08.09.2026
Zeugnis kultureller Erinnerung: Erster kurdischer Film „Zare“
Am Fußes des Bergs Ararat entstand der Film "Zare". Foto: Zeynep Güldüre, via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0
Am Fußes des Bergs Ararat entstand der Film "Zare". Foto: Zeynep Güldüre, via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0

Liebe, Unterdrückung, Widerstand – der Film „Zare“hält erstmals die Lebensrealität und kulturelle Praxis von Kurd:innen in Bewegbild fest. Noch 100 Jahre später ist er ein bedeutendes Dokument kollektiven Gedächtnisses.

„Zare“ aus dem Jahr 1926 gilt als erster kurdischer Film der Kinogeschichte. Der 72-minütige Stummfilm handelt von der jungen Zare, deren Leben von Liebe, familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichem Druck bestimmt wird. Unter der Regie von Hamo Beknasarjan erzählt der Film die Geschichte der letzten Jahre des zaristischen Russlands im Jahr 1915. Zugleich zeichnet er ein Bild des kurdischen Alltags und bewahrt kulturelle Erinnerungen. Damit ist „Zare“ nicht nur ein Spielfilm, sondern auch ein frühes filmisches Dokument, das Geschichte und gesellschaftliches Gedächtnis sichtbar macht.

Alltag und gesellschaftlichen Rituale als authentische Grundlage

Ursprung des kurdischen Filmhandwerks liegt in Armenien, wo auch der Film „Zare“ entstand. Gedreht wurde er im Dorf Sarîbolaxê am Fuße des Bergs Ararat in den Elegez-Hochebenen, einer Region mit hohem kurdischem Bevölkerungsanteil. Rund 500 Menschen waren an der Produktion beteiligt, die damit nahezu den Charakter eines Gemeinschaftsprojekts hatte. Neben wenigen professionellen Schauspieler:innen standen vor allem Kurd:innen aus der Region vor der Kamera und verliehen dem Film eine besondere Authentizität sowie ethnografische Tiefe.

Während der zweimonatigen Dreharbeiten lebte das Filmteam eng mit der lokalen Bevölkerung zusammen. Die Beobachtungen des Alltags, der mündlichen Erzähltraditionen und gesellschaftlichen Rituale der Kurd:innen flossen unmittelbar in die filmische Erzählung ein. Die Titelrolle übernahm die armenische Schauspielerin Maria Tadewossjan, Seydo wurde von Hrachia Nersisyan gespielt. Das Drehbuch basiert auf der Erzählung „Zares Schicksal“ von Hakob Ghazaryan. Obwohl „Zare“ ein Stummfilm ist, gilt er, gemessen an den technischen und ästhetischen Möglichkeiten seiner Zeit, als außergewöhnlich anspruchsvolles Werk, das filmisches Können mit philosophischer und literarischer Tiefe verbindet.

Liebe und Widerstand im Schatten des Ararat

Der Film beginnt mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen der majestätischen Silhouette des Ararat und der weiten Hochebenen, die sich an seinen Hängen ausbreiten. Die stille Pracht des schneebedeckten Berges und die idyllische Landschaft verleihen der visuellen Welt des Films schon von den ersten Bildern an eine besondere Poetik.

Anschließend richtet sich die Kamera auf das stille Gebet einer alten jesidischen Frau, die ihr Gesicht der Sonne zugewandt hat. Diese kurze, aber bedeutungsvolle Szene spiegelt die alte Glaubenstradition und die kulturelle Tiefe der Kurd:innen in einer eleganten visuellen Erzählung wider. Im Zentrum der Handlung steht die Liebe zwischen dem jungen Dorfmädchen Zare und dem Hirten Seydo; mit dem späteren Auftreten von Temur Beg (Herr Temur), dem Sohn des Dorfvorstehers, gewinnt die Geschichte jedoch eine konfliktreiche Dimension.

