06.02.2026
Drei Jahre nach Erdbeben – Antakya immer noch ein Katastrophengebiet
Historische Lauftour durch Antakya, Foto: Salih Kerimoğlu, 5.10.2025
Historische Lauftour durch Antakya, Foto: Salih Kerimoğlu, 5.10.2025

Am 6. Februar 2023 haben Erdbeben den Südosten der Türkei und Nordsyrien erschüttert. Noch heute leidet die türkische Stadt Antakya darunter. Wie ist die Situation vor Ort? Eine Bestandsaufnahme.

Dieser Text ist im Original auf Türkisch am 23. Oktober 2025 bei Fayn erschienen. Dis:orient veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin eine übersetzte, gekürzte und aktualisierte Version.

Die Stadt Antakya im Südosten der Türkei ist ein dauerhaftes Katastrophengebiet. Unsicherheit und Chaos, illegale und planlose Bautätigkeit, tägliche Zerstörung natürlicher Lebensräume und mangelnde Kontrollen: Antakya verfällt jeden Tag etwas mehr, wird müder, aber auch hartnäckiger und widerstandsfähiger.

Am 6. Februar 2023 trafen zwei Erdbeben der Stärke 7,7 und 7,6 den Südosten der Türkei und Nordsyrien. Mehr als 57.000 Menschen starben, über 120.000 wurden verletzt. Besonders schwer betroffen war die Provinz Hatay mit ihrer Hauptstadt Antakya. Dort wurden Tausende Gebäude vollständig zerstört, unbewohnbar oder mussten abgerissen werden.

Strom, Staub, Wasser

In Hatay leben heute noch etwa 218.000 Menschen in über 200 Containersiedlungen. Der Großteil der Container befindet sich in Antakya und Umgebung. Der Rest der Bevölkerung lebt weiterhin in leicht beschädigten Häusern oder in den völlig unzureichenden Notunterkünften, die nach dem Erdbeben errichtet wurden.

Jeden Tag fällt der Strom aus, manchmal für Stunden, manchmal für Tage. Das bedeutet, dass es kein warmes Wasser, keine warmen Mahlzeiten, keine Heizung, kein Licht in der Nacht und keine Möglichkeit zum Lernen gibt. Da die Container weder temperatur- noch schallisoliert sind, verschärfen sich die Probleme zusätzlich. Auch in den Arbeitsbereichen verursachen die Stromausfälle Probleme: technische Geräte fallen ständig aus und viele Betriebe müssen ohne Strom ihre Tätigkeit einstellen.

Während die Menschen versuchen, auf diese Weise ihr Leben in Antakya fortzusetzen, sind die vielen Betonwerke der Stadt Tag und Nacht hell erleuchtet. Die ununterbrochene Produktion von Steinen und Beton verursacht Lärm, Staub und Umweltverschmutzung, was die Stadt unbewohnbar macht. Von den Ladeflächen der Muldenkipper, die aus den Betonwerken kommen, fallen Zement und Steine auf die Straßen der Stadt. Außerdem verursachen die Fahrzeuge, die oft mit hoher Geschwindigkeit fahren, viele Unfälle.

Unterdessen bleiben Trink- und Brauchwasser seit dem Erdbeben das größte Problem. Sauberes Wasser ist in Antakya mittlerweile mehr als ein Luxus. Andererseits führt der geringste Regenfall schnell zu großen Überschwemmungen, die das gesamte Leben beeinträchtigen.Historische „Palast“-Straße Saray Caddesi, Foto: Tuğçe Tezer, 4.10.2025

Verkehr, Asphalt

Seit dem Erdbeben sind die Straßen von Antakya voller Schlaglöcher, Unebenheiten, Schutt und Aushub. Es ist fast unmöglich, Kanaldeckel an ihrem Platz zu finden. Verkehrsunfälle sind in der Stadt mittlerweile an der Tagesordnung. Wer ein Auto besitzt, muss nahezu wöchentlich zur Werkstatt; wer keines hat, hat die Hoffnung auf öffentliche Verkehrsmittel längst aufgegeben und versucht trotz aller Sicherheitsrisiken, per Anhalter nach Hause, zur Schule oder zur Arbeit zu gelangen.

