Preise, Nominierungen, Rezensionen: Karosh Tahas neuster Roman hallt nach. Mit dis:orient spricht sie über das Schreiben als Akt der Selbstbehauptung, die Exotisierung kurdischer Menschen und die moralische Verpflichtung, zu schreiben.
In deinen Romanen erzählst du von kurdischen Leben. Zuletzt in „Gulistan“ von einer Frau, deren Leben ein Gewaltregime durchdringt. Wer über solche Themen schreibt, wird schnell als Stimme einer ganzen Community gelesen. Wie gehst du damit um?
Dass ich über Kurd:innen schreibe, hat biografische Gründe. Mich beschäftigt das Leben der Kurd:innen in der Diaspora. Darauf aufmerksam zu machen ist mir ein Anliegen, gerade weil ich aus einer politischen Familie komme. Mein Vater hat lange als Peschmerga gedient. Ende der 90er sind wir geflohen. All das hat mich geprägt.
Angesichts des Freiheitskampfes, auch des tödlichen, vieler Kurd:innen kann ich als Autorin diesen Aspekt des kurdischen Lebens nicht ignorieren. Weiße Themen sind omnipräsent, sie interessieren mich nicht. Die Fäden, die von Deutschland aus international gezogen werden, finde ich spannender. Auch in „Gulistan“ gibt es immer wieder Referenzen zur deutschen Geschichte und Gegenwart.
Trotz alldem: Ich will nicht vereinnahmt oder politisch instrumentalisiert werden. Als Schriftstellerin ist es mir wichtig, dass meine Kunst so frei wie möglich bleibt und in verschiedene Richtungen gelesen werden kann.
Wo zeigt sich Deutschland in einer Geschichte, die im Irak spielt?
Die Nazi-Diktatur war für viele Diktatoren eine Blaupause, auch organisatorisch. Dass Kurd:innen deportiert und kurdische Städte arabisiert wurden, das sind faschistische Mittel, die Saddam Hussein von Nazi-Deutschland gelernt hat. Wir sagen immer, wir müssen Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Aber auch Diktatoren ziehen ihre Lehren aus der Vergangenheit. Und noch konkreter: Deutsche Firmen belieferten Hussein mit Chemikalien, die er gegen Kurd:innen eingesetzt hat. Sie verdienten am Tod von Kurd:innen.
Was bedeutet es für dich, kurdische Leben ins Zentrum eines deutschsprachigen Romans zu stellen?
Es bedeutet vordergründig: Das Kurdische überlebt auch im Deutschen. Selbst, wenn ich nicht Kurdisch schreibe, findet es durch meine politische und poetische Position seinen Weg. Die Formulierung das „Deutsche beherrschen“ bedeutet für mich als Autorin, mein gelerntes Deutsch muss sich meinen Erfahrungen anpassen, nicht umgekehrt.
In meiner Literatur beziehe ich mich oft auf Toni Morrison. Als Schwarze Schriftstellerin wurde sie immer wieder gefragt, warum sie nicht über weiße Menschen schreibt. Sie hat selbst festgelegt, wer das Zentrum ihrer Literatur und ihrer Welt ist, nicht weiße.
Diesen Ansatz versuche ich auch zu verfolgen: Ich brauche weder die deutsche Vergangenheit noch deutsche oder weiße Menschen, um eine kurdische Geschichte zu erzählen. Ich brauche nur das Deutsch als eine Sprachfigur. Weiße können als Nebenfiguren, als Kompliz:innen eines Systems auftauchen, aber die Hauptfiguren sind und bleiben Kurd:innen. Offiziell sind wir Kurd:innen auf der Landkarte vielleicht nicht eingezeichnet, aber mit unseren Stimmen, unserem Leben, unserer Kultur und unserer Literatur können wir dafür sorgen, dass wir trotzdem auftauchen. Unsere Leben finden nicht nur statt, weil es weiße gibt. Wir sind da, wir existieren.
Wie reagiert der deutsche Literaturbetrieb darauf?
Das Problem ist nicht, dass sich niemand für das kurdische Thema interessiert. Ich darf über Kurd:innen schreiben, aber nur in einer Form, die für weiße Deutsche verständlich ist. Form und Ausdruck bestimmen sie. Nicht-weiße Themen müssen also in weiße Formen gepresst werden, sonst gelten sie als unleserlich. So werden nicht-weiße Autor:innen erpresst sich, wenn nicht in ihrer Themenwahl, zumindest im Ausdruck dem weißen Deutschen anzupassen – eine Assimilation der Literatur.
In „Gulistan“ gibt es viele Referenzen auf kurdische Kultur und Bräuche, auf Islamisches, aber auch Alttestamentarisches. Dieser Referenzrahmen ist weißen Deutschen so fremd, dass sie das Buch nicht bequem lesen können. Sie wollen meine Romane wie Sachbücher lesen, um etwas über diese „exotischen“ Menschen zu erfahren, die Kurd:innen für sie immer noch sind.
Die Kultur steht für sie so sehr im Vordergrund, dass sie die Menschen dahinter nicht sehen. Was passiert, wenn ich aber das Deutsche verfremde, wenn das Deutsche dem Kurdischen dient, sich beugt und in die Leser:innen nicht auf ihren üblichen Referenzrahmen stützen können, wenn sie tatsächlich ihren Horizont erweitern müssten, auf schmerzhaft langsame Weise?
