Tausende Kurd:innen und Alevit:innen kommen jeden Sommer in Ostanatolien zusammen. Im Munzur-Tal geht es um Kultur und Natur – zwei untrennbare Teile eines Kampfes gegen staatliche Entwicklungsprojekte. Dis:orient war vor Ort.
Unser Weg nach Dersim (türkisch: Tunceli) führt durch die anatolischen Berge: Storchennester entlang des Euphrat-Flusses, der hinter der Stadt Elâzığ in den Munzur-Fluss mündet. Hier liegt Dersim, eine der landschaftlich sehenswertesten Regionen der Türkei, mit hunderten endemischen Pflanzen- und Tierarten. Doch seit nunmehr Jahrzehnten vorangetriebene Bergbau-, Staudamm- und Tourismusprojekte belasten Ökosysteme und bedrohen die Artenvielfalt. Zwischen dem 30. Juli und 2. August 2026 trafen sich hier Politiker:innen sowie Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft, um das kulturelle Erbe der Region aufleben zu lassen und demokratische Antworten auf die ökologische Krise zu entwickeln.

Konkret ging es dabei etwa um folgende Fragen: Wie können gesellschaftliche Mehrheiten gegen die Expansion der Munzur-Staudämme mobilisiert werden? Und wie lässt sich der Abwanderung und Perspektivlosigkeit der Jugend begegnen? Dem diesjährigen Motto ‚Schutz von Natur, Sprachen, Kultur und Glauben im Sinne der Erinnerung und des freien Lebens‘ folgend, beinhaltete das Festival zahlreiche Aktivitäten: Neben Panel-Diskussionen auch Lesungen, Dokumentarfilme, Wanderungen und zahlreiche Konzerte. Laut Angaben der Veranstalter:innen kamen zur 24. Edition des Festivals bis zu 40.000 Besucher:innen.
Erinnerungen an jahrzehntelange Vertreibung
Als ‚doppelte Minderheit‘ waren die in Dersim lebenden kurdischen Alevit:innen in der Geschichte der türkischen Republik Verfolgungs- und Assimilierungskampagnen ausgesetzt. Obwohl das Alevitentum in Anatolien historisch weit verbreitet ist, ist diese Religionsgemeinschaft staatlich nicht anerkannt und die Gebetsstätten (Cem-Häuser) sind spendenfinanziert. Darüber hinaus wurde die Muttersprache der Mehrheitsbevölkerung Dersims, Zazaki bzw. Kirmanckî, nicht nur im Rahmen der staatlichen ‚Türkifizierung‘, sondern auch von kurdischer Seite bisweilen als eigenständige Sprache geleugnet.
Laut der Anthropologin Ozlem Goner wurde die Bevölkerung Dersims seitens des türkischen Staates als Rebell:innen (1930er), Kommunist:innen (1970er) und Terrorist:innen (1990er) bezeichnet und gemeinhin als Außenseiter:innen identifiziert und gebrandmarkt. Die genozidale Militärkampagne von 1937/38 – in Zazaki ‚Tertele‘ (dt. Katastrophe) genannt –, in deren Verlauf zehntausende Menschen getötet und zwangsumgesiedelt wurden, prägt bis heute das Bewusstsein Dersims. Das Festival stellt etwa die Abwanderungswellen aus Dersim, als auch Naturverwüstungen in ein Kontinuum mit der Geschichte staatlicher Gewalt.

So schafft das seit dem Jahr 2000 stattfindende Munzur-Festival Sichtbarkeit für diese in der Türkei oft verschwiegene oder geleugnete Geschichte und zeigt Kontinuitäten zur Gegenwart auf. In einer Panel-Diskussion geht es um die ökologische Zerstörung der Natur. Auf dem Podium sitzt auch Hatun Esen, Vorsitzende des Munzur-Umweltvereins. Sie bezeichnet die Degradierung des Flusses als ‚Ökozid‘. Laut Esen bezwecke er die Zerstörung von Dersims kulturellem Erbe. Sie kritisiert außerdem, dass durch die Bauvorhaben, die unter dem Vorwand des Tourismus umgesetzt werden, Brut- und Nistplätze endemischer Arten zerstört und enorme Wasserressourcen verbraucht würden.

