24.06.2026
Ein Strand für alle? Soziale Teilhabe im Oman
Sonnenuntergang am Atheiba Strand. Foto: Martje Abelmann
Sonnenuntergang am Atheiba Strand. Foto: Martje Abelmann

Maskats öffentliche Strände bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Gleichzeitig spiegeln sie die sozialen Hierarchien und Ungleichheiten wider, die den Alltag im Oman prägen.

Das Sultanat Oman, an der Südostküste der Arabischen Halbinsel gelegen, zeichnet sich neben grünen Berglandschaften und weiten Wüstenflächen durch seine 3.200 Kilometer lange Küstenlinien aus. Die hier entstandenen Strände sind Orte für soziale Freiheiten geworden, die ein kleines Fenster in die omanische Gesellschaft eröffnen. Während zahlreicher Strandbesuche sprachen wir mit verschiedenen Menschen über die Bedeutung der öffentlichen Strände.

„Ein Ort zum Durchatmen”

Besucher:innen des zentral gelegenen Atheiba-Strandes in Omans Hauptstadt werden von einer großzügig angelegten Promenade empfangen. Mit einem gehobenen Café, das vor allem eine wohlhabende und häufig auch touristische Klientel anspricht, sowie einem Park mit Spielgeräten für Kinder zieht sie Menschen unterschiedlichster Hinter-gründe an. Im Zentrum erstreckt sich ein gepflasterter Pier, dessen Sitzgelegenheiten zum Verweilen und Beobachten des Küstengeschehens einladen. Besonders in den Abendstunden rund um den Sonnenuntergang, wenn die Temperaturen nachlassen und eine leichte Brise für Erfrischung sorgt, füllt sich die Promenade zunehmend. Auch an den Wochenenden steigt die Zahl der Besucher:innen deutlich an.

Der Pier am Atheiba Strand. Foto: Ruweida Aljabali

Die meisten Besucher:innen erreichen den Strand mit dem Auto. Besonders vor dem Hintergrund, dass das Auto das geläufigste Fortbewegungsmittel im Oman ist, verstehen die Menschen dies als einen der Vorteile des weitläufigen Sandstrandes. Oft bringen sie ihre Campingausrüstung mit, zum Beispiel Klappstühle, Gaskocher zum Teekochen oder Grills. Im Laufe unserer ausgiebigen Besuche am Atheiba-Strand haben wir die informellen Räume, die dadurch geschaffen werden, als „öffentliche Wohnzimmer“ bezeichnet. Andere Besucher:innen mieten möblierte Sitzbereiche an, die von zeltartigen Konstruktionen umgeben sind. Eine omanische Frau, die mit ihrer Familie den Strand besuchte, erklärte: „Das Zelt dient als Sutrah (dt.: Sichtschutz) für unsere Privatsphäre. So kann man bequem sitzen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass man von anderen Leuten beobachtet wird. Man kann sich entspannen, das Meer betrachten und hat seinen eigenen Raum.“

Ein Wohnzimmer am Strand. Foto: Martje Abelmann”

Während einige Besucher:innen am Strand Sport treiben, Jetski fahren oder in Gruppen Fußball spielen, nutzen andere die Zeit für Erholung. Unabhängig von ihren jeweiligen Aktivitäten wird der Strand von vielen Menschen als Ort der Entspannung beschrieben. Ein omanischer und ein palästinensischer Besucher bezeichneten ihn als „Ort zum Durchatmen“. Eine indische Anwohnerin, die Strandbesuche als ein Ritual in ihren Alltag integriert hat, erklärte: „Es ist mein Ort der Privatsphäre und der Konzentration. Wenn ich glücklich bin, komme ich mit Freunden hierher, um zu sitzen und zu reden. Und wenn ich schlecht gelaunt oder traurig bin, komme ich allein hierher.“

Atheiba: Ein Ort für alle?

Besonders im städtischen Raum sind Orte, die Menschen nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres sozioökonomischen Status oder ihres Geschlechts ausschließen, rar. Viele öffentliche Orte setzen zudem Konsum voraus, beispielsweise die beliebten Malls oder zahlreichen Cafès. Nicht alle können sich das leisten. Mehrere Strandbesucher:innen betonten, dass der öffentliche Strand eine Ausnahme darstelle. Ein junger Omani erklärte: „Vielfalt steckt in uns. Sie ist Teil von uns – in unseren Häusern, auf den Straßen oder an unseren Arbeitsplätzen.“ Auch eine andere Person ergänzte: „Oman ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Hier trifft man alle – es ist ein Ort, an dem sich jeder frei fühlen kann.“ Ein Geschäftsinhaber am Strand hob zudem die wirtschaftliche Dimension hervor: „Der öffentliche Strand ist inklusiv – hier sitzen Reiche, Arme und die Mittelschicht alle zusammen. Er gehört allen.“

Die Antworten von Menschen ohne omanische Staatsbürgerschaft fielen ähnlich aus. Eine Ägypterin betonte: „Alt und Jung, verschiedene Kulturen und Nationalitäten – wenn man am Eid oder am Wochenende hierherkommt, trifft man alle. Es gibt keine Unterschiede.“ Auf die Frage, ob sie am Strand ein Gefühl von Zugehörigkeit verspüre, teilte die bereits erwähnte Frau aus Indien eine ähnliche Sichtweise: „Es fühlt sich jetzt wie zu Hause an. Als ich nach Oman zog, hatte ich nicht erwartet, einen öffentlichen Ort zu finden, der sich wie mein Heimatland anfühlt, aber jetzt ist es so. Ich würde ihn wirklich vermissen, wenn ich wegziehen würde.“

