Auch deutsche Rucksacktourist:innen reisen gern nach WANA. Ihre größte Angst? Einen Cent zu viel zu zahlen. Warum?
Hiesige WANA-Reisende haben sicherlich auch in diesem Jahr beim Weihnachtsfestmahl bewundernde Blicke der Tante dritten Grades für ihren „Mut“ erhalten, „in so ein Land zu reisen. Das würde ich mich ja nicht trauen.“ Was Tante Ingrid nicht weiß: Tapfere WANA-Reisende begleitet eine hartnäckige Angst – die Angst vor Abzocke.
In der Tat wiegt diese Furcht schwer im handelsüblichen 24 Liter Deuter-Rucksack. Egal wo in WANA, ob in Umm al-Dunya (affektive Bezeichnung für Ägypten als Mutter der Welt), im jordanischen Petra oder im südlibanesischen Sidon, immer wieder stelle ich verwundert fest, dass mein Gegenüber sich davor fürchtet, „abgezockt“ zu werden.
Tapfere Reisende, ängstlich beim Bezahlen
Glaubt man diesen Gegenübern, nennen wir sie einfach mal Lukas und Anne, lauert die Abzocke in WANA an jeder Straßenecke. Man werde hier als Touri einfach ständig über den Tisch gezogen, teilt mir Lukas mit fachmännischer Miene in einem überfüllten Kaffeehaus in Kairo mit. Erst gestern habe ein ägyptischer Taxifahrer versucht 50 Cent mehr für die 20-minütige Taxifahrt in das gehobene Kairoer Stadtviertel Zamalek aus ihm herauszupressen: „Da hat der Gute die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht“, brüllt mir Lukas mit einem Hauch von Stolz entgegen, „in der Uber-App hatte ich vorher natürlich abgecheckt, dass die Fahrt 2,50 Euro und nicht 3 Euro kosten würde.“
Hilfesuchend schaue ich Anne an, aber die nickt nur eifrig, befeuchtet kurz ihre Lippen und setzt an: „Ja, das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Ich komme gerade aus Jordanien und in Petra wollten mir so kleine Kids Postkarten für einen Euro verkaufen. Ich wollte mich aber nicht verarschen lassen. Irgendwann hat einer der Jungen nach Wasser gefragt und da ich ihm kein Geld geben wollte, aber er doch etwas dünn aussah, habe ich ihm dann eine Flasche geschenkt. Ich hatte dann selbst nur noch eine.“
Ich überlege, ob Anne wohl Lob von mir für ihre aufopfernde Geste erwartet. Immerhin hat sie in einer der trockensten Regionen der Welt einem kleinen Jungen lebensspendendes Wasser gereicht. Aus Angst davor, von den unzähligen Wasser-, Tee-, Saft- und Kaffeeverkäufer:innen in Petra „abgezockt zu werden“, hat sie sich ganz held:innenhaft den Kauf jeglicher Flüssigkeiten versagt und dehydrierte in den nächsten Stunden im Bus lieber vor sich hin – so geht die Geschichte von Anne nämlich weiter.
Habe den Mut, geizig zu sein
Ich bin mir sicher, dass jede:r WANA-Reisende sich beim Lesen dieses Textes ertappt fühlt oder zumindest selbst schon einmal Lukas und Anne begegnet ist. Aber warum ist das so verbreitet? Und warum hört man eher wenig von der Abzockangst von Tourist:innen in den USA oder Neuschwanstein? An solchen Orten gilt der hohe Preis als Begleiterscheinung touristischer Infrastruktur oder sogar als Qualitätsmerkmal. Auf Reisen in WANA scheint dagegen implizit der kategorische Imperativ „parcus esse aude“ (dt.: habe den Mut, geizig zu sein) zu gelten.
Wobei ich anmerken muss, dass dieser Leitsatz nicht auf alle Aktivitäten im WANA-Urlaub angewendet wird: Lukas und Anne sind nämlich durchaus bereit, sich im hippen Kairoer Viertel Maadi einen Iced Matcha Mango Latte für knapp 10 Euro zu „gönnen“. Und auch angesichts der Eintrittspreise für die Wunder der alten Welt scheint Lukas und Anne wieder der bildungsbürgerliche Habitus zu überkommen: „Nee, also die Pyramiden gehören ja zu einer echten Ägyptenreise einfach dazu. Aber, unter uns gesagt, dass die Straßen rund um die Pyramiden so dreckig sind und so viele Straßenhändler:innen einem überteuerte Souvenirs andrehen wollen, da müsste das Tourismusministerium eigentlich mal ran“, parliert Lukas und nippt an seinem Shay Koshary bil Na'na, dem aufgegossenen schwarzen Tee mit frischer Minze. Die Wunder der alten Welt scheinen den gleichen Status zu haben wie ein Iced Matcha Mango Latte: Preis eigentlich egal.
