Feminist:innen im Globalen Norden haben Palästina zu lange den Rücken zugekehrt. Dieser Essay ist ein Versuch, dies zu ändern, indem er Wut als feministisches Werkzeug für Solidarität im Befreiungskampf ergründet.
[Content-Warnung: Dieser Text thematisiert Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt.]
Der andauernde Genozid in Palästina hat einen starken emotionalen Einfluss auf mich. Manchmal bin ich niedergeschlagen, oft trauere ich, und noch öfter bin ich sehr, sehr wütend. Abgesehen von dem offensichtlichen Grund für diese Wut – die fatale und gleichzeitig straflose Zerstörung – bin ich besonders wütend über die Vernachlässigung des palästinensischen Kampfes durch – hauptsächlich weiße – Feminist:innen: Einseitige, selektive Solidaritätsbekundungen, gespaltene Demonstrationen am achten März, oder die unzähligen Versuche des Pinkwashings von Israels Verbrechen durch das Verweisen auf dessen angebliche Queerfreundlichkeit.
Politik fühlen, politische Gefühle
Nach zwei Jahren verschiedenster Formen von palästinasolidarischer Arbeit wurde mir bewusst, dass es in all dem wenig Raum für die Verarbeitung meiner eigenen Emotionen gab. Selbstverständlich ist es dabei unerlässlich, sich der eigenen Privilegien bewusst zu bleiben – in meinem Falle meiner Identität als weiß und deutsch. Diese Positionalität ermöglicht es mir, mich für Palästina einsetzen und darüber schreiben zu können, ohne die gelebte Realität all jener, die von der Entwurzelung und dem Verlust betroffen sind, durchmachen zu müssen. Zudem schützt mich mein weißes Privileg vor den vielfältigen Formen epistemischer Gewalt, die Betroffene unterdrückt, diskreditiert und ihre Erfahrungen delegitimiert. Dennoch habe ich realisiert, dass die Vernachlässigung meiner Emotionen im Aktivismus langfristig nicht nachhaltig ist. Psychische Probleme, besonders während ein Genozid live mitverfolgt werden kann, sind valide.
Um die Kraft von Emotionen zu verstehen, müssen wir ihre politischen Dimensionen beleuchten. Im Falle von Wut zeigt sich eine Verbindung zwischen ihrer negativen Konnotation und dem Kolonialismus. Kürzlich schrieb die Forscherin, Aktivistin und Bestseller-Autorin Emilia Roig: „At its core, colonial oppression rests on an unspoken but violent rule: the oppressed must never rebel.” (Dt.: Koloniale Unterdrückung fußt auf einer unausgesprochenen, jedoch gewaltvollen Regel: Die Unterdrückten dürfen niemals rebellieren). Die Darstellung von Wut als „barbarisch“, „unzivilisiert“, oder als „Terror“ ist das Ergebnis dieser Angst vor Widerstand durch die Kolonisierten.
Diese Logik ist eng mit dem von Krista Hunt geprägten Begriff des Embedded Feminism verknüpft. Er beschreibt vermeintlich feministische politische Ziele, die in ihrer Umsetzung keinem feministischen Anspruch gerecht werden, da dieser lediglich als Vorwand genutzt wird. Als Beispiel hierfür führt die Anthropologin Lila Abu-Lughod das Narrativ nordamerikanischer Feminist:innen in den 2000er-Jahren an afghanische Frauen „retten“ zu wollen. Tatsächlich verweigerten diese Feminist:innen afghanischen Frauen jegliche selbstständige Handlungsmacht, befeuerten die Dämonisierung afghanischer Männer, und verschleierten so die imperiale U.S.-amerikanische Gewalt der sogenannten „War on Terror“-Politik – welche zu der Zeit die größte tatsächliche Gefahr für die Leben afghanischer Frauen darstellte.
