09.07.2026
Saudische Streamer:innen und die nationale Gaming-Offensive
Saudi-Arabien möchte den Frauenanteil im professionellen E-Sport aktiv erhöhen. Foto: Pexels.com
Saudi-Arabien möchte den Frauenanteil im professionellen E-Sport aktiv erhöhen. Foto: Pexels.com

Saudi-Arabien investiert seit 2017 massiv in den Gaming-Sektor mit dem Ziel, das globale Zentrum für Spielkultur zu werden. Über 30 Jahre existiert die saudische Gaming-Szene bereits – darunter internationale Spitzen-E-Sportler:innen.

Die umfangreichen Investitionen des Königreichs Saudi-Arabien in traditionell europäische Sportarten wie Fußball, Golf und Formel 1 werden in der westlichen Öffentlichkeit meist mit Empörung kommentiert. Kaum Beachtung erhielt bisher, dass Saudi-Arabien seit zehn Jahren in den Gaming-Sektor investiert, einem Markt der vor allem vom asiatisch-pazifischen Raum dominiert wird. Über die 2017 gegründete Saudi Esports Federation und den staatlichen Public Investment Fund (PIF) flossen bis dato bereits 40 Mrd. Euro in den Sportindustriellen Komplex rund um das kompetitive Video spielen (E-Sport) sowie in den Gaming-Sektor allgemein.

Saudi-Arabiens Investitionsoffensive im Gaming-Sektor

Das beinhaltet vor allem die Organisation von Turnieren mit hohen Preisgeldern, den Aufbau und die Förderung konkurrenzfähiger saudischer Teams und Spieler:innen, die Investition in regionale und globale Spielentwicklung sowie den Aufbau von Infrastruktur, wie den Gaming & Esports District im saudischen Tourismus-Großprojekt Qiddiya City. Erst seit 2025 berichten vermehrt auch deutsche Medien über die ehrgeizigen Ziele des Landes, ein globaler E-Sport-Hotspot zu werden. Hintergrund ist die Übernahme des US-amerikanischen Gaming-Publishers EA Sports im September 2025 durch die saudische Savvy Games Group, einer 100% Tochter des Staatsfonds PIF. Fast parallel dazu fanden im August 2025 in Riad bereits zum zweiten Mal die E-Sport-Weltmeisterschaften statt. 

Aus Positionspapieren wie der National Gaming & Esports Strategy (2022) geht hervor, dass das Land bis 2030 in den meisten Sektoren der Spieleindustrie sowie im E-Sport regionale Speerspitze und ein international anerkanntes Drehkreuz für Industrie, Szene und Kultur werden möchte. Das passt zum zentralen Anliegen der Saudi Vision 2030, die die Diversifikation der nationalen Wirtschaft unter anderem durch den Ausbau der Unterhaltungsindustrie vorantreiben möchte. Saudi-Arabiens Soft Power durch finanzielle Dominanz in der Sport-, Medien- und Entertainment-Industrie ist jedoch nie nur nach außen adressiert, sondern richtet sich stets auch an das spielaffine nationale Publikum.

Saudische Spitzen-E-Sportler:innen

Gaming ist sehr populär in Saudi-Arabien und gehört längst zum popkulturellen Mainstream. Die saudische Gaming-Szene besteht seit den 1980er-Jahren und ist seit den frühen 2010er-Jahren mit dem Aufkommen von Smartphones stetig gewachsen. Das Land hat seit Jahren eine hervorragende digitale Infrastruktur und hohe Nutzungsraten für Online-Games und Social Media. Gaming ist heute eine der zentralen Freizeitbeschäftigungen von jungen Saudis und ein wichtiger Sektor innerhalb der regionalen Unterhaltungsindustrie. Da verwundert es kaum, dass das Land eine Reihe von internationalen Weltklasse-E-Sportler:innen hervorgebracht hat.

Die bekanntesten und renommiertesten unter ihnen sind Mossad Aldossary (Gamer-Name: Msdossary), Mohammed Alotaibi (trk511), Yazid Bakhashwin (Kiileerrz) oder Abdulaziz Alshehri (mrdOne), die international vor allem in Rocket League oder FIFA brillieren und hochbezahlte Superstars sind. Zusätzlich dazu generieren Gaming-Inhalte auf digitalen Plattformen wie YouTube zusätzlich hohe Reichweiten. Saudische Gaming-Influencer:innen wie MJRM Games oder BanderitaX erreichen mit gameplays, reactions oder playthroughs ein Millionen-Publikum und dominieren die arabischsprachige Sphäre auf YouTube.

Gegenbewegung zu orientalistischen Stereotypen in Spielen

Arabische Independent-Games versuchen orientalistischen Stereotypen in westlichen Games etwas entgegenzusteuern, so auch regionale Spieleentwickler:innen wie Falafel Games (Libanon) oder Semaphore (Saudi-Arabien). Arabische Spiele und die entstehende Gaming-Industrie am Golf galten als Gegenbewegung zu hegemonialen westlichen Darstellungen der WANA-Region und als Versuch, islamische Werte durch regionale Spiele zu stärken.

