11.06.2026
Berichterstattung zum iranischen Atomprogramm: Gebt mehr Stimmen Raum!
Foto: Abschluss der Iran Verhandlungen in Wien, 2015. Dragan Tatic, Flikr
Foto: Abschluss der Iran Verhandlungen in Wien, 2015. Dragan Tatic, Flikr

Wer bestimmt, wie wir Konflikte sehen? Ein Gespräch mit Francis Kahwe Mohammady über das iranische Atomprogramm, Auslandsjournalismus und die Frage, warum komplexe Konflikte oft auf wenige Stimmen reduziert werden. 

Obwohl wir ihre Auswirkungen teilweise direkt in unserem Alltag spüren, scheinen internationale Konflikte oft weit weg von unserer Lebensrealität. In diesem Zusammenhang kommt den Medien eine Schlüsselrolle zu. Sie prägen ein kollektives Bild über Länder und Krisen. Wer Konflikte verstehen will, muss daher auch verstehen, wie über sie berichtet wird.

Mit dieser Frage hat sich Francis Kahwe Mohammady in seiner Dissertation beschäftigt. Darin untersucht er die Berichterstattung deutscher Tageszeitungen über das iranische Atomprogramm, das die Beziehungen zwischen Iran und westlichen Staaten seit zwei Jahrzehnten prägt und Anfang dieses Jahres im Krieg zwischen Iran, den USA und Israel gipfelte. Dis:Orient sprach mit ihm über die Verantwortung des Auslandsjournalismus, die Rolle der Medien als „vierte Gewalt“ und die Frage, warum geopolitische Konflikte oft auf wenige politische Akteure reduziert werden.

Welche Rolle und Verantwortung kommt den Medien bei der Berichterstattung über außenpolitische Konflikte zu? 

Auslandsjournalismus ist hoch relevant, weil er den Leser:innen in Deutschland das Fenster zum Ausland bietet. Während Menschen bei innenpolitischen Aspekten eher eine eigene Meinung haben, weil sie auf irgendeine Art und Weise direkt betroffen sind oder eigene Referenzpunkte haben, gewinnen viele Deutsche ihr Bild vom Ausland maßgeblich aus den Nachrichten. Auslandsjournalismus vermittelt somit ein kollektives, gesellschaftliches Bild über ein Land, zu dem viele Deutsche in der Regel wenig Berührungspunkte haben. Dementsprechend ist seine Verantwortung meiner Meinung besonders groß. 

Du hast dich in deiner Arbeit viel auf das Konzept der Medien als vierte Gewalt bezogen. Wie ist dieses Konzept zu verstehen? 

Journalismus, als sogenannte „vierte Gewalt“, ist eine der Säulen einer Demokratie und besitzt eine Korrektivfunktion gegenüber politischen Entscheidungsträger:innen. Er soll die Arbeit der Regierung und deren Politik kritisch hinterfragen und eine aufklärende Funktion übernehmen. Dieses Konzept ist in Deutschland, anders als in den USA, nicht verfassungsrechtlich verankert. Die landesspezifischen Unterschiede enden nicht bei rechtlichen Normen: Während die vierte Gewalt in den USA als sehr kritisch bis oppositionell verstanden wird, nimmt sie in Deutschland eine vermittelnde Rolle ein und neigt stärker zu Berichterstattung statt Kritik.

Die Beziehung zwischen Politik und Journalismus gleicht einem Wechselspiel, in dem Journalist:innen exklusive Informationen erhalten, während Politiker:innen im Gegenzug mediale Aufmerksamkeit bekommen.. Es ist ein Drahtseilakt für Journalist:innen, schnell an verlässliche Quellen zu kommen und gleichzeitig nicht zum Verlautbarungsorgan der Politiker:innen zu werden. 

Lass uns über die Berichterstattung selbst sprechen. Wie haben die Tageszeitungen über das iranische Atomprogramm berichtet? 

Die Berichterstattung war stark personalisiert. Besonders mächtige und einflussreiche politische Entscheidungsträger:innen werden überproportional in den Vordergrund gerückt, während andere Stimmen und Perspektiven wenig Raum finden. Das ist brisant, vor allem in einem Konflikt, der von Komplexität geprägt ist und einer ausführlichen und konkreten Berichterstattung bedarf. Außerdem werden konstruktive Momente kaum beachtet. Oft wird nur berichtet, wenn aktuelle Geschehnisse von Konflikt geprägt sind. Das ist ein strukturelles Problem.

Medien haben den Drang, Komplexität zu reduzieren. Gründe sind begrenzter Platz oder Sendezeit, die Journalist:innen zwingen, zum Wesentlichen zu kommen. Zur Berichterstattung über das iranische Atomprogramm: Während die Junge Welt, die taz und das Neue Deutschland keine kohärenten Perspektiven einnahmen, war die Berichterstattung der Süddeutschen, FAZ und der Welt stark von westlichen sicherheitspolitischen Überlegungen geprägt. Obwohl diese sicherlich relevant sind, leidet darunter eine Pluralität der Perspektiven, wenn sich Berichterstattung ausschließlich um diese Fragen dreht. Artikel über erfolgreiche diplomatische Verhandlungen oder die Haltung der Zivilgesellschaft kommen zu kurz.

Wie hat sich die Fokussierung auf politische Entscheidungsträger:innen gezeigt?

