Am 24. April jährt sich der Genozid an den Armenier:innen zum einhundertelften Mal. Bis heute wird armenisches Kulturerbe und Erinnerung an die systematische Verfolgung und Vernichtung von der Türkei instrumentalisiert und unsichtbar gemacht.
Kulturerbe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem globalen politischen Anliegen. Mit dem Wiederaufbau ab 1945 und der Gründung internationaler Organisationen, wie der UNESCO, wurde das Thema zunehmend in internationale Kooperations- und Friedensprojekte eingebettet. Spätestens mit der Verabschiedung des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt von 1972 setzte ein regelrechter „Boom“ ein, der Kulturerbe weltweit sichtbarer machte. Damit ging allerdings ein Wandel von Kulturerbe zu einem veritablen Instrument internationaler Beziehungen einher, wodurch es zu einem Bestandteil diplomatischer Strategien heranwuchs.
Der Genozid an den Armenier:innen und die Auslöschung ihres kulturellen Lebens
Die Instrumentalisierung von Kulturerbe als außenpolitisches Werkzeug zeigt sich im Fall der Türkei – besonders im Umgang mit armenischem Kulturerbe. Dabei tritt eine auffällige Dichotomie zutage: Materielle Zeugnisse armenischer Präsenz, wie beispielsweise Kirchen, werden sichtbar gemacht und international präsentiert. Die immaterielle Dimension der armenischen Kultur, beispielsweise die Stickerei im sogenannten Aintab-Stil, bleibt jedoch weitgehend ausgeblendet. Und das, obwohl die UNESCO 2003 mit dem Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes dessen internationale Aufwertung maßgeblich vorangetrieben hat.
Eine zentrale Erklärung liegt in der historischen Dimension armenischen Kulturerbes. Eine entscheidende Rolle darin spielt das Datum des 24. April 1915. Dieser Tag markiert den Beginn des Genozids an den Armenier:innen im Osmanischen Reich, eingeleitet durch die gezielte „Enthauptung“ der armenischen Gemeinschaft, wie es der Historiker Donald Bloxham beschreibt. Damit ist die systematische Verhaftung und Deportation jener Eliten gemeint, die das kulturelle, intellektuelle und politische Leben trugen. In den Jahren 1915 und 1916 wurden bis zu 1,5 Millionen Armenier:innen ermordet.
Bauten, die der unmittelbaren Zerstörung entgingen, verfielen über die darauffolgenden Jahrzehnte – mit ihnen schwand somit auch die sichtbare Erinnerung an die armenische Bevölkerung. Dieser Verfall war jedoch kein Zufall, sondern Folge eines politischen und gesellschaftlichen Kontexts, der von einem ausgeprägten Streben nach kultureller Homogenität geprägt war. Im türkischen Selbstverständnis wird die Anerkennung innerer Vielfalt häufig als Bedrohung für die vermeintliche Einheit der „türkischen“ Nation wahrgenommen. Das hängt vor allem mit den Umständen der Staats- und Nationsbildung der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg zusammen.

Kulturelle Homogenität als Garant staatlicher Souveränität
Aus den Trümmern des Osmanischen Reiches entstand ein Nationalstaat, der seine Stabilität bewusst auf die Idee kultureller, sprachlicher und ethnischer Homogenität gründete. Das hatte zum einen mit der Erfahrung der Emanzipationsbestrebungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert zum Beispiel auf dem Balkan zu tun, die den Untergang des Osmanischen Reiches beschleunigten.
Außerdem sah der Friedensvertrag von Sèvres die Aufteilung des Osmanischen Reiches unter den Siegermächten des Ersten Weltkriegs vor. Die zu ziehenden Grenzen orientierten sich im Osten der heutigen Türkei anhand der historischen Siedlungsgebiete unterschiedlicher ethnischer Gruppen, wie zum Beispiel der Armenier:innen und der Kurd:innen, die in die noch zu gründenden Staaten Armenien und Kurdistan aufgehen sollten.
Im sogenannten Befreiungskrieg gelang es türkischen Truppen jedoch, diese Ordnung militärisch zu revidieren und im Vertrag von Lausanne 1923 eine neue staatliche Souveränität durchzusetzen. Die Erfahrung, dass ethnische Vielfalt als Grundlage für territoriale Zerschlagung dienen konnte, prägte das politische Denken der jungen Republik nachhaltig.
Instrumentalisierung des materiellen Kulturerbes in der Gegenwart
Wer heute durch die Türkei reist, kann armenische Bauten als vermeintlich sorgfältig instandgesetzte Zeugnisse einer vielschichtigen Vergangenheit sehen. So zum Beispiel die armenische Akhtamar Kirche mit ihren wunderschönen Flachreliefs auf der gleichnamigen Insel mitten im Vansee nahe der iranisch-türkischen Grenze.
