14.05.2026
Von der Nakba bis Gaza: Eine unbeendete Geschichte
Die ersten Schulstunden in Jericho wurden nach der Nakba unter freiem Himmel abgehalten. Bild: UNRWA Archive, 1948, CC BY-SA 3.0 IGO
Die ersten Schulstunden in Jericho wurden nach der Nakba unter freiem Himmel abgehalten. Bild: UNRWA Archive, 1948, CC BY-SA 3.0 IGO

Am 78. Jahrestag der Nakba gedenken Palästinenser:innen nicht nur einer vergangenen Tragödie, sondern auch ihrer Fortsetzung im Genozid in Gaza. Eine Katastrophe für das kollektive Gewissen aller Menschen.

Read this article in English: From the Nakba to Gaza: An Unfinished History

Jedes Jahr am 15. Mai gedenken Palästinenser:innen der Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat im Jahr 1948, der Nakba (dt.: Katastrophe). Die Nakba war nicht bloß ein politisches Ereignis, das zu Gebietsverlusten oder Umsiedlung führte. Sie stellt vielmehr den Zusammenbruch einer gesamten Lebensweise dar – ein Bruch, der die Bedeutung von Heimat, Identität, und sogar die Beziehung zwischen Menschen und Ort neu definierte. 

Für palästinensische Geflüchtete wurde „Heimat“ zu einer aufgeschobenen Möglichkeit anstelle einer greifbaren Gegenwart. Heute stehen noch immer über 5,9 Millionen registrierte Geflüchtete unter dem Mandat der UNRWA, wodurch die Nakba zu einem generationsübergreifenden Zustand geworden ist. Sie hat sich im palästinensischen Bewusstsein als andauernde Erfahrung verankert, die durch jeden Krieg, jede Vertreibung und jeden Verlust immer wieder neu geformt wird – ein anhaltender Zustand zwischen Besatzung, Exil und dem unerfüllten Versprechen von Staatlichkeit.

Die erste Nakba: Entstehung einer modernen Tragödie

Nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina und der Gründung des Staates Israel im Mai 1948, gefolgt vom Ausbruch des ersten arabisch-israelischen Krieges, kam es zu einer der größten Vertreibungswellen des 20. Jahrhunderts. Rund 750.000 Palästinenser:innen – fast zwei Drittel der damaligen palästinensischen Bevölkerung – wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Mehr als 530 Städte und Dörfer wurden zerstört, entvölkert oder gewaltsam neu besiedelt. Ein über Jahrhunderte gewachsenes soziales und wirtschaftliches Gefüge wurde zerrissen. Große urbane Zentren wie Jaffa, Haifa, al-Lydd und Ramla verloren innerhalb weniger Monate den Großteil ihrer arabischen Einwohner:innen. 

1948 bis 1988: Von vollständiger Befreiung zu politischem Realismus

Nach der Nakba zielte der palästinensische Diskurs zunächst auf die vollständige Befreiung aller Gebiete ab. Nach dem zweiten arabisch-israelischen Krieg von 1967 zwangen veränderte regionale und internationale Dynamiken die palästinensische Führung jedoch zu einer strategischen Neuausrichtung. Das Zehn-Punkte-Programm der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) von 1974 markierte dabei den ersten diplomatischen Schritt hin zu einer eigenen Autorität auf dem verbleibenden palästinensischen Gebiet. Dieser Wandel gipfelte 1988 in der palästinensischen Unabhängigkeitserklärung, mit der die Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats implizit akzeptiert, und eine Zwei-Staaten-Lösung befürwortet wurden.

Die Palästinenser:innen akzeptierten damit faktisch einen Staat auf nur 22 Prozent der Fläche des historischen Palästinas – ein beispielloses Zugeständnis im Vergleich zu anderen nationalen Befreiungsbewegungen. Die wechselnden israelischen Regierungen begegneten diesem Zugeständnis jedoch nicht mit einer Anerkennung der palästinensischen Souveränität. Stattdessen unterstützten sie den Ausbau der Siedlungen und kreierten somit eine Diskrepanz zwischen dem offiziellen diplomatischen Diskurs und den Realitäten vor Ort.

1993 bis 2000: Aufgeschobener Frieden

Die Oslo-Abkommen ab 1993 stellten einen entscheidenden Wendepunkt dar: Die palästinensische Führung erkannte Israel nun offiziell an und akzeptierte gleichzeitig die Aufschiebung von Kernfragen: Jerusalem, die Rückkehr von Geflüchteten, Grenzen und Siedlungsbau – in der Annahme, dass ein schrittweiser Aufbau von Vertrauen zu einem endgültigen Frieden führen könnte.

Während die diplomatischen Verhandlungen voranschritten, verfestigte sich auch in diesen Jahren die Besatzung vor Ort weiter: Die Bevölkerung in den israelischen Siedlungen verdoppelte sich während des Friedensprozesses und zementierte damit eine Übergangsphase in einen dauerhaften Zustand, welcher die Möglichkeit eines zusammenhängenden palästinensischen Staates untergrub.

2000 bis 2008: Von Verhandlungen zum Konfliktmanagement

Als die Palästinenser:innen im Jahr 2000 in Camp David in erneute Verhandlungen traten, waren sie bereit, einen historischen Kompromiss auf Grundlage der Grenzen von 1967 einzugehen. Die Verhandlungen scheiterten jedoch erneut an unüberbrückbaren Differenzen hinsichtlich palästinensischer Souveränität und dem Anspruch auf Jerusalem.