Lebendiges Treiben am Strand an einem Freitag. Foto: Martje Abelmann

Demographische Diversität und steigende Urbanisierung

Die Bevölkerungsstruktur Omans gilt als eine der ethnisch, sprachlich und religiös vielfältigsten im arabischen Golfraum. Unter den rund 5,6 Millionen Einwohner:innen gibt es Anhänger:innen des ibaditischen, schiitischen und sunnitischen Islam sowie Bahai- und Hindu-Gemeinschaften – um nur einige zu nennen. Diese Vielfalt ist auf die facettenreiche Geschichte Omans zurückzuführen. Das Land spielt seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle als Seemacht und Handelsknotenpunkt. Dementsprechend ist es von kolonialen Verflechtungen geprägt – sowohl als ehemalige Besatzungsmacht von Teilen Ostafrikas, beispielsweise Sansibar, aber auch als selbst besetztes Gebiet durch Portugal. Zudem stand es in der jüngeren Geschichte unter einem starken, informellen britischen Einfluss.

Im heutigen Oman ist die Gesellschaft außerdem von Arbeitsmigration geprägt. Das Land zieht unter anderem Menschen aus anderen arabischsprachigen Ländern, wie Ägypten, sowie aus südasiatischen Ländern wie Pakistan, Indien und Bangladesch an. Im Jahr 2023 machte diese Gruppe rund 1,7 Millionen der Einwohner:innen aus.

Die rasante wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der vergangenen 50 Jahre hat einen tiefgreifenden Urbanisierungsprozess im Oman angestoßen. Gleichzeitig setzt die nationale Entwicklungsstrategie „Oman Vision 2040“ auf die Diversifizierung der Wirtschaft und fördert gezielt Sektoren jenseits der Ölindustrie. Dazu zählen der Tourismus sowie die Gewinnung ausländischer Investitionen. Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge, dass zunehmend Teile der omanischen Küste privatisiert werden könnten. An einigen Orten zeichnet sich diese Entwicklung bereits ab, etwa durch den Bau exklusiver Hotelanlagen. Noch bieten öffentliche Strände also eine kostenlose und potenziell inklusivere Alternative – aber gilt das wirklich für alle?

Am selben Ort, doch nicht zusammen

Die Erkenntnisse einer Professorin, die zu Aneignung öffentlichen Raums forscht, jedoch anonym bleiben möchte, liefern wertvolle Einblicke, die unsere Beobachtungen nuancieren. Auch sie hebt die zunehmende Kommerzialisierung der Küste hervor: Cafés, Restaurants und Hotels würden errichtet, um Investor:innen anzulocken und eine vermeintlich moderne Uferpromenade zu schaffen. In diesem Zusammenhang identifiziert sie den öffentlichen Strand ebenfalls als einen der wenigen Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen können. Jedoch schränkt sie ein: „Nun, nicht wirklich zusammenkommen – denn sie verbringen keine Zeit miteinander. Aber sie verbringen Zeit im selben Raum.“

Die Parkanlage vor dem Sandstrand. Foto: Ruweida Aljabali

Sie kommt trotz Spannungen durch soziale Spaltung zu dem Schluss: „Öffentliche Strände sind für Arbeitsmigrant:innen sehr wichtig. Sie sind die letzten Orte, an denen sie ihre Freizeit genießen können, sich als Teil der Gesellschaft fühlen und am Alltag teilhaben.“

Ein inklusiver Ort in einem exklusiven System

Unsere Gespräche zeigen, dass öffentliche Strände eine wichtige Rolle für das soziale Miteinander spielen. Gleichzeitig darf dabei nicht übersehen werden, welche strukturellen Bedingungen das Leben von Arbeitsmigrant:innen im Oman prägen. Obwohl das Sultanat 2023 einige arbeitsrechtliche Reformen beschlossen hat – beispielsweise, dass Arbeitgeber:innen den Pass ihrer Angestellten nicht mehr einbehalten dürfen – gefährdet das Kafala-System ihre Rechte. Die konkrete Ausgestaltung dieses sieht in jedem Land anders aus. Jedoch liegt dem System immer die Kopplung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis von Migrant:innen an Firmen oder Einzelpersonen zugrunde. Diese Abhängigkeit macht sie besonders anfällig für Missbrauch und Ausbeutung und stellt in vielen Fällen eine Form von moderner Sklaverei dar.

Es ist daher wichtig zu betonen, dass öffentlich zugängliche Räume keine Patentlösung für eine gerechtere Gesellschaft sind. Doch wie das Beispiel des Atheiba Strandes zeigt, bleiben sie entscheidende Orte, an denen soziale Grenzen – zumindest temporär – aufgeweicht werden können. So kann ein neues Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit zu diesem Ort, so begrenzt sie auch sein mag, entstehen.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Forschung, ermöglicht durch das DAAD-Förderprogramm „Dialog mit der islamischen Welt“, entstanden.

 

 

 

 

 

 

 

Martje hat Kommunikationswissenschaft in Berlin und Jerusalem studiert und widmet sich aktuell ihrem Master in Sozial- und Kulturanthropologie. In ihrer Freizeit lernt sie Arabisch und ist politisch rund um feministische, antirassistische und international solidarische Themen aktiv.
Ruweida forscht seit über zehn Jahren zu Fluchtmigration, Stadtentwicklung und Umweltfragen. Sie hat Architektur in Jordanien sowie Technologie- und Ressourcenmanagement mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalmanagement in Deutschland studiert. Sie fokussiert sich auf Fragen sozialer Gerechtigkeit im urbanen Raum. Zudem engagiert sie sich politisch zu...
Redigiert von Henriette Raddatz, Nora Theisinger