Der Krieg spaltet: Während ihn Monarchist:innen feiern, rechtfertigen andere ihn als Widerstand gegen den Imperialismus. Ein persönlicher Blick auf Zugehörigkeit, Protest und verlorene Solidarität im Exil.
Als iranische Feministin, die sowohl an pro-palästinensischen als auch pro-kurdischen Demonstrationen in Deutschland teilnahm, weiß ich, dass sich politische Kämpfe, historische Kontexte und Formen der Gewalt gerade aus einer geopolitischen Perspektive nicht immer eindeutig zuordnen lassen. Dennoch schmerzt es mich zu sehen, wie die Sprache des Widerstands von Menschen vereinnahmt wird, die sich hinter einen Staat stellen, der die eigene Bevölkerung negiert.
„So ist Krieg. Er tötet nicht nur Menschen oder zerstört Infrastruktur. Er zerreißt Beziehungen, löst Gemeinschaften auf und verschiebt Grenzen“, sagte Sally zu mir – meine Online-Freundin aus den USA In meinen Jahren im Exil hatte ich das Glück, eine virtuelle Heimat mit Feminist:innen, Aktivist:innen und Mitstreiter:innen auf der ganzen Welt zu teilen. Aber selbst dieser Zufluchtsort fühlt sich brüchig an – verschärft durch den Blackout in Iran, der uns von unseren Angehörigen und Freund:innen in einem vom Krieg geplagten Land trennt.
Als iranische Frau im Exil kann ich nur aus der Ferne zusehen, wie die USA und Israel nicht nur Städte, Infrastruktur und Energieversorgung Irans bombardieren, sondern auch das kulturelle Erbe: die Paläste Chehel Sotoun und Ali Qapu, die Masdsched-e Dschameh Moschee in Isfahan, den Golestan-Palast in Teheran und die Burg Falak-ol-Aflak in Lorestan. Diese Jahrhunderte alten Bauwerke werden unter den Augen ungläubiger, wütender und hilfloser Menschen zu „Kollateralschäden“.
Gespaltene Diaspora
Bereits vor Beginn des Krieges war die iranische Diaspora polarisiert – getrennt durch Politik, Ideologie und Erinnerungskultur. Der Angriff auf Iran hat diese Spaltungen vertieft und soziale Netzwerke in einen umkämpften Raum verwandelt.
Stimmen wie die von Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, die die USA und Israel zur Intervention aufforderten, um das Regime der Islamischen Republik zu stürzen, wurden lauter. Andere plädieren für die Verteidigung des Regimes, das Raketen in Richtung USA und Israel abfeuert, als einzigen Weg, den Widerstand Irans aufrechtzuerhalten.
Jede kritische Haltung wird unterdrückt. Wer sich gegen die zerstörerischen Folgen des Krieges ausspricht, wird als Unterstützer:in des Regimes angesehen. Viele Linke, darunter auch solche, die für ihre Überzeugungen jahrelang Gefängnis und Folter erdulden mussten, werden zum Schweigen gebracht oder der Komplizenschaft bezichtigt.
Die iranische Diaspora hat sich gegenseitig im Blick – ohne dabei das Schicksal der Menschen in Iran mitbestimmen zu können. Welchen Einfluss haben wir? Was bleibt von der Solidarität innerhalb der Diaspora? Ein fragiles „Wir“, dass gemeinsam gegen den israelischen Genozid in Gaza stand, gegen das lautstarke Schweigen der Welt über das Schicksal der Palästinenser:innen, Libanes:innen und Syrer:innen. Das „Wir“ zerbrach zuerst an den gegensätzlichen Positionen zu den Massakern an der iranischen Bevölkerung Anfang Januar. Die Gräben haben sich durch Krieg, durch Schweigen und durch Haltungen, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, weiter vertieft.
Bilder aus der Heimat
In den letzten drei Monaten habe ich Videos von Eltern gesehen, die auf den Gräbern ihrer bei den Protesten Anfang Januar diesen Jahres getöteten Kindern tanzten – aus Widerstand gegen das erzwungene Schweigen. Videos von Familien, die die mehr als 150 getöteten Schulmädchen in Minab an der Straße von Hormus betrauern – getötet durch einen US-amerikanischen Raketenangriff. Videos, wie Menschen im ganzen Land aus Trümmern geborgen werden. Trauer kommt immer wieder zurück und richtet sich nicht nach politischen Gewissheiten.
In der Zwischenzeit, außerhalb Irans, tanzen einige und skandieren „Trump, wir lieben dich“. Während sie die Fahne Israels schwenkten, beleidigten sie die Unterstützer:innen der islamischen Republik, um sie einzuschüchtern. Reza Pahlavi, selbsternannter Anführer des Regimewechsels, sprach den Familien der drei im Krieg getöteten amerikanischen Soldaten sein Beileid aus, nicht jedoch den Familien der Zivilist:innen.
