18.03.2026
Proteste gegen das Regime in Iran – ein persönliches Logbuch
Die Proteste in Iran werden gewaltsam niedergeschlagen. Foto: Teheran, 09. Januar 2026, VahidOnline.
Die Proteste in Iran werden gewaltsam niedergeschlagen. Foto: Teheran, 09. Januar 2026, VahidOnline.

Während der Krieg gegen Iran seit mehr als zwei Wochen tobt, sitzt vielen Iraner:innen die Gewalt des Mullah-Regimes noch tief in den Knochen. Unsere Autorin versucht ihr Erlebtes in Worte zu fassen.

[Contentwarnung: Dieser Artikel thematisiert Gewalt und Tod.] 

Mittwoch, 31.12.2025 bis Samstag, 03.01.2026

Am Mittwoch bin ich nach Teheran, Iran geflogen. 

Donnerstag und Freitag ist in Iran Wochenende. Samstag war Vatertag und offizieller Feiertag wegen des Geburtstags von Imam Ali. Ich hatte ein wunderschönes Wochenende mit meiner Familie. Ich wusste nicht, dass dies unsere letzten schönen Tage sein würden. 

Sonntag, 04.01.2026

Heute gab es um den Großen Basar in Teheran friedliche Demonstrationen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage. Gegen die iranische Regierung wurden im letzten Jahr Sanktionen verhängt. Die iranische Währung verlor kontinuierlich an Wert.

Montag, 05.01.2026

Die Demonstrationen am Großen Basar wurden größer; mehr Leute gingen auf die Straßen. Die Polizei schoss auf Demonstrant:innen, mit Tränengas und Schrotflinten. Meine Freundin und ihr Bruder waren zufällig am Basar. Sie gehörten nicht zu den Demonstrierenden. Doch die Schüsse trafen auch ihren Bruder, er wurde am Bein verletzt. Ein Schmuckladen öffnete heimlich die Tür. Sie drängten mit mehr als 30 Personen in den Laden, um sich dort zu verstecken. 

Donnerstag, 08.01.2026 und Freitag, 09.01.2026

In Iran haben alle Satellitenfernsehen mit Sendern, die unabhängig von den iranischen Staatsmedien sind. Dort sahen wir Reza Pahlavi, der uns dazu aufrief, auf die Straße zu gehen, um unsere Unzufriedenheit zu zeigen. Über WhatsApp-Gruppen wurden Nachrichten verbreitet, dass ältere Menschen und diejenigen, die Angst haben, ab 18 Uhr zuhause bleiben sollen. Alle haben sich vorbereitet, zu den Demos zu gehen, auch meine Freundinnen und ihre Kinder. Auch in kleinen Städten und Dörfern haben Menschen demonstriert. Ab 20 Uhr begannen die Demonstrationen. Sie endeten gegen Mitternacht.

Am Donnerstag habe ich von Qatar Aiways eine Nachricht erhalten, dass mein Rückflug storniert wurde. Danach hatte ich keinen Zugang mehr zum Internet. Die Regierung schaltete das Internet vollständig ab; selbst Banken hatten keinen Zugriff mehr. Ich musste einen Weg finden, um einen Rückflug zu buchen, deshalb rief ich eine Freundin an, die ein Reisebüro betreibt. Aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Das Land war weitgehend lahmgelegt. Ab 20 Uhr wurden auch SIM-Karten gesperrt, sodass wir niemanden mehr telefonisch erreichen konnten. Wir konnten nur über Satelliten- und Auslandsnachrichten erfahren, was passiert.

Viele der Demonstrierenden waren Jugendliche und junge Erwachsene. Der oberste Führer Chamenei befahl, mit aller Härte gegen die Demonstrierenden vorzugehen. Die Polizei tötete über diese zwei Nächte mehrere Tausend Menschen.

Meine Eltern und meine Freundinnen sagten, ich soll auf keinen Fall zu den Demonstrationen gehen. Ich habe die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. Meine Freundinnen sagten, wenn ich verhaftet werde, werde ich mit meinem deutschen Pass von der Regierung benutzt, um Deutschland zu erpressen. Viele meiner Freundinnen nahmen teil. Am Donnerstag und Freitag wurde von 20:00 bis 02:00 Uhr auf die Demonstrierenden mit Tränengas, Schrotflinten und scharfer Munition geschossen. Einige hatten Glück und konnten fliehen; viele wurden getötet.

