06.05.2026
Warum der Krieg gegen die Hisbollah den Libanon nicht rettet
Menschenmenge in Beirut während einer Rede von Hassan Nasrallah, dem inzwischen von Israel getöteten, ehemaligen Generalsekretär der Hisbollah, im November 2023. Foto: Hassan Ghaedi, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Menschenmenge in Beirut während einer Rede von Hassan Nasrallah, dem inzwischen von Israel getöteten, ehemaligen Generalsekretär der Hisbollah, im November 2023. Foto: Hassan Ghaedi, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Seit Oktober 2023 bombardiert Israel den Libanon und untermauert damit erneut die Legitimation der Hisbollah. Weder militärischer Druck noch Verhandlungen stabilisieren das Land. Die Wurzel der Krise liegt im konfessionellen System selbst.

Der Angriff der USA und Israels auf den Iran Ende Februar wirkte sich unweigerlich auf den Libanon aus: Nach 15 Monaten einseitiger Einhaltung des Waffenstillstands schoss die Hisbollah erstmals wieder Raketen auf Israel. Während diese vom israelischen Raketenabwehrsystem abgefangen, wurden ohne Opfer zu fordern, bombardiert Israel seitdem massiv den Süden des Landes und den Beiruter Vorort Dahija. Mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. Nach etwa fünf Wochen handelten Iran und die USA einen Waffenstillstand aus, der am 8. April in Kraft trat. Anstatt diesen jedoch auf den Libanon auszuweiten, führte die israelische Armee ihre Angriffe fort und flog innerhalb weniger Minuten rund 100 Luftangriffe. Dabei wurden über 300 Menschen getötet.

Erst nach diesem Massaker erklärte Israel seine Verhandlungsbereitschaft – mehr als einen Monat zu spät für den Libanon. Denn fünf Wochen Krieg haben die politische Lage im Land grundlegend verändert. Noch Anfang März hatte die libanesische Regierung die militärische Aktivität der Hisbollah verboten und Israel direkte Verhandlungen angeboten. Selbst der schiitische Minister der Partei Amal hatte diesen Schritt mitgetragen, da die Hisbollah ohne Absprache gehandelt hatte. Die Bereitschaft, gemeinsam gegen die Miliz vorzugehen, um einen neuen Krieg zu vermeiden, war eine einzigartige historische Chance.

Die anhaltenden israelischen Bombardements haben diesen Konsens zerstört. In der schiitischen Gemeinschaft im Libanon hat sich die Stimmung erneut zugunsten der Hisbollah und des iranischen Regimes gedreht, welches in den letzten Monaten des Krieges eine große Resilienz gezeigt hat. Als am zehnten April Vertreter:innen des Libanon und Israels erstmals direkt in Washington zusammentrafen, löste dies Proteste in Beirut aus: Hunderte demonstrierten mit den Flaggen von Hisbollah und Amal vor dem Amtssitz von Premierminister Nawaf Salam und bezeichneten ihn als Verräter und Zionisten. Beide Parteien lehnen direkte Verhandlungen ohne den breiten Konsens einer Mehrheit von Libanes:innen ab und verstehen diese als Kapitulation. Solch eine Einheit ist allerdings unrealistisch, da die Hisbollah in den letzten 20 Jahren mehrmals eigenmächtig gehandelt hat, wodurch sie die Bildung eines breiten Konsenses im Libanon regelmäßig erschwert hat.

Angst vor ethnischer Säuberung 

Währenddessen treiben die Drohungen israelischer Minister über territoriale Annexion und Zerstörung nach dem Gaza-Modell die schiitische Gemeinschaft weiter hinter die Hisbollah. Die Einrichtung der gelben Linie im Süden des Libanons und die weitere Zerstörung von Häusern in der “Pufferzone” – trotz des vermeintlichen Waffenstillstands – machen aus diesen Bedrohungen Realität. Den Menschen dort bleibt nichts anderes übrig als zu fliehen oder zu hoffen, dass die Gegenwehr der Hisbollah etwas gegen ihre Ohnmacht bewirken kann. 