Infolgedessen veränderte sich die israelische Strategie. Statt darauf hinzuarbeiten den Konflikt zu lösen, sollte er nun verwaltet werden: Mauern wurden errichtet, Siedlungen ausgebaut und palästinensische Staatlichkeit wurde zu einer rein administrativen Autonomie ohne echte Souveränität reduziert.

Wenige Jahre später stellte die Arabische Friedensinitiative von 2002 eine umfassende regionale Normalisierung im Gegenzug für den vollständigen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten in Aussicht. Trotz Garantien seitens verschiedener Nachbarländer, nahmen die wechselnden israelischen Regierungen diese Initiative nicht ernst. 

Das strukturelle Versagen der internationalen Gemeinschaft

Die Nakba ereignete sich in einer Übergangsphase, die der Konsolidierung des modernen Menschenrechtssystems vorausging – erst im Dezember 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Ihr folgte die Resolution 194 der UN-Generalversammlung, die das Recht palästinensischer Geflüchteter auf Rückkehr oder Entschädigung bekräftigte. Trotz wiederholter Bestärkung wurde die Resolution nie umgesetzt. Die Palästinafrage wurde damit zu einem der am längsten ungelösten Probleme der modernen internationalen Politik.

Während Palästinenser:innen nach wie vor um die Anerkennung ihrer Rechte ringen müssen, erlangte der israelische Staat rasch internationale Anerkennung. Diese Asymmetrie schuf eine außergewöhnliche Situation in der Weltpolitik: ein humanitär anerkanntes Volk, dem eine endgültige politische Lösung verwehrt bleibt.

Entgegen westlicher Vorurteile weist die palästinensische politische Entwicklung einen kontinuierlichen Pragmatismus und zahlreiche Zugeständnisse auf. Die israelische Politik hingegen war weitgehend von territorialer Konsolidierung und sich verengenden politischen Horizonten geprägt. Auch die internationale Gemeinschaft war strukturell nicht in der Lage, diesen Kurs umzukehren: Frieden scheiterte bisher nicht daran, dass die Palästinenser:innen Kompromisse ablehnten. Sondern daran, dass auf die Verhandlungen keine konkreten Umsetzungen folgten.

Gaza: Die Nakba als gegenwärtige Realität

Was sich heute in Gaza abspielt, rückt all diese ungelösten Fragen mit Nachdruck in den Vordergrund. Die meisten Bewohner:innen Gazas sind selbst Geflüchtete oder Nachkommen von Geflüchteten aus dem Jahr 1948. Erneut werden sie innerhalb von Grenzen, die sie nicht verlassen können, entwurzelt. Es erscheint wie ein Wiederaufleben der Bilder der Nakba: der Krieg ist keine reine militärische Konfrontation, sondern ein vollständiger Zusammenbruch einer Gesellschaft, in der nicht mehr an Alltag zu denken ist.

Die Tragödie in Gaza offenbart zugleich eine schwere Krise der Weltordnung. Eine Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Versprechen gegründet wurde, die Menschheit vor kollektiven Katastrophen zu schützen, scheint nun unfähig, die Wiederholung einer solchen Katastrophe zu verhindern. So wird das Gedenken an die Nakba zu einer moralischen und politischen Neubewertung der Gegenwart.

Eine Frage von geteilter Menschlichkeit

Das bezeichnende Merkmal der aktuellen Lage in Gaza ist nicht nur die eskalierende Gewalt, sondern ein moralischer Wandel in der globalen Wahrnehmung. Engagement findet zunehmend außerhalb traditioneller Diplomatie statt: an Universitäten, in der Zivilgesellschaft und im transnationalen Aktivismus. Die Debatte verlagert sich von der Frage, wer Macht besitzt, hin zu der Frage, wer moralische Legitimität besitzt. 

Nachhaltige Sicherheit kann nicht auf permanenter menschlicher Gefährdung beruhen. Und Stabilität kann nicht dadurch entstehen, dass Tragödien auf unbestimmte Zeit verwaltet werden, anstatt ihre Ursachen zu beseitigen. Von der Nakba 1948 bis zum heutigen Gaza zeigt sich die Palästinafrage nicht als regionaler Konflikt, sondern als andauernder Kampf um die Bedeutung von Gerechtigkeit in einer postkolonialen Welt. Die Frage, die Gaza nun an westliche Leser:innen und an die internationale Ordnung selbst stellt, ist zutiefst zivilisatorisch: Welche Bedeutung hat Menschlichkeit, wenn sie nicht universell ist?

Gaza ist daher nicht das Ende einer Geschichte: Es ist ein andauernder Moment des globalen Erwachens. Wenn die Nakba auch als palästinensische Tragödie begann, so droht ihre Fortsetzung zu einer Krise des kollektiven Gewissens der Menschheit zu werden. Für Palästinenser:innen ist die Nakba keine bloße Erinnerung– sie ist eine gelebte Erfahrung. Was heute in Gaza geschieht, ist das vielleicht schmerzhafteste Kapitel eines unvollendeten Buches.

 

 

Dr. Talal Abu Rokbeh is a Professor of Political Sociology at Al-Azhar University in Gaza. He is a researcher and political analyst specializing in post-conflict studies, and member of the Palestinian Policy Network. He is currently based in Gaza.
Redigiert von Martje Abelmann, Silvana El Sayegh
Übersetzt von Martje Abelmann