Libanon ist von Krieg gebeutelt. Trotz formaler Waffenruhe bombardierte Israel das Land regelmäßig. Warum feuerte die Hisbollah gerade jetzt Raketen auf seinen Nachbarn und provoziert damit einen erneuten Krieg?
Der Krieg kam mit einem dumpfen Knall in Beirut an. In der Nacht von Sonntag auf Montag, den 2. März, riss gegen 2:40 Uhr eine Serie von israelischen Luftangriffen halb Beirut aus dem Schlaf. Der Krieg hatte bereits einige Stunden früher begonnen, als die schiitische Miliz mehrere Raketen und Drohnen in Richtung Israel schickte. Die meisten wurden von der israelischen Luftabwehr abgefangen, einige Raketen schlugen auf freiem Feld ein. Zu Schaden kam niemand.
Die Reaktion Israels war absehbar: In den Tagen zuvor hatte die israelische Armee Truppen auf eine Invasion des Südlibanon vorbereitet und mit massiven Gegenschlägen gedroht, sollte die Hisbollah in den von Israel und den USA geführten Krieg gegen Iran eingreifen. Dass die Hisbollah das tun würde, hielten wohl die meisten Libanes:innen für unwahrscheinlich. Sie ist seit dem Krieg 2024 sehr geschwächt. Ihre gesamte Führungsriege und schätzungsweise 5.000 Kämpfer wurden getötet, Waffendepots und militärische Infrastruktur zerstört. Außerdem begann die libanesische Regierung unter Ministerpräsident Nawaf Salam im Jahr 2025 mit der Entwaffnung der Miliz, um die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens mit Israel vom 27. November 2024 zu erfüllen.
Eine rote Linie
Die Aussage eines Hisbollah-Funktionärs wenige Tage vor Beginn des Krieges gegen den Iran schien diese Vermutungen zu bestätigen: Die Hisbollah-Führung werde eine erneute Eskalation des Konflikts vermeiden. Angriffe auf das iranische Staatsoberhaupt Ali Khamenei würden hingegen eine „rote Linie“ darstellen. So zitierten am 25. Februar mehrere internationale Zeitungen eine Meldung der Nachrichtenagentur AFP.
Drei Tage später, am 28. Februar, wurde Chamenei in seiner Teheraner Residenz zusammen mit 40 anderen Mitgliedern des Regimes und Dutzenden Familienangehörigen getötet. Die „rote Linie“ war damit weit überschritten. In ihren öffentlichen Stellungnahmen begründete die Hisbollah ihre Angriffe mit der Vergeltung der Ermordung des iranischen Führers. Außerdem handle es sich um Selbstverteidigung gegen die 15 Monate lang andauernden Angriffe auf den Libanon durch die israelische Armee trotz offizieller Waffenruhe.
Vergeltung als Kriegsziel?
Vergeltungsschläge, die keinen nennenswerten Schaden anrichteten, jedoch berechenbar einen Krieg auslösten? Die Erklärung ist wenig zufriedenstellend. Auch Selbstverteidigung ist als Motiv wenig überzeugend, da der Krieg der Hisbollah mehr Schaden als Nutzen bringt. Die israelischen Angriffe zerstören gezielt Waffenlager, und -fertigungsanlagen, Raketenabschussbasen, Kommandozentralen, den parteieigene Fernsehsender al-Manar und Filialen des islamischen Finanzinstituts der Hisbollah, al-Qard al-Hasan. Außerdem wurden ranghohe Parteifunktionäre getötet, darunter der Geheimdienstchef Hussein Makled.
In Anbetracht dieser Verluste hält Hazem Saghieh, libanesischer Journalist und Autor mehrerer Sachbücher, die Intervention der Hisbollah für eine selbstmörderische Aktion. Er glaube nicht, dass sie eine Strategie verfolge. Sie würde sehenden Auges in den Abgrund laufen und dabei noch versuchen, möglichst viele mit sich zu reißen.
Die Entscheidung, in den Krieg einzutreten, sei höchstwahrscheinlich in Teheran getroffen worden oder von Iraner:innen im Libanon, meint Chaza Charafeddine, Autorin und Künstlerin aus einer schiitischen Familie aus dem Südlibanon. Denen ginge es nicht um das Schicksal der Libanesen, sondern nur um das Überleben des iranischen Regimes.
Doch dem Regime in Iran nützen die nahezu wirkungslosen Angriffe der Hisbollah gegen Israel kaum. Dürfte Teheran nicht eher am Überleben der Hisbollah gelegen sein und eine stärkere Dezimierung der Miliz vermeiden wollen?
Aufrüstung im Schatten der Waffenruhe
Die Hisbollah schien trotz der herben Verluste, die sie im Krieg 2024 einfuhr, auf ihr Überleben als bewaffnete Miliz gesetzt und einen erneuten Krieg mit Israel für unabwendbar gehalten zu haben. Das geht aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom 6. März hervor. Der Bericht stützt sich auf Aussagen von drei libanesischen und zwei ausländischen Quellen sowie einem israelischen Offizier.
Unabhängig voneinander bestätigten sie, dass die Hisbollah sich in den vergangenen Monaten auf einen neuen Krieg vorbereitet habe. Etwa 50 Millionen US-Dollar pro Monat habe sie für die Aufrüstung verwendet, um Waffen zu kaufen und Drohnen und Raketen im Land selbst herzustellen. Die Gelder kämen größtenteils aus Iran.
