14.08.2026
Warum ein Leben zwischen Deutschland und Syrien nicht umkehrbar ist
Die Rückkehr nach Syrien wäre für viele heute ein Neuanfang. Grafik: Dominik Winkler
Die Rückkehr nach Syrien wäre für viele heute ein Neuanfang. Grafik: Dominik Winkler

Hussam Al Zaher forderte schon 2015: Sprecht mit uns, nicht über uns. Nun meint Merz, 80 Prozent der Syrer:innen sollten zurückkehren und verkennt damit die tatsächlichen deutsch-syrischen Realitäten. Eine Antwort.

Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Why a life between Germany and Syria cannot simply be undone

Salam,

Ich bin einer von rund 890.000 Menschen, die 2015 als Geflüchtete aus Syrien nach Deutschland gekommen sind, und mein Thema war von Anfang an: Wie kommen wir ins Gespräch? Mein Glück war es, in Hamburg zu landen und dort schnell Kontakte zu Deutschen zu bekommen– zuerst über Facebook und später im echten Leben. Mir ging es aber um mehr als mein persönliches Umfeld, ich wollte einen dauerhaften Ort für den Austausch schaffen.

2018 habe ich mit vielen anderen das kohero-Magazin gegründet, eine migrantische Medienplattform. Kohero schafft Raum für Perspektiven, die in der deutschen Medienlandschaft oft zu wenig sichtbar sind: die Stimmen von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte. Unser Ziel ist es, dass Menschen nicht aus der Distanz über uns sprechen, sondern sich mit unseren Perspektiven auseinandersetzen.

Wenn Deutsche jetzt fordern, möglichst viele Syrer:innen sollten möglichst schnell zurückkehren, verkennen sie nicht nur unsere gemeinsame gesellschaftliche Realität, sondern wiederholen auch Fehler der Vergangenheit. Lasst mich erklären, warum.

Der Sturz Assads: Die Wunden heilt das nicht

Der Sturz von Assad war ein unbeschreiblicher Moment. Für mich und für alle, die von Syriens diktatorischem System und vom Krieg betroffen waren, der seit 2011 von unserer Regierung mit der Unterstützung des Iran, Russlands und der Hisbollah gegen das syrische Volk geführt wurde, ist es bis heute ein unglaubliches Gefühl.

Dieser große Krieg und der Verlust geliebter Menschen und der Heimat haben den Syrer:innen viel Schmerz zugefügt. Wir alle tragen eine tiefe emotionale Wunde in uns, die auch Assads Sturz nicht über Nacht heilen lässt. Sie tut uns noch immer weh.
Was sich durch seinen Sturz aber geändert hat, sind unsere Gefühle für Syrien. Das Ende der Assad-Ära hat uns die Heimat zurückgegeben und damit ein Gefühl von Stolz auf Syrien. Lange Zeit war da nur die Scham, weil Syrien oft mit Krieg, Schmerz, Geflüchteten, „illegaler“ Migration, angeblichen Verbrechen verbunden war. 

Mit dem Stolz kommt die große Frage: Will ich nach Syrien zurückkehren? Dabei helfen, das Land wieder aufzubauen? Und wenn ja, würde ich das schaffen? 

Das Fremde ist vertraut(er) geworden

Auch wenn ich die Frage grundsätzlich mit „Ja“ beantworte: Ich habe in den letzten zehn Jahren in Deutschland sehr hart gearbeitet, um mir hier eine neue Heimat aufzubauen. Ich habe mir ein neues Zuhause geschaffen und neue Perspektiven für die Zukunft entwickelt. 

Dem gegenüber steht ein großer Verlust durch die Flucht. Wir haben das Gefühl der Zugehörigkeit zu Syrien verloren, Familienmitglieder und Freund:innen sind während des Krieges gestorben oder verschwunden. Von manchen weiß bis heute niemand, wo sie sind. Verloren habe ich auch die Kulisse meiner Kindheitserinnerungen – mein Zuhause, meine Straße, meine Schule, meine Welt.

Verloren trifft es aber eigentlich nicht ganz richtig. Denn die Erinnerungen bleiben und lasten schwer auf mir. Es sind Erinnerungen voller Schmerz, Heimweh und „Sprachweh“. Dieses Wort kam mir in den Sinn, als ich merkte, wie sehr ich die arabische Sprache nach meiner Ankunft in Deutschland vermisste. Mir fehlte der Austausch, das Sprechen, das Kommunizieren. Diese Geschichten von Schmerz und Verlust sowie dem Ankommen in einer neuen Gesellschaft kann man nicht einfach hinter sich lassen und nach Syrien zurückgehen.

