Einst eine regionale Großmacht, heute Schauplatz internationaler Aktivitäten. Khalifa Haftar profitiert davon, dass internationale Akteure die von ihm kontrollierten Gebiete für militärische Operationen nutzen.
Seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis im Jahr 2011 und dem daraus entstandenen Bürgerkrieg leidet Libyen unter wirtschaftlicher und politischer Instabilität sowie anhaltender innerer Zersplitterung. Heute ist das Land faktisch in zwei Teile gespalten: die international anerkannte Regierung der Nationalen Einheit (GNU) im Westen des Landes mit Sitz in Tripolis, welche von der EU und der Türkei unterstützt wird, und im Osten des Landes die Kräfte unter dem Kommando von Khalifa Haftar mit Sitz in Bengasi, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Ägypten und Russland unterstützt werden.
Diese Spaltung hat Libyen in eine komplexe geopolitische Arena verwandelt, in der regionale wie internationale Akteure ihre jeweiligen Interessen verfolgen - häufig zulasten von Stabilität und staatlicher Souveränität. Folglich beschränkt sich die politische Landschaft in Libyen nicht mehr nur noch auf lokale Kräfte. Khalifa Haftar sichert seine Macht vor allem auf Kosten von Libyens Ressourcen und Souveränität. Dabei verwandelt er das Land in einen logistischen Knotenpunkt für Söldner, die von seinen regionalen und internationalen Verbündeten in aktiven Konfliktgebieten eingesetzt werden.
Dabei ist der Einsatz ausländischer Kämpfer weder auf Haftar beziehungsweise eine Seite des libyschen Konflikts beschränkt noch auf den aktuellen Konfliktzyklus. Bereits während des libyschen Bürgerkriegs 2019–2020 stützten sich auch die mit der Regierung in Tripolis verbündeten Kräfte auf ausländische Söldner. Diese stammten damals insbesondere aus Syrien und wurden mit türkischer Unterstützung eingesetzt. Während die Beteiligung externer Kämpfer damals eng mit der internen Dynamik des libyschen Konflikts zusammenhing, legen neuere Entwicklungen nahe, dass Teile des Ostens und Südens Libyens zunehmend in umfassendere Netzwerke des transnationalen Söldnereinsatzes eingebunden werden.
Kolumbianische Söldner und der Krieg im Sudan
Die östliche Region Cyrenaica steht unter der Kontrolle von Khalifa Haftar und ist heute zentral für ein komplexes logistisches Netzwerk, das von den VAE finanziert wird, um deren Stellvertreter, die Rapid Support Forces (RSF), im aktuellen Krieg im Sudan zu unterstützen. Kürzlich reichte der Sudan eine offizielle Beschwerde beim UN-Sicherheitsrat ein, in der er die VAE beschuldigte, zwischen 350 und 380 kolumbianische Söldner, meist pensionierte Soldaten und Offiziere, rekrutiert und finanziert zu haben, um an der Seite der RSF in Darfur zu kämpfen.
Berichten zufolge werden viele dieser Rekruten, von denen die Jüngsten kaum älter als Teenager sind, mit dem Versprechen legitimer, gut bezahlter Sicherheitsjobs in den VAE angeworben, nur um dann in aktive Konfliktgebiete entsandt zu werden. Nachdem ihnen bei ihrer Ankunft in Abu Dhabi ihre Telefone und Pässe abgenommen wurden, werden diese Söldner, die unter dem Codenamen „Desert Wolves“ operieren, von den VAE ins somalische Puntland und von dort nach Bengasi geflogen. Nach ihrer Ankunft in Libyen verbringen sie einige Zeit unter der Aufsicht von Haftar-treuen Kräften, bevor sie die Wüste in Richtung Sudan durchqueren und schließlich in Ausbildungslagern in Darfur landen, wo sie in einen der brutalsten Kriege der Welt gezwungen werden. Dabei dienen der Hafen und der Flughafen von Bengasi als wichtige Transitknotenpunkte für Söldner und Waffen und illustrieren, wie Libyens Souveränität zur Ware geworden ist.
Russlands geopolitische Interessen in Subsahara-Afrika
Neben den VAE hat eine weitere Großmacht im Süden Libyens eine konstante militärische Präsenz aufgebaut: Russland. Spätestens seit 2017 nutzen Söldnergruppen und private Militärunternehmen wie die Wagner Gruppe (heute Africa Corps) das Sicherheitsvakuum und die schwache zentralstaatliche Kontrolle in Libyen, um informelle militärische Stützpunkte zu errichten.
Der Süden des Landes ist somit zu einem Ausgangspunkt für russische Operationen und Einflussnahme in der gesamten Sahelzone geworden. In Ländern wie Niger, Burkina Faso, der Zentralafrikanischen Republik und Mali bietet Moskau militärische Unterstützung im Tausch gegen wirtschaftliche Zugeständnisse und politischen Einfluss an, insbesondere seit dem Rückzug Frankreichs aus diesen Ländern.
Haftar scheint russischen Söldnern Schutz und logistische Unterstützung zu gewähren und erhält im Gegenzug anhaltende militärische und politische Rückendeckung. Das Szenario erinnert an die Stellvertreterdynamiken des Kalten Krieges, in denen schwache Staaten auf Kosten ihrer inneren Stabilität zu Schauplätzen globaler Rivalitäten wurden.