In einem multikonfessionellen Land, in dem Identitäten in politischen Machtkämpfen immer wieder instrumentalisiert werden, lebt jede Gemeinschaft in ständiger Angst von der anderen. Die Hisbollah inszeniert sich seit den 1980er Jahren als Beschützerin für die historisch benachteiligte schiitische Bevölkerung in der Peripherie des Landes – ein Versprechen, nie wieder als Minderheit im Islam schutzlos dazustehen.

Zudem bewirkt jede gezielte Tötung weiterer schiitischer Führungsfiguren – wie die von Ali Khamenei und Hassan Nasrallah – eine Reproduktion des schiitischen Gründungsmythos des Karbala-Traumas. Die Schlacht von Karbala im Jahr 680, in der Imam Hussein, Enkel des Propheten Muhammad, von der Umayyaden-Armee getötet wurde, ist ein zentrales Narrativ im schiitischen Islam, in welches sich historische und aktuelle Erfahrungen von Unterdrückung und ethnischen Säuberungen in mehreren arabischen Ländern einreihen. In der Gegenwart verstärken sich solche Ängste bei Schiit:innen, da die libanesische Regierung ihnen keinen Schutz bieten kann.

Kein Vertrauen in die Regierung und die Armee

Der libanesische Staat ist durch das Versagen der politischen Elite, darunter auch die Hisbollah, seit 2019 fast zerfallen. Da der Staat seine Bürger:innen seit Ende des Bürgerkriegs 1990 noch immer nicht adäquat versorgen kann, sucht jede Bevölkerungsgruppe Unterstützung bei den jeweiligen konfessionellen Parteien im Land und bei Verbündeten in der Region. Dabei hat sich nicht nur die Hisbollah an den Iran gebunden. Christlichen Parteien im Libanon konnten historisch Frankreich an ihrer Seite wissen, während ein Teil von ihnen während des libanesischen Bürgerkriegs sogar Schutz bei Israel suchte.

Eine weitere Herausforderung für die libanesische Regierung ist das Dilemma der eigenen Armee, welche seit Jahren jede Konfrontation mit Israel oder der Hisbollah meidet. Ihre Führung weiß, dass ein solches Vorgehen einem institutionellen Selbstmord gleichkäme: Die Armee ist unterfinanziert, schlecht ausgerüstet, und rund rekrutiert sich zu 30 Prozent aus der schiitischen Gemeinschaft. Daher herrscht Sorge, dass ein Vorgehen gegen die Hisbollah die Armee entlang konfessioneller Linien spalten würde – so wie es bereits während des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 geschah.

Gewalt als politisches Mittel

Der libanesische Staat steht im Umgang mit der Hisbollah vor zahlreichen Herausforderungen. Während Hisbollah-Führungsfiguren der Regierung von Salam seit der neuen Eskalation einen Sturz der Regierung nach Kriegsende androht, kündigt auch der iranische  Premierminister Salam Konsequenzen an, sollte die libanesische Regierung Verhandlungen mit Israel aufnehmen. Das weckt Erinnerungen an Szenarien wie im Jahr 2005, als die politischen Figuren, die gegen die Hisbollah und ihre damaligen Unterstützer des syrischen Assad-Regimes kämpften, gezielten Attentaten zum Opfer fielen.

Der Verdacht dabei fiel stets auf die Hisbollah – die als einzige Akteurin im Libanon, über einen so umfassenden Sicherheits- und Militärapparat verfügt, der zu einer solchen Attentatsserie fähig wäre. Ermittlungen verliefen jedes Mal im Sand: Vom Mord an Premierminister Rafik Hariri im Jahr 2005 bis hin zur Tötung des schiitischen Aktivisten Lokman Slim im Jahr 2021. Kein Verantwortlicher wurde je zur Rechenschaft gezogen, obwohl ein Sondertribunal der Vereinten Nationen zwei Hisbollah-Mitglieder im Fall Hariri angeklagt hatte. Dasselbe Muster zeigte sich nach der Hafenexplosion in Beirut, als die Hisbollah den zuständigen Richter bedrohte und dadurch die Untersuchung blockierte.

