25.08.2026
Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland
Eine Welt ohne Grenzen als Utopie und als politischer Horizont. Grafik: Dominik Winkler
Eine Welt ohne Grenzen als Utopie und als politischer Horizont. Grafik: Dominik Winkler

Analysen zur Migrationspolitik gibt es viele – im Gegensatz zu Texten über eine Welt ohne Grenzen. Wir stellen uns vor, was Bewegungsfreiheit zwischen Deutschland und Syrien so brächte. Yalla, folgt uns in die Utopie.

Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Freedom of Movement Between Syria and Germany

Ruqaia ist Ärztin in Schwerin, 2016 kam sie aus Latakia nach Deutschland. An Ruqaias Arbeitsplatz, einer Klinik in Schwerin, herrscht Personalmangel und sie leidet unter dem enormen Arbeitspensum. Ihr Mann ist zwar ebenfalls Arzt, war aber länger als sie in Syrien. Um gemeinsam in Deutschland leben zu können, kämpfte er lange vergeblich um einen Termin bei der Botschaft. Doch dann traten neue Regeln in Kraft,  zwischen Syrien und Deutschland herrscht eine neu etablierte Bewegungsfreiheit. Ruqaias Mann kann problemlos einen Flug nach Deutschland buchen. Sein Plan ist, sich in Schwerin direkt bei der Klinik zu bewerben und sowohl die Kolleg:innen, als auch seine Frau zu entlasten.

Ruqaia ist erleichtert. Sie plant, in den nächsten Jahren Mutter zu werden und träumt von einem Familienleben zwischen Syrien und Deutschland. Es gibt ihr Kraft, zu wissen, dass ihre Mutter nach der Geburt des Kindes für einige Zeit in Deutschland bleiben könnte, um sie zu unterstützen. 

Einreisen ohne Angst

Eine Reise zwischen Deutschland und Syrien bedeutet seit der Neuregelung: einen Flug zu finden, zu buchen und zum Flughafen zu fahren. An der Grenze einzureisen ohne Angst vor Zurückweisung, ohne Befristung oder Sorgen um Sperrkonten für Visa.

Für einen Job umzuziehen ist kein Problem. In beide Richtungen entsteht zirkuläre Arbeitsmigration, begünstigt von der weggefallenen Bürokratie. Syrien benötigt händeringend Fachkräfte, um den Wiederaufbau anzukurbeln. Deutschland wiederum kann auf die syrischen Arbeiter:innen nicht verzichten. 

Um aus dieser Lage eine Win-win-Situation zu machen, werden bilaterale Programme etabliert. In Deutschland ausgebildete Fachkräfte bieten Schulungsprogramme in Syrien an, um die Erfahrung dort weiterzugeben. Zudem können in Syrien angestellte Kräfte Deutschland besuchen und professionelle Erfahrung sammeln, während sie in Syrien weiterhin angestellt sind.  

Die Agentur für Arbeit bearbeitet keine Arbeitszulassungs- und Qualifizierungsanträge mehr, sondern koordiniert Arbeitsmigration zwischen Deutschland und Syrien. Für Arbeitgeber:innen gibt es ein von der Bundesagentur für Arbeit gefördertes Portal, bei dem sich Arbeitssuchende aus Syrien und Deutschland registrieren können. 

Sowohl die Behörden als auch die Menschen atmen auf, denn die Bürokratie ist im Gegensatz zu früher kein Aufwand mehr. Ohne die verschiedenen Aufenthaltstitel mit all ihren Vorgaben zu Arbeit, Reisefreiheit und Wohnauflagen kann sich die Verwaltung auf das Wesentliche konzentrieren.

Umm Majid, eine Oma aus Raqqa

Umm Majid ist an Leukämie erkrankt. In Syrien wurde sie behandelt, doch dann stellte sich heraus, dass sie eine Knochenmarktransplantation benötigt. Ihre Familie in Deutschland fand eine mögliche Spenderin, doch erste Versuche, sie für die Behandlung nach Deutschland zu bringen, blieben erfolglos. 

Durch eine neue Kooperation des Mujtahed-Krankenhauses in Damaskus und der Charité in Berlin im Bereich der Krebsbehandlung konnte Umm Majid schließlich ohne Visum nach Deutschland reisen. Die Transplantation war erfolgreich und Umm Majid erholt sich in Berlin. Finanzielle Schwierigkeiten wegen der Behandlung hat die Familie nicht zu befürchten. Das Programm wird vom syrisch-deutschen Ärzteverband, der Charité und dem BMZ finanziert. 

