03.03.2026
Jahresbericht 2025
Dis:orient lebt auch von den zwei jährlichen Vereinstreffen, wo Mitglieder und Aktive zusammen kommen. Im Bild die Zukunftswerkstatt 2025.
Dis:orient lebt auch von den zwei jährlichen Vereinstreffen, wo Mitglieder und Aktive zusammen kommen. Im Bild die Zukunftswerkstatt 2025.

Vom Sturz Assads bis zum ersten Podcast: Unser Jahresbericht 2025 blickt auf herausfordernde Entwicklungen in WANA, unseren Podcast zu Erinnerungspolitik und eine wachsende dis:orient-Community. Erfahre mehr über unsere unabhängige Arbeit in bewegten Zeiten.

Im vergangenen Jahr dominierten belastende Ereignisse in WANA die Schlagzeilen: die anhaltenden Kriegsverbrechen in Gaza trotz verkündeter Waffenruhe, die Entwicklungen in Syrien nach dem Sturz Assads, vor allem die Massaker an den alawitischen und drusischen Communities, und die Eskalation zwischen Israel und dem Iran. Auch der Krieg im Sudan und die dortige katastrophale humanitäre Lage blieben 2025 zentrale Themen unserer Arbeit.

Angesichts schrumpfender Pressefreiheit weltweit und auch in Deutschland bleibt eine unabhängige journalistische Plattform wie dis:orient e.V. unverzichtbar. Bei der ersten Haaretz-Konferenz in Deutschland im November 2025 diskutierten israelische, deutsche und palästinensische Journalist:innen und Intellektuelle über die aktuelle Situation und die Rolle des unabhängigen Journalismus. Die Debatten bestärkten uns als dis:orient sehr in der Wichtigkeit unserer Arbeit.

Das dis:orient-Jahr begann mit unserem zweitägigen Mitgliedertreffen in Berlin im Februar. Bei diesem lag der Fokus auf der Professionalisierung und dem Aufbau des Social Media-Teams sowie auf der Eruierung konkreter Fördermöglichkeiten. Die Themen haben uns über das Jahr begleitet, wie ihr unten lesen könnt. Spoiler: Wir haben einiges erreicht!

Im Herbst trafen wir uns für unsere Zukunftswerkstatt im gemütlichen Tagungshaus in Baitz. Als besonderes Highlight luden wir die Journalistin Muriel Kalisch zur professionellen Blattkritik ein – durch ihren kritischen Blick von außen bekamen wir neue Impulse für das Magazin. Eine weitere Premiere konnten wir feiern: der dis:orient-Podcast Geteilte Erinnerung – zwischen Palästina, Israel und Deutschland ging 2025 an den Start!

Der folgende Jahresbericht bietet einen Rückblick auf intensive Berichterstattung, politische Bildungsarbeit zu WANA-Themen, Deutschland und die vielfältigen Verflechtungen zwischen beiden Räumen. Unsere Arbeit richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen: an engagierte Leser:innen, die verlässliche Informationen jenseits gängiger Schlagzeilen suchen; an politische Entscheidungsträger:innen und Institutionen, die differenzierte Perspektiven für ihre Arbeit benötigen; an Bildungsakteur:innen, die unsere Inhalte in Schulen, Hochschulen und Fortbildungen einsetzen; sowie an Mitglieder der Diaspora, die sich in unseren Analysen wiederfinden und sie aktiv mitgestalten.

An dieser Stelle möchten wir unseren Förder:innen, Unterstützer:innen und Kooperationspartner:innen unseren tiefen Dank aussprechen – eure kontinuierliche Begleitung, euer Vertrauen und eure finanziellen wie ideellen Beiträge machen es erst möglich, kritische, unabhängige und zugängliche Informations- und Bildungsarbeit zu leisten. Ohne euch wäre dieses Jahr nicht möglich gewesen.

Und so starten wir mit unserer Magazinarbeit.

Magazin

Mit den tiefen Eindrücken des politischen Umbruchs in Syrien starteten wir ins Jahr 2025. Die Befreiung politischer Gefangener brachte zwar Erleichterung, doch zugleich wurde deutlich, wie groß die Herausforderungen für den Wiederaufbau politischer Strukturen bleiben. Unsere Berichterstattung zu Syrien konzentrierte sich deshalb auf zwei Schwerpunkte: die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Assad-Regimes und die politischen Perspektiven des Landes. Wir beleuchteten die Bedeutung der ersten Prozesse gegen Täter:innen, sprachen mit Expert:innen über religiösen Autoritarismus versus demokratische Zukunftsmodelle und diskutierten die Fehlentwicklungen in der deutschen Debatte um Rückführungen.

