Tausende Menschen im Libanon wurden bisher von israelischen Angriffen getötet, fast ein Fünftel der Bevölkerung vertrieben. Die Organisation Basmeh & Zeitooneh leistet Hilfe und spricht mit dis:orient über Krieg, Vertreibung und Solidarität.
Israel hat seit Oktober 2023, parallel zu dem Genozid in Gaza, immer wieder Reihen von Luftangriffen auf den Libanon geflogen. Seit der letzten Eskalation im März wurden bereits mehr als 2.000 Menchen getötet und rund 1,2 Millionen Menschen vertrieben. Gleichzeitig führt es Bodeninvasion im Süden des Landes durch. Basmeh & Zeitooneh ist eine der größten von Geflüchteten geleitete Organisation, die im Libanon Hilfe leistet. Ralph Haddad ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Ralph, Basmeh & Zeitooneh leistet Nothilfe, doch die Helfer:innen vor Ort sind selbst vom Krieg betroffen. Kann überhaupt von einer unterschiedlichen Rollenverteilung zwischen Helfenden und Betroffenen gesprochen werden?
Das hängt davon ab, wer die Helfer:innen sind. Wenn sie selbst aus den betroffenen Communities stammen, gibt es kaum einen Unterschied – die psychische Belastung ist dieselbe, nur dass sie zusätzlich arbeiten müssen. Ausländische Helfer:innen hingegen können sich psychologisch leichter aus der Situation herausnehmen, wenn sie weder Libanes:innen, Palästinenser:innen noch Syrer:innen sind.
In der Nothilfe findet nur sehr wenig Koordination zwischen größeren, internationalen Organisationen und lokalen Organisationen statt. In den letzten Wochen – und dies ist ein Trend, der sich abzeichnet – handelten größere Organisationen zu Beginn einer neuen Bombardierungswelle sehr schnell, um bestimmte Unterkünfte in städtischen Gebieten zu „buchen“ oder zu reservieren. Diese Standorte sind für ihre Mitarbeitenden einfacher zu erreichen. Lokale Organisationen benötigen hingegen mehr Zeit, um sich abzustimmen und finanzielle Mittel zu beschaffen, bevor sie ihre Nothilfemaßnahmen einleiten können. Infolgedessen operieren sie oft unter höherem Risiko und in gefährlicheren Gebieten.
Was wird angesichts der jüngsten, groß angelegten Angriffe Israels am dringendsten benötigt?
Es gibt keine klaren Prioritäten. Da die Regierung eher reaktiv als proaktiv handelt, besteht beispielsweise dringender Bedarf an Unterkünften und Wohnraum. Außerdem braucht es sanitäre Einrichtungen für Menschen, die auf der Straße leben.
Darüber hinaus muss angemessene Nothilfe in Form von Lebensmitteln verteilt werden. Uns liegen Berichte vor, dass die verteilten Nahrungsmittel von schlechter Qualität und unzureichend seien. Deshalb versuchen wir Menschen dabei zu unterstützen, ihre Mahlzeiten selbst zuzubereiten.
Viele Kinder können nicht mehr zur Schule gehen und müssen sich ohne Zugang zu Spiel- oder Freizeitaktivitäten auf engstem Raum aufhalten. Senior:innen können die Gebiete, die evakuiert werden sollen, aufgrund ihres Alters und ihrer eingeschränkten Mobilität nicht verlassen – insbesondere diejenigen, die in abgelegenen Regionen leben. Derzeit gibt es jedoch keine offiziellen Pläne zur Unterstützung dieser Bevölkerungsgruppen.
Wie könnt ihr in dieser unvorhersehbaren Lage Menschen Informationen darüber geben, wohin sie gehen sollen? Welche Gebiete sind sicher?
Für uns geht es darum, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind. Wir geben keine Ratschläge und schreiben ihnen auch nicht vor, wohin sie gehen sollen. Es gibt keine Gebiete, die wirklich sicher sind. Vor allem, da das Ausmaß der Bombardements stetig größer wird. Nach den massiven Bombenangriffen vom 8. April, bei denen in weniger als zehn Minuten über 300 Menschen getötet wurden, mussten wir unsere Einsätze für einige Tage einstellen, da wir unsere eigenen Mitarbeitenden, die selbst Vertriebene sind, nicht in Gefahr bringen wollten.
Wir beobachten derzeit, dass die Menschen eher dazu neigen, in Notunterkünften in der Nähe ihrer Wohnorte zu bleiben. Selbst wenn die nördlichen Gebiete, wie Tripolis und Akkar, theoretisch sicherer sind, weigern sich viele Vertriebene aus dem Süden oder aus Beirut, diesen Weg anzutreten. Sie befürchten, nicht mehr zurückkehren zu können, oder schrecken vor den logistischen Schwierigkeiten der Reise zurück.
Wie wirkt sich die ständige Angst, angegriffen zu werden oder fliehen zu müssen, auf die Menschen aus, denen ihr helft?
Die psychische Belastung ist extrem hoch. Menschen können nicht schlafen, weil sie nicht wissen, wann der nächste Angriff kommt, oder ob ein vermeintlich sicherer Ort tatsächlich sicher ist. Das ständige Dröhnen von Kampfflugzeugen und Überwachungsdrohnen verursacht zusätzlichen Stress und ein Gefühl der Paranoia.
Es ist eine elende Situation für alle, besonders für die vulnerabelsten Mitglieder der Bevölkerung. Beispielsweise Familien mit großen Haushalten und einem niedrigen bis mittleren Einkommen. Es ist nicht leicht, acht Familienmitglieder mitsamt aller Habseligkeiten in ein einziges Auto zu quetschen und zu fliehen. Danach müssen sie an einen unbekannten Ort fahren, wo sie sich vielleicht nicht willkommen fühlen oder als Vertriebene Diskriminierung erfahren.
