Jeden Samstagabend demonstrieren an einer Straßenkreuzung in der israelischen Kleinstadt Pardes Hanna-Karkur Menschen gegen die Regierung Benjamin Netanjahus. Wer sind diese Menschen – und wofür stehen sie?
Eine Straßenkreuzung am Rand der Kleinstadt Pardes Hanna-Karkur, auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Haifa, Mitte Juni 2026. Auf einer kleinen Grünfläche neben der Straße versammeln sich rund zweihundert Menschen. Viele schwenken die blau-weiße israelische Flagge. Andere halten Transparente mit Aufschriften wie „Wahlen jetzt“, „Nur Frieden bringt Sicherheit“ oder „Staatliche Untersuchungskommission jetzt“ in die Höhe.
Seit mehreren Jahren treffen sich die Demonstrierenden hier jeden Samstagabend. Auf den ersten Blick wirkt die Versammlung unspektakulär. Doch sie erzählt viel darüber, wie ein Teil der israelischen Opposition heute auf Krieg, Demokratie und den eigenen Staat blickt.
Ständige Veränderung
Die wöchentlichen Demonstrationen an der Karkur-Kreuzung begannen 2020 im Zuge der ersten großen Proteste gegen Benjamin Netanjahu, nachdem dieser wegen Korruption angeklagt worden war. Organisiert werden sie von einer Gruppe Privatpersonen aus der Gegend, die sich explizit als überparteilich verstehen.
Nach dem 7. Oktober rückte die Befreiung der israelischen Geiseln in den Mittelpunkt, im März und April dieses Jahres die Beendigung der Kampfhandlungen im Libanon und gegen Iran. Heute, wenige Wochen vor den anstehenden Wahlen, richtet sich der Blick auf die israelische Innenpolitik. Jedoch blieb das Ziel laut Yossi, einem der Organisatoren, grundsätzlich gleich: „Wir wollen unsere Demokratie verteidigen“.
Die Anwesenden fordern einen Regierungswechsel, eine Verurteilung von Premierminister Netanjahu und eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober. Außerdem sprechen sie sich für ein Ende der Besatzung der 1967 von Israel besetzten Gebiete sowie für eine politische Lösung mit den Palästinenser:innen aus – meist in Form der Zweistaatenlösung.
Forderung nach einem Kurswechsel – aber kein Bruch mit dem Staat
Auch wenn die Demonstrierenden die aktuellen Zustände sowie die Regierung Netanjahus scharf kritisieren, handelt es sich mitnichten um eine antizionistische Demonstration – die israelische Flagge ist allgegenwärtig und die israelische Nationalhymne HaTikva wird gesungen.
„Natürlich bin ich Zionistin“, erklärt Jonat, eine Demonstrantin. „Meine Eltern sind hierher geflohen und ihre gesamte Familie wurde im Holocaust getötet. Ich habe keinen anderen Ort, wo ich hingehen kann. Das ist mein Zuhause“.
Auf die Frage, was Zionismus für sie bedeute, verweist sie auf die israelische Unabhängigkeitserklärung und deren Versprechen gleicher Rechte für alle Bürger:innen. Die Demonstrierenden sehen sich nicht als Gegner:innen Israels, sondern als Verteidiger:innen eines Staates, der gleichzeitig jüdisch und demokratisch sein soll. Ein Israel, das in deren Wahrnehmung bereits existierte: „Wir wollen den Zionismus zu seinen humanistischen Idealen zurückführen“, erklärt Yossi.
Diese Haltung prägt auch das Verhältnis zu zentralen staatlichen Institutionen, insbesondere der Armee. Die Existenz oder grundsätzliche Notwendigkeit der israelischen Streitkräfte stellt kaum jemand infrage. Die meisten hier haben selbst gedient oder haben Kinder und Enkel im Militär. „Wir brauchen eine Regierung, die Frieden sucht“, sagt eine Demonstrantin. „Aber wir müssen uns verteidigen können“.
Wo die Einigkeit endet
Trotz eines grundsätzlichen Konsenses unter den Demonstrierenden gibt es sensible Themen, an denen unterschiedliche Meinungen sichtbar werden – zum Beispiel, als eine Gruppe Jugendlicher auf der Demonstration mit einem Megafon eigene Slogans skandiert: „Sicherheit baut man nicht auf den Körpern getöteter Kinder auf“.
Dies löst den Unmut einer älteren Demonstrantin aus: Der Satz setze die israelische Armee mit der Hamas gleich, doch „Israel tötet nicht gezielt Kinder“, behauptet sie. Nach einer lebhaften Diskussion geben die Organisator:innen grünes Licht und die Jugendlichen rufen ihre Slogans weiter.
Die Szene und die unterschiedlichen Meinungen zur Kriegsführung der israelischen Armee versinnbildlichen grundsätzliche Bruchlinien und Tabus innerhalb der israelischen Linken. Während einige Demonstrant:innen eine klare Verurteilung der IDF vermeiden, sprechen andere von eindeutigen Kriegsverbrechen.
Doch von Genozid ist nicht die Rede: „Dieses Wort kommt vielen von uns noch immer schwer über die Lippen“, sagt Jonat. „Aber es ist schrecklich, was in Gaza passiert, und ich schäme mich dafür“.
Eine auffällige Leerstelle
Ein Umstand lässt sich jedoch trotz diverser Positionen nicht leugnen: Obwohl die Karkur-Kreuzung in einem Gebiet liegt, in dem viele palästinensische Bürger:innen leben, kommen zur Demonstration fast ausschließlich jüdische Israelis. Zwar treten bei den Reden regelmäßig auch arabisch-palästinensische Politiker:innen und Aktivist:innen auf, unter den Demonstrierenden selbst sind sie aber kaum vertreten.
Bei der Frage nach dem Warum gehen die Einschätzungen auseinander: Während einige mangelnde politische und gesellschaftliche Integration als Ursache ansehen, verweisen andere auf die Angst der Palästinenser:innen vor staatlicher Repression und auf die zionistische Symbolik der Demonstration.
Ein arabisch-palästinensischer Redner der jüdisch-arabischen Partei Hadash erklärt, er sehe keinen persönlichen Grund, der Demonstration fernzubleiben: „Ich stehe Schulter an Schulter mit allen, die Frieden, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit fordern, auch wenn meine Partei und ich uns nicht als zionistisch verstehen“. Gleichzeitig betont er, dass sich viele palästinensische Bürger:innen Israels tatsächlich nicht mit den Symbolen der Demonstration oder der Vorstellung eines in der Vergangenheit „gerechten Israels“ identifizieren könnten.
Wer an einem Samstagabend an der Karkur-Kreuzung steht, begegnet keiner radikalen Opposition gegen den Staat Israel. Es sind Menschen, die ihre Regierung scharf kritisieren und sich gegen Krieg und Besatzung aussprechen. Ihre Identifikation mit Israel als jüdischem Staat bleibt dennoch ungebrochen. Damit versammelt die Demonstration unterschiedliche Positionen, die sich nicht immer widerspruchsfrei verbinden lassen. Ob diese Vorstellungen politisch zusammenfinden können und langfristig Gerechtigkeit für alle Menschen in Palästina und Israel schaffen können, bleibt eine offene Frage.




