Es gibt fast keine Gehwege und der öffentliche Nahverkehr ist unzureichend. Die lokale Bevölkerung kämpft mit den holprigen Straßen – nur wenn „hohe Staatsbeamte” zu Besuch kommen, werden Straßen plötzlich asphaltiert. Dies führte dazu, dass die Saray Caddesi, eine historische und für Fußgänger reservierte Straße, nun eine asphaltierte Fahrbahn ist. Als Fußgänger auf dieser Straße zu laufen, erfordert Mut.Dauerhafte TOKI-Wohnsiedlung, entstanden durch die Rodung der Mandarinenplantage in Kurtderesi Samandağ, Foto: Sadullah Mert Bastacı, 10.10.2025.

Container, TOKI-Wohnsiedlungen

Es gibt immer noch keine geeigneten Notunterkünfte und Wohnräume. In den Containern, die weder isoliert sind noch Privatsphäre bieten, ist es im Winter kalt und im Sommer unerträglich heiß.

Diejenigen, die in dauerhafte Wohnungen der staatlichen Wohnungsbaubehörde TOKI (Toplu Konut İdaresi Başkanlığı) umgezogen sind, haben mit zahlreichen Problemen zu kämpfen: billige Baumaterialien, Wasserausfälle, Wände, die beim ersten Regen undicht werden, endloser Staub und große Entfernung zu wichtigen Einrichtungen. Es gibt zwar eine sichtbare Behausung, doch in ihrem derzeitigen Zustand verdeckt sie lediglich den großen Kampf des täglichen Lebens.

Bildung, Gesundheit

In Antakya findet der Großteil des Unterrichts immer noch in Containern statt. Die Schüler:innen haben keinen Zugang zu einer sicheren, gesunden und hygienischen Lernumgebung und aufgrund der zunehmenden Armut auch nicht zu einer ausreichenden Ernährung. Die Lehrkräfte sind erschöpft. 

Auch ein Großteil der Gesundheitsversorgung findet nach wie vor in Containern statt, unter äußerst schwierigen Bedingungen wie Überschwemmungen und Stromausfällen. Aufgrund von Staub, Umweltverschmutzung und ungünstigen Lebensbedingungen sind Krankheiten, insbesondere Lungenerkrankungen, weit verbreitet. Das historische Stadtzentrum von Antakya, Foto: Tuğçe Tezer, 4.10.2025

Historisches Zentrum, Wohnbebauung

Das historische Zentrum, das Herzstück von Antakya, erlebt nach dem Erdbeben aufgrund der zweiten Runde der „Trümmerbeseitigungsarbeiten“ eine neue Zerstörung.

Seit den 2023 begonnenen Abrissmaßnahmen und während die Restaurierungsprojekte kurz vor dem Abschluss stehen, wird das alte Antakya trotz aller Einwände durch eine neue Welle der „Trümmerbeseitigung“ jeden Tag ein Stück kleiner.

Die meisten Häuser mit Innenhof im historischen Zentrum – und damit das gesamte Wohngefüge mit Innenhöfen – existieren nicht mehr. Die nach dem Räumungsprozess verbliebenen Gebäude stehen nun isoliert da. Das Gedächtnis eines Viertels vermischt sich einmal mehr mit der Erde.

Zitrusfruchtgärten

Seit August fällen Baumaschinen unter Aufsicht der Polizei Bäume in Samandağ. Nach und nach verschwinden die Olivenhaine, Mandarinenplantagen und das historische und kulturelle Erbe des Distrikts.

Die kleinen Gärten, die sich im Besitz der lokalen Bevölkerung befinden, werden trotz laufender Gerichtsverfahren durch eine Entscheidung zur „Enteignung ohne Entschädigung” Tag für Tag weiter zerstört. So wird Platz für TOKI-Wohnungen geschaffen, obwohl kritische Stimmen warnen, dass so viele TOKI-Wohnungen nicht benötigt werden.

