Das Bild der „gerechten westlichen Ordnung“ bröckelt. Emran Feroz beleuchtet Fälle systematischer Gewalt, und kritisiert ihre fehlende Aufarbeitung und selektive Solidarität.
„Was bringt ein internationaler Strafgerichtshof, wenn dort (…) afrikanische oder jugoslawische Kriegsverbrecher verurteilt werden, aber keine amerikanischen oder israelischen?” Wer sich diese Frage zuvor noch nicht gestellt hat, dem geht sie spätestens nach Emran Feroz’ 2025 erschienenem Buch nicht mehr aus dem Kopf. Der Autor, Kriegsreporter und Journalist eröffnet seinen Essayband „Wir wollen leben“ mit diesen Worten.
Von Irak über Afghanistan bis nach Gaza: Feroz führt den Leser:innen von der ersten Seite an schonungslos vor Augen, dass nicht allen Menschenleben derselbe Wert zugeschrieben wird. Nach jeder umgeblätterten Seite, jeder neu erzählten Geschichte von Gräueltaten, verdeckten Kriegsverbrechen und Künstlichen Intelligenzen, die über Leben und Tod entscheiden, bleibt der Schmerz darüber, dass bis heute niemand für all das zur Rechenschaft gezogen wurde.
Empathie wird im Kontext einer gewaltvollen Welt, so scheint es als Leser:in, zu einem selektiven Gut, das nicht allen Menschen gleichermaßen zusteht. Feroz zeigt darüber hinaus auf, wie schnell Menschen, denen anfangs Empathie entgegengebracht wurde, zu “Unerwünschten” werden – etwa im Fall ukrainischer Geflüchteter oder den Menschen, die 2015 aus Syrien fliehen mussten. „Menschen werden gegeneinander aufgewogen”, schreibt er, „mitsamt ihren Erfahrungen, Schicksalen und Traumata.” Gegen dieses Ausspielen von Empathie schreibt Feroz an. Er fordert Solidarität ein, die nicht selektiv ist.
Gegen die Einschränkung der Pressefreiheit
Feroz arbeitet mit großer journalistischer Sorgfalt – seine Essays, die zurecht eine gewisse Wut in sich tragen, zeigen quellengestützt Zusammenhänge zwischen Kriegsverbrechen im globalen Süden auf, über die sonst kaum oder gezielt nicht berichtet wird.
Über Gaza zu schreiben – den Ort, der heute der tödlichste für Journalist:innen weltweit ist – bedeutet, Karrierechancen und das eigene Ansehen zu riskieren. Besonders in einem Land, in dem die Morde in Gaza in der Berichterstattung oft kaum Beachtung finden oder das repressiv gegen diese vorgeht. Regelmäßig framen deutsche Medien Berichte zur Gewalt im Gazastreifen als „Falschmeldungen”– etwa, wenn die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf behauptet, dass die „Hamas im Gazastreifen den Propagandakrieg gewonnen” hätte, oder wenn britische Rechtsextremist:innen wie Douglas Murray unkritisch zitiert werden.
Auch eher links verordnete Medien in Deutschland sind davon nicht frei – selbst in Zeitungen wie der taz sind laut Feroz „israelische Opfer im Vergleich zu palästinensischen um das 23-fache überrepräsentiert.” All diese Muster führten zuletzt dazu, dass Deutschland im Pressefreiheits-Index auf Platz 14 rutschte.
Aufgearbeitet wird die fehlerhafte Berichterstattung trotz ihrer weitreichenden Folgen kaum. Feroz zeigt, wie auch von den größten US-amerikanischen Zeitschriften, wie der New York Times und Washington Post, „jede männliche Person im wehrfähigen Alter (...) im Umfeld eines Luftangriffs (…) per se als ‚feindlicher Kombattant‘ eingestuft” werde – ohne Überprüfung oder Belege. Das Buch ist voll von Beispielen wie diesem, die nicht nur das Weltbild einer ganzen Generation prägten, sondern auch Kriege mit Millionen von Toten legitimierten.
Eine Frage der Deutungshoheit
Zudem werde Journalist:innen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte und BIPoC-Journalist:innen immer wieder ihre Legitimität und Expertise abgesprochen. Feroz zieht ein persönliches Beispiel dafür heran: „So wurden wir etwa – nach unserer Preisverleihung! – gefragt, ob wir ‚auch Journalisten‘ seien oder inwiefern wir als ‚Helfer‘ zu der preisgekrönten Geschichte (die ohne uns nicht möglich gewesen wäre) beigetragen hätten.” Er kritisiert, dass stattdessen der Berichterstattung überwiegend weißer Journalist:innen Relevanz zugesprochen werde.
Meist handelt es sich dabei um Personen, die embedded, also in Kooperation mit Militäreinheiten vor Ort, in NATO-Green-Zones und fernab der Lebensrealität der Bevölkerung aus sogenannten „Krisengebieten” berichten. Sie sind dabei nicht denselben Gefahren ausgesetzt wie die lokale Bevölkerung, und kommen zudem selten mit dieser in Berührung. Journalist:innen wie der Autor selbst, der seinerzeit in Kabul unweit von Bombenattentaten bei Familienmitgliedern unterkam, finden seltener Gehör.
Die Fassade bröckelt
Gerade in Zeiten, in denen sich der Faschismus zum Greifen nah anfühlt und vermeintliche Formen von „Recht und Ordnung” nicht mehr zu gelten scheinen, ist es wichtig, Kontinuitäten aufzuzeigen. Emran Feroz schreibt über Gaza, von aktuellen politischen Entscheidungen Trumps, aber er erinnert auch an Obamas „Terror-Tuesday” –und damit an Menschen, die von Drohnen ermordet wurden, weil die Unschuldsvermutung für sie nicht gilt.
Auf derartige Zusammenhänge hinzuweisen ist wichtig, um zu verdeutlichen, dass die Gewalt, die wir heute in so vielen Teilen der Welt beobachten, systematisch und strukturell ist. Ein System, das nicht mit Trump begonnen hat, sondern schon lange besteht: US-gestützte Militärputsche, Vietnam, Afghanistan, Guantanamo und eine ausgeklügelte Kriegspropaganda, die die Außenpolitik der USA und einiger europäischer Staaten prägt.
Spätestens der Genozid in Gaza oder der aktuelle Angriff der USA auf Iran zeigen: Die Fiktion einer westlichen Weltordnung bröckelt. Auch innerhalb einer breiten Öffentlichkeit im globalen Norden. Es wäre hierbei allerdings ein Fehler, in den aktuellen Entwicklungen neue, nie dagewesene Formen von Ungerechtigkeit zu sehen. Der Fehler liegt bereits in der Annahme, dass diese vermeintliche Weltordnung irgendwann einmal gerecht war.
Deshalb fragt Feroz: „Wie soll es besser laufen, wenn die Vergangenheit trotz der lange bestehenden Faktenlage kaum aufgearbeitet wurde?“ Sein Buch ist ein Versuch, ebendieser Startpunkt zu sein.




















