21.05.2023
„Wir sind am Leben und wir werden diese Revolution zum Erfolg führen“
Ausschnitt eines Plakats der Koordinierungsstelle der Widerstandskomitees Khartum Ost vom 16. April 2023 (Ganzes Plakat im Artikel).
Ausschnitt eines Plakats der Koordinierungsstelle der Widerstandskomitees Khartum Ost vom 16. April 2023 (Ganzes Plakat im Artikel).

Seit dem 15. April 2023 kämpfen rivalisierende Fraktionen der sudanesischen Militärjunta im ganzen Land. Aktivistin Muzna Alhaj über Auswirkungen auf die revolutionäre Dynamik und die Enttäuschung durch die internationale Gemeinschaft.

Muzna, Wie würdest du die aktuelle politische Lage im Sudan beschreiben?

Was im Moment im Sudan abläuft, ist ein Krieg. Es ist ein ausgewachsener bewaffneter Konflikt zwischen den zwei Generälen, Burhan and Hemedti beziehungsweise den Kräften, die unter ihrem Befehl stehen. Diesen Krieg zu beenden hat im Moment höchste Priorität, alle anderen politischen Bestrebungen sind erst einmal pausiert. Trotzdem bedeutet unser Überleben in dieser Extremsituation die Weiterführung unseres Kampfes für eine demokratische, zivile Regierung; des Kampfes, den wir seit 2018 und auch schon davor führen.

Die Kämpfe zwischen den Sudanese Armed Forces (SAF) unter dem Befehl von Abdel Fattah al-Burhan und den Rapid Support Forces (RSF) unter dem Befehl von Mohamed Hamdan Dagalo, auch „Hemedti“ genannt, finden im ganzen Land statt.

Der Ausbruch dieses Krieges steht im Kontext eines langen Verhandlungsprozesses, der die revolutionären Proteste im Sudan eindämmen soll. Die zentrale Forderung seit Beginn der Proteste 2018 ist eine zivile Regierung anstelle der Kontrolle des Landes durch das Militär. Im Rahmen der letzten Verhandlungsrunde erklärten sich die Forces for Freedom and Change, eine Koalition der zivilen Opposition, im Dezember 2022 mit einem Rahmenabkommen einverstanden, das einen politischen Übergangsprozess mit Machtteilung zwischen zivilen und militärischen Akteuren vorsieht.

Die Graswurzelrevolution, unter anderem die Widerstandskomitees der Nachbarschaften, lehnten all diese Verhandlungen ab, so auch die letzte.

 

Die RSF und das Militär (SAF) haben im Oktober 2021 gemeinsam geputscht. Warum kämpfen sie nun gegeneinander?

2019, nach dem Sturz von Omar al-Bashir, entwickelte Hemedti eine Beziehung zu den Forces for Freedom and Change (FFC), in der die RSF mehr oder weniger der militärische Arm dieser zivilen Opposition zu sein schien. Die beiden Parteien haben sich aber dann vor dem Coup im Oktober 2021 voneinander entfernt.

Nachdem Hemedti realisierte, dass der Putsch nicht zu seinen Gunsten ausgehen würde, rückte er wieder näher an die FFC. Dabei portraitierte er sich, ironischerweise, als selbsternannter „Verteidiger der Demokratie“.

Ab diesem Moment eskalierten auch die Kriegserklärungen zwischen ihm und Burhan, denn Burhan weigerte sich weiterhin, das endgültige Abkommen zu unterzeichnen – solange, bis die Integration der RSF in die Sudanesische Armee eine der Hauptbedingungen wurde. Pro-militärische Gruppen, die mit Anhänger:innen der National Congress Party (NCP, Die Partei war die Partei des Diktators Omar al-Bashir, Anm. d. Red.) assoziiert werden, werfen dem FFC Führungskomitee vor, hinter den Kämpfen der RSF zu stehen. Die Miliz selbst spricht von einem „Kampf für den Übergang zur Demokratie“.

Am 5. Dezember 2022 unterschrieb die Führung der RSF und des Sudanesischen Militärs das Rahmenabkommen mit den FFC. Schon damals war offensichtlich, dass Burhan das Abkommen nicht ernst nahm und nie vorhatte, es voran zu bringen.

