Israels Anerkennung Somalilands hat Schlagzeilen gemacht, denn die Region ist geopolitisch im Fokus. Welche internationalen Akteure sich militärischen und wirtschaftlichen Einfluss sichern, erklärt Professor Markus Höhne im Interview.
Markus, zuletzt war Somaliland im vergangenen Dezember wegen seiner formellen Anerkennung durch Israel in den Nachrichten. Nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands 1991 ist Israel der weltweit erste Staat, der diesen Schritt geht. Wie ordnest du diese diplomatische Anerkennung und ihre Rolle für die Region ein?
Der offizielle Grund, der zumeist für Israels Anerkennung von Somaliland genannt wird, ist die Bekämpfung der Huthis im Jemen. Somaliland liegt direkt gegenüber vom südlichen Jemen am Golf von Aden. Eine Militärbasis in der Nähe von Berbera an der somaliländische Küste wäre aus israelischer Sicht ein guter Ausgangspunkt für Attacken auf die Huthis. So könnte man die „Feinde Israels“ auf der arabischen Halbinsel nicht nur von Israel aus kontrollieren, sondern eben auch vom Horn von Afrika.
Zugleich spielt die wirtschaftliche Komponente eine Rolle. Israel würde durch eine strategische Zusammenarbeit mit Somaliland Einfluss auf die wichtigste Schiffshandelsroute der Welt gewinnen. Durch die Route von Asien, am Horn von Afrika vorbei, durchs Rote Meer und den Suezkanal ins Mittelmeer, verlaufen über 50 Prozent des globalen Welthandels.
Ein weiterer, nicht unerheblicher Grund ist die innenpolitisch umstrittene Rolle Benjamin Netanyahus in der israelischen Gesellschaft. Viele sehen die Anerkennung Somalilands als Teil einer Ablenkungsstrategie. Netanyahus Einflussnahme am Horn von Afrika kann als Teil der Geopolitik eines Großisrael-Projekts gewertet werden. Als Teil einer solchen hat Israel im Zuge des Gaza-Krieges bereits andere militärische und politische Interventionen vorangetrieben: Es hat im Libanon die Hisbollah enthauptet, sich seitdem die HTS Damaskus eingenommen hat in Syrien über die Golanhöhen weiter ausgebreitet und die militärische Infrastruktur des ehemaligen Assad-Regimes zerstört. Dahinter steht die Vision Netanyahus und seiner Regierung, Israel durch militärische und wirtschaftliche Dominanz zum Hegemonialstaat im Mittleren Osten zu machen und gleichzeitig neue ökonomische Ressourcen zu erschließen.
Bis jetzt ist eine weitere Anerkennung Somalilands nicht erfolgt, obwohl es weitere Länder gab, bei denen vermutet wurde, dass sie diese vorantreiben könnten. Welche Länder waren das?
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind einer der wichtigsten strategischen Akteure zwischen Israel, den Golfstaaten und dem Horn von Afrika, von dem vermutet wurde, dass es ebenfalls die somaliländische Unabhängigkeit anerkennen könnte. Die VAE managen bereits eine Vielzahl von Häfen am Golf von Aden und dem Roten Meer und sind politisch und ökonomisch tief in der Region involviert. In Somaliland wird ihre geopolitische Taktik, basierend auf einer Mischung aus Investitionen und militärischer Einflussnahme, besonders im Fall des Hafens von Berbera klar. Die VAE haben 2015 zugesagt, den Hafen, welcher auch für Äthiopien als Binnenstaat sehr wichtig ist, für 450 Millionen Dollar zu renovieren. Im Gegenzug dürfen sie große Teile des Einkommens aus dem Hafen für eine bestimmte Anzahl von Jahren behalten.
Auch für Äthiopien ist das Rote Meer eine Lebensader. Als Binnenstaat ist das Land darauf angewiesen, seinen Import und Export über Anrainerstaaten abzuwickeln – entweder Eritrea, Djibouti oder eben Somaliland. Äthiopien hat lange mit Dschibuti zusammengearbeitet und tut es nach wie vor. Allerdings haben sie sich, um ihre Zugänge zu Häfen zu diversifizieren, in den letzten 15 Jahren auch intensiv mit Somaliland eingelassen.
Besonders die VAE spielen also eine zentrale Rolle am Horn von Afrika?