Koloniale Gewalt und ihre geschlechtsspezifischen Dimensionen in Palästina
Ähnliche Narrative finden sich auch in westlichen Diskursen über Palästina. In einem Artikel betont die Politikwissenschaftlerin Nicola Pratt mit weiteren Autorinnen die andauernden kolonialen Verstrickungen des Feminismus: Palästinensische Frauen[1] würden häufig als „unterdrückt“ und unter einer „patriarchalen, konservativen Gesellschaft leidend“ dargestellt. Der übergeordnete Kontext, also der Kampf gegen Siedlerkolonialismus und ein Leben unter Apartheid, wird dabei ausgeblendet. Auf diese Weise wird von der geschlechtsspezifischen Gewalt Israels abgelenkt – und somit ebendiese Unterdrückung aufrechterhalten.
Der Ursprung der Gewalt gegen Palästinenser:innen liegt in dem siedlerkolonialen Charakter des israelischen Staates: Von der Nakba – die Vertreibung von rund 750.000 Palästinenser:innen 1948 – über die Militärbesatzung und einem Apartheidregime, und zuletzt gipfelnd im Genozid in Gaza. Diese Unterdrückung wird durch das 2018 in Kraft getretene Gesetz der „Jewish Nation-State Basic Law“, welches palästinensische Selbstbestimmung im historischen Palästina unmöglich macht, verfestigt.
Palästinensische Frauen sind vielfältigen Formen von systematischer, geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt – von Belästigungen an Checkpoints zu sexuellem Missbrauch in israelischen Gefängnissen. Diese Praktiken werden auch als „Reprocide“ bezeichnet – eine englischsprachige Wortneuschöpfung aus den Worten Reproduktion und Genozid. Sie zeigen sich beispielsweise an dem rasanten Anstieg von Fehlgeburten aufgrund mangelnder Hygiene, oder gezielter Angriffe auf die Gesundheitsinfrastruktur, wie bei dem Angriff auf das Al Basma IVF-Kinderwunschzentrum, der tausende Embryos zerstörte.
Keine nationale Befreiung ohne die Befreiung der Frau
Frauen haben schon immer eine integrale Rolle im palästinensischen Freiheitskampf gespielt. 1965 gründeten sie beispielsweise den Frauenflügel der palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die sogenannte General Union of Palestinian Women (GUPW). Besonders nach dem Krieg 1967 beteiligten sich Frauen auch an bewaffneten Kämpfen, unter ihnen prominente Figuren wie Leila Khaled.
Für viele politisch aktive Palästinenserinnen war die Frage nach nationaler Befreiung untrennbar mit dem Kampf für gleiche Rechte und für die gesellschaftliche Befreiung der Frau verbunden – basierend auf den Grundsätzen von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. May Sayegh, eines der Gründungsmitglieder der GUPW, die sich für die Bewaffnung von Frauen im Widerstand aussprach, wird in dem zuvor erwähnten Artikel wie folgt zitiert: „Arab resistance should not stop at liberating occupied Arab land. Resistance should go beyond national independence to also target imperial interest, stopping the partition of the Arab world, divisions based on sectarian, national and tribal lines, and fighting discrimination against women and the exploitation of humans by humans.”
(Dt.: Arabischer Widerstand sollte nicht mit der Befreiung arabischen Lands aufhören. Widerstand sollte über nationale Unabhängigkeit hinaus auch imperiale Interessen ins Visier nehmen, die Teilung der arabischen Welt stoppen, Spaltung entlang konfessioneller, nationaler oder ethnischer Linien, und Diskriminierung von Frauen, sowie die Ausbeutung von Menschen durch andere Menschen beenden.“)
Wut zurückerobern, um Widerstand gegen die Ausradierung zu leisten
Während der Beschäftigung mit dem Thema Wut bin ich auf verschiedene Beispiele des wütenden feministischen Widerstandes gestoßen. Ein Stück, das mich tief bewegt hat, war das Gedicht „Shades of Anger“ (Dt.: Nuancen der Wut) von der palästinensischen Spoken-Word-Künstlerin Rafeef Ziadah. In einem Radiointerview erinnert sie sich daran, wie sie während eines Palästinaprotests auf dem Universitätscampus von einem zionistischen Gegendemonstranten in den Bauch getreten wurde, begleitet von dem Satz: „Du verdienst es, vergewaltigt zu werden, bevor du deine Terroristenkinder zur Welt bringst.“
Das Gedicht war ihre Antwort: „And did you hear my sister screaming yesterday, as she gave birth at a checkpoint with Israeli soldiers looking between her legs for their next demographic threat? Called her baby girl Jenin.” (Dt.: Und hast du meine Schwester gestern schreien hören, als sie am Checkpoint gebar, mit israelischen Soldaten, die zwischen ihren Beinen nach der nächsten demographischen Bedrohung suchten? Sie nannte ihr Baby Jenin).