Samstag, 10.01.2026

Eltern und Verwandte mussten ihre Kinder suchen; niemand wusste, ob sie verhaftet, verletzt oder getötet waren. Die Polizei tötete sogar Verletzte in Krankenhäusern. Ärzte sowie Schwestern wurden verhaftet. Eltern und Familien der Getöteten mussten für die Herausgabe der Leichname umgerechnet etwa 5.000 Euro zahlen oder unterschreiben, dass die Getöteten als Märtyrer:in für Iran und die Regierung gestorben sind.

Meine Freundin, die ein Reisebüro hat, konnte schließlich einen Flug nach Istanbul für mich buchen. Sie bezahlte ihn für mich, weil ich kein iranisches Geld hatte. Ich gab ihr Euro.

Montag, 12.01.2026

Nach einer Woche konnte ich endlich meine Kinder für eine Minute über das Festnetz kontaktieren. Sie waren krank vor Sorge. Ich informierte auch kurz meinen Chef. Ich sagte, dass ich gesund bin und hoffentlich bald das Land verlassen würde. Alle waren besorgt.

Freitag, 16.01.2026

Am Flughafen musste ich alle meine Videos und Fotos löschen, da es sein konnte, dass man mich untersucht. Das konnte ich nicht riskieren.

Als ich schließlich in Istanbul landete, hatte ich endlich Internetzugang und konnte meine Kinder informieren. Dort buchte ich online den nächsten Flug weiter nach Deutschland. Ich erhielt tausende Nachrichten; alle waren besorgt um mich. Gleichzeitig schämte ich mich, meine Familie und Freunde so verlassen zu müssen.

Freitag, 13.02.2026

Es ist furchtbar. In jeder Familie ist jemand getötet worden. Das ganze Land ist in Trauer. Wir werden keine Ruhe finden, bis diese Regierung wechselt. Wir, die gegen die Mullah-Regierung sind, wir wollen keine Monarchie und keine Diktatur, sondern Demokratie.

Ich hatte keinen Kontakt zu meinen Eltern und konnte erst letzte Woche wieder mit ihnen telefonieren. Mir wird schlecht, wenn ich darüber spreche. Mir steigt Wut hoch. Ich bin abwechselnd wütend oder depressiv. Jeden Tag sehe ich Beerdigungen oder höre, wer wieder getötet wurde. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. 

Samstag, 14.03.2026

Das letzte Mal habe ich mit meinen Eltern am 08. Februar telefoniert.

Eine Freundin von mir kann Starlink nutzen, um mit Menschen in Iran Kontakt aufzunehmen. Sie kann unsere Freundinnengruppe wenigstens auf WhatsApp informieren, wie es unseren Familien geht, manchmal sogar Sprachnachrichten schicken. 

Sie tröstet uns und sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen. Unseren Familien würde es gut gehen. Sie schreibt uns jeden Tag, wo gerade Angriffe stattfinden. Jeden Tag steht sie früh auf und ruft unsere Familien an. Sie ist unsere einzige Verbindung.

In den staatlichen iranischen Fernsehsendern sehen wir, dass das Vermögen und die Häuser der Familien der getöteten Demonstrierenden beschlagnahmt werden. Wenn sie nicht alles verlieren möchten, müssen sie unterschreiben, dass sie keinen Kontakt zu den getöteten Angehörigen hatten.

Auch Iraner:innen in Deutschland fühlen sich bedroht. Iranische Fachkräfte, die zum Arbeiten hierhergekommen sind, posten nichts mehr. Denn wenn sie ihre Arbeit verlieren, müssten sie zurück nach Iran. Diejenigen, die auf sozialen Medien die Proteste unterstützt haben, wurden zu Staatsfeinden erklärt. Auch ich bin ein Staatsfeind, weil ich viel gepostet habe.

Mittlerweile gibt es keine Flüge mehr. Der Flughafen Teheran-Imam Chomeini ist geschlossen. Die Menschen können nur mit dem Auto über die türkische Grenze rauskommen. Die Stadt, in der meine Eltern und meine Brüder sind, wurde bombardiert. Ich spüre, dass meine Freundin, die uns Nachrichten schickt, Angst hat. Ich habe das Gefühl, dass sie uns nicht die Wahrheit sagt. An manchen Tagen kann man aus Iran mit dem Handy für eine Minute ins Ausland telefonieren. Aber mein jüngerer Bruder meldet sich nicht.
 
Ich versuche optimistisch zu bleiben. Ich arbeite viel und beschäftige mich ständig mit irgendetwas. Ich lasse durch Sport meine Wut raus. Am Morgen weine ich viel, dann gehe ich zur Arbeit.

Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Wenn wir sie dieses Mal verlieren, werden wir alles verlieren.

 

 

 

Redigiert von Nora Theisinger, Alexander Waiblinger, Yeşim Buldun