02.09.2026
Ariermythos in Iran: Autoritäre Nostalgie
Die Parade zur Krönung Mohammad Reza Pahlavis, dem selbsternannten Aryamehr (dt.: Licht der Arier), zum Shahanshah (König der Könige) 1967. Foto: mashruteh.org, via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0.
Die Parade zur Krönung Mohammad Reza Pahlavis, dem selbsternannten Aryamehr (dt.: Licht der Arier), zum Shahanshah (König der Könige) 1967. Foto: mashruteh.org, via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0.

Großmachtfantasien vergangener Zeiten: Aus der ideologischen Grundlage der Monarchist:innen und Anhänger:innen des iranischen Kronprinzen Reza Pahlavi kann keine gerechte Zukunft erwachsen, meint unsere Autorin.  

Aktuell erfährt der Ariermythos eine Wiederbelebung – ein Phänomen nationalistischer und faschistischer Ideologien in Iran und der iranischen Diaspora. Was als akademische Diskussion über kulturelle Wurzeln beginnt, entpuppt sich als gefährliches Werkzeug der politischen Instrumentalisierung, das tief in die Geschichte des europäischen Faschismus verstrickt ist.

Bis ins 20. Jahrhundert erstreckte sich von Bengalen bis zum Balkan die Persophonie – das Netzwerk persischsprachiger Regionen, zusammengehalten durch Farsi als Lingua Franca für Administration und Kultur. Doch der europäische Imperialismus machte auch vor der Sprache keinen Halt. Nachdem das Englische Farsi zunehmend vertrieben und die zuvor gebauten Brücken der Persophonie zum Einsturz gebracht hatte, sorgte die Nationalstaatsbewegung für ihren endgültigen Zusammenbruch.

Afghanistan: Urheimat der „Arier“?

Die Entstehung des jungen Afghanistans als postkolonialer Nationalstaat im 19. Jahrhundert erforderte von der Wissenschaft, ein neues Gesellschaftsmodell zu kreieren. Als Grundlage eignete sich der Ariermythos: Er suggerierte eine gemeinsame Abstammung und Herkunft, durch die eine kollektive Identität geschaffen und Afghanistan als die Urheimat eines sogenannten „arischen“ Volkes dargestellt wurde. Der Ariermythos diente als Grundlage homogener nationaler Identitäten und wurde zur rassistischen Ausgrenzung instrumentalisiert.

Einen großen Beitrag zur Etablierung dieses Mythos leisteten die Jungafghanen (Dschavanan-e Afghan) seit den 1930er Jahren. Als meist bürgerliche Tadschiken und Paschtunen, die aus dem Exil zurückkehrten, zählten sie zur Elite und waren vom Nationalismus, Rassismus und Positivismus des Westens sowie der gleichzeitig aktiven jungtürkischen Bewegung im Osmanischen Reich beeinflusst.

Das Ziel der Jungafghanen war es, mit dem Nationalstaat ein neues Gesellschaftsmodell zu erschaffen. Dafür mussten alle Menschen vor dem Gesetz gleichgesetzt werden. Jedoch führte der Wunsch nach Gleichberechtigung zur Polarisierung über die Frage, wer zur „arischen“ oder „nicht-arischen“ Ethnie gehöre, während die Hazara von vornherein ausgeschlossen wurden.

In Afghanistan scheiterte die Etablierung einer islamo-nationalen Identitätsbildung im Gegensatz zu Iran. Dort setzte sich der zwölfer-schiitische Islam als maßgebliche Nationalidentität durch. Iran erreichte der Ariermythos durch iranische Gelehrte, die in den 1920er Jahren in Deutschland lebten, sowie durch Übersetzungen französischer Bücher aus dem annektierten Teil des Kaukasus. Mit Sehnsucht blickten sie auf die angeblich besseren Zeiten vor der Islamisierung zurück und besannen sich auf die einstige imperiale Größe.

Die iranischen „Arierwiederbeleber:innen“ vertreten dabei einen Widerspruch. Sie kritisieren nicht nur den muslimischen Glauben, sondern hegen auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber dem Islam als Religion, die bis zum Hass reicht und projizieren diese auf muslimische Araber:innen. Das ist keine objektive Religionskritik aus emanzipatorischer Perspektive, sondern ein rassistischer Kampf gegen vermeintliche Vertreter:innen der Religion.