In Kurtderesi, einer Nachbarschaft Samandağs, halten Bewohner:innen seit fast zwei Monaten Mandarinenwache vor den Gärten: „Dieses Land ist nicht nur unser Zuhause, es ist unser Leben”, sagen sie. Der Duft der Zitrusfrüchte erinnert an den Widerstand. 

Der Asi-Fluss, der Große Park und die Muldenkipper, Foto: Nesime Karateke, 4.10.2025

Der Asi-Fluss und der Große Park

Unter dem Vorwand von „Hochwasserschutz und Sanierungsarbeiten” wurde der Asi-Fluss mit Schutt und Beton zugeschüttet. Er fließt kaum noch; das Wasser ist grau, die Ufer sind mit Schutt übersät.

Auch der Große Park, der nach dem Erdbeben einer der wenigen Orte war, an dem die Einwohner von Antakya zur Ruhe kommen konnten, ist nun eine große Baustelle, durch die Lastwagen fahren. Der Ort, an dem man einst aufatmen konnte, ist nun ein Zentrum von Staub und Lärm.Historische Lauftour durch Antakya, Uzun Çarşı, Foto: Salih Kerimoğlu, 5.10.2025

Familien auf der Suche nach Gerechtigkeit

In Erdbebenprozessen gibt es noch immer zahlreiche Fälle, in denen auf die Erlaubnis zur Ermittlung gegen Beamtete gewartet wird. Einige von ihnen sind sogar heute noch im Dienst, obwohl Gerichtsverfahren gegen sie laufen. Die fraglichen verbeamteten Personen lehnen die Verantwortung für die Unterschriften ab, die sie vor dem Erdbeben auf amtlichen Unterlagen getätigt haben.

Die Plattform Adalet Peşinde Aileleri (Familien auf der Suche nach Gerechtigkeit) ist ein Solidaritätsnetzwerk von Familien, die ihre Angehörigen bei den Erdbeben vom 6. Februar verloren haben. Ihr Ziel ist es, die nach dem Erdbeben zutage getretenen Versäumnisse, mangelnden Kontrollen und Verantwortungslosigkeiten offenzulegen und sicherzustellen, dass die Verantwortlichen von der Justiz zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Plattform möchte jedoch nicht nur für ihre eigenen Verluste eintreten, sondern auch auf die Bedeutung sicherer Bebauung für alle hinweisen, die von künftigen Erdbeben betroffen sein könnten. 

Leider gehen Freilassungen von Angeklagten in Erdbebenprozessen unvermindert weiter. Die Angeklagten werden häufig nicht zu den Verhandlungen vorgeladen und müssen somit nicht vor Gericht erscheinen. Kann die Staatsanwaltschaft in der Ermittlungsphase die erforderliche Beweiserhebung nicht durchführen, vertagen die Richter:innen die Verhandlung bei jeder Sitzung, damit die fehlenden Unterlagen vervollständigt werden.

Die Gerechtigkeit, die bei jeder Verhandlung aufgeschoben wird, verliert in den Augen der Menschen zunehmend an Bedeutung. Trotzdem fragen die Familien beharrlich: „Wer wird den Preis für diese Unterschriften bezahlen?“ 

Im Dezember organisierte die Plattform Proteste vor dem türkischen Parlamentsgebäude in Ankara gegen eine vorzeitige Entlassung von Häftlingen, die in Erdbebenprozessen verurteilt wurden. Landesweit sorgten die Proteste der Familien mit Plakaten und Fotos ihrer getöteten Angehörigen für große Aufmerksamkeit. Daraufhin wurden die Verurteilten der Erdbebenprozesse von der Amnestie im Zuge des 11. Justizpakets ausgeschlossen.Der lange Basar nach den Abrissen, Foto: Nesime Karateke, 4.10.2025

Beobachtungen aus einem Oktobertag in Antakya

Auch wenn die Luft langsam abkühlt, liegt ein schwerer, feuchter Betongeruch über der ganzen Stadt. Wenn ein leichter Wind weht, wirbelt Staub auf. Das entfernte Dröhnen von Baggern, das Geräusch von Generatoren und der Lärm von Unfällen – das ist nun der Klang der Stadt. Während ich zwischen den Containern hindurchgehe, wartet eine Frau mit einem Wassereimer in der Hand. Am frühen Morgen ist wieder einmal das Wasser abgestellt worden.

