Iranische Tänzer:innen im Exil kämpfen mit körperlichen und seelischen Folgen ihrer Zeit in der Untergrund-Tanzszene. Die Autorin verbindet ihre eigene Erfahrung mit Interviews. Einblicke in verborgene Realitäten iranischer Tänzer:innen
Der Satz „Tanzen ist im Iran verboten“ wirft bei denen, die ihn zum ersten Mal hören, unzählige Fragen auf. Selbst für uns als iranische Tänzer:innen war diese Realität immer schwer zu begreifen, da sie absurd erscheint. Obwohl Tanzen im öffentlichen Raum verboten und gerade für Frauen streng untersagt ist, haben wir ständig getanzt. Eine Tänzerin erinnerte sich: „Einmal fragte mich eine französische Kommilitonin: ‚Ich verstehe das nicht – wenn Tanzen verboten ist, wie hast du es dann gelernt? Wo hast du getanzt?‘“ Die Antwort auf diese einfache Frage ist komplex – und schwer nachzuvollziehen für jemanden, der in Europa aufgewachsen ist.
Welche Rolle spielt der Tanz im Iran für den Widerstand? Um Antworten auf diese Frage zu finden, habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit mit zehn Tänzerinnen und Aktivistinnen zwischen 25 und 38 Jahren gesprochen. Zwei von ihnen leben noch im Iran, die anderen sind in verschiedene Länder emigriert. Drei weitere Personen lehnten aus Sicherheitsbedenken eine Teilnahme ab.
Tanz im post-revolutionären Iran
„Raghs“, das Farsi-Wort für Tanz, war immer ein wichtiger Teil der iranischen Kultur. Es war verwoben mit gesellschaftlichen Zusammenkünften, Zeremonien, Sufi-Praktiken und künstlerischen Ausdrucksformen. In den Jahren vor der islamischen Revolution 1979 wurde Tanz zunehmend mit Cabaret-Auftritten, der Unterhaltungsbranche und Erotik assoziiert. Das stand im Widerspruch zu den Werten des neuen islamischen Regimes.
Die Regierung versuchte, Tanz umzudeuten – oder ganz abzuschaffen – und stellte ihn als unmoralisch und unvereinbar mit islamischen Prinzipien dar. Auch Musik wurde als moralisch verwerflich gebrandmarkt und aus dem öffentlichen Leben verbannt; mit ihr verschwand auch der raghs. An seine Stelle trat eine sorgfältig umgedeutete Performance-Form namens „harikat-e mawzun“ (Farsi für: rhythmische Bewegungen). Damit wurde körperlicher Ausdruck als bescheiden, spirituell und revolutionär reinterpretiert – im Einklang mit den islamischen Werten des neuen Regimes.
Nach der Revolution entstand eine tiefe Kluft zwischen öffentlichem und privatem Leben. Während die Menschen ihre Traditionen einst offen feierten, konnten Ausdrucksformen, die nicht den Normen und Werten des iranischen Regimes entsprachen, nur noch hinter verschlossenen Türen überleben. Für viele meiner Generation wurde es überlebenswichtig, Leidenschaften, Hobbys und sogar die eigene Identität zu verbergen.
Stimmen aus dem Untergrund ans Tageslicht bringen
Alle zehn Teilnehmerinnen meiner Feldforschung waren seit über fünf Jahren im Tanz aktiv, für viele war er ein zentraler Bestandteil ihres Berufslebens oder sogar ihr Hauptberuf. Für die meisten der befragten Frauen – mich eingeschlossen – war der Tanz entweder der Hauptgrund oder einer der Hauptgründe für die Flucht ins Ausland. In unseren Gesprächen und bei der Reflexion über meinen eigenen Weg vom Iran nach Deutschland fielen mir wiederkehrende Veränderungen auf, die all unseren Geschichten gemeinsam waren.
Obwohl wir unterschiedliche Bedeutungen mit dem Tanzen verbanden, stellten wir fest, dass sich unsere Wahrnehmung von Tanz verändert hatte, seit wir nicht mehr im Iran lebten. Auch wenn die Unterdrückung unserer Körper nicht mehr zu unserem Alltag gehörte, erstarrten unsere Körper oft, wenn wir zu tanzen versuchten. Eine Tänzerin sagte: „Ich konnte mich nicht bewegen, ich war eine Woche lang krank. Meine Lehrerin sagte: ‚Dein Körper ist blockiert.‘“ Eine andere Befragte erzählte: „Ich fühlte mich, als hätte ich einen Schlaganfall.“
In meinen ersten Monaten in Deutschland ging es mir ähnlich. Ich fragte mich: Der Kampf, um in Freiheit zu tanzen, war so hart – doch, als ich frei war, hatte ich keine Lust, mich zu bewegen. Eine Tänzerin in Paris erlebte ein ähnliches Phänomen und erklärte: „Als ich im Iran war, fühlte ich mich selbst in einem kleinen Studio, als würde ich etwas bewegen – wie eine Aktivistin, nicht nur eine Tänzerin.“ Sie hatte recht: Der Grund für diese Blockade war eine gewisse Entfremdung von der Bedeutung, die der Tanz für uns im Iran hatte. Dort ist Tanzen mehr als Bewegung – es ist ein Akt des Widerstands gegen die unterdrückerische und patriarchale Gesellschaft. Im Ausland fühlten wir uns seltsam fremd. Eine andere Befragte sagte: „Während ich tanzte, fragte ich mich: Was mache ich hier? Das fühlt sich nach nichts an. Ich will das nicht tun.“
Ständige Gefahr
Ein Grund für diese Gefühle ist, dass die Kämpfe und Barrieren, denen wir im Iran begegneten, sowohl unsere Körper als auch unsere Kunst prägten. Wir tanzten im Verborgenen, drehten die Musik leise, überprüften alle fünf Minuten die Tür, um sicherzugehen, dass die Sittenpolizei uns nicht hörte. Wir bewegten uns mit klopfendem Herzen, in der Angst, ein Nachbar könnte uns verraten. Wir versteckten unsere Tanzoutfits unter normaler Sportbekleidung.