Der Krieg im Gazastreifen war ein weiterer zentraler Fokus. Wir berichteten über die humanitäre Lage und die wachsende Gewalt – sowohl in Gaza als auch im Westjordanland – und gaben insbesondere Stimmen junger Menschen Raum, deren Erfahrungen im Krieg häufig unsichtbar bleiben. Zugleich thematisierten wir die systematische Zerstörung von Bildungsstrukturen und sprachen mit Wissenschaftler:innen über Konzepte wie Scholastizid und koloniale Kontinuitäten. Die regionalen und internationalen Dimensionen – von Netanyahus geopolitischen Ambitionen bis hin zu Debatten über die Anerkennung Palästinas – begleiteten wir kritisch und aus palästinensischer Perspektive.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Konflikten, die in der internationalen Öffentlichkeit weniger Beachtung finden, allen voran der Krieg im Sudan. Wir berichteten über die humanitären Folgen, die Lage sudanesischer Geflüchteter in Ägypten und die Auswirkungen auf die Nachbarstaaten wie den Tschad.

2025 stand zudem für eine inhaltliche Erweiterung unserer geografischen Perspektive. Wir widmeten uns stärker Regionen wie Mauretanien und der Westsahara, sprachen über rassistische Strukturen, Kolonialgeschichte und aktuelle politische Entwicklungen in Nordwestafrika

Summit in Berlin 2025

Podcast “Geteilte Erinnerung”

Im Juli 2025 startete das erste Podcast-Projekt von dis:orient: “Geteilte Erinnerung”. Er verhandelt die Beziehungen zwischen Palästina, Israel und Deutschland, Erinnerungskultur und die sogenannte deutsche “Staatsräson”. Der Podcast bezieht historische Kontexte mit ein, genauso wie gegenwärtige Entwicklungen wie die vollständige Zerstörung Gazas und persönliche Schicksale.

2025 sind im monatlichen Rhythmus insgesamt fünf Podcastfolgen erschienen. In der ersten stellen sich Kian Abadi und Valentin Herdeg als Hosts vor und erzählen von ihrer persönlichen Verstrickung und Motivation zum Thema. Anschließend führen sie in jeder Folge ein Interview, bisher mit Sarah El-Bulbeisi, Dirk Moses, Elad Lapidot, Asal Dardan und Nahed Samour.

Unsere Gesprächspartner:innen bringen einen anderen Blickwinkel auf das Erinnern zwischen Deutschland, Palästina und Israel mit: Sarah El-Bulbeisi spricht über palästinenisch-Sein in Deutschland und der Schweiz. Dirk Moses erklärt die Schwierigkeiten des Genozid-Begriffs. Elad Lapidot zeigt auf, inwiefern der sogenannte “Anti-Antisemitismus” gewisse Formen des Antisemitismus reproduziert. Asal Dardan erklärt, was die deutsche Gewaltgeschichte mit gegenwärtigen Formen rechter Gewalt verbindet. Und Nahed Samour erzählt über eine neue “Popularität” des Völkerrechts.  Für 2026 sind weitere spannende Folgen geplant! Abonniert den Podcast auf eurer Lieblingsplattform oder abonniert uns auf Instagram, so verpasst ihr keine neue Folge.

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an das Theater X in der Wiclefstraße in Berlin, das uns seine Räumlichkeiten umsonst für unsere Aufnahmen zur Verfügung gestellt hat.

Doch die ganze Arbeit am Podcast wäre umsonst, wenn ihr nicht davon hören würdet, daher schauen wir hier einmal auf unsere Öffentlichkeitsarbeit.

Öffentlichkeitsarbeit

Im vergangenen Jahr lag unser Schwerpunkt in der Öffentlichkeitsarbeit auf der Reaktivierung und dem Ausbau unseres Instagram-Auftritts – dort konnten wir 2025 die größten Zuwächse und das stärkste Reichweitenwachstum verzeichnen. Unser Ziel war es, unsere Online-Präsenz strategisch weiterzuentwickeln, unser Team für Social Media neu aufzustellen und unsere Reichweite nachhaltig zu erhöhen. Die Förderung durch das microgrants for small newsrooms-Programm des European Journalism Fund hat uns dabei maßgeblich unterstützt.

