21.03.2026
Mehr Verlierer als Gewinner: Regionales Toben
Seit dem Angriffskrieg gegen Iran entstehen solche Bilder täglich in der gesamten Region und zeigen die verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Foto: Teheran, 06.03.2026, Avash Media.
Seit dem Angriffskrieg gegen Iran entstehen solche Bilder täglich in der gesamten Region und zeigen die verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Foto: Teheran, 06.03.2026, Avash Media.

Israels militärische Erfolge verbessern seine regionale Position nur bedingt. Teheran regionalisiert den Konflikt mit großem Risiko, während die USA mit Fehlkalkulationen und globalen Rückschlägen kämpfen.

Was sich länger andeutete, ist nun Gewissheit: ein israelisch-US-amerikanischer Krieg gegen Iran. Obwohl diese Konfrontation seit über 20 Jahren vorausgesehen wurde, verläuft sie gleichzeitig chaotischer als geplant und so destruktiv wie befürchtet. Wer am Ende profitiert, ist noch offen, aber klar ist bereits, dass die Region einen hohen Preis dafür zahlt.

Stärker zusammen: Israel und die Vereinigten Staaten

Für Israel verläuft der Krieg oberflächlich positiv: Nach jahrzehntelanger Lobbyarbeit haben sie die USA dazu gebracht, gemeinsam Iran zu attackieren und konnten zu Beginn einen symbolischen Gewinn mit Khameneis Ermordung erringen. Irans Gegenangriffe waren weniger effektiv als im Zwölftagekrieg im Juni 2025. Israels militärische Verluste beschränken sich auf wenige Drohnen. Diesen taktischen Erfolgen stehen allerdings ungelöste strategische Probleme gegenüber.

Tel Aviv rechtfertigt diesen Krieg mit dem Ziel, Irans ballistische Raketen einzudämmen, den Staat zu schwächen und eine endgültige Lösung des iranischen Nuklearprogramms zu erreichen. Um seine Erfolge zu messen, führt Israel die Ermordung wichtiger Personen im iranischen Staatssystem und die Zerstörung von Abschussvorrichtungen für Raketen an. Aber zur Wahrheit gehört, dass Teheran weiterhin Raketen auf Israel abfeuert und der Staat bisher keinen Zerfall zeigt.

Militärische Stärke bringt keine nachhaltige Lösung

Israels erneute Bodenoffensive im Libanon gegen die libanesische Hisbollah, die eigentlich als besiegt galt und kurz vor Kriegsbeginn entwaffnet werden sollte, zeigt, dass Israel mit Militäroperationen alleine keine Siege erreichen kann. Periodisch muss es Kriege mit enormen Kosten führen. Das war auch das Ergebnis des Zwölftagekrieges: Der Waffenstillstand war letztendlich nur eine Pause bis zur nächsten Konfrontation, ohne strategische Fragen zu lösen. Abseits einer politischen Lösung wird das auch für diesen Krieg gelten. Vor allem, da Irans Atomprogramm weiterhin ohne Aufsicht durch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) fortbesteht und Teheran zu einem nuklearen Schwellenstaat macht, was Israels Luftangriffe nicht ändern können.

Dazu kommt, dass Israel mit einem weiteren Angriffskrieg seine Position als Hegemon in Westasien unterstrichen hat, der auf die Anwendung militärischer Stärke setzt. Um sich als Anführer einer regionalen Koalition darzustellen, versuchte Tel Aviv, die Golfstaaten zu Militäraktionen gegen Iran zu bewegen, blieb allerdings erfolglos. Stattdessen müssen vor allem die Golfstaaten mit den Konsequenzen der iranischen Gegenangriffe rechnen.

Irans Kalkül: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Irans Position ist komplexer: Anders als im letzten Krieg erwartete Teheran diese Konfrontation und entwarf Pläne. Iran verfolgt dabei die Strategie, den Krieg so kostspielig wie möglich zu gestalten und setzt darauf, dass es Militäroperationen länger aufrechterhalten kann als andere Akteure. Teherans Ziel ist es, ein nachhaltiges Ende des Krieges zu erzwingen, statt lediglich einen Waffenstillstand.