Einmal, nach einer Aufführung in einem Theater, erhielten wir morgens um sechs Uhr Anrufe von den Sicherheitskräften des Theaters und waren vor Angst wie gelähmt. Unsere Freund:innen warnten uns, vorsichtig zu sein. Dennoch ermutigten sie uns mit ihren warmen Umarmungen. Zu Hause stritten wir mit unseren Familien. Wir baten um Unterstützung und bestanden darauf, dass Tanz das Einzige war, wofür wir leben wollten.
Ein Doppelleben führen
Eine andere Tänzerin verglich das Tanzen mit dem Alkoholverbot im Iran: „Es ist komisch, Alkohol ist verboten, aber alle trinken ständig.“ Viele von uns waren so daran gewöhnt, dieses Doppelleben zu führen, dass uns nicht bewusst war, wie seltsam das für Außenstehende klingen musste. Erst nach der Ausreise begannen wir zu verstehen, wie schwer es sein würde, diese Erfahrungen in Worte zu fassen, die andere nachvollziehen können.
Dieses Doppelleben endet nicht mit der Migration – es setzt sich im Zielland fort. Eine der befragten Tänzerinnen sagte: „Erst vor einer Woche hatte ich gesehen, wie unschuldige Menschen getötet und geschlagen wurden, wie sie rannten und schrien. Das Geräusch von Schüssen. Jetzt konnten meine Augen und mein Körper nicht akzeptieren, dass die Menschen hier einfach ihr Leben leben. Andere beim Tanzen zu sehen, fühlte sich an wie ein Schuss ins Herz. Mein Körper konnte den Anblick nicht ertragen. Hier war alles wieder normal, während ich nur Tage zuvor noch um mein Leben gekämpft hatte.“ Eine der Tänzerinnen nannte diese Erfahrung einen „Kampf“, der zwischen der Seele und der Außenwelt in einem fremden Land stattfindet. Diese beiden Dimensionen des Alltags sind so weit voneinander entfernt, dass man nicht mehr sagen kann, welche echt ist.
Tanz als Widerstand
All diese Versteckspiele – das heimliche Einschleichen ins Studio, nur um eine Stunde zu üben – waren der Grund, warum wir überhaupt Tänzer:innen wurden. Für uns als Frauen war Tanz eine Form des Widerstands, eine Möglichkeit, auf kleine, aber bedeutende Weise gegen die sozialen Normen zu protestieren, die uns in der iranischen Gesellschaft unterdrückten. Das war für uns die Bedeutung von Tanz. Daher wird Tanz, der oft als einfältig oder oberflächlich angesehen wird, zu einem sozio-politischen Statement, das den Weg zur Selbstverwirklichung entgegen der staatlichen und gesellschaftlichen Unterdrückung ebnet. Im Ausland wird er zu einem Echo. Die Migration verlagert dieses Medium nicht nur räumlich, sondern auch semantisch und symbolisch, und löst so die intensive Bedeutung auf, die den Tanz einst nicht nur sichtbar, sondern lebenswichtig machte. Eine Befragte brachte es auf den Punkt: „Als ich im Iran tanzte, fühlte ich mich, als würde ich etwas tun. Hier bewege ich mich nur.“
Tanz und Geschlecht
Besonders iranische Frauen werden durch staatliche Vorschriften systematisch unterdrückt, die nicht nur vorschreiben, wie sie sich kleiden sollen, sondern auch, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten dürfen. Durch den Tanz können Frauen die Kontrolle über ihren Körper zurückgewinnen, indem sie Bewegung als Form des Widerstands und Protests nutzen. Über den Protest gegen die Regierung hinaus ist Tanz auch ein Mittel, um tief verwurzelte traditionelle und patriarchale Familienstrukturen und Geschlechterrollen zu konfrontieren, die die Autonomie von Frauen einschränken. Für viele Frauen wird Tanz zu einer Möglichkeit, ihre Identität zurückzuerobern, die oft im eigenen Zuhause erstickt wird.
Durch Bewegung drücken iranische Frauen ihre Individualität aus, behaupten ihre Freiheit und stellen sich gegen die restriktiven Normen, die sie historisch sowohl körperlich als auch emotional eingesperrt haben. Im iranischen Kontext ist Tanz eine Brücke zwischen persönlicher Freiheit und öffentlichem Widerstand; er ist ein Weg, um Körper und Stimme in Angesicht langjähriger Unterdrückung zurückzuerobern.



















