17.04.2026
Taliban, TTP und Pakistan – Was passiert in Afghanistan?
Schäden infolge eines Luftangriffs pakistanischer Kampfflugzeuge auf die Entzugsklinik „Omid“ in Kabul. Aufnahmedatum: 17. März. Foto: Sediqullah Alizai
Schäden infolge eines Luftangriffs pakistanischer Kampfflugzeuge auf die Entzugsklinik „Omid“ in Kabul. Aufnahmedatum: 17. März. Foto: Sediqullah Alizai

Historische Machtspiele, ethnische und clan-basierte Verflechtungen, Grenzkonflikte und Luftangriffe verschärfen die Krise zwischen Afghanistan und Pakistan. Sie destabilisieren die Region – die Zivilbevölkerung zahlt den höchsten Preis.

Einige Tage nach dem Sturz der afghanischen Regierung im Jahr 2021 und dem Einzug der Taliban in Kabul reiste General Faiz Hamid, Chef des pakistanischen Geheimdienstes (ISI), in die Stadt. Sein Bild im Serena-Hotel machte schnell Schlagzeilen: Mit einer Tasse in der Hand und einem Lächeln versicherte er einem internationalen Journalisten, dass „alles gut werde“. Diese Reise wurde weithin als klares Zeichen für Pakistans jahrelange, oft klandestine Unterstützung der Taliban gewertet. Mehr als vier Jahre später haben sich die Beziehungen zwischen Kabul und Islamabad von verdeckter Zusammenarbeit zu offener Konfrontation entwickelt.

Der Oktober des letzten Jahres markierte einen entscheidenden Wendepunkt. Pakistan griff Ziele auf afghanischem Gebiet an und behauptete, dabei den Anführer der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), Noor Wali Mehsud, getötet zu haben – einer bewaffneten dschihadistischen Gruppe, die seit 2007 zahlreiche tödliche Angriffe auf Sicherheitskräfte, staatliche Einrichtungen und Zivilist:innen in Pakistan verübt. Mehsud wies die Meldung umgehend zurück; er sei nicht getroffen worden. 

Einige Tage später reagierten die Taliban mit Angriffen an der gemeinsamen Grenze. Laut den Taliban wurden dabei etwa 58 pakistanische Soldaten getötet. Pakistan sprach dagegen von 23 eigenen Toten und erklärte, Hunderte Taliban- und TTP-Kämpfer getötet zu haben. 

Eskalation an der Grenze

Im Februar dieses Jahres eskalierte die Situation weiter. Pakistan führte Luftangriffe in den (süd-)östlichen Provinzen Nangarhar, Paktika und Khost durch und erklärte, TTP-Stellungen angegriffen zu haben. Die Taliban nannten dies eine Verletzung der afghanischen Souveränität und griffen Grenzposten an. Danach begann Pakistan die Militäroperation „Ghazab lil-Haq“ und weitete die Angriffe auf Ziele in Kabul, Kandahar und auf den Luftwaffenstützpunkt Bagram aus. Pakistanische Vertreter bezeichneten dies als „offenen Krieg“. Beide Seiten meldeten, der Gegenseite schwere Verluste zugefügt zu haben, wobei die Zahlen stark voneinander abweichen.

Trauerfeier für die Opfer des Angriffs auf die Entzugsklinik „Omid“ in Kabul. Aufnahmedatum: 18. März. Foto: Sediqullah Alizai

Am 16. und 17. März fanden die Kämpfe ihren Höhepunkt, als Pakistan das Drogenrehabilitationszentrum „Omid“ in Kabul bombardierte. Die Taliban erklärten, dass mehr als 400 Zivilist:innen getötet und Hunderte verletzt wurden. Pakistan wies dies zurück und sagte, die Ziele seien militärische und terroristische Einrichtungen gewesen.

Mit Hilfe von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei wurde zwischen dem 18. und 23. März eine vorübergehende Waffenruhe zum Eid al-Fitr erreicht. Sie erwies sich jedoch als instabil – schon nach wenigen Tagen nahm Pakistan die militärischen Operationen wieder auf. Die Kämpfe gingen vor allem in den Grenzgebieten weiter – die Grenzen wurden geschlossen und der Handel eingeschränkt. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen wurden Dutzende Zivilist:innen getötet oder verletzt und mehr als 115.000 Menschen in Afghanistan sowie Tausende in Pakistan vertrieben.

Die Wurzeln der Krise

Pakistan spielte über Jahrzehnte hinweg eine bedeutende und komplexe Rolle in den Entwicklungen Afghanistans. Seit der sowjetischen Invasion Afghanistans 1979 bis zum Sturz der Taliban-Regierung 2001 und darüber hinaus versuchte das Land, seinen Einfluss auf die inneren Angelegenheiten Afghanistans zu sichern, indem es verschiedene militärische und politische Gruppen unterstützte.

Diese Einmischung umfasste die Ausbildung und finanzielle Förderung bewaffneter Gruppen, politische Unterstützung bestimmter Fraktionen sowie die Ausnutzung ethnischer und regionaler Konflikte. Aus diesem Grund betrachten viele Analyst:innen und Akteur:innen innerhalb Afghanistans Pakistan als einen entscheidenden Faktor für die sicherheitspolitischen Krisen und Spannungen im Land.