Zersplitterte politische Machtverhältnisse im Fezzan
Die Kontrolle über den Süden Libyens, insbesondere über die Fezzan-Region, ist nach wie vor stark zersplittert. Sie ist von lokalen bewaffneten Gruppen geprägt, vor allem von den Truppen der Tubu, der Ouled Slimane und der Tuareg sowie von lokalen Milizen, die Haftar nahestehen.
Die Gruppen spielen eine entscheidende Rolle bei der Kontrolle der Grenzgebiete und Wüstenrouten, die Libyen mit dem Tschad, Niger und dem Sudan verbinden. Über solche Routen werden nicht nur Söldner und militärisches Material transportiert, sondern sie dienen auch als Schmuggelwege für Waren und Menschen. Der Fezzan ist somit eingebettet in einen größeren Kontext legaler und illegaler wirtschaftlicher Netzwerke, die sich von Libyen aus in die südlichen Nachbarstaaten erstrecken.
Die Region war schon immer eine historische Transitzone für den transsaharischen Handel und hat sich heute erneut als wichtiger Korridor für grenzüberschreitende Bewegungen etabliert. Politische Spaltung und die begrenzte Präsenz staatlicher Autorität haben sowohl lokalen Akteuren als auch externen Kräften genutzt, der Fezzan ist heute ein logistischer Knotenpunkt für größere regionale Konflikte.
Khalifa Haftars Vorstoß in den Süden Libyens ab 2018 hatte diese Dynamiken verstärkt. Anstatt eine direkte und stabile Kontrolle zu etablieren, setzte Haftar auf selektive Einbindung von und taktische Allianzen mit Teilen der Tebu- und Ouled-Slimane-Milizen. Gleichzeitig leisteten andere Gruppen Widerstand oder richteten ihre Positionen je nach lokalen Machtkalkülen immer wieder neu aus. Das Ergebnis ist eine fluide politische Landschaft, in der Autorität mehr ausgehandelt als aufgezwungen wird.
Machterhalt durch ausländische Unterstützung
Durch die Förderung ausländischer Söldneraktivitäten präsentiert sich Haftar als unverzichtbarer Partner für die VAE und Russland und sichert sich so anhaltende militärische und diplomatische Unterstützung für seine Herrschaft im Osten Libyens.
Das politische Kalkül dahinter ist, seine innenpolitische Position und Legitimität durch ausländische Unterstützung zu festigen, was ihm einen entscheidenden militärischen Vorteil gegenüber der rivalisierenden GNU in Tripolis verschafft. Gleichzeitig ist er so vor nennenswertem internationalem Druck geschützt, eine politische Lösung des innerlibyschen Konflikts anzustreben, die ihn seine Autorität kosten könnte.
Offiziell unterstützt ein Großteil der internationalen Gemeinschaft UN-geführte politische Verhandlungen für Libyen. Die Taten spiegeln jedoch zunehmend eine Akzeptanz des Status quo wider und es gibt kaum Druck, diesen zu überwinden. Der Sicherheitsrat bezeichnete den politischen Prozess im Februar 2026 als „festgefahren“. Dennoch setzt sich die UN-Mission UNSMIL weiterhin für eine institutionelle Vereinigung und einen politischen Fahrplan als Lösung der Krise ein. Der Widerspruch verdeutlicht, wie externe Akteure mit einem Interesse an der inneren Spaltung Libyens eine kontrollierte und verhandelbare Teilung der Macht den Risiken eines echten politischen Neuanfangs vorziehen.
Wirtschaftliche Souveränität und die Rolle des Öls
Neben der politischen Kontrolle erleichtert die militärische Unterstützung aus dem Ausland auch Haftars Kontrolle über strategisch relevante natürliche Ressourcen, beispielsweise kontrolliert er wichtige Ölfördergebiete in Zentrallibyen und die Exportinfrastrukturen im Osten. Seine Verhandlungsposition gegenüber nationalen und internationalen Institutionen hat sich dadurch verbessert und seine militärische Dominanz wird effektiv in wirtschaftlichen und politischen Einfluss umgewandelt. Durch den Verkauf von Öl und Treibstoff über private Unternehmen wie die Arkenu Oil Company bindet sich Libyen jedoch zunehmend an externe Akteure, die durch solche Transaktionen an Einfluss gewinnen.
Politische Souveränität mag für viele Libyer:innen angesichts anhaltender wirtschaftlicher Herausforderungen abstrakt erscheinen, doch Militarisierung und schwindende Souveränität wirken sich spürbar auf den Alltag aus. Gesellschaftliche Polarisierung und die dauerhafte Präsenz bewaffneter Gruppen prägen das Leben ebenso wie fragile staatliche Institutionen. Das Resultat sind fehlende Kapazitäten des Staates, auf unerwartete Krisen wie den tödlichen Dammbruch in Derna im Jahr 2023 zu reagieren. Für die Bevölkerung bedeuten solche Entwicklungen wirtschaftliche Instabilität, unzuverlässige öffentliche Dienstleistungen und einen endlosen Kreislauf der Unsicherheit.
In seinem Bestreben, seine Herrschaft zu sichern, gefährdet Haftar nicht nur das libysche Staatsgebiet; er schürt regionale Konflikte und erntet heute Vorteile, für die künftigen Generationen in Libyen bezahlen werden. Unter seiner Herrschaft ist Libyen zu einem Transitkorridor globaler Konflikte geworden. Davon profitiert nur die mit ihm verbündete Elite, während das libysche Volk mit seiner Stabilität, Sicherheit und Zukunft bezahlt.
Dieser Artikel ist zuerst in veränderter Version bei Alash Media erschienen.





