Vor diesem Hintergrund macht der Film die Herrschaft der Feudalordnung, ihren unterdrückerischen Charakter und die sozialen Ungleichheiten der Zeit mit einer kritischen Bildsprache sichtbar. Temur Beg steigert seinen Wunsch, Zare zu heiraten, aus seinem standesbedingten Selbstverständnis heraus zu einem kompromisslosen Anspruch – stößt jedoch auf Widerstand.

Widerstandskraft des alten jesidischen Glaubens

Als ihm der direkte Weg versperrt bleibt, verfolgt er eine kalkulierte Strategie. Während des Krieges ordnet die zaristische Regierung über die lokalen Behörden die Zwangseinberufung kurdischer Jugendlicher an die Front an. Auch Seydo und Zares Bruder sollen eingezogen werden. Temur Beg nutzt die Situation, um seinen Rivalen auszuschalten. Seydo wird zunächst fortgeschickt, kann jedoch fliehen und ins Dorf zurückkehren. Nach einer Denunziation durch Temur Begs Männer wird er schließlich gefasst und ins Gefängnis gebracht.

Als die an die Front entsandten Männer nach einiger Zeit ins Dorf zurückkehren, zeigt der Film die verheerenden Folgen des Krieges auf eindringliche Weise: Einige fehlen, andere sind gefallen, wieder andere kehren schwer verwundet zurück. Zu den tragischsten Schicksalen zählt Zares Bruder. Trotz aller Bemühungen erliegt er seinen Verletzungen.
 
Doch „Zare“ erzählt nicht nur von einer historischen Epoche. Der Film bewahrt zugleich die rituelle Welt und die Widerstandskraft des alten jesidischen Glaubens als Ort visueller Erinnerung. Diese Aufgabe trägt vor allem Zares Familie. Insbesondere ihre Mutter Nano erscheint als Hüterin der kulturellen und sozialen Traditionen ihrer Vorfahren und versucht, diese trotz aller Umbrüche zu bewahren.

Von der Unterdrückung hin zur filmischen Befreiung

Zare, die nach dem Krieg allein mit ihren alten Eltern zurückbleibt, wird von Temur Begs Männern entführt. Mit stillschweigender Duldung der örtlichen Behörden wird die Gewalt im Rhythmus von Trommeln und Flöten als Hochzeitsfest inszeniert. Doch mitten in den Feierlichkeiten stellt sich Zare der Zwangsheirat entschlossen entgegen und untergräbt damit die vermeintliche Legitimität dieser Verbindung.

Als Temur Beg seinen Willen nicht durchsetzen kann, greift er auf gesellschaftliche Normen als Machtinstrument zurück. Unter dem Vorwurf der „Ehrverletzung“ wird Zare öffentlich gedemütigt: Ihre Augen werden geschwärzt, sie wird auf einem Esel durch das Dorf geführt und dem Spott der Menge ausgesetzt. Die Szene verdichtet sich zu einer eindringlichen visuellen Metapher für patriarchale Gewalt und kollektive Kontrolle. Ihre realistische Inszenierung war so überzeugend, dass einige Dorfbewohnerinnen während der Dreharbeiten nicht erkannten, dass es sich um eine Filmszene handelte, und die Hauptdarstellerin Mareto Tadevosyan angriffen.

Am Höhepunkt der Handlung greift der aus dem Gefängnis geflohene Seydo gemeinsam mit seinem Bruder Xıdır und seinen Gefährten in den Konflikt ein. Um Zare zu befreien, töten sie Temur Beg. Damit rückt der Film den Widerstand gegen die feudale Herrschaft und die Vorstellung eines gesellschaftlichen Wandels ins Zentrum. Diese Schlüsselszene wird häufig als Ausdruck der sowjetischen Ideologie gelesen, in der Klassenkampf und revolutionäre Befreiung die dramatische Handlung bestimmen.

