Nach 75 Jahren französischer Kolonialherrschaft erlangte Tunesien 1956 seine Unabhängigkeit. Neben politischen Verhandlungen spielte bewaffneter Widerstand eine entscheidende Rolle: Wer waren die Fellagha und warum wurden sie vergessen?
Der Vertrag von Bardo aus dem Jahr 1881, auch bekannt als Vertrag von Ksar Said, markierte den Beginn des französischen Protektorats über Tunesien. Das Abkommen behielt formal die tunesische Verwaltung auf lokaler Ebene bei, gab Frankreich jedoch fast die vollständige Kontrolle über das nordafrikanische Land. Bereits im selben Jahr begann der bewaffnete Widerstand gegen die französische Herrschaft.
Diese erste Phase des Widerstands, die durch ein starkes Ungleichgewicht an Macht und Ressourcen gekennzeichnet war, wurde von der französischen Armee schnell niedergeschlagen. Darüber hinaus etablierte sich in den 1920er- und 1930er-Jahren eine Form des friedlichen zivilen Ungehorsams, angeführt von neu gegründeten Gewerkschaften und politischen Parteien wie der 1924 gegründeten Destour-Partei. Diese sollte ein Jahrzehnt später zur Neo-Destour-Partei werden.
Dementsprechend war in Tunesien – im Gegensatz beispielsweise zu Algerien – der bewaffnete Kampf nicht das primäre Mittel im Kampf gegen die Kolonialherren. Vielmehr gab es ein Wechselspiel zwischen politischer und bewaffneter Militanz, innerhalb dessen Verhandlungen jedoch das bevorzugte Mittel zur Erlangung der Unabhängigkeit waren.
Wer waren die Fellagha?
Der Name Fellagha, abgeleitet vom arabischen Wort al-Falāqa, was „Bandit” bedeutet, war ein allgemeinerer, von den französischen Kolonialist:innen verwendeter Begriff, zur Beschreibung bewaffneter Kämpfer:innen der Unabhängigkeitsbewegung. Als abwertender Begriff hielt er zu Beginn des Ersten Weltkriegs Einzug in die französische Sprache. Später, in den 1950er-Jahren wurde er als Bezeichnung aller Nationalist:innen, die sich am antikolonialen Kampf beteiligten, wiederbelebt. Befreit von der negativen Konnotation, die ihm ursprünglich von den Kolonialist:innen auferlegt worden war, benennt der Begriff heute diejenigen, die mutig gegen Unterdrückung, Besatzung und Ungerechtigkeit kämpften.
Die Fellagha, meist landlose Bauern oder marginalisierte Bewohner:innen der ländlichen und bergigen Regionen Tunesiens, waren in kleinen Gruppen organisiert. Sie versuchten, eine Art „Nationale Befreiungsarmee“ aufzubauen, wobei es jedoch laut der tunesischen Historikerin Amira Aleya Sghaïer – zumindest in der Anfangsphase des Kampfes – übertrieben wäre, von einer echten Armee zu sprechen. Da ihnen die Hierarchien, die Logistik und das Waffenarsenal fehlten, die normalerweise die Grundlage einer Armee bilden, agierten die Fellagha als bewaffnete Gruppen. Jede Gruppe war in ihrem eigenen Gebiet aktiv und daher weitgehend unabhängig; nur sporadisch koordinierten sie sich untereinander.
Diese führten kleine Guerilla-Operationen durch, die sich oft gegen französische Infrastruktur wie Strom- und Kommunikationsleitungen richteten. Das Ziel solcher Operationen war es, der Besatzungsmacht logistischen Schaden zuzufügen. Da die französische Präsenz in den ländlichen und bergigen Gebieten schwächer war, genossen die Fellagha dort meist die Unterstützung der lokalen Bevölkerung, die ihnen Verstecke, logistische Hilfe und Informationen zur Verfügung stellte.
Der Aufstieg des bewaffneten Widerstands
Ermutigt durch das politische Klima von 1952 und teilweise dank der Zusammenarbeit mit den libyschen und algerischen Befreiungsbewegungen wurde der bewaffnete Kampf strukturierter. Dementsprechend lässt sich eine zweite Phase des Kampfes der Fellagha in den Jahren zwischen 1952 und 1956 ausmachen, in der es ihnen gelang, sich zu einer echten Armee zu organisieren.
Nach gescheiterten Verhandlungen mit der französischen Regierung unter Bourguiba und Ben Youssef wurde ein neuer Generalresident Frankreichs eingesetzt: Jean de Hauteclocque – eher bekannt für seine Verbindungen zu konservativen französischen Politikkreisen als für seine diplomatischen Fähigkeiten – wurde entsandt, um Ordnung durchzusetzen, die Nationalist:innen zu unterdrücken und damit den Weg Tunesiens in Richtung Autonomie und Unabhängigkeit zu verhindern.