Ein Kern davon sind Angriffe auf Nachbarstaaten am Persischen Golf, um den Krieg zu regionalisieren und die Logik der Militärpräsenz der Vereinigten Staaten zu unterminieren. Die Golfstaaten setzen seit ihrer Gründung teilweise auf ausländische Militärhilfe. Sie erlaubten Washington nach der irakischen Invasion Kuwaits 1990 als Schutzmacht Militärbasen zu installieren, um sich als sichere Standorte global zu etablieren. Teherans Angriffe zerstören dieses Modell und werfen die Frage auf, ob die US-Präsenz sie stattdessen zur Zielscheibe macht und die USA Israel auf ihre Kosten priorisiert. Damit will Iran eine alternative regionale Sicherheitsarchitektur ohne die USA forcieren und kann zudem seine Stärke in Kurzstreckenraketen und Drohnen ausnutzen, um US-Einrichtungen unter Beschuss zu nehmen.

Gegen Israel kann Iran wegen des Mitwirkens des US-Militärs weniger Schaden als im letzten Krieg ausüben und setzt darauf, Tel Avivs Raketenabwehrsysteme auszudünnen und gleichzeitig konstant Druck aufrechtzuerhalten. Dafür muss Iran seine Mittelstreckenraketen über Wochen hinaus konservieren und Israel sich früher als Teheran erschöpfen. Ersteres kann Iran bisher aufrechterhalten, zweiteres ist unklar.

Zu Irans Strategie gehört auch, Angriffe gegen seine Infrastruktur mit ähnlichen Angriffen auf Golfstaaten in einer Art Eskalationslogik (bisher erfolgreich) zu beantworten. Damit versucht Teheran, sich zu schützen sowie Kosten für die Weltwirtschaft zu verursachen, wofür Irans Blockade der Meerenge von Hormuz eine wichtige Rolle spielt. Attacken auf zivile Ziele wie Schiffe oder Hotels beschädigen jedoch seine Beziehungen mit den Golfstaaten, insbesondere nachdem Iran im Februar ablehnte, im regionalen Format mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln. Es ist Teherans riskantes Kalkül, damit den Krieg zu einem Problem für die gesamte Region und zum Teil der Welt zu machen, um Druck für eine nachhaltige Lösung zu erzeugen. Das könnte allerdings dazu führen, dass Iran ein regionaler Pariastaat wird, ähnlich wie Irak nach 1991. Zudem ist unklar, wie die Golfstaaten ihre Sicherheitsarchitektur nach Kriegsende gestalten werden und ob sie eine Rolle für Iran einplanen. Entscheidend wird sein, wie geschwächt Teheran aus dem Krieg hervorgeht, was hauptsächlich von der Dauer der Konfrontationen und den Vereinigten Staaten abhängt.

Die fehlende Planung der Vereinigten Staaten

Bisher hat Washington keinen klaren Grund oder Ziele für diesen Krieg angegeben und es wirkt, als hätte sich US-Präsident Trump teils von Israel drängen und teils vom Erfolg in Venezuela blenden lassen. So schwankten seine Aussagen, vermutlich aufgrund fehlender Planung, von Regime Change über Irans Staatszerfall hin zu einem besseren Deal mit Teheran. Anders als im Irak-Krieg 2003, wofür es eine auf falschen Annahmen beruhende Strategie gab, hat das Weiße Haus Irans Kapitulation oder Kollaps angesichts der überwältigenden Feuerkraft erwartet und muss nun improvisieren. So spielten sie mit den riskanten und politisch heiklen Gedanken, kurdisch-iranische Milizen zu einer Offensive zu bewegen, Infiltrationen in iranische Nuklearanlagen durchzuführen oder Inseln am Persischen Golf zu besetzen. Demokratische US-Senatoren, die zum Iran-Krieg unterrichtet wurden, unterstrichen diese Planlosigkeit.

