07.05.2026
Gedenken an Adel Tartir: Pionier des palästinensischen Theaters
Adel Tartir unter einem Baum am Zeitung lesen. Foto: www.adeltartir.com
Adel Tartir unter einem Baum am Zeitung lesen. Foto: www.adeltartir.com

In diesem Nachruf ehrt der Sohn des Schauspielers und Theatermachers Adel Tartir dessen Glauben an die befreiende Kraft des Theaters – ein Vermächtnis, das über seinen Tod hinaus wirkt.  

Mit seinem Tod am 10. Juli 2025 hinterließ der Künstler, Geschichtenerzähler und Hüter der Sanduk El-Adschab (dt.: Wunderbox), Adel Tartir, ein historisches Theatervermächtnis, das es zu bewahren und zu würdigen gilt. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang widmete er sein Leben dem Theater und legte damit den Grundstein für die zeitgenössische palästinensische Theaterbewegung. Vom Al-Sakifa-Theater über die Balaleen-Truppe bis hin zum späteren Sanduk El-Adschab-Theater: Tartir war davon überzeugt, dass authentisches Theater – aus dem Leben der Menschen kommend und zu ihnen gehörend – eine mobilisierende, bildende und befreiende Rolle innehat. Er verstand Theater als fortwährendes kreatives und widerständiges Engagement. Immer wieder betonte er: „Wir leben Theater: Wenn wir atmen, wenn wir gehen, wenn wir tanzen, wenn wir schlafen.“  

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen selbst in den Vordergrund zu rücken. Ich schreibe als sein ältester Sohn, Freund und Kollege. Und ich blicke zurück auf vierzig Jahre voller Herzlichkeit, Leidenschaft, Liebe zum Theater, Hoffnung, Entschlossenheit, kreativer Auseinandersetzung und geteiltem Stolz.  

Ein Lebenswerk im Dienste der palästinensischen Kultur 

Im Jahr 1980 schrieb, inszenierte und spielte Adel Tartir das erste palästinensische Monodrama Ras Ros (dt.: Köpfe). Im Mittelpunkt des Stücks stand ein Müllmann, gespielt von ihm selbst, der auf der Bühne verschiedene Charaktere verkörperte. Sie repräsentierten die unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft. Der Müllmann widmete sich der Erziehung eines Kindes und vermittelte ihm, im Gegensatz zu all den gespielten Charakteren, ideale Eigenschaften, von denen er hoffte, dass sie Revolution, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle herbeiführen könnten. 

Das Monodrama Ras Ros (1980). Foto: www.adeltartir.com

Er schuf damit eine einzigartige Theaterschule, die Ras Ros zu einem der wichtigsten Klassiker des palästinensischen Theaters machte. Zu seinen weiteren Stücken gehören al-Atama (dt.: Dunkelheit) und Lamma Injannina (dt.: Als wir verrückt wurden), gefolgt von al-Ama wal-Atrash (dt.: Der Blinde und der Taube), al-Qubba wan-Nabi (dt.: Der Hut und der Prophet) und vielen anderen. Leid verwandelte er in Kreativität; aus Schmerz brachte er Hoffnung hervor. 

Darüber hinaus war er ein Pionier des Kindertheaters. Er schuf die Figur Abu Al-Adschab, die seiner neuen Theaterschule ihren Namen gab. Über drei Jahrzehnte entwarf, produzierte und entwickelte er zwölf Sanduk El-Adschabs in unterschiedlichen Größen, Formen und mit verschiedenen Mechanismen, um die palästinensische Geschichte zu erzählen und zu zelebrieren. Die Sanduk El-Adschabs sind komplexe Vorrichtungen, die in der Region bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts für das Geschichtenerzählen verwendet werden. Indem er sich diese Geräte zu eigen machte, fungierte er als Hüter der palästinensischen Erzähltradition und des Kulturerbes. 

Adel Tartir und die  Sanduk El-Adschab (dt. Wunderboxen). Foto: www.adeltartir.com

Erinnerungen an einen zutiefst menschlichen Künstler  

Beginnen wir mit seinem Herzen. Ein Herz, das von zahlreichen Gefäßprothesen, Herzrhythmusstörungen und undichten Herzklappen gezeichnet war. Ein berühmter Arzt setzte ihm einst versehentlich eine Gefäßprpthese ein, die sich nie öffnete. Dadurch wurde seine Ramus-Arterie zu einem häufigen Gesprächsthema. Trotz alledem waren die Wärme und die Liebe seines Herzens seine schönsten Eigenschaften – die er sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen zum Ausdruck brachte. 

Seine Stimme war eine Melodie. Sein Haar und sein Schnurrbart erzählten eine Geschichte. Sein rundlicher Bauch war sowohl der Ort für die täglichen Insulininjektionen als auch ein spielerisches Angriffsziel für seine Enkelkinder. Siebzehn Jahre lang spritzte er sich über 1.231 Dosen Insulin, was ihn über 104.635 Schekel – etwa 31.000 US-Dollar – kostete. Er bewahrte jede gebrauchte Nadel in einer Holzkiste auf, um sie für eine letzte Performance nutzen zu können. Er war wahrlich ein brillanter Geist.  