Kontinuitäten von Reza Khan bis Reza Pahlavi

Zu den bekanntesten und mächtigsten Anhängern zählt Reza Khan (1878 – 1944), Shah und Gründer der Pahlavi-Dynastie, die Iran von 1925 bis zur islamischen Revolution 1979 beherrschte. In seiner Person werden die Parallelen zwischen dem europäischen Faschismus und dem Ariermythos deutlich: Er ließ tausende Familien aus den kurdischen Gebieten vertreiben und hat den Tod zahlreicher Menschen zu verantworten, als er die Aufstände in Chuzestan gewaltvoll unterdrückte und die sozialdemokratische Regierung in Täbris sowie die demokratische kurdische Republik Mahabad zerschlug. Rücksichtslos setzte er seine Ziele mit faschistischen Methoden durch. Dennoch wird bis heute von einigen als der Modernisierer Irans verehrt.

Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi (1919 – 1980) gab sich 1965 während seiner Amtszeit als Shah Irans den Namen Aryamehr, um die angeblich „arische“ Erbschaft der Nation zu betonen und die präislamische Geschichte zu idealisieren. Die Universität Teherans und das Nationalstadion erhielten denselben Titel. In Iran wird Nationalismus seit jeher von reaktionären Kräften genutzt, um Demokratiebewegungen und soziale Gerechtigkeit zu verhindern. Auch Mohammad Reza Pahlavis Sohn, der vermeintliche „Kronprinz“ Reza Pahlavi, steht seinen Vorvätern diesbezüglich in nichts nach.

Eklatant ist der Widerspruch heutiger „Arierwiederbeleber:innen“: Sie präsentieren sich als Säkulare und loben den „Modernisierungsschub“ von Reza Khan (Reza Shah), dem Begründer der Pahlavi-Dynastie, der dem Hitlerfaschismus nahestand und Deutschland in den Jahren 1933 – 1939 zum wichtigsten Handelspartner Irans machte. Gleichzeitig berufen sie sich auf Tradition und vorislamische Reiche, die durch militärische Eroberungen von Königen mit selbsterklärter göttlicher Unterstützung von Ahura Mazda, dem zoroastrischen Schöpfergott, entstanden. Sie wünschen sich einen säkularen Iran und berufen sich dabei auf Könige, die eines der größten Imperien der Welt errichteten.

Die Liste der Paradoxien dieses Geschichtsrevisionismus ist lang: Könige, die in ihren Schriften nicht verhehlten, wie viele Völker sie in ihrem imperialen Bestreben in etlichen Schlachten unterworfen oder wie viele Rivalen sie getötet hatten, werden nun als Vorbilder eines neuen Herrschertypus mystifiziert – und ihre Anhänger:innen erkranken an vorislamischer Großreichs-Nostalgie.

Imperialistische Nostalgie ohne Zukunft

Im Kern zeigt sich eine Kontinuität unterschiedlicher autoritärer Machthaber, mal im Gewand des „arisch“-zoroastrischen Königs, mal im Gewand eines vorgeblich muslimischen Regenten. Den Kyros-Zylinder zu nennen, ohne die Verbrechen der Achämeniden wenigstens ansatzweise kennen zu wollen, wird den Iraner:innen sicherlich keine bessere Zukunft und keine Sicherheit vor weiteren Gewaltherrscher:innen bescheren.

Der Kyros-Zylinder im British Museum. Foto: Prioryman, via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Anstatt in Nostalgie zu verfallen, sollten die Menschen ihre Geschichte anhand wissenschaftlich fundierter Quellen beleuchten. Ob sich vor 2500 Jahren jemand aus der Region als „Arier:in“ bezeichnet hat, wird sicherlich nicht die heutigen Probleme lösen – so groß der Begriff auch als Rettungsanker für die eigene Identität scheinen mag.

Anstatt sich in Mythen zu verlieren, wäre es wichtiger zu fragen, warum die Keilschrift erst 1823 durch westliche Philologen entschlüsselt wurde. Und warum sich davor kein iranischer Gelehrter für sie interessierte, wenn sie als so essenzielle Quelle für die angebliche „arische“ Abstammung und kulturelle Identität der Iraner:innen angesehen wird. Am Ende erwächst eine freie und gerechte Zukunft nicht aus der Verklärung vergangener Imperien, sondern aus dem Mut, die eigene Geschichte ungeschönt zu hinterfragen. Sind wir Iraner:innen bereit, die Geister der Vergangenheit loszulassen, um das Heute selbst zu gestalten?  

 

Dieser Artikel ist auf Persisch bei Kanun-e Zanan-e Irani erschienen

 

 

Sara Ehsan hat Iranistik, Literaturwissenschaft und Europäische Kunstgeschichte (M.A.) sowie Non-Profit-Management und Governance an der Universität Heidelberg studiert. Sie hat zahlreiche Artikel in Zeitschriften und Online-Medien veröffentlicht und ist Autorin von vier Gedichtbänden. Sie arbeitet auch als Übersetzerin und Coach.  
Redigiert von Vincent Metzger, Filiz Yildirim