Nach dem Mord am Journalisten und Umweltaktivisten Hakan Tosun im Oktober 2025 gibt es in der Türkei seit Monaten Proteste. Die Öffentlichkeit fordert Aufklärung und ist mit der ersten Anklage auf Körperverletzung ohne Vorsatz unzufrieden.
[Contentwarnung: Dieser Artikel enthält explizite Beschreibung von Gewalt und Tod.]
„Wer schützt Hakans Mörder? Die Mörder der Natur und Hakans Mörder sind dieselben. Sorge für Gerechtigkeit, schütze nicht die Mörder,” rufen Hunderte Menschen auf den Straßen bei Demonstrationen in über 20 türkischen Städten am 1. März 2026. Sie sind wütend. Die Protestierenden fordern die Aufklärung des Mordes an dem Journalisten Hakan Tosun und tragen Schilder mit Aufschriften wie: „Journalist:innen-Morde sind politisch, Ökologie-Morde sind politisch“ und auch „Warum wurde Hakan Tosun getötet?“.
Der Journalist, Videoreporter und Umweltaktivist Hakan Tosun wurde in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2025 im Istanbuler Stadtteil Esenyurt brutal attackiert und starb im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen. Seit über 4 Monaten wartete die Familie von Hakan Tosun auf die Eröffnung des Prozesses gegen die zwei mutmaßlichen Täter. Als der Staatsanwalt des Istanbuler Bezirks Büyükçekmece am 23. Februar 2026 verkündete, dass die zwei Angreifer lediglich auf Körperverletzung angeklagt werden sollten und es keine Hinweise für Vorsatz gäbe, brach ein Sturm der Entrüstung in den türkischen Medien los.
Noch am selben Tag berief die Schwester des getöteten Journalisten Öznur Tosun zusammen mit ihren Anwält:innen eine Pressekonferenz in der Istanbuler Zweigstelle der Menschenrechtsvereinigung İnsan Hakları Derneği (IHD) ein. Sie kritisierten den offiziellen Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft zur Anklageerhebung gegen die mutmaßlichen Täter aufs Schärfste.

Kritik an der Staatsanwaltschaft
Rechtsanwalt Cemil Yücel sagte auf der Pressekonferenz, dass der Staatsanwalt eher ein Plädoyer zur Verteidigung der Täter verfasst hätte, denn eine Anklageschrift. Wie es sein könne, dass kein Vorsatz vorliege, wenn die Täter auf brutalste Weise Hakan Tosun mit Füßen auf den Kopf und ins Gesicht getreten hatten. Nach Auswertung von Straßenkameras war festgestellt worden, dass die zwei Täter nach dem ersten Angriff den Tatort verlassen hatten und dann wiedergekommen waren, um Hakan Tosun in einer zweiten Attacke schwerstens zu misshandeln. Er hatte Schädel- und Gesichtsbrüche, intrakranielle Blutungen, Hirnblutungen und Hirngewebeschäden, die letztlich zu seinem Tod führten.
Im November erklärten die Anwälte der Familie Tosun, Hakan Bozyurt und Ömer Cingil, auf einer Pressekonferenz, dass sie mehrere Anträge bei der Staatsanwaltschaft eingereicht haben. Ziel war es, wichtige Beweismittel in die Ermittlungsakte zum Tod von Hakan Tosun aufnehmen zu lassen. Von insgesamt 25 Anträgen wurden jedoch nur drei von der Staatsanwaltschaft berücksichtigt.
Rechtsanwalt Onur Cingil kritisierte außerdem, das Fehlen von Fotos von der Tatortuntersuchung in der Akte: „Außerdem wurden hinsichtlich der 17 verschiedenen Kameraaufnahmen, die wir in der Umgebung gemeldet haben, keinerlei Maßnahmen ergriffen. Dies birgt die Gefahr, dass die Aufnahmen gelöscht werden.“