Um einen Schritt zurück zu treten: Die zwei Konfliktparteien, die RSF und das Militär (Sudanese Armed Forces, SAF) – haben einen Interessenskonflikt. Hemedti, Verwandlungskünstler, der er ist, sah in der Unterstützung des sogenannten Rahmenabkommens die größere Chance für sein eigenes politisches Überleben. Doch die Unterstützung für diesen neuen Scheinübergang zur Demokratie ist nicht mehr seine Hauptsorge. Vielmehr ist es seine Angst, von den Anhänger:innen der NCP ins Visier genommen zu werden – diese wurden durch den Putsch 2021 wieder auf die politische Bühne gerufen. Hemedti hat sogar öffentlich bereut, Teil des Putsches gewesen zu sein.

Der aktuelle Konflikt zwischen den beiden Generälen war nicht zu verhindern, da beide Ambitionen haben, den Sudan zu regieren und erster Mann im Staat zu werden. Dazu kommt, dass sie unterschiedliche lokale, regionale und internationale Verbündete haben. Die Kämpfe wären früher oder später ausgebrochen. Wenn die beiden bloß klug genug wären, die wahren Kosten des Krieges zu erkennen.

Wie reagieren die Widerstandskomitees auf den Ausbruch der Gewalt? Können sie sich in diesem Moment organisieren?

Ja, die Organisierung der Widerstandskomitees läuft weiter, wegen der aktuellen Situation aber in anderen Formen. Unsere erste Priorität war, die „Nein zum Krieg“-Botschaft zu verbreiten, um unsere Unabhängigkeit von diesem Krieg, den zwei Diktatoren und ihrer Gewalt deutlich zu machen. „Nein zum Krieg“ wird weiterhin unser Slogan sein und wir werden uns in dem, was wir als unverantwortliche Gewalt gegen die Menschen im Sudan verstehen, auf keine Seite stellen.

Unsere zweite Priorität ist das Aufbauen von Kliniken und Gesundheitszentren in den Wohngebieten, außerdem das Verteilen von Nahrung und Wasser. Wir versuchen, Menschen aus Gebieten zu evakuieren, wo gekämpft wird und den Leuten, die gestrandet sind, eine Unterkunft zu organisieren. Wir haben eine Datenbank für medizinisches Personal und geöffnete Apotheken und Geschäfte aufgebaut. Wir klären auch darüber auf, wie man mit nicht explodierten Bomben und Artillerie, die in Häuser gefallen ist, umgehen kann.

Besteht die Gefahr, dass dieser Konflikt in einen ausgedehnten Krieg abrutscht? Und wie könnte das verhindert werden?

Leider ist ein anhaltender Krieg tatsächlich ein reelles Risiko. Mit der Zeit könnte der Krieg auch andere, zivile Akteur:innen in den Konflikt hineinziehen – entweder wegen einer steigenden ethnischen oder stammespolitischen Polarisierung, oder weil sie sich auf die Seite der einen oder anderen Kriegspartei stellen.

Für diejenigen, die den Sudan unterstützen, sollte es die oberste Priorität sein, diesen Krieg zu beenden. Mit unserer Forderung nach Druck auf die beiden Generäle, damit sie den Krieg beenden, setzen wir nicht auf die internationale Gemeinschaft. Diesen Krieg sahen alle kommen und zahlreiche regionale und internationale Staaten haben seit 2018 interveniert – und einen der beiden Warlords gestärkt. Dies ließ sie glauben, dass sie unbesiegbar seien und trug zum Ausbruch des Konflikts bei.

Wenn es kein Vertrauen in internationale Staaten gibt, welche Kräfte bräuchte es dann, um den Krieg zu stoppen?

Die internationale Gemeinschaft hat versagt, weil sie einen elitären und exklusiven Kurs im Sudan verfolgt haben. Sie haben ausschließlich mit traditionellen politischen Akteur:innen gesprochen, haben nur mit Parteien, Anführern und Militärgenerälen gesprochen. Dadurch wurden die Menschen, die Nachbarschaftskomitees, die wahren prodemokratischen Aktivist:innen und diejenigen, die wirklich für einen politischen Wandel arbeiten, marginalisiert. Sie sind einfach davon ausgegangen, dass die Sudanes:innen nicht bereit sind für eine demokratische, zivile Staatsform. Die internationale Gemeinschaft hat es außerdem versäumt, Gewalt statt Diplomatie anzuwenden, als es darauf ankam. Statt die Generäle zu sanktionieren und sie zur Verantwortung zu ziehen, haben sie sie legitimiert und auch empowert, indem sie sie anerkannten.