Einige Kinder stehen in ihren Schuluniformen vor den Containern, ihre Mütter kämmen ihnen hastig die Haare, draußen ist es heller als in den Containern. Auf der anderen Straßenseite versucht ein alter Mann, einen kleinen Stand aufzubauen. In der Hand hält er einen rostigen Teekessel mit etwas Tee darin. Einer der Plastikstühle ist kaputt; er setzt sich auf einen Stuhl und wartet. „Wenn der Strom wieder da ist, werde ich das Wasser erhitzen“, sagt er, „vielleicht kommt ja jemand“.

In diesem Moment fährt in einiger Entfernung ein Muldenkipper vorbei und wirbelt eine Staubwolke auf. Der Staub ist langlebiger als der Dampf des Tees. Dennoch trägt niemand mehr eine Maske. Gegen 10 Uhr wird es wärmer. Auch wenn die Stadt wach scheint, sind eigentlich alle müde.

Die Straßen sind voller Schlaglöcher, die Autos fahren mit viel Lärm vorbei. Eine Frau versucht, mit ihrem Fahrrad voranzukommen, aber auf diesen löchrigen Straßen ist das kaum möglich. Es gibt keinen Gehweg, keine Markierungen, keine vorgegebene Richtung; Verkehrsregeln gibt es nicht mehr. Nur ein Meer aus Staub und Menschen, die geduldig darin laufen.

Gegen Mittag heizen sich die Container wie Öfen auf. Die durchlässigen Wände der Container halten die Sonne im Inneren fest. Diejenigen, die drinnen sind, gehen deshalb nach draußen; diejenigen, die draußen sind, suchen auf dem Betonboden der Containersiedlung nach einem schattigen Plätzchen. Die Geräusche der kleinen Generatoren vermischen sich. Ein Kind kickt einen Ball, den es aus einer Blechdose gebastelt hat, gleich daneben dröhnt der Lärm einer Baumaschine.

Als ich den Asi-Fluss erreiche, ist das dominierende Geräusch nicht mehr das des schwach fließenden Wassers, sondern das der darin arbeitenden Baumaschinen. Ein am Ufer des Flusses arbeitender Bagger schüttet Beton. Das Wasser ist trüb und hat eine graue Farbe angenommen. Im Fluss gibt es jetzt kein Leben mehr. Aber dennoch flackert ein Licht auf dem Wasser, als würde es daran erinnern, dass der Fluss noch atmet.

Am späten Nachmittag ist der Himmel für einen Moment wunderschön. Die Sonne fällt wie ein orangefarbener Vorhang auf die zerstörten Mauern. Ein paar Kinder rennen mit Zitronenzweigen herum, vielleicht zum Spielen, vielleicht als Erinnerung. Die Lichter der Container gehen an; jedes dieser Lichter strahlt wie ein kleiner, hartnäckiger Atemzug. Während Antakya in Dunkelheit versinkt, sagt das Herz der Stadt einmal mehr: „Ich bin hier”.

Drei Jahre sind vergangen. Antakya tritt mit jedem Tag deutlicher zutage – müde, kaum wiederzuerkennen – und doch steht sie noch immer.

 

 

Tuğçe Tezer ist Stadtplanerin, Dozentin für Stadtplanung in der Fakultät für Architektur an der Mimar Sinan Universität in Istanbul. Sie kam 2013 für ihre Promotion nach Antakya und initiierte 2020 die archäologische Wandertour „Yürünebilir Tarih“ „Begehbare Geschichte“. Sie blieb der Stadt auch nach dem Erdbeben verbunden und beschäftigt sich...
Redigiert von Nora Theisinger, Lotta Stokke
Übersetzt von Yeşim Buldun