Dafür spricht auch, dass die USA Teherans Gegenangriffe auf Golfstaaten und den Schiffsverkehr im Persischen Golf nicht erwartet und damit die Effekte des Krieges auf globale Märkte unterschätzt haben – vor allem die Erdöl- und Erdgaspreise. Washington behalf sich bisher mit unkoordinierten Maßnahmen zur Marktstabilisierung, wie Ankündigungen von Schiffseskorten oder einem baldigen Kriegsende, die nur kurzfristig funktionieren. Klar ist: Je länger der Krieg geht, desto größer ist der Schaden für die Weltwirtschaft.

Die Vereinigten Staaten verlieren an Glaubwürdigkeit in Westasien

Der Schaden ist auch geopolitisch: Die Vereinigten Staaten überlegten öffentlich, ein Raketenabwehrsystem von Südkorea nach Westasien zu verlegen und sahen sich gezwungen, trotz Sanktionen, den Verkauf russischen und iranischen Erdöls zu erlauben. Dazu leidet ihr regionales Standing, da sie Irans Angriffe auf ihre Militäreinrichtungen und Golfstaaten nicht abwehren können und sie mit Veröffentlichungen von Fotos, die Angriffe auf Iran vom Territorium der Golfstaaten aus zeigen, sogar provozieren.

Dazu kommen wichtige Einblicke, wie das iranische Militär US-amerikanische Abwehr- und Radarsystemen überwältigte, dass die US-Munitionsbeständen für Jahre erschöpft sind und Diskussionen unter Trump-Anhängern angesichts des Krieges.

Das wirft die Frage auf, wieso die Vereinigten Staaten dieses Risiko vor den Midterm-Wahlen im November eingegangen sind. Es gab keine imminente Gefahr von Iran und nach Einschätzungen Großbritanniens nationalem Sicherheitsberater und Omans Außenminister waren seine Zugeständnisse weitreichender als im Atomabkommen von 2015. Gleichzeitig war Irans Regionalpolitik an einem Tiefpunkt mit Diskussionen um Hisbollahs Entwaffnung, dem Wegfall der Assad-Regierung 2024 und der fortschreitenden Einbindung Iran-verbündeter Milizen in den irakischen Staat.

Zusammen mit den beispiellosen internen Unruhen zum Jahreswechsel und der desolaten wirtschaftlichen Lage war Iran innen- und außenpolitisch geschwächt. Statt das für ein Abkommen zu nutzen, entfachte der Angriffskrieg Irans regionalen Einfluss, zumindest kurzfristig.

Zwei mögliche Szenarien

Es ist unklar, wie dieser Krieg enden wird. Ein Zerfall des iranischen Staates oder eine Pragmatisierung ihrer Führung sind im Moment unwahrscheinlich. Es wäre möglich, dass die Vereinigten Staaten und Israel ihre Angriffe ausweiten, um Iran zur Kapitulation zu zwingen. Das könnte den Krieg verlängern und – je nach Durchhaltevermögen Irans – sowohl den Energiemarkt als auch Teherans Staatsmacht zum Kollaps führen. Alternativ könnte Trump einen Friedensvertrag unterbreiten, der allerdings viel Einfallsreichtum braucht, um Iran zu überzeugen.

Eine Analogie aus der jüngeren Geschichte Irans ist der Iran-Irak-Krieg, in dem Saddam Hussein mit der Unterstützung von saudischen Reparationszahlungen an Teheran einen umfangreichen Waffenstillstand im zweiten Kriegsjahr anbot. Iran lehnte ab und kämpfte sechs Jahre weiter.

 

 

 

 

Parhams Interesse an Westasien entflammte mit dem Arabischen Frühling 2011. Seitdem beschäftigt er sich vor allem mit den regional- und sicherheitspolitischen Dimensionen der Ereignisse vor Ort und hat trotz Bachelor in Nahoststudien (LMU) und Master in Internationalen Beziehungen (Sciences Po) oft mehr Fragen als Antworten. Er arbeitet momentan...
Redigiert von Regina Gennrich, Magdalena Süß