Gleichzeitig kehren andere nach Iran zurück, um sich dem anzuschließen, was sie „Widerstand“ nennen. Manche stellen Videos aus Teheran ins Internet, obwohl Krieg und Blackout weiter andauern. Eine Frau, die am Al-Quds-Tag – einer jährlich vom Staat organisierten Demonstration zur Unterstützung Palästinas – eine Kufiya, aber keinen Hidschab trug, sagte auf Englisch gegenüber den staatlichen Medien: „Sie haben unser Land angegriffen, und wir werden es für sie zu IsraHell machen.“
Die Illusion der Veränderung von Innen
Auch ich stand zu überraschenderweise bereits bei einer Kundgebung zum Al-Quds-Tag. Es war das Jahr 2009, während der Massenproteste, die als Grüne Bewegung bekannt wurden. Millionen Iraner:innen gingen nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl auf die Straße. Bei dieser Kundgebung zum Al-Quds-Tag trug ich ein grünes Armband und skandierte den Namen von Mir Hossein Mussawi, dem Oppositionskandidaten, von dem viele glaubten, er habe gewonnen. Wie viele andere nahm ich an einer staatlich geförderten, religiösen Demonstration teil, die ich sonst gemieden hätte. Der einzige Grund war, dass sie einen der wenigen Räume bot, in denen Dissens noch geäußert werden konnte. Es war ein Moment, in dem die Menschen ihre üblichen Grenzen und Überzeugungen beiseite schoben, um gesehen und gehört zu werden.

Derselbe Pragmatismus zeigte sich in der Unterstützung Mussawis. Als letzter Premierminister von Iran war er zum Ende der 1980er Jahre im Amt, als tausende Genossen meiner Eltern hingerichtet wurden und das Land unter dem ersten Golfkrieg litt. Trotzdem stellten sich 2009 zahlreiche Menschen hinter ihn als Träger des Wandels. Ihn zu unterstützen bedeutete, über eine Vergangenheit hinwegzusehen, die ihn unter anderen Umständen inakzeptabel gemacht hätte. Seit Februar 2011 steht er zusammen mit seiner Frau unter Hausarrest. Immer wieder erforderte der Wunsch nach politischer Teilhabe unsichere Bündnisse – Entscheidungen, die weniger von Überzeugung als von den begrenzten, sich wandelnden Möglichkeiten des Widerstands geprägt waren.
Angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen und politischen Lage folgten mehrere Protestwellen aufeinander, und mit jeder einzelnen gingen nicht nur Leben verloren, sondern ein Stück des Glaubens daran, dass Veränderung von innen möglich ist. Ich habe all das die letzten acht Jahre aus der Ferne in Deutschland beobachtet, da ich aufgrund meines Aktivismus in den „Frauen, Leben, Freiheit“-Protesten nicht zurückkehren konnte. Die Entfernung war nie eine Entscheidung – sie wurde mir aufgezwungen. Mit der Zeit fand ich jedoch Menschen in der iranischen Diaspora, die meine Überzeugungen teilten: die Leidenschaft für Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde. Der Krieg hat mich an den Schmerz der Trennung von einem Ort erinnert – aber auch an das Leid, das durch die fehlende Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entsteht.
Die unmögliche Heimat
Iran ist kein Land, in das ich zurückkehren und von dem ich mich halten lassen kann. Ja, es gab Orte: Chehel Sotoun, Bisotun. Graffiti. Geschichten. Die Wege zu unmarkierten Gräbern. Aber reicht das aus, damit es mein Land ist?
Ich denke an all die Momente, in denen Frauen versuchten, einer Patrouille zu entkommen, nur weil eine Haarsträhne zu sehen war – noch bevor Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der „Sittenpolizei“ ums Leben kam. Und ebenso daran, wie Frauen ohne Hidschab mit der iranischen Flagge und Fotos der Staatsführer gezeigt werden, um zu verdeutlichen, wie moderat und liberal der Staat ist. Das sind die Umstände, die die „Heimat“ geprägt haben, lange bevor der Krieg begann. Aber wie kann man einen Ort als seine Heimat bezeichnen, wenn die eigenen Angehörigen und Freund:innen wegen solchen Bagatellen wie Kriminelle auf den Straßen verfolgt werden?

Die islamische Republik hat mich und viele andere bereits von diesem Land entfremdet. Und jetzt verbindet sie im Duktus des Krieges das Schicksal der Menschen und des Landes mit dem eigenen Überleben – während andere aus der Ferne im Namen der Freiheit zur Zerstörung aufrufen. Zur gleichen Zeit fallen US-amerikanische und israelische Bomben auf Iran.
Verweigerung statt eindeutiger Positionierung
Sogar die Idee ein Land als „unseres“ anzusehen, beginnt sich wie ein Privileg anzufühlen – eines, dass nicht jedem von uns zufällt. Die Massaker von Januar 2026 zu ignorieren – die Jahrzehnte der Repression, der Inhaftierungen und des zwanghaften Schweigens nicht erst zu erwähnen – und sich hinter diesen Staat zu stellen, ob im Namen der Verteidigung Irans oder des Widerstandes gegen den Imperialismus: Es bedeutet, sich von dem Leben und der Würde abzuwenden, die diese Verteidigung angeblich beschützen will.
Bomben befreien diese Straßen nicht. Sanktionen beschützen diese Leben nicht. Regime, die durch Angst herrschen, verkörpern nicht die Menschen, die sie angeblich verteidigen.
Was bleibt, ist keine eindeutige Positionierung, sondern Verweigerung:
Verweigerung des Kriegs im Namen der Befreiung,
Verweigerung des Massakers,
Verweigerung eines Regimes, das schon lange die Würde der eigenen Menschen verachtet,
Verweigerung von Sanktionen, die diejenigen ersticken, die ohnehin am Rande ihrer Existenz stehen,
Und vielleicht auch die stille Trauer, ein „Wir“ zu verlieren, das einst möglich erschien.




