Und das Vertraute fremd(er)

Im Februar 2025 reiste ich zum ersten Mal seit fast elf Jahren nach Syrien. Ich stellte mir vor, wie ich in mein Zuhause zurückkehren würde, wie es in meinen Erinnerungen war. Ich kehrte zurück zu meiner Familie, die ich seit 2014 nicht gesehen hatte, zurück in diese Zeit von damals. Doch vor Ort traf ich auf ein völlig verändertes Zuhause. Unsere Wohnung war teilweise durch den Krieg zerstört worden. Und mit dem Gebäude auch Erinnerungen an die Momente darin. 

Es war einfach alles weg. Momente aus meinen ersten Schultagen, meine Bücher, die ich nach und nach gesammelt hatte, Bilder aus meiner Kindheit, meine hässlichen Zeichnungen, meine Gedichte, von denen ich glaubte, sie würden die Welt verändern. Der Erker, in dem ich mit meinen Freund:innen und Geschwistern gespielt habe, wo ich für Prüfungen gelernt habe und wo die köstlichen Mahlzeiten mit der Familie stattfanden – all das hatte ich in Deutschland im Kopf bewahrt, doch in unserem Haus existiert es nicht mehr. Manche der Freund:innen sind gestorben. Auch Gesichter aus meiner Nachbarschaft sind verschwunden. Kinder, deren Gesichter ich kannte, sind jetzt erwachsen. Das Haus können wir renovieren, doch das Zuhause meiner Erinnerung kommt davon nicht wieder.

Die Reise aus dem Jahr 2025 zurück ins Jahr 2011 ging schnell. In nur wenigen Tagen fuhr ich von Hamburg über Düsseldorf, dann von Beirut nach Damaskus. Auf dieser kurzen Reise hat mich die Zeit eingeholt und mir gezeigt, dass das Jahr 2011 unwiderruflich vergangen ist. Das Jahr, in dem ich gehofft, geträumt und geglaubt habe.

Der Schmerz trennt uns voneinander, statt uns zu vereinen

Nach Assads Sturz war die Freude groß. Nach drei Wochen, spätestens nach den ersten Monaten, haben aber viele gemerkt: Ja, Assad ist weg, und das ist gut. Aber er hat ein schwieriges Erbe hinterlassen, unter dem Syrien noch lange leiden wird. 
Das Erbe sind nicht nur die Toten, die Gefolterten, nicht nur die zerstörte Gesellschaft, sondern auch die Spaltung zwischen den Menschen – zwischen denen, die geblieben sind, und jenen im Exil; zwischen den in von oppositionellen Gruppen kontrollierten Gebieten und jenen unter dem Regime; zwischen Menschen in verschiedenen Städten und Regionen.

Alle haben in den  Jahren der Unterdrückung und des Krieges unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die wir als Gesellschaft kaum gemeinsam schultern können. Wie kann man mit so unterschiedlichen Erinnerungen und so viel Schmerz eine gemeinsame Zukunft aufbauen? Die Herausforderung ist nicht nur die zerstörte Infrastruktur oder die wirtschaftliche Lage, sondern vor allem das verlorene gemeinsame Gedächtnis und der isolierende Schmerz jedes und jeder Einzelnen.

Schon vor dem Sturz Assads gab es in Syrien nicht die eine Wahrheit, sondern viele unterschiedliche Wahrheiten. Wer war Täter, wer war Opfer? Wer trug Verantwortung, und wer hat selbst gelitten? Gerade wegen der Unklarheit ist die Suche nach den Fakten so schwierig und wichtig zugleich.

Um die Gegenwart und die Zukunft Syriens gestalten zu können, muss über die Vergangenheit gesprochen werden. Welche Formen von Leid haben Syrer:innen unter dem Assad-Regime erlebt? Welche individuellen und kollektiven Verluste mussten sie ertragen? Nur wenn diese Erfahrungen anerkannt und aufgearbeitet werden, kann ein gemeinsames Verständnis von Geschichte entstehen.

Nach dem Sturz des Regimes entstehen neue Spannungen und Wellen der Gewalt, zum Beispiel durch Massaker an den alewitischen und drusischen Gemeinden. Doch die meisten erkennen nur ihren eigenen Schmerz an, nicht den der anderen. Das befeuert den Konflikt weiter und ist gesellschaftlich die größte Gefahr. 

Eine Rückkehr wäre nun auch ein Neuanfang

Ich möchte beim Wiederaufbau Syriens helfen. Aber wie kann ich ein Land aufbauen, das ich selbst kaum noch kenne? Mein Leben und meine Karriere finden mittlerweile in Deutschland statt. Wenn ich nach Syrien zurückginge, müsste ich vieles noch einmal neu aufbauen. Ich frage mich, ob ich die Kraft dafür habe. Besonders gilt das für die vielen Syrer:innen, die in ihrer neuen Heimat Familien gegründet haben, teilweise mit Menschen aus anderen Ländern. Für Partner:innen und Kinder wäre Syrien ein völlig unbekanntes Land. 