Willst du mit „Gulistan“ also weiße Leser:innen gezielt aus ihrer Komfortzone holen?
Ich habe keine weiße Person im Kopf, wenn ich schreibe. Ich bin meine erste Leserin. Meine Texte müssen zuerst mir verständlich sein und gefallen. Und dann sucht sich der Inhalt seinen Ausdruck. Das bestimmt, wie ich schreibe. Das ist für mich ein literarisches Argument und wichtiger als die Frage, ob eine weiße Person das versteht.
Ich weigere mich meine Literatur zu vereinfachen, Konzepte und Verweise zu erklären und das Erzählenswerte auf Formeln herunterzubrechen. Es wäre das Schlimmste für mich zu merken, dass ich für jemanden schreibe, der mir mein Leben lang nicht zugehört hat. Gerade bei diesem Thema ist es mir ein Anliegen, dass die Figuren keine tragische Identifikation, keine Projektionsfläche für ein white guilt sind.
Mir ist es lieber, für ein migrantisch-deutsches oder ein internationales Publikum zu schreiben. Wenn meine Bücher übersetzt werden, sollen sie ihre Essenz bewahren. Das ist mir wichtiger, als mich für Deutsche so zu reduzieren, dass ich mein eigenes Schreiben nicht wiedererkenne.
Wie sah der Entstehungsprozess aus?
Schwierig, und er kam aus verschiedenen Richtungen. Zuerst hatte ich die Idee, über den Doppelgänger von Saddam Hussein zu schreiben. 2020 kam dann die Figur der Gulistan zu mir: eine kurdische Frau, die unter dem Regime an die Grenzen ihrer Sprache und ihres Verstandes kommt angesichts der Gräueltaten. Gerade in Deutschland sah ich, dass die Erfahrungen, die so viele kurdische Frauen gemacht haben, nicht in literarischer Form vorliegen.
Medial werden sie oft als starke Kämpferinnen dargestellt, und das sind sie auch. Aber was ist mit den Frauen, die nicht kämpfen, wie können sie ihren Widerstand ausdrücken? Was passiert mit einer Frau, die eigentlich nicht politisch kämpft, in deren Leben das Regime aber so eindringt, dass sie nicht anders kann? Wie finde ich eine Sprache für sie, so dass sie klar als widerständige Frau erkennbar wird? Eine Frau, die nicht die Sprache des Regimes übernimmt, sondern sich in ihren Sätzen dagegen positioniert?
2023 war ich in Kurdistan und sprach mit Frauen, die im Gefängnis waren. Eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen und sie zu verstehen, war entscheidend. Ich bin eine der wenigen deutschen Schriftstellerinnen, die mit diesen Frauen in einem Raum sitzen, mit ihnen Kurdisch sprechen und sie nach ihren Erfahrungen fragen können. Das hat mir die moralische Pflicht auferlegt, dieses Buch zu schreiben und auch zu beenden.
Hast du für die Recherche auch mit Täter:innen gesprochen?
Nein, in Sachbüchern ist die Täter:innenperspektive ausreichend dargestellt. Eindrücklich fand ich bei den Iraker:innen den Bezug zu Religion. Ob sie wirklich gläubig waren oder nicht: Es war beängstigend zu sehen, wie viele Verbrechen sie im Namen der Religion begehen konnten.
Wenn muslimische Iraker:innen „Bismillahirrahmanirrahim" schreiben, also, im Namen des Barmherzigen, dann bedeutet ihnen das etwas. Von Barmherzigkeit zu sprechen und gleichzeitig unbarmherzig zu handeln. Wie können diese Menschen emotional so weit von sich selbst entfernt sein, so sehr dissoziieren? Religion wird instrumentalisiert, aber hier dienten ihnen die religiösen Formeln zur Reinwaschung ihrer brutalen Taten.
Ein Bruch im Text ist das Interview mit Saddam Husseins ehemaligem Arzt, das es tatsächlich gab. Warum hast du dieser Stimme Raum gegeben?
Nicht jede Darstellung räumt einer Person Raum ein. Seine Zitate sind arrangiert wie Gedichte, wie Texte, als hätte etwas anderes aus ihm herausgesprochen. Sein Blick auf Saddam war manchmal so klar und dann wieder so getrübt. Er erzählt, er wäre überrascht, Saddam weinen zu sehen, zum Beispiel, wenn ihn eine Geschichte zu Tränen gerührt hatte. Diktator:innen haben ein Herz und sie können trotzdem einen Genozid planen; das macht das Regime in der Nacherzählung nicht weniger grauenhaft.
Am Ende sagte er: „Das war nicht nur Saddam, das war der ganze Irak.“ Das stimmt auch, jeder trägt Mitschuld. Aber damit entzieht man sich der subjektiven, moralischen Verantwortung, der eigenen Integrität, wenn die Nation als ein Körper gedacht wird – auch das ist eine sehr deutsche Debatte.
Wirst du auch in Zukunft über kurdische Geschichten schreiben?
Ich werde weiter über kurdische Menschen schreiben, aber mich interessieren auch andere Gruppen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Unsere Leben sind keine Nachrichtenthemen, wir haben Träume und Sehnsüchte, und nehmen die größten Gefahren auf uns, um unsere Menschenwürde zu bewahren.



