Die Menschen im Sudan wollen die Kontrolle über die Zukunft der politischen Prozesse ihres Landes zurück. Wir kämpfen Auge in Auge gegen unsere Feinde, gegen die Männer, die uns unsere Hoffnung und unser Leben verweigern. Wir werden unseren Kampf weiterführen, um den Krieg zu beenden und um diese Kriegsverbrecher auf unsere Art loszuwerden. Wir stärken unseren Widerstand, indem wir uns in den Vierteln weiter organisieren. Wir werden lokale Räte aus Bewohner:innen aufbauen, die den Kern des zukünftigen staatlichen Systems bilden, der dann mehrstufig die Legislative bildet.

Der Krieg könnte die beiden kämpfenden Generäle und ihre Verbündeten erschöpfen und ihnen potentiell sogar ein Ende bereiten. Gleichzeitig könnte er den Raum dafür bieten, dass lokale Lösungen Aufschwung bekommen und vielleicht auch Erfolg haben. Wir haben genug von westlichen Mächten, die glauben, dass wir zu primitiv seinen, um eine Demokratie aufzubauen.

Plakat der Koordinierungsstelle der Widerstandskomitees Khartum Ost vom 16. April 2023. Die Bilder der Generäle sind durchgestrichen und mit Slogans versehen, die lauten: „Der Kampf der Generäle um die Macht ist nicht unser Kampf“ und „Wir stehen hinter keiner Waffe“

Die Koordination des Widerstandskomitees Khartum Ost hat am 16. April 2023 dieses Poster veröffentlicht, einen Tag nachdem die Kämpfe begannen. Auf dem Bild sind Hemedti und Burhan zu sehen, deren Gesichter durchgestrichen sind. Darüber steht „Der Machtkampf der Generäle ist nicht unser Kampf“ und „Wir stehen hinter keiner Waffe“. Warum hatte das Widerstandskomitee das Gefühl, sie müssten das noch einmal betonen?

Es gibt eine starke Staatspropaganda, die all diejenigen, die sich nicht auf die Seite der sudanesischen Armee stellen, Verräter:innen nennt. Wir haben also noch einmal klar gestellt, dass wir gegen den Krieg sind, gegen die Militarisierung des Staates. Die Widerstandskomitees werden nicht davon abrücken, dass wir niemals dieselben militärischen Anführer unterstützen werden, die in den letzten fünf Jahren viele unserer Genoss:innen kaltblütig ermordet haben.

Wir stehen andererseits auf der Seite derjenigen Soldaten und rangniedrigen Offiziere, die 2019 unsere Sit-ins beschützt haben. Wir hoffen, dass sie eines Tages die sudanesische Armee übernehmen und damit das Militär vor den korrupten Generälen retten können.

Welchen Effekt haben diese Entwicklungen auf das revolutionäre Projekt im Sudan?

Der ganze Krieg ist gegen das revolutionäre Projekt; er soll die Bewegung behindern und aushöhlen, um wieder eine islamistische Diktatur zu ermöglichen. Es ist ein elitärer Machtkampf. Für uns ist der Weg klar, wie schon unser Slogan, der während der gesamten Revolution auf den Straßen zu hören war: „Alle Macht und aller Wohlstand dem Volke“.

Wir werden den Menschen im Sudan in dieser schweren Situation weiter beistehen, wir werden weiter mobilisieren und an unserem revolutionären Projekt arbeiten. Es finden weiter Proteste gegen den Krieg und die Verbrechen der Generäle statt, zum Beispiel neulich organisiert vom Kosti Widerstandskomitee. Hier sind wir also, wir sind am Leben und wir werden keinen Aufwand scheuen um diese Revolution zum Erfolg zu führen.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Ich möchte betonen, dass wir für das Recht auf Leben sind. Das ist jetzt das Allerwichtigste. Dann kommt unsere Forderung nach der Auflösung der RSF Miliz und der Etablierung einer vereinten, nationalen und zivil kontrollierten sudanesischen Armee.

 

Dieser Text erschien im englischen Original im Tempest Magazin.

 

 

 

 

brian bean ist ein sozialistischer Aktivist und Autor in Chicago. Er ist Mitglied des Tempest Collective, Teil des Redaktionskollektivs des Rampant Magazine und Herausgeber und Mitwirkender am Buch Palestine: A Socialist Introduction von Haymarket Books.
Shireen Akram-Boshar ist eine sozialistische Aktivistin und Autorin, Redakteurin beim Spectre Journal und Autorin des Buches Palestine: A Socialist Introduction.
Redigiert von Sophie Romy
Übersetzt von Clara Taxis