Im Rahmen der Förderung konzentrierten wir uns darauf, unsere Social-Media-Arbeit professioneller und effizienter zu gestalten. Dazu gehörten:

  • eine Analyse unserer bisherigen Instagram-Präsenz
  • die Entwicklung eines neuen, ansprechenderen Designs
  • der Einstieg in neue Formate wie Reels
  • der Ausbau der internen Zusammenarbeit trotz begrenzter Kapazitäten
  • mehr Gesichter, mehr Bildsprache und mehr Austausch im Team

Insgesamt hat unser Team im Rahmen der Förderung drei Workshops zum Thema Social Media und Design Thinking sowie eine Podcast-Beratungssession besucht. Parallel zur Förderung wurden auch interne Social Media Workshop-Formate und Designentwicklungsideen umgesetzt. Im Anschluss an den Förderungszeitraum besuchte Sophie Romy als Social-Media Koordination vertretend den dreitägigen Media Innovation Summit in Prag, um mit mehr als 40 kleinen Medienhäusern aus ganz Europa ins Gespräch zu kommen, Workshops zu besuchen und die Projekte gemeinsam zu reflektieren.

In diesem Jahr konnten wir unsere Reichweite auf Instagram vergrößern und zählen Anfang diesen Jahres 5304 Follower:innen. Vor allem mit unseren Reels zum Podcast erreichten wir eine große Zahl an Menschen. Unser neu gestarteter Podcast zählt auf Spotify mittlerweile 226 Follower:innen. Die meistgehörte Episode - “Anti-Antisemitismus mit Elad Lapidot” – hat dort bereits 446 Personen erreicht. Auch beim Newsletter konnten wir Zuwachs verzeichnen und haben insgesamt 59 neue Leser:innen gewinnen können.

Neben digitalen Formaten schafften wir es auch einige Veranstaltungen im Rahmen unser Bildungsarbeit umzusetzen.

Bildungsarbeit

2025 kamen einige Veranstaltungen zusammen. Trotz des Trends der Verschiebung der  dis:orient-Bildungsarbeit auf Social Media, hatten wir die Möglichkeit mit tollen Kooperationspartner:innen sehr interessante Veranstaltungen zu organisieren.

Linke Perspektiven aus dem Sudan – Analyse und Selbstorganisation

Gemeinsam mit Ahmed Isam von Sudan Uprising diskutierten wir, wie selbstorganisierte Strukturen und linke Perspektiven im Sudan wirken. Wir schauten außerdem kritisch auf den Umgang der internationalen Gemeinschaft mit dem Krieg und seinen Folgen.

Die Veranstaltung fand am 30. Mai ab 19 Uhr im NewYorck/Bethanien in Berlin statt.

Filmgespräch zu “Kein Land für niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes” | 24.09.25, Kommunales Kino Freiburg

Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes begibt sich auf die Suche nach den Ursachen dieser politischen Zäsur und nimmt die Zuschauer:innen mit auf eine aufrüttelnde Reise. Die Dokumentation beginnt an den europäischen Außengrenzen, wo eine andauernde humanitäre Katastrophe auf staatliche Ignoranz trifft, aber auch auf ziviles Engagement. Sie begleitet einen Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer, dokumentiert die katastrophale Lage aus der Luft und erzählt die Geschichten von Überlebenden, die trotz Gewalt und tödlicher Risiken den Weg nach Deutschland gefunden haben.

Im Filmgespräch ging es um die Erlebnisse der Gäste - sie alle waren an den Außengrenzen, als Freiwillige, medizinische Ersthelfer:innen oder als Menschen auf der Flucht. Ihr direkter Austausch miteinander stellten einen wertvollen Bezug der Inhalte des Films zu unserem täglichen Leben her.

Zu Gast: Rami Al-Sayegh (Medical Volunteers International) und Moritz Thielmann (r42 sail & rescue) sowie Geflüchtete aus der Landeserstaufnahme-Einrichtung in Freiburg.
Moderation: Clara Taxis (dis:orient)
Teilnehmende: circa 60 Gäste vor Ort

Syria: Coming Back Is Not Going Home. Return and Displacement after the Fall of the Assad Regime | 09.12.25 (in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Beirut)

Sprecher:innen:

  • Cahide Sari Okur – Generalsekretärin der Agora Association- Association for Migration Research (Agoraderneği), Türkei
  • Mohammad Sablouh – Direktor der Rechtsabteilung bei Cedar Center for Legal Studies, Libanon
  • Simav Hassan - Journalist und Advocacy and Communications Director bei Syrians for Truth and Justice
  • Sofian Philip Naceur – deutsch-algerischer Journalist, arbeitet für das Nordafrika-Büro der Rosa Luxemburg Stiftung in Tunis, Autor von “Decrypting ICMPD
  • Moderation: Ansar Jasim (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Beirut Office)

All dies wäre nicht möglich ohne eure Unterstützung. Für die Transparenz hier die Finanzen.

