Die Meinungsfreiheit ist in Tunesien zunehmend eingeschränkt. Mit Graffitis halten Aktivist:innen dagegen und protestieren anonym. Aber auch als Kunstform gewinnen Graffitis zunehmend an Bedeutung.
2023 sprühte Rached Tamboura die Worte „racist, vassal, greed, fascist“ (Englisch für „Rassist, Vasall, Gier, Faschist“) an eine öffentliche Wand in der tunesischen Küstenstadt Monastir – neben seinem Graffiti des aktuellen Präsidenten Kais Saied. Die Folgen waren gravierend: Der damals 28-jährige Graffitikünstler wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, im Juli 2025 endete seine Haftstrafe.
Tamboura, der auch Mitglied der Ultra-Fußballfans in Monastir ist, verbrachte zwei Jahre im Gefängnis, weil er in mehreren Graffitis die rassistischen Äußerungen von Präsident Saied gegenüber Migrant:innen aus Subsahara-Afrika kritisiert hatte. Strafrechtlich verfolgt wurde er nach Artikel 67 des tunesischen Strafgesetzbuchs wegen „Beleidigung des Präsidenten“ sowie nach Artikel 24 des 2022 erlassenen umstrittenen Präsidentialdekrets Nr. 54, das besagt, dass jede Person, die vorsätzlich Fake News verbreitet mit bis zu fünf Jahren Haft und einer Strafe von 50.000 Dinar (ca. 15.000 Euro) bestraft werden kann.
Ein Kampf um Meinungsfreiheit
Dabei ist Tambouras Fall kein Einzelfall und betrifft nicht nur Graffitikünstler:innen, sondern auch Journalist:innen und Menschen, die ihre politische Meinung auf Facebook oder TikTok kundtun. Er steht exemplarisch für ein breiteres Muster im heutigen Tunesien, wo Dissens, humanitäre Arbeit – insbesondere zugunsten von Migrant:innen – und künstlerischer Ausdruck zunehmend kriminalisiert werden. Trotz solcher Einschüchterungen wie der Tambouras sprechen die Wände weiter.
In einem Land, in dem das Äußern von Widerspruch zu Strafverfolgung führen kann, werden Graffitis zu weit mehr als einer Kunstform. Es ist ein Anspruch auf den öffentlichen Raum, ein Ausdruck von Sichtbarkeit und eine Weigerung, zum Schweigen gebracht zu werden.
Ben Alis Herrschaft war berüchtigt für die strenge Kontrolle über das öffentliche Leben – Zensur, Überwachung und Unterdrückung abweichender Meinungen waren Alltag. Unabhängiger Journalismus existierte nicht, Oppositionsparteien wurden zum Schweigen gebracht, und selbst die Kunst wurde streng kontrolliert. Galerist:innen deuteten politische Werke von Kunstschaffenden oft um oder zeigten sie gar nicht erst, um keine Aufmerksamkeit bei den Behörden zu erregen.
Für viele wurde Graffiti zu einer Art stillen Widerstands: ein Weg, im öffentlichen Raum zu existieren, ohne Erlaubnis und ohne direkt „gesehen“ zu werden – und doch unmöglich zu ignorieren. Denn anders als Aktivismus in sozialen Medien, greift Graffiti unmittelbar in den Alltag ein. Die Motive begegnen Menschen auf Straßen, in Gassen und auf Plätzen und konfrontieren auch jene, die soziale Medien kaum nutzen.
„Ich zeichne, was ich fühle“
Heute, in einer Zeit erneuter Autokratisierung, nutzen Künstler:innen wie Ilyes aus Tunis Graffiti vor allem als ein Medium, das sie mit der breiteren Gesellschaft verbindet. Für Ilyes, der von Natur aus schüchtern ist, wurde Graffiti zu einer Möglichkeit, sich auszudrücken und auf indirekte Weise mit Menschen in Kontakt zu treten. Dazu nutzt er neben den Wänden im öffentlichen Raum auch seine Instagramseite trangis_1, wo er Reels vom Sprayen hochlädt, seine Werke festhält und seine Gedanken dazu einordnet. Früher waren viele seiner Werke eine Kritik am politischen System Tunesiens. Heute fokussiert er sich mehr auf Ästhetik. Aber ein politisches Thema lässt ihn beim Sprayen nicht los: Palästina und der Genozid in Gaza.
Eines seiner Werke nahe einer der Busbahnhöfe der Hauptstadt Tunis zeigt das Porträt eines mit Kufiya verhüllten Palästinenser von einem aus kunstvollen Kalligrafien bestehender Hintergrund, der unter anderem den Spruch „Der Widerstand geht weiter“ auf Arabisch künstlerisch verarbeitet. „Ich zeichne, was ich fühle“, sagt er. Graffiti gebe ihm die Möglichkeit seine Emotionen und Ideen ohne direkte Konfrontation mit den Betrachtenden zu kommunizieren.
Dabei nutzt Ilyes verschiedene Formen der Street Art, darunter Wandmalerei, Kalligrafie, Urban Fusion sowie Leinwandkunst. Ilyes Kunst zeigt: Street Art ist sehr vielfältig und kann in Form von klassischen Schriftzügen, Wandmalereien, visuellen Ausdrucksformen oder sogar Installationen auftreten.
Sprayen für den Fußball und Palästina
Seit den 1970er Jahren nutzen Street-Artists Graffiti, um Gefühlen und Meinungen Ausdruck zu verleihen. In Tunesien spiegeln viele Wandbilder beispielsweise die Leidenschaft für Fußball wider, indem die Künstler:innen ihre Lieblingsteams auf den Fassaden feiern. Laut der Soziologin Eya Ben Mansour entwickelte sich die Graffitiszene nach dem Sturz Ben Alis 2011 weiter – parallel zur erneuten Aktivierung der Fußball-Ultras. Die Fußballkultur in Tunesien beschränkt sich nicht auf die Stadien, sondern Graffitis tragen die Sportbegeisterung auch auf die Straßen.