Das Kalkül der Hisbollah
Diese zuvor nicht bekannten Details geben Hinweise auf die Frage, warum die Hisbollah am 2. März die Eskalation des Konflikts provozierte. Der Grund dafür wird der Krieg in Iran gewesen sein, doch nicht im Sinne bloßer Vergeltung für die Angriffe auf den Verbündeten, noch des blinden Ausführens von Befehlen aus Teheran. Wenn die Hisbollah einen erneuten Krieg für unvermeidbar hielt, wollte sie offenbar den Zeitpunkt nicht weiter hinauszögern.
Das Kalkül dahinter wird gewesen sein, lieber Israel von zwei Fronten gleichzeitig anzugreifen, als die Schwächung oder gar den Sturz des Regimes in Teheran abzuwarten und dann alleine gegen die übermächtige israelische Armee kämpfen zu müssen. Auch die fortwährenden Luftangriffe gegen Ziele der Hisbollah in den vergangenen Monaten, zeitgleich mit der Vernichtung ihrer Waffendepots durch die libanesische Armee, müssen einen baldigen Kriegseintritt vorteilhaft erscheinen lassen haben. Nach dem Motto: besser eingreifen, so lange es noch möglich ist, als der Tötung ihrer Führer und der Vernichtung militärischer Infrastruktur tatenlos zuzusehen.
Alles auf Konfrontation gesetzt
Diese Überlegungen setzen voraus – und der Reuters-Bericht bestätigt dies –, dass die Hisbollah an ihrer Existenz als bewaffneter Miliz festhielt und die Transformation zu einer regulären Partei ohne Armee ablehnte. Das ist wenig überraschend, da sie seit ihrer Gründung während des libanesischen Bürgerkriegs ihre Existenzberechtigung aus dem bewaffneten Kampf gegen Israel zog, auch noch nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Jahr 2000.
Es ist naheliegend, Israel für die Unverhältnismäßigkeit der Antwort auf einige zwecklose Raketen der Hisbollah zu verdammen. Doch in der Sprache der Gewalt, die beide Kriegsparteien beherrschen, hat Israel der Hisbollah im Krieg 2024 verdeutlicht, welches Schicksal ihr droht, wenn sie ihre Waffen nicht aufgibt, und ihr per Waffenstillstandsabkommen die Möglichkeit des Fortbestands ohne Armee eingeräumt.
Mit der Ablehnung der Entwaffnung, ihrer Wiederaufrüstung und gezielten Provokation eines neuen Krieges hat die Hisbollah diesem Angebot eine Absage erteilt. Sie hat bereits vor dem 2. März alles auf die Karte der bewaffneten Konfrontation gesetzt, möglicherweise in der Annahme, den Weg einer regulären Partei später immer noch gehen zu können.
Auswirkungen des Kriegs auf die Bevölkerung
Den Preis für dieses Kalkül zahlen alle Libanes:innen, vor allem aber die Schiiten des Südlibanon, aus den südlichen Vororten Beiruts und der Bekaa-Ebene, in deren Interesse die Hisbollah vornehmlich zu handeln vorgibt. Sie sind es, die den Großteil der Vertriebenen ausmachen.
Während die israelischen Luftangriffe zunahmen und Bodentruppen in den Südlibanon eindrangen, erfolgten bis zum 12. März Evakuierungswarnungen für insgesamt ca. 14 Prozent der Landesfläche des Libanon. Einwohner:innen des Südlibanon verließen daraufhin panikhaft ihre Dörfer und Städte. Auch die schätzungsweise 500.000 Bewohner der südlichen Vororte Beiruts (Dahiye), forderte die israelische Armee zum sofortigen Verlassen ihrer Wohnviertel auf. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich verkündete am 5. März, bald würde die Beiruter Dahiye „aussehen wie Khan Younis“ – einer Stadt im südlichen Gaza, die von der israelischen Armee nahezu dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Massive Binnenvertreibung und humanitäre Krise
Da im Libanon nicht genügend Notunterkünfte bereitgestellt werden konnten, übernachteten Familien mit Kindern in Autos, auf Matratzen oder in Zelten am Straßenrand. In den von Vertreibung betroffenen Gebieten wohnen längst nicht nur Schiit:innen, erst recht nicht ausschließlich Hisbollah-Mitglieder. Und angegriffen werden auch Ziele außerhalb der Hisbollah-Gebiete.
Bis Mittwoch, den 18. März, stieg die Zahl der internen Vertriebenen auf über eine Million. Die Zahl der Todesopfer in den ersten 15 Kriegstagen belief sich Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums zufolge auf 912, die Zahl der Verwundeten auf 2221. In den ersten zwei Wochen des Krieges wurden 111 Kinder, 67 Frauen und 38 Rettungshelfer:innen getötet.
Um unter Beweis zu stellen, dass ihre Bewaffnung notwendig für den Schutz des Libanon vor dem feindlichen Nachbarland ist, provozierte die Hisbollah mehrere Kriege – erstmals im Jahr 2006, dann 2023–24 und nun erneut. Viele Libanes:innen sind kriegsmüde und sehen, dass die Hisbollah selbst die größte Gefahr für das Land darstellt. Den Krieg heißen nur die allerwenigsten gut. Das Leid der Menschen um sie herum und die Sorge um die eigene Sicherheit und die von Verwandten und Freunden überwiegen.





