Das vollständige Gedicht kann hier gehört werden:
Das Gedicht hebt die Rolle des weiblichen Körpers hervor und betont die Dualität kolonialer Gewalt: koloniale Gewalt schreibt sich einerseits in die Körper der Frauen ein; andererseits widersetzt sich dieser Körper der kolonialen Ausradierung. Um es mit Ziadahs Worten zu sagen: Ihre Körper gebären wortwörtlich und metaphorisch Widerstand.
Das transformative Potenzial von Wut
Das Gefühl der Wut zu erkunden, ihr Raum zu geben und versuchen sie umzudeuten hat sich richtig angefühlt. Statt mich von ihr betäubt zu fühlen, konnte ich das transformative Potenzial von Wut erkennen. All diese Erkenntnisse in einem feministischen Rahmen zu betrachten, erscheint wie eine kleine Wiedergutmachung; eine Erinnerung daran, dass es trotz der tiefen Enttäuschung gegenüber des Palästina-Diskurses Feminist:innen gibt, und immer schon gegeben hat, die den Weg in eine gerechte Zukunft ebnen. Es hat mir ein Gefühl zurückgebracht das ich an guten Tagen fast als Hoffnung bezeichnen würde.
Hoffnung. Was für ein Wort, in Zeiten der Ungerechtigkeit und Zerstörung. Und dennoch: Nicht die Hoffnung zu verlieren ist der revolutionärste Akt. Denn ohne die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, was gäbe es noch, wofür es sich zu kämpfen lohnt?
Ich möchte mit den Worten der Autorin, Dozentin und selbsternannten „feminist killjoy“ (Dt.: feministische Spaßverderberin) Sara Ahmed schließen: „Solidarity does not assume that our struggles are the same struggles, or that our pain is the same pain, or that our hope is for the same future. Solidarity involves commitment, and work, as well as the recognition that even if we do not have the same feelings, or the same lives, or the same bodies, we do live on common ground.”
(Dt.: Solidarität setzt nicht voraus, dass unsere Kämpfe dieselben Kämpfe sind, oder dass unser Schmerz derselbe Schmerz ist, oder dass unsere Hoffnungen derselben Zukunft gelten. Solidarität beinhaltet Verpflichtung und Arbeit, und die Erkenntnis, dass wir auf derselben Erdeleben, selbst wenn wir nicht dieselben Gefühle, dieselben Leben, oder dieselben Körper teilen.)
Mit palästinensischen Feminist:innen als unser Vorbild müssen wir endlich verstehen, dass Unterdrückungssysteme – egal ob Kolonialismus, Rassismus oder Patriarchat – nicht isoliert voneinander bekämpft werden können. Ein Feminismus ohne Palästina bedeutet daher nur eine versteckte Fortsetzung eben jener Unterdrückung.
[1] In diesem Artikel benutze ich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“. Die beschriebenen Kämpfe inkludieren alle FLINTA*-Personen, allerdings erlaubt der Umfang dieses Artikels nicht, auf die spezifischen Arten und Weisen der Unterdrückung von queeren Menschen oder Transpersonen einzugehen. Daher möchte ich betonen, dass ich mich mit den Beschreibungen „Mann“ und „Frau“ vielmehr auf sozio-politische Kategorien beziehe, als auf gelebte Geschlechtsidentitäten.


