Die Vereinsamung aufbrechen
Von Beginn an zielt das Festival einerseits darauf ab, die Zerstörung der Lebensgrundlagen sichtbar zu machen. Eng verknüpft ist damit auf der anderen Seite die Erhaltung der kulturellen Identität der ‚Dersimli‘, wie die angestammte Bevölkerung sich bezeichnet. Selman Yeşilgöz, Gründer und Vorsitzender des seit den 1990er-Jahren aktiven Vereins für Kultur und Solidarität in Tunceli, hat das Festival mit ins Leben gerufen. Für ihn war die Schaffung einer politischen Plattform damals das Hauptmotiv. Er wollte einen Raum schaffen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der über die Türkei verstreuten Dersimli zu stärken.
In den 1990er-Jahren räumte das türkische Militär 287 der 440 Bergdörfer Dersims und brannte sie anschließend nieder. Diese Gewalt geschah im Zuge des Kampfes gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ist nur ein Beispiel zahlreicher gezielter Vertreibungen durch den Staat. Heute leben viele Dersimli in der Westtürkei, sowie schätzungsweise 200.000–300.000 Personen in der europäischen Diaspora.

Bedingt durch Klimakrise und staatliche Entwicklungsprojekte ist das Umweltthema in den letzten Jahren immer dringlicher geworden. Laut Yeşilgöz hat sich aber die Ausrichtung des Festivals nicht grundsätzlich geändert. Denn die Bewahrung der Kultur sowie der Natur sind zwei Seiten eines politischen Kampfes.
Ein heiliger Fluss
Für die in Dersim verwurzelten Alevit:innen ist der Munzur heilig und dessen Quelle ein ritueller Pilgerort. Dies erklärt auch die starke gesellschaftliche Mobilisierung gegen seit Jahrzehnten forcierte Staudamm- und Bergbauprojekte im eigentlich unter Naturschutz stehenden Munzur-Nationalpark. Der 2009 errichtete Uzunçayır-Staudamm etwa hat unzählige Pappeln und Platanen überflutet, viele davon über hundert Jahre alt.
Technische Abänderungen der Flussläufe führen nicht selten zu unvorhersehbaren Konsequenzen in den sich nur langsam anpassenden Ökosystemen. Dersim Gül, Generalsekretär des Verbandes der türkischen Ingenieur- und Architektenkammern (TMMOB), erklärt, dass eigentlich das Gegenteil passieren, nämlich die Menschen sich den stetig verändernden Flussläufen anpassen müssten. Während in Europa die Bewahrung von Flussläufen aktuell aufgegriffen und Gelder in Millionenhöhe in Renaturierungsprojekte investiert werden, stehen in der Türkei jedoch keine entsprechenden Förderprogramme auf der Agenda.
Umso notwendiger sei daher die Mobilisierung breiter, gesellschaftlicher Bündnisse in Dersim, um dem Raubbau an der Natur etwas entgegenzusetzen und demokratische Lösungen für den Schutz der Munzur-Ökosysteme zu entwickeln. Wasser ist der Ausgangspunkt aller Widerstände. Agit Özdemir, Ökologie-Sprecher der Partei für Emanzipation und Demokratie der Völker (DEM) schlägt die Einrichtung eines Mechanismus vor, über den die Bevölkerungsgruppen von Dersim die Überwachung der verzweigten Läufe des Munzur koordinieren können.
Wie wird die Zukunft Dersims aussehen? Aus den Diskussionen des Munzur Festivals 2026 geht hervor, dass die Region vor gravierenden Entwicklungen steht: Entweder es gelingt eine demokratische, über alle politischen Ebenen hinweg getragene Wasserpolitik zu entwickeln, die den Ausbau der Staudämme stoppt und ein neues Umweltbewusstsein schafft. Oder aber die aktuelle Politik wird fortgesetzt, die die Ökosysteme zerstört, Massentourismus nach Dersim bringt und schlussendlich das kulturelle Erbe der Region bedroht.



