Finanzen

Auch in diesem Jahr stemmten unsere (Förder-)Mitglieder den Großteil der Vereinsaktivitäten durch ihre Beiträge. Diese bilden unser finanzielles Fundament und dank ihnen konnten wir die Arbeit von dis:orient e.V. 2025 erfolgreich fortsetzen und weiterentwickeln. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön für eure Unterstützung!

Zu unserer Freude konnten wir in diesem Jahr wieder Fördergelder akquirieren. Der europaweit aktive Journalismfund Europe unterstützte uns mit knapp über 4.500€ sowie fachlicher Beratung für unsere Social-Media-Arbeit. Einen großen Teil des Fördergeldes setzten wir ein, wie schon erwähnt, um unseren Podcast auf unserer Website und auf unseren Social-Media-Kanälen zu bewerben und für Workshops für das Social-Media-Team.

Erfreulicherweise konnten wir den positiven Spendentrend aus dem letzten Jahr fortsetzen und erhielten etwas über 2.700€. Das ist ein leichtes Plus im Vergleich zu 2025. Weiterhin stagniert hingegen die Zahl der Mitglieder. Es traten 2025 genauso viele Fördermitglieder aus wie ein. Bei den aktiven Mitgliedern sah es etwas besser aus. Hier gab es sieben Neueintritte und einen Austritt. Wir freuen uns jederzeit über Neueintritte!

Der Minijob zur Koordination des Magazins war auch 2025 unser größter Kostenposten. Zusätzlich kamen noch Honorare und Aufwandsentschädigungen für die im letzten Jahr beendete Kolumne “des:orientierungen” dazu sowie für die Koordination des Förderprojekts.

Wenn du uns unterstützen willst, kannst du gerne einfach über unsere Website spenden. Da dis:orient e.V. ein gemeinnütziger Verein ist, kannst du Spenden und Mitgliedsbeiträge auch steuerlich geltend machen.

Neben den hard facts gab es 2025 auch einige Veränderungen im Verein selbst.

Vereine und Aktive

In diesem Jahr mussten wir uns von Pauline Jäckels, Magdalena Süß und Wais Kauomee im Vorstand verabschieden. Der Abschied von Magdalena und Wais fiel uns besonders schwer, da beide jahrelang im Vorstand waren und so den Verein maßgeblich mitgestaltet haben. Wir bedanken uns tausendfach für euer Engagement.

Umso mehr freuen wir uns, dass Clara Taxis, Henriette Raddatz und Sophie Romy, die wir im Verein schon seit Jahren kennen und schätzen gelernt haben, in den Vorstand gekommen sind. Außerdem waren 2025 im Vorstand: Eva Hochreuther, Nora Krause, Hannah Jagemast und Alicia Kleer (ruhend).

Was uns dieses Jahr besonders gefreut hat war der Start unseres eigenen Podcasts. Neben den Hosts Kian Abadi und Valentin Herdeg unterstützen dabei mit viel Elan und Engagement Sophie Romy, Wanda Siegfried und Magdalena Süß. Sie haben bei der Arbeit am Skript mitgewirkt, gemeinsam nach passenden Gesprächspartner:innen gesucht und für technischen Support gesorgt. Wir bedanken uns bei allen, die mitgemischt haben!

2025 habt ihr den Newsletter von Clara Taxis, Regina Gennrich, Sören Lembke und Magdalena Süß bekommen dieses Dreamteam versorgt euch auch im neuen Jahr mit Artikeln aus dem Magazin, News rund um WANA und ganz vielen Veranstaltungstipps.

Das Magazin wurde bis September 2025 von Hanna Fecht geleitet. Wir bedanken uns nochmal für ihren unermüdlichen und professionellen Einsatz. Zum Ende des Jahres hat Hannah Jagemast die Koordination des Magazins übernommen. Sie bringt nicht nur journalistische Expertise mit, auch sie ist dem Verein seit Jahren verbunden.

Du willst unsere Arbeit unterstützen? Werde Fördermitglied bei uns und ermögliche so eine faire und differenzierte Berichterstattung zu Westasien und Nordafrika. Den Mitgliedsantrag findest du auf unserer Website.

Wenn du Lust hast, mitzumachen, melde dich immer gern über [email protected]!

 

 

 

 

 

 

dis:orient – das sind viele Menschen. Manchmal posten wir aber auch als Team – meist in eigener Sache.