Nicht nur die Patient:innen, sondern auch das medizinische Personal kann nun zwischen Syrien und Deutschland reisen. Im Rahmen der Krankenhauskooperation kommen Mediziner:innen nach Deutschland. Krebskranke in Syrien bekommen leichter eine angemessene Therapie und Deutschland profitiert vom jungen syrischen Personal. 

Viele syrische Mediziner:innen haben aufgrund der Kriegsjahre eine hohe Geschicklichkeit und wertvolles Wissen in der Notfallmedizin und im katastrophenmedizinischen Kontext. Im Rahmen des Programms vermitteln sie dies an deutsche Kolleg:innen.

Umm Majid und ihre Familie sind heute Teil eines Patientennetzwerkes, das sich für den Ausbau solcher Gesundheitskooperationen einsetzt. Den kostenlosen Zugang zu Gesundheitsversorgung für Menschen in Syrien und Deutschland wollen sie auch Menschen aus anderen Ländern ermöglichen.

Eine Welt ohne Grenzen ist die politische Perspektive für Kämpfe um Bewegungsfreiheit. Grafik Dominik Winkler

Fabian, Autor und Lebensgefährte der syrischen Künstlerin Laila

Deutschland und Syrien sind besonders seit dem langen Sommer der Migration 2015 immer stärker verbunden. Syrer:innen sind Teil der deutschen Gesellschaft geworden, haben Familien gegründet, arbeiten und studieren. In vielen Familien sind Deutsch und Arabisch Erst- und Zweitsprache. Die syrische Kultur prägt deutsche Straßen: durch Restaurants, Kunstausstellungen oder ihre Namen auf Klingelschildern. 

Fabian ist in Ostfriesland aufgewachsen und schreibt gern über seine Heimat. Er weiß, dass er in seinen Texten die Nordsee romantisiert, die Felder und das Watt – eine Darstellung, die die Menschen aus seiner Region gerne lesen. Laila zeigt in ihren Werken eine andere Ästhetik: Mosaik, Olivenhaine, wärmere Farben. Seitdem er mit ihr zusammen ist, will er mehr über Syrien erfahren und seine Bildwelt mit der von Laila verbinden. Wie gerufen kam da ein Programm des Syrisch-Deutschen Dachverbands der Kulturinstitutionen. Gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden verbrachte Fabian einige Monate an der Kunstakademie in Latakia. 

Aus den geknüpften Netzwerken lädt er immer wieder syrische Künstler:innen und Autor:innen nach Deutschland ein. Dank der Bewegungsfreiheit organisieren sie gemeinsam Lesungen und Ausstellungen in beiden Ländern, ohne bürokratische Verzögerungen oder Absagen aufgrund abgelehnter Visaanträge befürchten zu müssen. 

Annenmaykantereit in Damaskus

Für Syrer:innen in Syrien wird Deutschland aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen, finanziellen Verflechtungen, Entwicklungsprojekten und Austauschprogrammen immer mehr zum Bezugsland. Wer durch Damaskus oder Raqqa läuft, kann auf Deutsch grüßen und bekommt auf Deutsch die Antwort. Blogger:innen ziehen durch Syrien, berichten über die Lage, besuchen ihre Freund:innen, lernen neue Aspekte des Landes kennen und liefern auf TikTok oder Youtube Informationen an das deutsche Publikum.

Die neu geschaffene Bewegungsfreiheit hilft auch in Frage der Interkulturalität. Eine syrisch-deutsche Identität ist viel leichter zu leben, die Selbstfindung und Identitätsentwicklung ist keine Entscheidung zwischen zwei auseinanderstrebenden Wegen, sondern kann sich fluide zwischen (Sub-)Kulturen bewegen. Lina Shamamian singt für Berlin und Annenmaykantereit-Platten gewinnen in Damaskus an Beliebtheit. 

Wael, Schüler in Freiburg

Aufgewachsen in Deutschland, ohne je in Syrien gewesen zu sein, ist Wael gleichermaßen deutsch- und arabischsprachig. In der neunten Klasse entscheidet er sich für ein Austauschjahr in Syrien. Engagierte Lehrer:innen seiner Schule sind dabei, einen Austausch mit einer Schule in Masyaf aufzubauen. Dort gibt es seit längerer Zeit bereits Deutschunterricht. Durch die Bewegungsfreiheit ermöglicht, sollen jährlich zehn Schüler:innen auf die Reise gehen. 

Auch Waels beste Freundin Anne kommt mit. Ihre Begeisterung für die arabische Sprache wurde bei Waels Familie am Esstisch geweckt. Jetzt will sie richtig Arabisch lernen. Die Koffer werden gepackt, die Schule organisiert die Reiseplanung und die administrativen Schritte. Viel ist es nicht, denn Wael und Anne müssen außer ihren Ausweisen keine Papiere dabeihaben oder beantragen. 