Eine formale Schulausbildung hat er nie abgeschlossen, doch er war eine Schule in sich selbst. Auch ohne ein Theaterstudium gründete er mehrere Theaterschulen. Auch seine private literarische Sammlung beeindruckte mich zutiefst: Sie reichte von Kafka über Sadallah Wannous und Abdel Latif Akel bis hin zu Sharif Kananeh und darüber hinaus – vom Theater des Maghreb bis zu den Golfstaaten, vom lateinamerikanischen zum europäischen Theater. Diese Theaterbibliothek, die sich mir nach seinem Tod offenbarte, ließ mich seine Augen noch mehr lieben, die so viel Schönes gesehen hatten.  

Ein großer Verlust für die Gemeinschaft  

 Adel Tartir wurde im August 1951 in dem Dorf Rafat zwischen Jerusalem und Ramallah geboren. Seine Familie stammt ursprünglich aus al-Lydd, von wo sie jedoch während der ethnischen Säuberungen im Zuge der Nakba 1948 vertrieben wurde. 

Als ich nach seinem Tod die Straßen von Ramallah entlanglief, fragte ich mich unweigerlich: War all dies eine zermürbende Probe für deinen krönenden Auftritt, mein Vater?  

Abu Dawoud wartet immer noch darauf, dir deine Tageszeitungen zu verkaufen. Apothekerin Rola hält immer noch deine Medikamente bereit. Hanna, der Gemüsehändler, verkauft immer noch deine Tomaten, Gurken und den lokalen Kürbis. Zaybaq führt immer noch dein Zaatar und Sesam. El-Haj und deine Verwandten warten immer noch in der Tischlerei. Abu Alaa wartet immer noch jeden Freitag mit dem Fisch. Fotograf Sami wartet immer noch auf eure gemeinsame Pause. Bäcker Sameeh und die Kinder aus der Nachbarschaft stehen immer noch bereit um: „Abu Al-Adschab ist da!“ zu rufen. Der Straßenkehrer wartet immer noch auf dein tägliches „Gott segne deine Hände, Ahmad“. Abu Mohammed erwartet immer noch, dass du nach seiner Familie in Gaza fragst. Die Intellektuellen im Café Al-Insherah warten immer noch auf deine Grüße. Und wir warten noch immer auf dich in deinem schönen kleinen Zuhause, um die täglichen Rituale mit dir zu teilen.  

Sein Vermächtnis lebt weiter  

Heute stelle ich mir vor, wie er die Figuren von Ras Ros begrüßt, nach seinen Sanduk El-Adschabs sieht und einem Kind ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich sehe ihn vor mir, wie er seine Theaterkolleg:innen leidenschaftlich zur Einheit aufruft und sich für ein Nationaltheater mit einer aktiven Gewerkschaft einsetzt.  

In meiner Erinnerung hört er Kindern mehr zu als den Erwachsenen: Er spricht mit einem kleinen Mädchen in einem Dorf nahe Hebron, einem Jungen im Flüchtlingslager Jalazone oder erzählt Geschichten in Nazareth. Ich sehe ihn noch immer auftreten, Vorträge halten und Geschichten erzählen: In Amman, Bagdad und Tunis. Ich sehe, wie er damit Geschichtenerzähler:innen aus Khartum, Algier und Kuwait inspiriert. Ich sehe all das und noch viel mehr und ich verehre ihn dafür.  

Wie immer war er uns in seiner Weitsicht voraus – wie Naji al-Alis Handala-Zeichnung, die einem Morgen entgegenblickt, der erst noch anbrechen muss. War es Zufall, dass Naji al-Alis Plakat seine Werkstatt schmückte und dass er Handala neben Abu Al-Adschab ins Eichenholz schnitzte?  

Er bereitete sich auf seinen Abschied vor und inszenierte seine letzte Aufführung: Er verabschiedete sich von Freund:innen, machte seinen üblichen Spaziergang, pflanzte eine Weinrebe vor seiner Tür, holte seine Sanduk El-Adschabs für eine Ausstellung hervor, kaufte meiner Mutter ein ganzes Kilo Sesam, den sie so liebt. Er träumte davon, in seine Stadt al-Lydd zurückzukehren, und sang: „Ich schwöre dir, meine Heimat, wenn wir so zurückkehren, wie wir waren, werde ich dich bepflanzen und dich mit Datteln und Henna schmücken, oh mein Vater.“  

Adel Tartir ging in der Gewissheit, dass sein Vermächtnis in guten Händen ist, und verließ uns mit einem Lächeln. Er schloss friedlich die Augen.  Und als ich neben ihm lag, seine geliebte Hand hielt und seine breite Stirn küsste, flüsterte er mir zu: „Vergiss nicht, mein Sohn, unser Leben ist Theater, und Theater ist unser Leben.“  

Adel Tartir war nicht nur mein Vater, er war auch der Vater des palästinensischen Theaters.  

 

Die ungekürzte Originalversion dieses Textes erschien in Majallat al-Dirasat al-Filastiniyya auf Arabisch, und in englischer Übersetzung auf dem Blog des Institute of Palestine Studies. Dis:orient veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Autors eine bearbeitete und übersetzte Fassung.  

 

 

 

 

 

Alaa Tartir ist Sohn des palästinensischen Theaterkünstlers Adel Tartir, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Dozent, Programmberater bei Al-Shabaka: The Palestinian Policy Network und Co-Vorsitzender des Kuratoriums der Arab Reform Initiative. Weitere Veröffentlichungen von Tartir sind unter www.alaatartir.com verfügbar. Er ist unter anderem Autor des...
Redigiert von Regina Gennrich
Übersetzt von Martje Abelmann