025 veröffentlichte Reza Pahlavi das „Emergency Period Pamphlet”, in dem er seine Vision für Iran nach der Islamischen Republik umreißt und sich selbst als „Führer des nationalen Aufstands“ präsentiert. Er beansprucht, im Namen von rund 90 Millionen Menschen zu sprechen, und schiebt andere politische Alternativen beiseite. Klausel 12.6 beispielsweise schlägt ein Referendum vor, das Irans Zukunft auf die Wahl zwischen Monarchie und Einheitsrepublik reduziert und damit Forderungen von Föderalismus von nicht-persischen Staatsbürger:innen ausschließt.
 

Klausel 6 sieht vor, dass die Mitglieder der Institution des Nationalen Aufstands vom Führer ernannt werden und jede Änderung seine Zustimmung benötigt – echte Unabhängigkeit besteht nicht. Diese Machtkonzentration birgt das Risiko, autoritäre Muster zu reproduzieren. Dies sind nur zwei von mehreren kritischen Punkten im Pamphlet und in öffentlichen Aussagen von Pahlavi, über die die Medien bislang kaum berichteten.

Das Risiko, die Geschichte zu wiederholen 

Internationale Medien sollten nicht erneut als Sprachrohr für weitere persische Autoritäten dienen. 1979 stimmte das iranische Volk zu Beginn der Islamischen Republik in einem Referendum für ihre Errichtung; nur in Kurdistan wurde dagegen gestimmt.

Infolgedessen erließ Khomeini eine Fatwa, die zum Jihad aufrief, und schickte iranische Militär- und paramilitärische Kräfte, um Kurdistan zu unterdrücken, was zu weit verbreiteten Massakern führte.

Heute droht sich dieses Muster zu wiederholen: Das „Gespenst“ von Reza Pahlavi erscheint nicht auf dem Mond, sondern in den Medien, die andere Stimmen – besonders nicht-persische – an den Rand drängen. Die Perspektive eines demokratischen, pluralistischen Irans gerät erneut ins Hintertreffen. Während entscheidender Phasen der Aufstände vermittelten viele Medien kaum, das Gefühl, dass alle Teil der Zivilgesellschaft gehört werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Menschenrechtsverletzungen der Pahlavi-Dynastie und Pahlavis führerzentriertem Programm blieb weitgehend aus; vereinzelt setzte Kritik erst nach Abflauen der Proteste ein.

Dieses Muster zeigt, wie wichtig ausgewogene Berichterstattung ist: Wenn in den nächsten Aufständen wieder ein weiterer persischer Machthaber dominiert, werden die Demonstrationen erneut scheitern. Wenn die Stimmen der Nicht-Perser:innen wieder ungehört bleiben, ist eine demokratische Zukunft unmöglich. Und wenn die Medien behaupten, „Völker“ zu repräsentieren, müssen sie alle repräsentieren; Schweigen angesichts der Ausgrenzung bedeutet sich mitschuldig zu machen.

 

 

 

 

 

 

 

Robîn Fakhari ist ein kurdischer Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler mit einem BA in Englischer Literatur und einem MA in American Studies. Derzeit spezialisiert er sich auf Kurdische Studien. Seine Forschungsinteressen umfassen u.a. politische und kulturelle Studien, Diskursanalyse, Identität, Literatur- und Kunstsoziologie sowie...
Redigiert von Filiz Yildirim, Vincent Metzger, Regina Gennrich