Nach Bourguibas Rundreise durch das Land, auf der er die Bevölkerung zum Widerstand aufrief, verbot der Generalresident den Nationalkongress der Neo-Destour-Partei. Hunderte seiner Mitglieder wurden verhaftet, darunter auch Bourguiba selbst. Diese Verhaftungen lösten Aufstände aus und verschärften die Opposition gegen die französischen Kolonialist:innen im Land.
Auch als der Widerstand 1952 nach der weitreichenden Unterdrückungswelle gegen die zivile Neo-Destour-Partei wieder aufgenommen wurde, wurden keine direkten Verbindungen zur bewaffneten Bewegung hergestellt. Der Hauptgrund für die Fortsetzung des Widerstands war dementsprechend ein politisches Klima, geprägt von starker Unterdrückung, vor allem in den Städten, welches viele Widerstandskämpfer:innen zwang, aufs Land zu ziehen.
Ein umstrittener Kompromiss
1954 wurde mit dem Amtsantritt des französischen Premierministers Pierre Mendès-France eine versöhnlichere Politik eingeschlagen. Aus Sorge, dass der Aufstand der Fellagha Tunesien in ein zweites Indochina verwandeln könnte, entschied sich der französische Premierminister, Verhandlungen mit Bourguiba aufzunehmen. Am 3. Juni 1955 wurde ein politischer Kompromiss erzielt: Tunesien würde sich selbst regieren, aber Frankreich würde weiterhin Macht und Einfluss ausüben, indem es die Kontrolle über Schlüsselbereiche wie Verteidigung und Außenpolitik behielt.
Dieser Kompromiss spaltete Tunesien in zwei Fraktionen: Die eine Fraktion wurde vom späteren Präsidenten und Mitbegründer der Neo-Destour-Partei, Habib Bourguiba, angeführt; auf der anderen Seite stand eine radikalere Fraktion unter der Führung von Salah Ben Youssef, einem weiteren prominenten Mitglied der Partei. Letzterer geriet mit Bourguiba und seinen Anhängern in Konflikt, weil sie vollständige Unabhängigkeit forderten – nicht nur in inneren Angelegenheiten. Auf Ben Youssefs Kritik, dass diese Art der Unabhängigkeit „keinen einzigen Tropfen tunesischen Blutes wert“ sei, antwortete Bourguiba mit dem Slogan: „Unvollständige Unabhängigkeit ist besser als völlige Sklaverei“.
Die Fellagha nach der Unabhängigkeit: zwischen Unterdrückung und verweigerter Anerkennung
Am 20. März 1956 wurde das „Unabhängigkeitsprotokoll“ unterzeichnet: Frankreich gewährte die Unabhängigkeit – mit Ausnahme von Bizerte und seinem strategisch wichtigen Hafen, der erst 1963 aufgegeben wurde – unter der berüchtigten Formel, die der damalige Ministerpräsident Edgar Faure geprägt hatte: „Unabhängigkeit durch Interdependenz“.
Nach der Unabhängigkeitserklärung legten einige Gruppen der Fellagha ihre Waffen nieder und traten in die Verwaltungsorgane Tunesiens ein. Andere kämpften weiter gegen die im Land verbliebenen französischen Militäreinheiten. Viele Kämpfer:innen aus dem Süden Tunesiens boten der algerischen Befreiungsbewegung ihre Unterstützung an. Als Reaktion darauf, dass einige der Fellagha weiterhin gegen französische Einheiten kämpften und damit die gerade errungene Unabhängigkeit gefährdeten, begann Bourguiba, ihre Rolle bei der Befreiung öffentlich herunterzuspielen: Die neo-destourianische Presse versuchte, die Fellagha in einem ungünstigen Licht darzustellen, wobei einige der Fellagha sogar zum Ziel von Verurteilungen und Repressionen wurden, da sie als Anhänger von Ben Youssef galten. Viele ihrer Anführer:innen wurden im Laufe der Jahre in verschiedenen Prozessen hingerichtet und gefoltert.
Dementsprechend fühlten sich viele von ihnen von Bourguiba für seine politischen Zwecke ausgenutzt. Viele der Fellagha, die für die Unabhängigkeit gekämpft hatten, erhielten somit auch nie eine offizielle Anerkennung. Bis heute sind ihre Opfer nicht Teil der offiziellen Darstellung des tunesischen Unabhängigkeitskampfes und werden oft vergessen.



















