26.02.2026
Globale Solidarität mit den Menschen im Sudan
Eine Zeichnung aus der Revolution 2019, die die verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus dem Sudan abbilden soll. Foto: Alex Waiblinger 2020/21
Eine Zeichnung aus der Revolution 2019, die die verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus dem Sudan abbilden soll. Foto: Alex Waiblinger 2020/21

Einige Monate nach dem Fall der Stadt al-Fashir befindet sich der Konflikt im Sudan in einer neuen Phase. Die sudanesische Frauenrechtsaktivistin und Gründerin der „Nein zur Unterdrückung von Frauen“-Initiative Amira Osman Hamed im Gespräch. 

Amira, im Oktober 2025 fiel al-Fashir – die letzte Festung der sudanesischen Streitkräfte (SAF) in Darfur – nach mehr als 500 Tagen Belagerung an die Rapid Support Forces (RSF). Damit kontrolliert die RSF nun die gesamte Region. Was heißt das für den weiteren Verlauf des Krieges?

Der Fall von al-Fashir war tragisch. Die Stadt wurde nicht durch Kämpfe erobert, sondern durch Hunger, Durst und Krankheit. Die Niederlage und der Rückzug der Armee führten zu den befürchteten Massakern: Völkermord, Massenmorde und schwere Menschenrechtsverletzungen. Die RSF tötete Menschen, begrub sie lebendig und brannte Dörfer mitsamt ihren Bewohner:innen, unabhängig von Alter und Geschlecht, nieder. Frauen wurden besonders ins Visier genommen. Dabei scherzten, jubelten und filmten die Täter ihre Taten, weil sie glaubten, keine Konsequenzen befürchten zu müssen. Ihre Verbrechen dürfen niemals vergessen werden, und sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Administrative Map of Sudan, Foto: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/56/Base_Map_of_Sudan.png

Inwiefern sind Frauen besonders von dem aktuellen Krieg im Sudan betroffen?

Bereits seit Beginn des Krieges am 15. April 2023 erheben wir unsere Stimme gegen die Instrumentalisierung von Frauenkörpern als Mittel der Kriegsführung. Die Siege der RSF haben zu weit verbreiteten Übergriffen auf Zivilist:innen, insbesondere Frauen, geführt. Frauen werden auf Märkten verkauft, sexuell versklavt und verrichten unbezahlte Zwangsarbeit, ohne Nahrung oder medizinische Versorgung.

Sie haben jede erdenkliche Menschenrechtsverletzung erdulden müssen. Seitens der SAF wurden Frauen, die aus den RSF-kontrollierten Gebieten flohen, der Kollaboration angeklagt und bestraft oder hingerichtet. Sowohl die RSF als auch die Armee greifen Frauen im Sudan gezielt an und setzen sie massiver Gewalt aus. 

Wenn wir uns den ethnischen Gruppen zuwenden, die seit jeher in der Region Darfur leben, welche von ihnen sind am stärksten von der Herrschaft der RSF betroffen und warum?

Historisch gesehen hegen die RSF, die sich größtenteils als „Araber” bezeichnen, einen Groll gegen nicht-arabische Stämme in Darfur. Frühere Regierungen schürten diese Spannungen, und bewaffneten arabische Stämme in den 2000er-Jahren, um Rebellenbewegungen in Darfur, Süd-Kurdufan und den Nuba-Bergen zu bekämpfen. Darüber hinaus gibt es tief verwurzelte Konflikte zwischen arabischen Stämmen, die überwiegend von der Viehzucht, und nicht-arabischen Stämmen, die von Landwirtschaft leben.

Früher gab es ein System zur Beilegung dieser Streitigkeiten, unter anderem durch Blutgeldzahlungen. Heute sind die Konflikte in Darfur jedoch stark polarisiert und basieren oft auf ethnischer Zugehörigkeit und religiösen Überzeugungen.

Dies äußert sich in ethnischen Säuberungen durch Vertreibung und Landenteignung, die darauf abzielen, die Demografie der Region neu zu gestalten. Ein Beispiel dafür ist Jabal Amir, Standort einer der größten und produktivsten Goldminen des Sudan, wo alle indigenen Stämme vertrieben oder ausgelöscht wurden; heute kontrolliert die RSF das Gebiet.

Welche externen Akteure sind an dem Konflikt beteiligt und welche Interessen verfolgen sie dabei?

Internationale Interessen spielen in dem aktuellen Krieg eine wichtige Rolle, da sowohl Nachbarländer als auch regionale Mächte intervenieren. Mit der Schwächung des Staates verliert dieser zunehmend an Souveränität und Kontrolle. Nachbarländer unterstützen die Kräfte, die ihren eigenen Interessen dienen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate beispielsweise haben die RSF mit Waffen, Logistik und Soldaten unterstützt, die oft über Länder wie Zentralafrika, Libyen, Tschad, Kenia und Uganda kommen. Dadurch konnte die RSF den Druck aufrechterhalten und weiterkämpfen. Darüber hinaus haben sich junge Männer aus westafrikanischen und Sahel-Ländern wie Niger der RSF angeschlossen, weil sie sich durch Plünderungen und Raubzüge wirtschaftliche Vorteile erhoffen.

Derzeit steht ein Teil des Sudan weiterhin unter der Kontrolle der Armee, während ein anderer Teil – der Großteil Darfurs – unter der Kontrolle der RSF steht. Strebt Hemedti [Muhammed Hamdan Dagalu Musa, Chef der RSF, Anm. d. Red.] die Errichtung einer separaten Regierung in Darfur an?