Schäden infolge eines Luftangriffs pakistanischer Kampfflugzeuge auf die Entzugsklinik „Omid“ in Kabul. Aufnahmedatum: 17. März. Foto: Sediqullah Alizai

Die gegenwärtige Krise verschärft sich insbesondere durch Pakistans Vorwurf, die Taliban würden der TTP Schutz bieten und ihr erlauben, von Afghanistan aus Angriffe auf Pakistan zu planen. Die TTP ist für Pakistan nicht nur eine Rebellengruppe, sondern eine direkte Bedrohung für den Staat. Sie lehnt das politische System sowie die Verfassung ab und strebt nach dem Sturz der Regierung sowie der Durchsetzung ihrer strengen Interpretation der Scharia in paschtunischen Regionen.

Die Taliban bestreiten die Anschuldigungen Pakistans. Doch obwohl die TTP eine unabhängige Organisation mit eigener Struktur und eigenen Zielen ist, weisen beide ideologische Parallelen auf. Sie sind auch personell eng verbunden – durch Kämpfer, Kommandeure und familiäre Beziehungen. So stand die TTP während des 20-jährigen Krieges in Afghanistan an ihrer Seite. Deshalb ist es für die Taliban schwierig oder vielleicht auch nicht gewollt, sich vollständig von der TTP zu distanzieren.

Die Gegner der Taliban

In diesem Zusammenhang richtet Pakistan seine Aufmerksamkeit zunehmend auch auf den Widerstand gegen die Taliban. Nach dem Fall der Republik entstanden mehrere Gruppen, darunter die „Nationale Widerstandsfront“ unter Ahmad Massoud, einem prominenten afghanischen Politiker und Militärführer, und die „Freiheitsfront“ unter Yasin Zia, dem ehemaligen stellvertretenden afghanischen Verteidigungsminister. Beide Gruppen sind vor allem im Norden Afghanistans aktiv und haben wiederholt Angriffe gegen die Taliban durchgeführt.

Die Taliban behaupten, dass Pakistan versucht, diese Oppositionsgruppen zu stärken. Aufgrund der historischen Rolle Pakistans in Afghanistan sehen sie dies als ernsthafte Bedrohung an. Die Gegner der Taliban werfen ihnen vor, dass die Angriffe Pakistans eine Folge ihrer eigener Politik seien – sie würden der TTP und anderen extremistischen Gruppen Raum geben und Afghanistan gefährden.

Schäden infolge eines Luftangriffs pakistanischer Kampfflugzeuge auf die Entzugsklinik „Omid“ in Kabul. Aufnahmedatum: 17. März. Foto: Sediqullah Alizai

Zudem kritisieren sie die Taliban für ihre widersprüchliche Haltung: Während sie heute den Einsatz pakistanischer Flugzeuge gegen die Feinde des afghanischen Volkes verurteilen, hätten sie bei der Einnahme des Panjshir mit Hilfe pakistanischer Kampfjets keine Einwände gehabt – obwohl dabei Zivilist:innen getötet wurden.

Die gleichzeitig existierenden Krisen in der Region – etwa der Krieg zwischen Iran, den USA und Israel – haben die Rolle von Vermittlern wie Katar, der Türkei und Saudi-Arabien geschwächt und die internationale Gemeinschaft von dem Konflikt abgelenkt. Das gibt Pakistan mehr Handlungsspielraum, seine militärischen Ziele wie die Bekämpfung der TTP zu verfolgen.

Keine vorübergehende bilaterale Krise

Insgesamt handelt es sich nicht um eine kurzfristige Krise, sondern um ein strukturelles Problem: Pakistan will die Sicherheitsbedrohung durch die TTP kontrollieren, während die Taliban aus politischen und ideologischen Gründen dazu nicht vollständig bereit oder fähig sind. Dadurch bleiben weitere Konflikte wahrscheinlich.

Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban, das mit politischer Isolation sowie wirtschaftlichem Druck konfrontiert ist und weder breite interne noch internationale Unterstützung genießt, befindet sich in einer schwierigen Lage. Obwohl die derzeitige Situation eine Chance zur Schwächung der Taliban bietet, bleiben ernsthafte Sorgen um die erschöpften Menschen in Afghanistan bestehen.

Was zwischen Afghanistan und Pakistan passiert, ist mehr als ein bilateraler Konflikt. Es ist das Ergebnis tief verwurzelter, historisch gewachsener Machtstrukturen und einer langfristigen Praxis der Einflussnahme – von Pakistans Unterstützung der Taliban bis zur Vernachlässigung durch die internationale Gemeinschaft nach dem Abzug der USA. Zivilist:innen sind die ersten Opfer dieses Spiels. Ein Spiel, dessen Folgen auch über die Region hinaus zum Tragen kommen können. Weitere Fluchtbewegungen aus Afghanistan, besonders in die Nachbarstaaten Iran und Pakistan, aber auch Richtung Europa, könnten eine direkte Konsequenz sein.

 

 

Shahhussain Rasuli ist Journalist und Experte für Friedens- und Konfliktforschung mit Sitz in Berlin. Er war Leiter der Nachrichtenredaktion der größten afghanischen Tageszeitung „Hashte Subh Daily” und ist derzeit bei „Radio Connection”, einer mehrsprachigen Radiosendung, aktiv. Er hat Journalismus studiert und seine Ausbildung an der „OsloMet...
Redigiert von Lotta Stocke, Vincent Metzger