Der andauernde Krieg dürfte diese Kultur der Straflosigkeit weiter verstärken. Gleichzeitig führt Israel seit 2023 Attentate auf Führungsfiguren der Hisbollah durch, setzt völkerrechtlich verbotene Phosphorbomben ein, greift UN-Blauhelmsoldaten, Rettungskräfte, Journalist:innen sowie zivile Infrastruktur an und zerstört ganze Dörfer – alles ohne Konsequenzen.

Die finanzielle und humanitäre Lage entscheidet

Die Legitimität der Hisbollah in der schiitischen Gemeinschaft gründet sich jedoch nicht nur auf deren Ideologie, sondern auch auf konkreten wirtschaftlichen Vorteilen für die Bevölkerung. Seit 40 Jahren kompensiert die Partei durch den Aufbau von Schulen, Banken und Wohlfahrtsorganisationen die Schwäche des Staates. Gleichzeitig reichen ihre illegalen Aktivitäten bis nach Europa und bilden dabei – von Geldwäsche bis zu Captagon-Handel –kriminelle transnationale Wirtschaftsnetzwerke.

Die Hisbollah war nach jedem Krieg im Libanon stets aktiv am Wiederaufbau beteiligt: Als die Finanzkrise 2019 das Land weiter in die Armut stürzte, ersetzte die Hisbollah das kollabierte Bankensystem und band ihre Wähler:innenschaft durch soziale Hilfen an sich. Der Staat kann im Vergleich dazu heute nicht einmal die Kriegsvertriebenen versorgen und versinkt seit Ende des Bürgerkriegs zunehmend in Korruption.

Eine Lösung bleibt utopisch

Mit dem aktuellen israelischen Plan, die Hisbollah militärisch zu besiegen, sind die Chancen auf eine akzeptable Lösung für alle Konfessionen im Libanon gering. Sollte die libanesische Regierung direkte Verhandlungen mit Israel ohne die Zustimmung der schiitischen Gemeinschaft führen, droht ein ähnliches Szenario wie beim Abkommen von 1983. Damals schloss der Libanon mitten im Bürgerkrieg eine Vereinbarung mit Israel über eine Pufferzone im Süden — und annullierte sie wenige Monate später unter syrischem Druck, was die israelische Besatzung des Südlibanons bis zum Jahr 2000 zur Folge hatte.

Gleichzeitig kann der Libanon die humanitäre Katastrophe ohne Verhandlungen nicht mehr lange stemmen. Ein möglicher Ausweg aus dem Teufelskreis, in dem sich das Land seit 1975 befindet, liegt in der Abschaffung des konfessionellen Systems. Sie könnte den Schiit:innen eine politische Kompensation für den Verlust ihrer militärischen Stärke bieten. Obwohl eine solche Reform seit 1990 vorgesehen ist, wird sie jedoch vor allem von den christlichen Parteien blockiert, weil diese befürchten, ihre politischen Privilegien zu verlieren.

Die Abschaffung des politischen Konfessionalismus wird daher nur gelingen, wenn der Staat seiner Bevölkerung politische und soziale Sicherheit bieten kann und damit das Misstrauen zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften überwindet. Dafür müssten sowohl die staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik und Justiz als auch die libanesische Armee gestärkt werden, um die öffentliche Sicherheit zu garantieren und das Vertrauen zwischen den religiösen Gruppen zu fördern. Eine optimale Lösung liegt letztlich nur in einem Friedensprozess für die gesamte Region, in dem Israel das Recht der Palästinenser:innen auf einen eigenen Staat anerkennt und somit jegliche Form von Widerstand überflüssig macht. Die aktuelle Lage bietet dafür jedoch kaum Grund zur Hoffnung.

 

 

 

Silvana El Sayegh ist freie Journalistin mit Schwerpunkt auf Migration und politischen Entwicklungen im WANA-Raum, insbesondere im Libanon. Sie verfügt über einen Masterabschluss in Friedensforschung und internationaler Politik.
Redigiert von Martje Abelmann, Alexander Waiblinger