Semaphore veröffentliche beispielsweise 2011 ein Spiel mit regionaler Ästhetik und kulturellem Bezug. Unearthed: Trail of Ibn Battuta zeigte historisierte Charaktere und Spielewelten aus der islamischen Geschichte mit arabischen, persischen oder türkischen Namen. All das bot Identifikationsmöglichkeiten für die zahlreichen Spieler:innen aus der WANA-Region, auch wenn das Spiel kommerziell nicht einschlug. Heute steht für Saudi-Arabien vor allem die inhaltliche und technologische Anschlussfähigkeit an die internationale Szene im Vordergrund.

Mainstream-Spiele mit regionaler Ästhetik

Gaming ist seit 2015 kein Nischenphänomen mehr und die große Masse an saudischen Gamer:innen spielt keine arabischen Indie-Games, sondern Mainstream-Bestseller wie Valorant, Call of Duty, GTA V oder Dota. Mittlerweile bauen auch kommerzielle FPS[1]-Spiele wie Call of Duty - Modern Warfare islamisch gelesenen Hauptpersonen und Storylines ein, um den WANA-Markt mit seiner Masse an Spieler:innen anzusprechen

Für das Königreich ist die Entwicklung von Spielen, die saudische Ästhetik und Kultur transportieren und globale Strahlkraft entwickeln, von zentraler Bedeutung, um auch in der WANA-Region kulturelle Soft Power auszuüben. Das Land wirbt daher öffentlichkeitswirksam mit dem Ziel, den Frauenanteil im professionellen E-Sport zu erhöhen. Erste Erfolge zeigen sich bei Spielerinnen wie Modhi Alkanhal oder Tala Al-Mazrou die von der Saudi Esports Federation gefördert und aufgebaut werden sowie beim Profi-Frauenteam Falcons Vega MENA

Förderung von Gamer:innen

Frauen müssen sich in der geschlechtergetrennten saudischen Gesellschaft auf kultureller, sozialer und rechtlicher Ebene mit festgelegten Normen, Werten und Rollenbildern arrangieren. Die öffentlichen Maßnahmen zur Förderung und Sichtbarmachung von Frauen sind einerseits Teil der Nation-Branding-Strategie, um das Land salonfähig für ausländische Investitionen zu machen. Andererseits reagiert das Königreich damit auf innenpolitische Bedürfnisse vor allem im Zuge des neoliberalen Reformprogramms, die unter anderem die Arbeitskraft von Frauen in einer diversifizierten Wirtschaft besser nutzen möchte. 

Die Förderung von Gamer:innen jedoch lediglich auf Nation-Branding und ökonomische Reformen zu beschränken, würde den vielen saudischen Spieler:innen nicht gerecht werden, die die regionalen und globalen Communities seit den 1980er-Jahren maßgeblich prägen. Laut PwC Middle East identifizieren sich 70 % der saudischen Bevölkerung unter 35 Jahren als Gamer:innen, das sind ca. 23 Millionen Menschen, knapp die Hälfte davon sind Frauen. Soziolog:innen konnten zeigen, dass sich Frauen seit den 1980er-innerhalb der globalen Gaming-Szene und Gaming-Kultur wider der herrschenden patriarchalen Strukturen Sichtbarkeit und Agency erkämpft haben.

Reichweitenstarke saudische Streamerinnen wie Meshael_MR, Nitrake oder imw3w3 spielen Spiele wie Valorant, Call of Duty oder League of Legends und nutzen die Streaming-Plattform Twitch um sich und die arabischsprachige Gaming-Szene zu präsentieren. Soziolog:innen fanden heraus, dass Twitch für Streamerinnen und deren Communities ein Raum für affektive Vergemeinschaftung und weibliche Solidarität sein kann. Im taktische FPS-Spiel Valorant gibt es nuancierte Darstellungen weiblicher Spielcharaktere, die unter anderem Stärke und Führungskraft repräsentieren. Für Spieler:innen die aufgrund von Race oder Gender in der Gaming-Kultur unterrepräsentiert sind erhöht das die Attraktivität des Spieles.

Politisierung und Ökonomisierung der saudischen Gaming-Szene

Im Zuge der Vision 2030 und den Investitionen in den Gaming-Sektor wird eine bereits bestehende und aktive saudische Szene nun auch wirtschaftlich und politisch in die Nation-Branding Strategie des Landes einbezogen. Das geht Hand in Hand mit einer immer stärkeren Kommerzialisierung des Gaming-Sektors sowie digitalen Plattformen als wichtigem Zweitmarkt für Gaming-Content. Die politische Förderung saudischer Gamer:innen macht lediglich eine Szene und Community sichtbar, die bereits seit Jahrzehnten aktiv ist. Neben frauen- und jugendpolitischen Reformen von oben, die auch immer außenpolitisch relevant sind, steht das Land auch vor tiefgreifenden und langfristigen gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich mit Geld nur bedingt beschleunigen lassen.

 

[1] First-Person-Shooter (dt. Ego-Shooter) sind Spiele, in denen menschliche oder menschenähnliche Spielfiguren aus der Ich-Perspektive gelenkt werden.

 

 

 

 

 

Dr. Sabrina Zahren arbeitet als Kulturwissenschaftlerin an der Schnittstelle zwischen Arabistik, Islamwissenschaft und kritischer Medienwissenschaft. Sie interessiert sich für Kulturproduktion (u.a. Gaming-Content) auf digitalen Plattformen sowie Influencer Culture auf der arabischen Halbinsel mit Schwerpunkt auf Saudi-Arabien. Als Oberassistentin...
Redigiert von Henriette Raddatz, Nora Theisinger