In ihrem Kurzfilm „Villa 187“ hält die Filmemacherin Eiman Mirghani den stillen Zerfall ihres Zuhauses in Katar fest – ein Verlust, der sich für sie und ihre sudanesische Familie wie eine zweite Entwurzelung anfühlt.
Ping. Der Ton einer iPhone-Benachrichtigung. Eine tiefe, melodische Stimme beginnt, auf Arabisch zu sprechen: „Eiman, meine liebe Tochter. Wie geht es dir? Ich schicke diese Sprachnachricht, um dir etwas Wichtiges mitzuteilen: Ich werde in den Ruhestand gehen.“ Eine Frau hört zu und blättert durch Fotos. Ein Familienalbum: Sepiafarbene Aufnahmen eines Mannes an einer Uferpromenade; derselbe Mann im Talar bei einer Abschlussfeier. Sie öffnet einen Schrank voller Videokassetten.
Schnitt. Schwarz-weißes Flackern leitet verwackelte Videos der fotografierten Szenen ein: eine Hochzeit. Das junge Paar tauscht Ringe aus, im Hintergrund spielt eine Band. Schnitt. Die Kamera ist auf das Tor eines hellen Betongebäudes gerichtet, das von einer Mauer mit cremefarbener Metalltür umgeben ist. Auf einer schwarz-weißen Tafel steht die Hausnummer: 187.
„Wir werden also unser Zuhause verlassen. Das Zuhause, in dem ihr alle geboren wurdet“, fährt die Stimme fort.
Durch Film die eigene Stimme finden
Mit dieser Szene beginnt der Kurzfilm „Villa 187“ der sudanesischen Filmemacherin Eiman Mirghani. Der Film feierte im November 2025 beim Doha Film Festival im Rahmen des Programms „Made in Qatar“ seine Premiere, wo Eiman den Preis für die beste Regie gewann. Nach „The Bleaching Syndrome“ ist es bereits ihr dritter Film.

Dis:orient hatte die Gelegenheit, wenige Wochen nach der Premiere mit der Regisseurin zu sprechen: „Ich wollte schon immer Filmemacherin werden. Allerdings waren meine Eltern nicht begeistert. Sie fragten sich, was ich als Third Culture Kid sudanesischer Eltern, aufgewachsen in der Golfregion, mit einem Filmstudium anfangen würde“, erinnert sich Eiman. Nach ihrem Bachelorabschluss in Film- und Medienwissenschaft begann sie am Doha Film Institute zu arbeiten: „Sie haben meine Karriere als Filmemacherin wirklich gefördert. Zum Doha Film Festival zurückzukommen, meinen Film dort zu zeigen und einen Preis zu gewinnen fühlte sich an, als würde sich der Kreis schließen.“
Aufwachsen an einem Ort, der nie von Dauer war
Eine andere Aufnahme: Die Kamera zoomt auf den Reisepass, den Eiman durchblättert. Auf dem Umschlag steht Dschumhurija al-Sudan (dt.: Republik Sudan). „Mittlerweile ist Katar für uns fast mehr Zuhause als unser Heimatland selbst. Für dich und deine Schwestern ist es euer Zuhause“, sagt ihr Vater.
Eiman Mirghani wurde als Tochter sudanesischer Eltern in Katar geboren. Der Aufenthaltsstatus der Familie war dabei von der Arbeitsbürgschaft ihres Vaters abhängig. Mehr als 30 Jahre lebten sie dort mit einem beständigen Gefühl der Unsicherheit, erzählt Eiman. „In Katar geboren zu sein, macht dich nicht automatisch katarisch. Stammst du nicht aus der Golfregion, ist deine Zeit dort beschränkt. Das ist allen, die dort wohnen, bewusst.“ Dennoch betont sie, dass die Situation ihrer Familie relativ sicher war, insbesondere im Vergleich zu den unzähligen Sudanes:innen, die durch den seit April 2023 anhaltenden Krieg vertrieben wurden.
Festhalten von Erinnerungen
„Es war wie eine tickende Zeitbombe. Wir wussten, irgendwann würde uns die Nachricht erreichen, dass wir unser Zuhause verlassen müssen. Wir waren alle von der Bürgschaft meines Vaters abhängig.“ Als der Tag kam, sendete Eimans Vater ihr und ihren Schwestern eine Sprachnachricht, die zum roten Faden ihrer Geschichte werden sollte. Der Geschichte über den Verlust ihres Zuhauses, der Villa 187. Das veranlasste sie dazu, den Prozess vom Packen bis zum Umzug mit dem Medium zu begleiten, dass sie am besten kennt: dem Film.