Manche Fächer belegen die beiden gemeinsam auf Deutsch, Anne besucht einen vom syrischen Bildungsministerium geförderten Arabischunterricht und Wael hat weitere Schulfächer auf Arabisch. Während ihres Austauschjahres bekommen sie Besuch von Freund:innen aus Deutschland. Gemeinsam machen sie eine Rundreise durch Syrien. Ihr Gefühl der Verbundenheit mit Land und Leuten wächst. Gegenseitige Vorurteile wandeln sich mit der Zeit zu einem tieferen Verständnis der jeweiligen Kontexte.

Die politische Debatte in Deutschland entspannt sich

Ausgehend von der Freizügigkeit zwischen Deutschland und Syrien können selbst rechts- oder konservativ orientierte Politiker:innen nun nicht mehr über Abschiebungen und die Beschneidung von Rechten punkten. Migration als zu kontrollierendes Problem hat als politisches Leitmotiv ausgedient. 

Migration aus und nach Syrien ist kein politischer Spielball mehr, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des deutsch-syrischen Lebens. Populismus und Rassismus in Deutschland verlieren an Rückenwind und Befragungen zu dem Thema durch die Medien oder Landesämter für Statistik verlieren an Relevanz. 

Lisa, Politikwissenschaftlerin in Berlin

Für den Wiederaufbau engagieren sich in Syrien viele Bürger:innen. Lisa hatte sich während ihres Studiums an der HU Berlin auf soziale Bewegungen und Staatstransformation spezialisiert. Nach dem Sturz des Assad-Regimes wollte sie ihr Wissen weitergeben und organisierte im Jahr darauf eine Sommerschule für junge Syrer:innen in Berlin, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie dem syrischen Ministerium für Arbeit und Soziales. 

In den folgenden Jahren waren die Plätze schnell ausgebucht; die Bewerber:innen mussten keine Visaverfahren durchlaufen und konnten nach der Zusage direkt einreisen. Lisa entschied daraufhin, das Projekt auszuweiten und in Kooperation mit der Universität Aleppo eine Zweigstelle in Syrien zu eröffnen. 

Das Programm wird zu einer wichtigen Säule des politischen Wiederaufbauprozesses Syriens. Es erhält Preise und schließlich eröffnet die HU ein Institut, das sich auf die interdisziplinäre Untersuchung von Wiederaufbauprozessen spezialisiert. Dabei spielen neben dem syrischen sowohl die historisch-deutsche Erfahrung als auch andere internationale Beispiele eine Rolle.

Gemeinsam erinnern, gemeinsam gegen Autoritarismus

Seit Syrien sich 2024 von der langjährigen brutalen Diktatur befreit hat, vernetzen sich zivilgesellschaftliche Initiativen in Syrien und Deutschland auf vielen Ebenen. Löhne in der deutschen Pflege werden nun auch von syrischer Seite mitverhandelt. Es geht um faire Bezahlung und die Flexibilität der Arbeitnehmer:innen, immer wieder zwischen Deutschland und Syrien zu wählen.

Im Bereich der Erinnerungskultur gab es schnell Pionierprojekte wie eine Ausstellung zum syrischen Sednaja-Gefängnis im ehemaligen Stasigefängnis Hohnschönhausen. Dort war die Rolle von Gefängnissen in Unrechtsstaaten ein zentrales Thema, ebenso die Verbindung zwischen ehemaligen NS-Eliten und später der DDR und den autoritären Strukturen in Syrien. Heute entwickelt ein Netzwerk aus Vereinen, Organisationen, staatlichen Einrichtungen und Universitäten Konzepte für die Aufarbeitung der Verbrechen. 

Bewegungsfreiheit allein reicht nicht aus, um den Aufbau demokratischer Strukturen und einer Erinnerungskultur zu ermöglichen. Sie erleichtert jedoch den persönlichen Austausch auf Augenhöhe sowie die gemeinsame Arbeit für die gesellschaftliche Utopie. 

 

 

Hussein ist Berater, Dolmetscher und freier Journalist. Seit 2016 ist er in der Flüchtlings- und (Re)integrationsarbeit tätig und hat den Verein Syrian Civil Project mitgegründet, der zu Wiederaufbau, Bildung und Kultur in Syrien arbeitet. Er hat Politikwissenschaft in Bremen studiert und absolviert derzeit den Master in Medien und Migration in...
Redigiert von Clara Taxis
Übersetzt von Silvana El Sayegh