Ein gutes Beispiel waren 2015 die Atomverhandlungen zwischen dem Iran und der EU gemeinsam mit den fünf UN-Vetomächten. Ziel war, sicherzustellen, dass das iranische Atomprogramm ausschließlich zivilen Zwecken diente. Nachdem das Abkommen am 14. Juli 2015 in Wien unterzeichnet wurde, waren alle Parteien mit dem diplomatischen Erfolg zufrieden. Dementsprechend haben alle Zeitungen die Erfolgsrhetorik deutscher Politiker:innen in ihre Berichterstattung aufgenommen. 

Für ein anderes Beispiel müssen wir weiter in die Vergangenheit blicken. Nachdem der Iran 2006 den Aufforderungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), das eigene Atomprogramm auszusetzen, nicht nachkam, wurden mehrere Sanktionen verhängt. Der damalige Präsident, Mahmud Ahmadinedschad, ein konservativer Hardliner, fiel durch seine aggressive Außenpolitik auf. Die damalige Berichterstattung drehte sich hauptsächlich um seine Person und seine Aussagen. Den geopolitischen Diskurs auf einzelne Entscheidungsträger:innen herunterzubrechen, wird seiner Komplexität nicht gerecht. 

Das klingt, als hätten sich die Zeitungen hauptsächlich auf öffentlich einsehbare politische Verhandlungen und internationale Nachrichtenagenturen bezogen. Kamen auch iranische Stimmen selbst zu Wort? 

So gut wie gar nicht. Wenn sich die Zeitungen nicht die Mühe machen wollen, sich mit persischsprachigen Stimmen aus der Zivilgesellschaft zu befassen, könnten sie beispielsweise auch mit den zahlreichen politischen Stiftungen in der Region sprechen. Deren Expert:innen haben differenziertes und fundiertes Wissen über den Konflikt und die iranische Gesellschaft. Sie kamen aber nur marginal zu Wort. Dies rührt daher, dass tagesaktuelle Themen in großen Zeitungen oft von Journalist:innen bearbeitet werden, die das Politikressort leiten, aber oft nicht die relevante Expertise mitbringen. Deshalb findet sich oft normative Haltung und Meinung ohne fundiertes Wissen in solchen Beiträgen. In linkeren Zeitungen schreiben in der Regel Fachjournalist:innen, die sich über Jahre intensiv mit dem Thema befassen, solche Artikel. 

Wir brauchen mehr Pluralismus, besonders in Leitartikeln. Gebt Redakteur:innen Raum, die wissen, wovon sie schreiben. Jede Redaktion hat fähige Journalist:innen, aber nicht alle sind für jedes Thema geeignet. Auf Multiperspektivität zu setzen, besonders in der Berichterstattung zu komplexen politischen Konflikten, kommt allen Redaktionen zugute. 

Der Iran ist aktuell wieder omnipräsent in den deutschen Medien. Siehst du Parallelen zwischen der Berichterstattung über den aktuellen Krieg und den Atomverhandlungen?

Am Anfang des Krieges wurde ein Narrativ der israelischen und der US-Regierung verbreitet, die von einem Präventivschlag sprachen. Die Einschätzungen, ob der Iran im Begriff war, eine Atombombe zu bauen, gehen weit auseinander. Dementsprechend ist das Wording „Präventivschlag“, das oft unkritisch in deutscher Berichterstattung übernommen wurde, nicht neutral genug. Es ist unzureichend und journalistisch nicht sauber, die Sprache von US-amerikanischen oder israelischen Armeevertreter:innen oder Regierungschefs zu übernehmen. 

Zur aktuellen Situation ist mir noch etwas aufgefallen, das meine bisherigen wissenschaftlichen Befunde deutlich widerspiegelt. Kürzlich fanden in Berlin zwei Demonstrationen von Exil-Iraner:innen statt, die sich deutlich in ihren politischen Forderungen unterschieden. Diese Pluralität fand in der Berichterstattung kaum Beachtung. Stattdessen dominierten wieder vereinfachte Narrative, die sich eng an den Deutungen politischer Eliten orientieren.

Wenn Journalismus diese Widersprüche nicht sichtbar macht, verfehlt er seinen eigenen Anspruch: Journalismus verliert seine Legitimität, wenn er nur der Logik der Macht folgt. Er gewinnt sie zurück, wenn er Komplexität sichtbar macht, wo andere vereinfachen, wenn er Dialogräume öffnet, wo andere Fronten verhärten, und wenn er Feindbilder aufbricht, wo andere sie zementieren.

Francis Kahwe Mohammady ist Referent für Digitale Kommunikation im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Er hat an der Universität Leipzig Journalistik studiert und extern an den Universitäten Leipzig und Erfurt zur deutschen Presseberichterstattung über den Konflikt um das iranische Atomprogramm promoviert.

Seine Dissertation „Macht, Medien, Atomkonflikt. Eine Framing-Analyse des iranischen Atomprogramms“ erschien 2025 bei Springer VS und ist für 89,99€ erhältlich.

 

 

 

 

 

Vincent Metzger studiert Politikwissenschaft und Islamwissenschaft M.A. in Halle (Saale). Sein besonderes Interesse gilt Iran, internationaler Politik sowie der Wirkung und Darstellung von Konflikten.
Redigiert von Regina Gennrich, Enno Ebersbach, Alexander Waiblinger