Genau, sowohl innerhalb von Somalia als auch in der Zusammenarbeit zwischen Somaliland und Äthiopien. Die VAE haben sich vielerorts als Hauptfinanzier eingeschaltet und arbeiten eng mit verschiedenen Gruppierungen am Horn von Afrika zusammen. An wirtschaftliche Projekte ist oft auch militärische Zusammenarbeit geknüpft. Dies lässt sich auch im Nordosten Somalias – in Bosaso, dem größten Hafen der semi-autonomen Region Puntland – beobachten, wo die VAE neben dem Management des Hafens auch an der Finanzierung und Ausbildung der sogenannten „Puntland Maritime Police Force“ beteiligt sind. Besonders in Puntland sind die VAE zudem intensiv in die Bekämpfung des Islamischen Staates involviert, welcher sich seit einigen Jahren in den schwer zugänglichen Bergregionen östlich von Bosaso festgesetzt hat.
Die Militärpräsenz spielt auch für den Sudankrieg eine zentrale Rolle.
Bis vor Kurzem haben die Emiratis den Flughafen von Bosaso im Nordosten Somalias benutzt, um Waffenlieferungen per Flugzeug in den Sudan zu schicken, wo sie seit Kriegsbeginn 2023 die Rapid Support Forces (RSF) unterstützen. Saudi-Arabien und Ägypten unterstützen zeitgleich die sudanesische Armee. Die VAE ist auch an dem Bau einer Militärbasis im Westen Äthiopiens beteiligt – in einem Gebiet, das an den Sudan und den Südsudan grenzt. Von hier aus dringt die RSF in Kooperation mit lokalen Milizen in die sudanesische Blue Nile Province vor. Es besteht somit eine direkte Verbindung zwischen dem Horn von Afrika über die VAE und dem Krieg im Sudan.

Auch die Türkei spielt seit einigen Jahren eine entscheidende Rolle in Somalia. Wie sieht diese aus?
Die Türkei fokussiert Somalia seit 2011. Zunächst waren die Bestrebungen diplomatisch, dann auch wirtschaftlich und militärisch. So haben sie durch ihr wirtschaftliches Engagement in Teilen des Landes die Emiratis teilweise verdrängt. Das zeigt sich besonders am Hafen von Mogadischu. In den letzten Jahren hat die Türkei unter Erdoğan, wie zuvor bereits die USA und VAE, zunehmend begonnen, Spezialeinheiten der somalischen Armee zu trainieren und auszurüsten. Diese kommen vor allem gegen die islamistische Miliz Al-Shabaab zum Einsatz, die große Teile Süd-Somalias kontrolliert und mit al-Qaida in Verbindung steht.
Die Motivation dahinter ist ähnlich der Israels, das nach einer Hegemonialposition in der Region strebt. Die Türkei möchte eine Art neoosmanisches Reich aufbauen. Erdogan will sich global relevant machen und hat erkannt, dass Somalia dafür ein guter Ausgangspunkt ist. Die Einflussnahme dort bedeutet ein überschaubares finanzielles Risiko mit verhältnismäßig großem geopolitischem und wirtschaftlichem Gewinn.
Einen weiteren relevanten Akteur haben wir bisher noch nicht angesprochen. Was ist die Rolle der USA in Somalia und wie steht die Trump-Regierung der aktuellen Anerkennung Somalilands gegenüber?
Die USA haben seit den frühen 1990er Jahren eine lange Geschichte militärischer Interventionen in Somalia: erst im Rahmen sogenannter „humanitärer Interventionen“, dann ab 2001 im Krieg gegen den Terror. Unter Donald Trump ziehen sich die USA immer weiter aus Somalia zurück und überlassen das Feld ihrem NATO-Partner, der Türkei. Sie haben wenig Interesse daran, sich weiterhin im Kampf gegen regionale islamistische Gruppierungen, wie Al-Shabaab, zu engagieren. Der Türkei wird langsam klar, wie viel militärischen Aufwand sie betreiben müsste, um den fragmentierten Süden Somalias tatsächlich nachhaltig zu kontrollieren. Zudem soll die größtenteils UN-finanzierte Peacekeeping-Mission der Afrikanischen Union in Somalia (AUSSOM) bereits Ende 2026 auslaufen und droht aufgrund finanzieller Unstimmigkeiten zu scheitern.
Somaliland und Somalia stehen somit heute nach wie vor im Zentrum einer volatilen und konfliktbeladenen Region, deren politische Dynamiken auf Grund ihrer geopolitischen und strategischen Relevanz seit mehreren Jahrzehnten von der Einflussnahme externer Akteure geprägt sind. Aktuelle Entwicklungen wie der Ausbau des Flughafens von Berbera durch die VAE illustrieren dabei Veränderungen in der Konstellation von ausländischen Akteuren, deren genauer Einfluss auf die Unabhängigkeit Somalilands bis jetzt jedoch unklar bleibt.
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