Reale Bewohner:innen stören die museale Kulisse
Am tatsächlichen Preis oder an Geldmangel scheint es also nicht zu liegen. Woher kommt dann diese Angst davor, abgezockt zu werden? Reisende in WANA werden ja nicht wirklich systematisch abgezockt. Die Angst vor der Abzocke ist weniger Erfahrungswert als Grundannahme, weniger Ergebnis realer Begegnungen als mitgebrachter Deutungsrahmen. Noch bevor der erste Preis genannt, die erste Postkarte angeboten oder der erste Taximeterstand diskutiert wird, ist das Gefühl schon da: Hier will mir jemand etwas wegnehmen.
Diese Erwartungshaltung fällt nicht vom Himmel. Sie basiert auf medialen Bildern, geprägt von Lawrence of Arabia oder Agatha Christie, orientalisierten Hollywood-Bildern und kolonialen Erzählungen. Sie ist Ausdruck einer touristischen Praxis, die Orte in WANA primär als Kulissen versteht – als Freilichtmuseen, die von der vergangenen Größe untergegangener Zivilisationen zeugen. Die Anziehungskraft der Region speist sich stark aus ihrer Vergangenheit, aus Pharaon:innen, Nabatäer:innen, Kalifen.
Die heutigen Bewohner:innen dagegen werden oft eher als Störfaktor, denn als integraler Bestandteil dieser Orte wahrgenommen. Viele suchen nicht das heutige Giza oder das lebendige Petra, sondern eine museale Kulisse, in der sich die eigene Fantasie ungestört entfalten kann. Darin sollen die „echten“ Menschen der Gegenwart maximal Statist:innenrollen einnehmen: freundlich, farbenfroh und stets lächelnd sollen sie gefälligst sein, vor allem, wenn man sie in zwei Brocken schlechtem Arabisch adressiert. Was sie auf keinen Fall tun sollen: an ökonomische Realitäten erinnern. Taxifahrer:innen und Souvenirverkäufer:innen, die ihren Lebensunterhalt unter widrigsten Umständen bestreiten müssen, die Preise und Armut irritieren die Tourist:innen und passen nicht in ihre inszenierte Traumlandschaft.
Der Unterschied liegt nicht im Preis
Den Alltagshandlungen der Menschen vor Ort wird von Reisenden weniger Legitimität zugesprochen als vergleichbaren Interaktionen im globalen Norden. Dort sind Verkäufer:innen, Fahrer:innen oder Tourguides ganz selbstverständlich Akteur:innen mit Bedürfnissen, Kosten und Familien. In WANA hingegen erscheinen diese Menschen vielen Tourist:innen als Teil eines diffusen Hintergrunds, ihre Handlungen werden ständig infrage gestellt. Und mal ehrlich: Wir wissen alle, dass Lukas und Anne im nächsten Monat nicht nur von Pasta und Pesto leben müssen, wenn sie hier und da 50 Cent „zu viel“ zahlen. Dieselben Reisenden, die ohne zu zögern hohe Preise für einen Iced Matcha Mango Latte in einem angesagten Kairoer Viertel zahlen, feilschen aggressiv um ein paar Cent, wenn es um Taxifahrer:innen oder Marktverkäufer:innen geht.
Der Unterschied liegt nicht im Preis, sondern in der Zuschreibung von Wert und Menschlichkeit. In hippen Konsumräumen werden hohe Preise auch in WANA als legitim akzeptiert, weil sie als Teil einer vertrauten, globalisierten Mittelschichtkultur gelesen werden – dort erscheinen die Betreiber:innen als Unternehmer:innen wie „wir“. Händler:innen auf der Straße, Fahrer:innen oder Guides hingegen werden als Teil einer anonymen Masse wahrgenommen, deren Arbeit billig zu sein hat.
Doppelte Entmenschlichung
Diese Entmenschlichung überlagert sich erschreckenderweise mit der Entmenschlichung der lokalen Bevölkerung durch die Machthaber:innen vor Ort. In der Tat werden in WANA Menschen abgezockt – nur sind es in den seltensten Fällen die Tourist:innen. Abgezockt werden vielmehr die Bewohner:innen selbst.
Sie leben unter politischen Regimen, die sie systematisch enteignen, entrechten und wirtschaftlich ausbluten lassen. Diese Lebensrealitäten von Menschen in WANA werden von Tourist:innen meist völlig ignoriert; die Folgen, wie sichtbare Armut oder Dreck, nur als Störfaktor empfunden. Millionenschwere Einnahmen aus dem Tourismus kommen bei den Menschen vor Ort nie an. Sie fließen in die Taschen korrupter Eliten. Auch diese sehen die Bevölkerung als austauschbare Ressource an – als Statist:innen, die man ausbeuten, kontrollieren und unterdrücken muss und die nicht in das „fortschrittliche“ Bild passen, das man auf der internationalen Bühne und für westliche Geldgeber:innen präsentieren möchte.



