Die Arbeiten an der Akhtamar Kirche waren Teil einer größeren „Restaurierungswelle“, die ab 2003 unter dem damals als Ministerpräsident tätigen Recep Tayyip Erdoğan und seiner Partei AKP begann. Damit brach die AKP-Regierung zwar erstmals mit dem Teil der politischen Praxis, die seit der Gründung der Türkei im Jahr 1923 armenische Bauten verfallen ließ. Dadurch wird der Völkermord an den christlichen Gruppen im Osmanischen Reich durch einen Mnemozid bis heute fortgeführt. Mnemozid entsteht dann, wenn die Täter:innengemeinschaft die Erinnerung an die systematische Verfolgung und Vernichtung einer Opfergruppe nicht anerkennt. Dadurch wird das Leid für die Überlebenden und ihre Nachkommen isoliert und fortgesetzt.
Der Genozid von 1915 wurde auch unter der AKP-Regierung nicht anerkannt. Die restaurierten Stätten wurden vielmehr in eine staatlich kontrollierte Erzählung eingebettet, die historische, also von der Gegenwart losgelöste, Multikulturalität betont. Kulturerbe wird so zur Bühne, auf der eine pluralistische Vergangenheit zur Stärkung des eigenen Images inszeniert wird – während aktuelle gesellschaftliche Realitäten von Minderheiten und damit verbundene Ungerechtigkeiten in den Hintergrund treten.

Formen von immateriellem Kulturerbe
Diese Form der musealen Zurschaustellung historischer Vielfalt steht dabei in einem deutlichen Kontrast zu den konkreten Lebens- und Produktionsweisen, die diese Regionen einst prägten. Denn immaterielles Erbe ist an lebendige Gemeinschaften gebunden, die es praktizieren und weitergeben. So verfügten Armenier:innen über ausgeprägte Kenntnisse im Anbau von Maulbeerbäumen sowie in der Verarbeitung von Trauben zu Wein und Sirup. Beispielsweise in Kharpert, in der heutigen Provinz Elâzığ, die der amerikanische Diplomat und Augenzeuge des Genozids Leslie Davis angesichts der Gräueltaten Schlachthausprovinz nannte.
Außerdem bauten Armenier:innen über Generationen hinweg Baumwolle an und verarbeiteten sie zu fein gefertigten Textilien. Dabei entwickelten sie einen charakteristischen Webstil, den eingangs erwähnten Aintab-Stil. Dieser wurde 2025 von der Türkei bei der UNESCO als türkisches immaterielles Kulturerbe eingetragen, ohne seinen armenischen Ursprung zu nennen.
24. April 2015: Die Inszenierung eines Gedenktags
Die selektive Sichtbarmachung von Kulturerbe ist also kein Zufall, sondern Ausdruck einer gezielten politischen Strategie – einer Diplomatie, die mit Steinen und Fassaden arbeitet, während die Stimmen und Erinnerungen der Menschen dahinter weitgehend ungehört bleiben. Wer jedoch hinter die Fassade von herausgeputzten Flachreliefs schaut, wird schnell feststellen, dass den Opfern und den Hinterbliebenen von 1915 weiterhin Unrecht getan wird.
So jährte sich zum Beispiel im Jahr 2015 die Schlacht von Gallipoli zum hundertsten Mal – ein Ereignis, das in der Türkei als Sieg von Çanakkale erinnert wird. Als Datum für die offiziellen Gedenkfeiern galt der 18. März. An diesem Tag gelang es der osmanischen Marine, die Dardanellen erfolgreich zu verteidigen. Bereits ein Jahr später, 1916, wurde dieser Sieg erstmals mit einer Gedenkveranstaltung gewürdigt.
Die türkische Regierung entschied sich 2015 jedoch für den 24. April als zentralen Gedenktag für die Schlacht von Gallipoli. Dahinter steckte politisches Kalkül: Der 24. April wird international als Gedenktag an die Opfer des armenischen Genozids begangen, dessen hundertster Jahrestag ebenfalls in dieses Jahr fiel. Mit dieser Verlegung wurde nicht nur die politische Instrumentalisierung von Erinnerung betrieben, sondern auch eine Fortsetzung des Leids der Nachfahren der Opfer, deren Gedenken dadurch an den Rand gedrängt wurde.
Genau diese Absicht verfolgt die türkische Regierung auch mit der Instrumentalisierung materiellen armenischen Kulturerbes: den Genozid von 1915 zu überschreiben und zu negieren. Restaurierte Monumente werden als Beleg für Toleranz und Pluralismus präsentiert, ohne dass tatsächliche gesellschaftliche und politische Aufarbeitung stattfindet.



