Unterschlagung von Beweismitteln?
Die Polizei hatte erklärt, sie habe 256 GB Bildmaterial gesichtet. Aber den Anwälten wurden lediglich 10 Minuten Videomaterial übergeben. Die Aussagen von Zeugen, die in der Tatnacht den Notruf gewählt hatten, des Personals im Krankenwagen und der Personen, die auf den Videoaufnahmen zu sehen waren, wurden ebenfalls nicht in die Akten aufgenommen.
Von den jungen Männern, die auf Videos von Straßenkameras am Tatort zu sehen waren, wurden zwei als mutmaßliche Täter verhaftet, der 18-Jährige A.M. und der 24-Jährige A.Ş. Der dritte, Y.Ö., der auf Videoaufnahmen zu sehen ist, wie er einen der Täter zum Tatort bringt und dann auf die Täter wartet, wurde lediglich als Zeuge vernommen und ist auf freiem Fuß. Familie Tosun und ihre Anwälte werfen ihm jedoch vor, von Beginn an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Deshalb haben sie eine Anzeige gegen ihn erstattet wegen „Beteiligung an vorsätzlicher Tötung.“
Rechtsanwalt Yücel erklärte in der Pressekonferenz 2026, dass der Hintergrund des Vorfalls nicht untersucht worden sei und die Behörden weder die HTS-Daten (Historical Traffic Search) noch die Telefonaufzeichnungen der Verdächtigen geprüft hätten. Auch seinen Anträgen zur Klärung der Frage, ob es Anstifter:innen gab, sei nicht stattgegeben worden.
Der Journalist Umut Taştan hatte recherchiert, dass die Angehörigen einer der Täter einem Ladenbesitzer die Videokamera abgenommen hatten, die den Angriff auf Hakan Tosun höchstwahrscheinlich aufgezeichnet hatte. Außerdem war der Vater desselben Täters gemeinsam mit Polizisten der Wache des Stadtteils Esenyurt in einem Restaurant gesehen worden. Rechtsanwalt Onur Cingil sagte zu dis:orient „Ich habe einen Antrag gestellt, um die Aufzeichnungen der Kameras in diesem Restaurant zu erhalten, aber dem wurde nicht nachgekommen.“. Daraufhin erstatteten die Anwälte der Familie Tosun Anzeige gegen die Polizeidienststelle Esenyurt Mevlana wegen Amtsmissbrauchs und Pflichtverletzung.
Kampf gegen Umweltvergehen und Enteignung
Hakan Tosun hat als Videoreporter seit Jahren über Umweltvergehen, Plünderung und Zerstörung der Natur, Gentrifizierung und Enteignungen berichtet. Er stand auf der Seite von Dorfbewohner:innen, deren Heimat zugunsten von Kohle, Gold- und Erzabbau geopfert wurde. Er hat die Menschen interviewt, ihnen eine Stimme gegeben, ihr Anliegen in verschiedenen Zeitungen und auf sozialen Medien verbreitet. Er hat als Zeuge ausgesagt, um Menschen zu unterstützen, die angeklagt wurden, weil sie ihre Heimat gegen Polizei und Gendarmerie verteidigt hatten.
Er selbst wurde wegen seiner Teilnahme an Protesten angeklagt. Aufgrund von Protesten gegen die Bebauung eines städtischen Waldgebietes, Validebağ, im Stadtteil Üsküdar in Istanbul wurde der Journalist verhaftet. Über den Widerstand in Validebağ drehte Hakan Tosun den Dokumentarfilm „Hayat var“ (dt. „Es gibt Leben“).
Auch in den folgenden Jahren blieb er bei konfliktreichen gesellschaftlichen Themen vor Ort und dokumentierte die Perspektiven der Betroffenen. In einer Goldmine in Iliç im Südosten der Türkei kam es im Februar 2024 zu einem schweren Unfall. 9 Minenarbeiter kamen dabei ums Leben. Außerdem löste der Sturz von 10 Millionen Kubikmeter Zyanid verseuchter Erde in ein Flussbett eine Umweltkatastrophe aus. Im August 2024 ging Hakan Tosun nach Iliç und sprach mit Arbeitern, den Familienangehörigen der Toten und den Bewohner:innen. Er hat den Betroffenen mit seiner Dokumentation „Tüm Ayrıntılarıyla İliç Altın Madeni gerçekleri“ („Die Fakten zur Goldmine in Iliç – mit allen Details“) eine Stimme gegeben.

„Das ist das Tränengas“
In den Monaten vor seinem Tod hatte Hakan Tosun über die Enteignung von Bäuer:innen in der ägäischen Provinz Muğla berichtet, die protestierten, weil sie ihr Land nicht für den Kohleabbau zugunsten von Energiefirmen, die der Regierung nahestehen, hergeben wollten.
Im Erdbebengebiet Hatay Samandağ filmte er, wie Mandarinen- und Olivenbäume abgerissen, ganze Gärten zerstört wurden, weil die Landbesitzer:innen wegen eines staatlichen Wohnbauprojektes, das als überdimensioniert und als Geschäftsmodell für regierungsnahe Baufirmen kritisiert wurde, enteignet worden waren. Hakan Tosuns Schwester Özlem Tosun erinnerte sich daran, wie er das letzte Mal aus Hatay zurückgekommen war. „Als ich ihn umarmte, musste ich plötzlich husten und Hakan lachte. Er sagte: „Weißt du, warum du hustest? Das ist das Tränengas, mit dem wir angegriffen wurden. Ich habe geduscht, frische Sachen angezogen, aber ich dünste immer noch dieses Gift aus. Kannst du dir vorstellen, was diese Menschen täglich ertragen müssen?“

Die Arbeit von Hakan Tosun weitertragen
Hunderte Menschen waren zu Hakan Tosuns Beerdigung gekommen. Seine Familie, Freund:innen und Weggefährt:innen sowie Umwelt- und Menschenrechtsaktivist:innen haben verschiedene Plattformen gegründet und es sich zur Aufgabe gemacht, dass der gewaltvolle Tod von Hakan Tosun aufgeklärt wird. Die Plattformen und Communities führen auch in seinem Namen ihre Arbeit in der ganzen Türkei zur Verteidigung der Natur gegen Plünderung und Ausbeutung und gegen Gentrifizierung und Enteignung weiter. Sie möchten zeigen, dass sie viele sind, dass sie nicht aufhören werden, nach den wahren Gründen für den Tod von Hakan Tosun zu suchen.
Der Journalist Umut Taştan erhielt für seine Videoreportage „Warum wurde Hakan Tosun getötet“ vom 14. Oktober den Preis für TV-Nachrichtenrecherche der Türkischen Journalist:innen-Vereinigung TGC (Türkiye Gazeteciler Cemiyeti).
Nach den monatelangen Protesten in mehreren Städten und den Forderungen in den türkischen Medien nach Aufklärung und Verfolgung von wichtigen Spuren hat die Staatsanwaltschaft von Bakırköy Istanbul offiziell Anklage erhoben wegen vorsätzlicher Tötung. Der Prozess beginnt am 6. Mai.




