Die RSF strebt nach politischer Legitimität, weshalb Hemedti Allianzen mit zivilen Akteuren in Darfur gesucht hat. Allerdings hat die RSF jegliche potenzielle Unterstützung der Bevölkerung verspielt, da sie sie zum Hauptfeind im Krieg gemacht hat. Obwohl die RSF bis 2024 große Teile der Hauptstadt und Zentralsudans erobert hat, gelang es ihr nicht, Institutionen aufzubauen oder grundlegende Versorgung zu gewährleisten.

Anstatt ihre Kontrolle zu festigen, hat sie überall, wo sie einmarschierte, das zivile Leben zerstört. Die Handlungen der RSF zeigen, dass sie nicht in der Lage ist, Stabilität zu schaffen; sie ist unfähig zu regieren. Obwohl es eine sogenannte „Aktionsregierung” gibt, glaube ich nicht, dass dies zur Spaltung des Landes führen wird.

Nach den Massakern in al-Fashir ist klar, zu welchen Gräueltaten die RSF fähig ist. Würde die internationale Gemeinschaft sie als Terrororganisation einstufen, könnten Waffenlieferungen gestoppt werden – wie von den USA bereits gefordert. Ohne externe Unterstützung hätte die RSF große Schwierigkeiten, ihre Aktivitäten fortzusetzen, und könnte langfristig aus dem politischen Leben Sudans verschwinden.

Nach dem Fall von al-Fashir scheint die öffentliche Aufmerksamkeit für den Krieg im Sudan wieder gestiegen zu sein. Wie nimmst du das wahr, insbesondere im Hinblick auf die Berichterstattung in den Medien?

Das Interesse der Medien und Öffentlichkeit in Europa, den Vereinigen Staaten und den WANA-Ländern hat sich seit dem offiziellen Ende des Krieges im Gazastreifen, auf den Sudan verlagert.  Ich glaube an die Solidarität der Menschen und bin davon überzeugt, dass Bürger:innen ihre Regierungen dazu bewegen können, sich für Frieden und Sicherheit einzusetzen. 

Die Welt war zutiefst besorgt über die Massaker in Gaza und diese globale Solidarität hat das Potenzial des öffentlichen Drucks auf die Politik gezeigt. Nun, da dort offiziell Waffenruhe herrscht, hoffe ich, dass sich diese Aufmerksamkeit endlich dem Sudan zuwenden wird.

Im regionalen Kontext zeigen der Gaza- und der Sudan-Krieg geopolitische Parallelen. Der Sudan gilt als strategisches Tor zu Westasien, das Israel sichern will – auch wegen seiner Häfen, Agrarflächen und des Nilwassers im Osten. Zudem soll der Sudan von einer Unterstützung Palästinas abgehalten werden. Die von den USA vorangetriebenen Normalisierungsbemühungen mit Israel sowie Treffen mit den Militärführern Hemedti und Burhan [General Abdal Fattah al-Burhan, Chef der SAF, Anm. d. Red. ] verdeutlichen das.

Wie sehen die Aussichten für den Frieden im Sudan aus?

Derzeit sehe ich keinen Frieden in naher Zukunft. Ich hoffe jedoch auf einen umfassenden Frieden, der die Ursachen der Konflikte angeht und zu einem zivilen Staat mit einer nationalen Verfassung für alle Bürger:innen führt. Ein Frieden, der die Entwicklung fördert, Ressourcen zum Wohl der Bevölkerung nutzt und internationale Beziehungen im Interesse des Sudan gestaltet.

Die vergangenen Regierungen haben Friedensverträge abgeschlossen, die die Täter oder Kriegsgeneräle ungestraft ließen und keine Konsequenzen hatten. Darunter war der sogenannte „gerechte Frieden”-Vertrag, der 2011 zur Abspaltung des Südens führte. Letztlich entstand dort eine Regierung, die noch unfähiger war als die im Nordsudan. Die Situation blieb unverändert: Korruption und Machtkonzentration waren weiterhin weit verbreitet. Reichtum und Macht dürfen nicht durch Waffen, Tötungen und die Bereicherung von Ministerien und Geld erreicht werden. 

Wir hoffen auf echten Frieden, einen Zivilstaat und eine neu organisierte nationale Armee, die den Staat schützt und dabei unpolitisch bleibt. Letztendlich muss der Frieden über Kriege hinaus bestehen. Ich hoffe, dass die Spaltung Sudans vermieden werden kann, damit sein Volk einen Staat aufbauen kann, der den Vorstellungen des revolutionären Volk Sudans entspricht.

Derzeit lebst du in Deutschland. Wie können wir als deutsche oder europäische Linke Solidarität mit dem sudanesischen Volk zeigen?

Wir Sudanes:innen brauchen die Solidarität der deutschen Bevölkerung. Die Linke kann das öffentliche Bewusstsein für die Lage im Sudan schärfen und Druck auf ihr Parlament ausüben, damit die deutsche Regierung die VAE nicht länger unterstützt und keine Waffen mehr an die RSF geliefert werden. Obwohl die VAE nur über begrenzte militärische Kapazitäten verfügen, sind sie einer der größten Waffenimporteure, und ein Großteil der importierten Waffen wird im Sudan eingesetzt.
Da Kriege oftmals dem wirtschaftlichen Profit dienen, ist es ebenfalls unerlässlich, Druck auf die Investitionen der Emirate in Deutschland auszuüben. Dies sind Mittel um Stabilität im Sudan und die Sicherheit seiner Bürger:innen zu erreichen.

 

 

 

 

Alexander Waiblinger studiert Sozial-und Kulturanthropologie mit einem Fokus auf arabisch-sprachige Regionen in Sub-Sahara Afrika (an der Universität Leipzig). Er interessiert sich für Themenfelder wie postkoloniale Theorie, Politische Ökologie und Protestbewegungen.
Redigiert von Regina Gennrich, Filiz Yildirim
Übersetzt von Regina Gennrich