Selbst wenn jemand emotional für eine Rückkehr bereit ist, gibt es vor Ort viele Hürden, zum Beispiel das Bildungssystem: Mehr als 7.000 Schulen sind zerstört. Viele andere sind überfüllt, in den Klassen sitzen oft 40 oder 50 Kinder. Es fehlt an Lehrer:innen und an Ressourcen, es gibt zu wenig Stühle und oft keine Heizung. Manchmal fehlen selbst Türen und Fenster. Die meisten Eltern wollen das ihren Kindern nicht zumuten. Auch nach der Schule sieht es nicht rosig aus: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei etwa 69 Prozent.

Insgesamt benötigt Syrien für den Wiederaufbau fast unvorstellbar viel Geld. Auch wenn Länder wie Deutschland den Prozess unterstützen, wie allein 2026 mit etwa 200 Millionen Euro im Bereich Gesundheit und Wasserinfrastruktur, reicht das bei weitem nicht aus. Die Idee, dass in den nächsten Jahren die Mehrzahl der Syrer:innen Deutschland verlassen könnten, zeigt fehlendes Wissen über uns und die Situation in Syrien.

Die Syrer:innen von heute sind die Gastarbeiter:innen von damals

Deutschland sollte seinen Blick auf uns Syrer:innen verändern. Die Debatte darf sich nicht nur um die Rückkehr drehen, sondern muss endlich anerkennen, wie viel die Menschen hier oft unter schwierigen Bedingungen aufgebaut haben. Natürlich werden viele Syrer:innen nach Syrien zurückkehren, wenn sie das möchten. Niemand argumentiert, dass alle Syrer:innen dauerhaft in Deutschland bleiben wollen.

Viele Syrer:innen sind aber längst Teil dieser Gesellschaft geworden: als Ärzt:innen, Handwerker:innen, Journalist:innen, Studierende und Nachbar:innen. Sie engagieren sich in Parteien, Kulturhäusern und Vereinen. Sie arbeiten als Bus-, Bahn- oder LKW-Fahrer:innen und in vielen weiteren Berufen. Sie haben Netzwerke aufgebaut, Unternehmen und Familien gegründet und tragen jeden Tag zum Leben in diesem Land bei. Doch im politischen und öffentlichen Diskurs fehlt der Respekt für diese Leistung. 

Deutschland müsste aus seiner Geschichte der sogenannten Gastarbeiter:innen gelernt haben. Man kann Menschen nicht einfach wieder zurückschicken, nachdem sie längst Teil der Gesellschaft geworden sind. Sie würden hier fehlen. Wenn Deutschland ständig über Rückkehr spricht, baut das Mauern und Parallelgesellschaften, es drängt die Menschen aus der Gesellschaft heraus. Denn: Wie sollen sie sich einem Land weiter verbunden fühlen, das permanent ihr Existenzrecht infrage stellt?

Dabei war die Willkommenskultur einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sich viele Syrer:innen in Deutschland erfolgreich integrieren und ein neues Leben aufbauen konnten. Sie hat Vertrauen geschaffen und Menschen die Möglichkeit gegeben, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Gerade deshalb war das Willkommenheißen mehr als eine humanitäre Geste, es war auch eine Investition in die Zukunft. Das gilt nicht nur für Syrien, sondern für viele Länder.

Verabschieden sollte sich Deutschland vom Syrien-Bild als reines Kriegsgebiet. Syrien kann in Zukunft wirtschaftlich, kulturell und geopolitisch eine wichtige Rolle spielen – auch für Europa. Deutschland profitiert langfristig davon, wenn die Menschen, die hier angekommen sind, als Brückenbauer:innen zwischen ihren Herkunftsländern und ihrer neuen Heimat wirken können: für Investitionen, in der Bildung, mit Sprachkenntnissen, Kultur und durch Partnerschaften.

Vielleicht werden in Zukunft deutsche Schulen, Universitäten oder Cafés in Syrien entstehen. Vielleicht lernen Menschen dort Deutsch; und dann nicht mehr, um zu fliehen, sondern um Beziehungen aufzubauen. Denn genau das bleibt am Ende in jedem Fall bestehen: Beziehungen zwischen Menschen.

 

 

Hussam Al Zaher ist Gründer und Chefredakteur des kohero-Magazins. Seit 2015 lebt er in Hamburg.
Redigiert von Clara Taxis, Dominik Winkler
Übersetzt von Silvana El Sayegh