Viele der Graffitis der Ultra-Szene sind in den Farben Rot und Gelb gehalten, die für Tunesiens erfolgreichsten Fußballclub Espérance Sportive de Tunis stehen. Eines davon ist das Wandbild der Ultras 2002 l‘Emkachkhines, einem Ultra-Fanclub von Esperance. Neben dem Wappen und Namen der Ultras, zeigt es einen Mann mit Schlagstock. Darunter befindet sich der Slogan „Contro chi ci opprime la passione“ (italienisch für „Gegen die, die unsere Leidenschaft unterdrücken“). Das Wandbild ist eine kämpferische Ansage gegen Gegner:innen der Fußballeuphorie und zeigt, wie Stil, Symbolik und Selbstverständnis der italienischen Ultras-Szene die tunesischen Ultras maßgeblich prägte.
Die Straßen Tunesiens sind voller solcher Bilder – von Universitäten bis zu öffentlichen Plätzen – und zeigen sowohl Sportbegeisterung als auch gesellschaftliche Anliegen. Während Fußballmotive eher Ausdruck kulturellen Stolzes sind, demonstrieren Werke zur Unterstützung Palästinas, dass politische Äußerungen möglich sind, solange sie nicht direkt die Regierung kritisieren.

Vandalismusvorwurf
Trotz seiner kulturellen Bedeutung bleibt Graffiti oft missverstanden. Häufig wird es als Vandalismus oder als „Verschmutzung“ des öffentlichen Raums abgetan, wie Street-Art-Künstler:innen berichten, die aufgrund ihrer Kunst von der Polizei angehalten wurden.
Dies wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wem gehört der öffentliche Raum eigentlich? Weltweit wird diese Debatte geführt. In Städten wie Los Angeles, Berlin oder London hat Street Art inzwischen teilweise Anerkennung als urbane Kulturform erlangt.
In Tunesien ist die Situation jedoch deutlich restriktiver. Rechtliche Möglichkeiten, öffentlich zu sprayen, sind rar. Projekte wie Djerbahood – ein Festival, das die Stadt Erriadh auf der Insel Djerba zeitweise in eine Freiluftgalerie verwandelte – sind Ausnahmen.
Durchsetzen konnten die Sprayer:innen sich in einer Auseinandersetzung mit dem französischen Kulturinstitut (IFT), dessen Fassade nach dem 7. Oktober 2023 mit dem Wort „Palestine“ und der palästinensischen Flagge besprüht worden war. Das IFT übermalte das Graffiti und sah sich einer Welle öffentlicher Empörung ausgesetzt. Die Wand wurde erneut mit pro-palästinensischen und dekolonialen Botschaften besprüht. Darauf bedeckte das IFT die Wand mit künstlerisch gestalteten Holzplatten, die bei einer Palästinademo heruntergerissen wurden. Seither ließ das IFT die Wand unverändert.
Furcht oder Freiheit?
Dennoch zeigen im heutigen Tunesien die Wände des Landes oft mehr künstlerische Motive als offen politische Botschaften. Dieser Wandel könnte eine Entwicklung in der Bedeutung von Graffiti widerspiegeln – von einem Werkzeug des Protests hin zu einer breiteren Form künstlerischer Selbstentfaltung. Wie in früheren urbanen Kunstbewegungen weltweit muss nicht jedes Werk eine klare politische Botschaft transportieren; oft geht es schlicht um Kreativität, Ästhetik oder den Ausdruck persönlicher Gefühle.
Doch angesichts des aktuellen politischen Klimas lässt sich dieser Trend auch anders lesen. Das Fehlen politischer Graffiti bedeutet vielleicht nicht nur künstlerische Diversifizierung, sondern auch ein Symptom von Angst. Systemkritik durch Graffiti ist wieder gefährlich geworden – wie das Beispiel von Rached Tamboura zeigt. Auch Ilyes nutzt Leinwandkunst heute eher für humanistische Themen oder dekorative Zwecke. Gleichzeitig ist er überzeugt vom Potential von Graffitis zur kritischen Auseinandersetzung mit Politik.
Gefahr für den Autoritarismus
Die Regierung versteht das Potenzial dieser Sichtbarkeit. Wie vor der Revolution von 2010 greifen die Behörden zu drastischen Maßnahmen wie Zensur und Festnahmen, um Dissens im öffentlichen Raum zu unterdrücken. Die Macht eines Bildes auf einer Wand mag bescheiden erscheinen, doch sie trägt immenses symbolisches Gewicht. Ein Wandbild kann ein Gespräch, eine Frage oder ein Gefühl der Solidarität auslösen – und genau das macht es für Regime, die auf Kontrolle und Schweigen aufgebaut sind, so bedrohlich. Der französisch-tunesische Galerist und Initiator von Djerbahood Mehdi Ben Cheikh sagte: „Ich bin überzeugt, dass sie [Kunst] die beste Waffe gegen reaktionäre Geisteshaltungen ist.“
Letztendlich geht von öffentlicher Kunst für niemanden Gefahr aus außer für den Autoritarismus selbst – denn wenn die Wände zu laut werden, um ignoriert zu werden, erinnern sie uns daran, dass selbst in der Stille der Widerstand einen Weg findet, sich Gehör zu verschaffen.



