In der Schlussszene brechen Seydo und Zare in die Berge auf, um Sicherheit zu finden. An der ersten Quelle wäscht Seydo Zares Gesicht – eines der poetischsten Bilder des Films. In dieser Szene wird der Berg für die Kurd:innen zum Symbol für Freiheit und Zuflucht, während das Wasser für Reinigung, Klarheit und einen Neuanfang steht. Mit diesen Naturbildern endet „Zare“ trotz aller Gewalt und Unterdrückung in einer hoffnungsvollen Perspektive.

Berg, Wasser und Mensch: Die ästhetische Erzählung der Kamera

Zu den herausragenden Merkmalen von „Zare“ zählt seine für die Zeit außergewöhnliche Bildsprache. Die von Arkadi Yalovoy verantwortete Kameraarbeit nutzt die Ausdrucksmöglichkeiten des Stummfilms für eine poetische Erzählweise. Die Kamera dokumentiert das Geschehen nicht nur, sondern entwickelt einen eigenen Blick auf Natur, Zeit und die Gesichter der Menschen. So entstehen Bildkompositionen von bemerkenswerter Tiefe.

Vor allem die Weitwinkelaufnahmen verdeutlichen das Verhältnis zwischen den gewaltigen Berglandschaften und den kleinen menschlichen Figuren. Wasser, Berge und Erde sind dabei weit mehr als Kulisse: Sie tragen die Erzählung symbolisch mit. Der Wechsel zwischen ruhigen, statischen Einstellungen und fließenden Bewegungen verleiht dem Film einen nahezu lyrischen Rhythmus. Mal beobachtet die Kamera aus der Distanz, mal rückt sie den Figuren so nah, dass ihre Gefühlswelt unmittelbar erfahrbar wird. Gerade diese Bildsprache verleiht „Zare“ seine emotionale Kraft und zeitlose Wirkung.

Nach Abschluss der Dreharbeiten im Spätsommer und Herbst 1926 wurde der Film zunächst in Moskau, Eriwan und weiteren Städten der Sowjetunion gezeigt und stieß auf große Resonanz. Später erhielt „Zare“ unter der Leitung des armenischen Komponisten Aleksandr Spendiarjan eine musikalische Begleitung, an der auch Casîmê Celîl und seine Tochter Cemîla Casimê Celîl mitwirkten. In dieser Fassung wurde der Film erneut in Eriwan aufgeführt. 

Erinnerung und die Konstruktion des filmischen Erbes

„Zare“ ist weit mehr als der erste kurdische Film: Er gilt als Meilenstein des kurdischen Kinos und als bedeutendes Zeugnis kultureller Erinnerung. Regisseur Hamo Beknazaryan löst den „Orient“ aus der Rolle einer exotischen Kulisse und richtet den Blick auf gesellschaftliche Realität, Unterdrückung und Widerstand.

Fast 100 Jahre nach seiner Entstehung hat der Film nichts von seiner kulturellen und filmhistorischen Bedeutung verloren. Mit „Zare“ beginnt die Geschichte des kurdischen Kinos. Ihre Entwicklung wurde jedoch durch die jahrzehntelange Leugnungs- und Unterdrückungspolitik gegenüber Kurd:innen massiv erschwert. Lange fehlten die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Entfaltung und den Aufbau tragfähiger filmischer Strukturen. Dennoch hat sich aus den Anfängen mit „Zare“ eine lebendige Filmkultur entwickelt, die heute international sichtbar ist und kontinuierlich neue Werke hervorbringt.

 

Dieser Text ist im Original auf Türkisch am 30. Mai 2026 auf dem online Nachrichtenportal bianet erschienen.

 

 

 

 

Ali Güler wurde 1980 in der Türkei geboren. Derzeit lebt er in Deutschland und arbeitet als Filmkritiker. Seine Texte wurden in Zeitungen wie Yeni Yaşam, Azadiya Welat, Yeni Özgür Politika und Le Monde Diplomatique Kurdî veröffentlicht. Aktuell schreibt er Filmkritiken für die weiterhin auf Kurdisch veröffentlichende Zeitung Azadiya Welat.  
Redigiert von Filiz Yildirim, Nora Theisinger
Übersetzt von Yeşim Buldun