Ich habe das Gefühl, dass wir Libanes:innen die Fähigkeit verloren haben, diese Gefühle zu benennen. Worte reichen nicht aus, um irgendetwas davon zu beschreiben.
Viele Menschen werden jetzt erneut vertrieben.
Sowohl Libanes:innen als auch Nicht-Libanes:innen, die in der ersten Welle israelischer Angriffe im Jahr 2024 vertrieben wurden, konnten noch immer nicht in ihre Dörfer zurückkehren, da Israel das Waffenstillstandsabkommen kontinuierlich verletzt hat.
Ein großer Teil von ihnen ist einfach nur noch erschöpft – davon, in einem Land zu leben, das den ständigen Bombardements schutzlos ausgeliefert ist. Für viele fühlt es sich so an, als hätte die Welt ihnen den Rücken zugekehrt: Niemand unternimmt etwas, um den Aggressor zu stoppen, der seit Jahrzehnten gegen jegliche Aspekte des Völkerrechts verstößt.
Geflüchtete gründeten Basmeh & Zeitooneh 2012 und leiten die Hilfsorganisation bis heute. Siehst du darin einen Vorteil?
Außerhalb von Kriegszeiten ist es ein klarer Vorteil. Es bringt uns näher an die jeweiligen Communities – normalerweise kommen unsere lokalen Teams selbst aus den Gemeinschaften, die wir unterstützen wollen. Wenn Helfer:innen beispielsweise denselben Dialekt sprechen, können wir eine besondere Beziehung aufbauen. Gleichzeitig versuchen wir, gemischte Teams aus Libanes:innen und Geflüchteten zu bilden. So haben wir im Laufe der Zeit Vertrauen gewinnen können.

Auf staatlicher Ebene stößt dieser Ansatz nach wie vor auf großes Misstrauen. Die libanesischen Bürger:innen haben oft das Gefühl, dass die Nothilfe zu sehr auf Syrer:innen ausgerichtet sei und sie selbst außen vor lassen würde. Unsere Programme berücksichtigen aber stets auch die libanesische Gesellschaft. Es ist jedoch immer eine Herausforderung Fehlinformationen aus den Medien zu widerlegen.
Wie wirkt sich der Krieg auf die Arbeitsmigrant:innen und Geflüchteten im Libanon aus?
Die meisten Arbeitsmigrant:innen haben inzwischen ihre Stellen und ihre Wohnungen verloren, einige haben keinen Zugang zu Notunterkünften. Wir beobachten, wie Gemeinden die Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und nicht-libanesischen Menschen schüren. Sie verweigern ihnen Unterkünfte, zwingen sie von Ort zu Ort zu ziehen oder die Gemeinde ganz zu verlassen.
Viele Arbeitsmigrant:innen und syrische Geflüchtete wurden zwei- oder sogar dreimal vertrieben. Eine beträchtliche Anzahl von Syrer:innen ist inzwischen nach Syrien zurückgekehrt. Viele andere können jedoch nicht zurück. Die Hilfe für diese Bevölkerungsgruppen ist völlig unzureichend – sie werden aufs Neue traumatisiert.
Welche politischen Debatten finden statt?
Die Meinungen gehen weit auseinander. Ein kleiner Teil der Bevölkerung steht Israel wohlwollend, und den Vertriebenen kritisch gegenüber. Das liegt daran, dass Israel immer wieder sogenannte „sichere Städte“ ins Visier nimmt, in denen Vertriebene Zuflucht suchen. Sie verschärfen so die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen – insbesondere, um Vertriebene, Geflüchtete und Arbeitsmigrant:innen gegen die Libanes:innen auszuspielen.
Abgesehen davon gibt es gegensätzliche Meinungen darüber, wer für den Ausbruch dieses Krieges verantwortlich ist. Während Israel wahllos bombardiert, glaubt ein kleiner Teil der Libanes:innen noch immer, dass die Hisbollah die Schuld an dem Krieg trage. Die Vertriebenen machen jedoch Israel für ihre Vertreibung verantwortlich.
Wie wirkt sich all dies auf die Solidarität zwischen den Menschen aus?
Es gibt sehr viel gegenseitige Hilfe. Diese ist meist auf dem Graswurzel-Level organisiert und somit horizontal. Zum Beispiel rufen Bürger:innen und Menschen in der Diaspora Gemeinschaftsküchen und Hilfsfonds ins Leben. Gleichzeitig werden manche Gruppen mit Argwohn betrachtet, und es bestehen weiterhin Spannungen.
Wie können Menschen außerhalb des Libanon die vom Krieg Betroffenen am besten unterstützen?
Die Menschen können Libanes:innen, die sich für Nothilfe einsetzen, unterstützen und ihre Initiativen in den eigenen Netzwerken teilen. Auch Spendenveranstaltungen können helfen, egal ob klein oder groß.
Alle, die glauben, dass sie diese Situation nichts angeht, sollten dringend darüber nachdenken, wie ihre Regierungen beteiligt sind. Und sie sollten überlegen, was sie politisch dagegen tun können: Über welche Kanäle können sie mit Politiker:innen in Kontakt treten? Sie können zum Beispiel Briefe schreiben, Kampagnen starten oder Anrufe bei politischen Entscheidungsträger:innen tätigen.
Ich weiß, dass die deutsche Regierung nicht besonders mitfühlend [gegenüber den Menschen im Libanon und in der Region] ist. Die Menschen in Deutschland müssen jedoch verstehen: Ihre Regierung ist direkt mitschuldig an den andauernden Angriffen auf den Libanon, und die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Menschen haben die Macht, die Situation zu ändern. Sie sollten sie nutzen.




