Gemeinsam mit ihrem Kameramann Baris Konbal begann sie, an Wochenenden zu drehen. „Ich liebe dieses Haus. Ich bin hier aufgewachsen. Es ist ein Teil von mir und ich hatte das Gefühl, dass ich die Erinnerungen festhalten musste“, erinnert sie sich an ihre erste Reaktion auf die Nachricht. Auf die Frage, weshalb die Stimme ihres Vaters statt ihrer eigenen durch den Film führt, entgegnet sie: „Wir haben die alle Sprachnachricht zur gleichen Zeit bekommen. Und ehe wir uns versahen, packten wir unsere Koffer und mussten gehen. Ich wollte diese Realität so authentisch wie möglich darstellen.“

Gehen ohne anzukommen
Während der Dreharbeiten stieß Eiman auf die alte VHS-Sammlung ihrer Familie. Sie ließ die Kassetten digitalisieren und arbeitete das Material in den Film ein: „Während des Drehs war ich oft traurig. Erst in der Postproduktion begann der Film, sich wirklich lebendig anzufühlen. Ich habe diese Erinnerungen wiederentdeckt; sie haben mir dabei geholfen, dem Film Struktur zu verleihen.“
Eiman verarbeitet weit mehr als den Verlust eines Gebäudes, das sie das Zuhause ihrer Familie nennt. „Ich denke, dass alle Menschen, die in einem Land leben, das nicht ihr Heimatland ist, in einem gewissen Maße eine Identitätskrise durchstehen. Du magst von Freund:innen und Familie aus deinem Heimatland umgeben sein, aber du bist nie wirklich zuhause.“ So erlebte sie den plötzlichen Umzug als eine zweite Entwurzelung in einem Leben, in dem sie aufgrund des unsicheren Aufenthaltsstatus ihrer Familie ohnehin nie wirklich hatte ankommen können.
Die unmögliche Rückkehr ins Heimatland
Kurze Zeit bevor Eiman erfuhr, dass sie und ihre Familie ausziehen müssen, brachte die Revolution von 2018 und 2019 den langjährigen sudanesischen Diktator Omar al-Bashir zu Fall. Damals habe es, erinnert sich Eiman, vorsichtige Hoffnung gegeben, dass sich der Sudan erholen könne.
Doch spätestens mit dem Ausbruch des Stellvertreterkriegs im April 2023 wurde klar, dass dies nicht der Fall und der Sudan kein sicherer Ort zum Leben mehr war. Stand Mai 2026 steht das Land am Rande einer Hungersnot. Rund zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 9 Millionen Menschen gelten als Binnenvertriebene, weitere 4,5 Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation als die „größte Vertreibungskrise“ unserer Zeit.
Da der Krieg weiterhin andauert, beschreibt Eiman ihrer Suche nach einem Zuhause als einen Schwebezustand: „Du weißt nicht, wohin du gehen sollst. Du kannst nicht dahin zurückkehren, woher du kommst... Die größte Herausforderung für mich war, Frieden mit dieser Situation zu schließen.“
Was macht ein Zuhause aus?
Eine weitere Szene. Das durchdringende Geräusch von Klebeband, das über einen Umzugskarton gezogen wird. Aufgestapelte Bücher. Ein Korb voller Spielzeug, aus dem ein Teddybär hervorlugt. Im Hintergrund der blecherne Klang einer Spieluhr. Ein einzelner Nagel in einer weißen Wand verweist auf einen Bilderrahmen, der einst dort hing.
Dann die letzten Aufnahmen: die Küche, ein Schlafzimmer, der Flur. Leergeräumt von all dem, was das Haus einst zu einem Zuhause machte. Ein letztes Mal ist die ruhige Stimme des Vaters zu hören: „Es gibt nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsst. Wie ich bereits gesagt habe, habe ich lange hiermit gerechnet und mich gut darauf vorbereitet. Inschallah (dt.: So Gott will) wird alles gut gehen. Ich liebe euch so sehr.“
Der Bildschirm wird schwarz, der Abspann beginnt. Wie der Film neigt sich auch das Gespräch mit Eiman langsam dem Ende zu. Eine Frage bleibt nach „Villa 187“: Was bedeutet Zuhause für sie?
Eiman seufzt, dann lächelt sie: „Am Ende des Tages habe ich gelernt, dass ein Haus einfach ein Haus ist. Ein Gebäude. Auch wenn du eine emotionale Bindung zu einem Haus aufbauen kannst, sind es doch die Menschen darin, die dir das Gefühl von Zuhause vermitteln. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen Eltern, bei meinen Schwestern bin. Ich fühle mich zuhause, wenn ich bei meinen engen Freund:innen bin. Ich bin dankbar, dass ich dieses Gefühl immer noch spüren kann, selbst nachdem wir Villa 187 verlassen haben.“


















