Ägyptens Krieg im Jemen entlarvte die Widersprüche des Nasserismus: internationalistische Rhetorik traf auf den Anspruch regionaler Vorherrschaft.
Die Außenpolitik des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser wird heute vor allem mit der Suezkrise und der Feindschaft zu Israel in Verbindung gebracht. Dabei war es ein anderer, weitgehend vergessener Krieg in der Peripherie der arabischen Halbinsel, der die Widersprüche des Nasserismus deutlicher als jeder andere Konflikt zutage treten ließ und entscheidend zu dessen Ende beitrug.
Bis Mitte der 1970er-Jahre spielte Ägypten eine prominente Rolle in der Weltpolitik. Angeführt von Präsident Nasser lag das Land im Spannungsfeld mehrerer Konfliktlinien: des arabisch-israelischen Konflikts, innerarabischer Rivalitäten sowie der Dekolonialisierung und nicht zuletzt des Kalten Kriegs.
Nasser, der erste einheimische Herrscher am Nil seit der Antike, war der Übervater Ägyptens, das er als zentralistische Republik und de facto Diktator regierte. Nassers politisches Projekt war komplex: Es verband antikolonialen arabischen Nationalismus mit Staatskapitalismus, Sozialstaat, Massenmobilisierung, der Vereinnahmung und Schwächung radikaler Bewegungen sowie dem Militär als wichtigster Machtbasis.
Bürgerkrieg im Nordjemen
Anfang der 1960er war der Jemen geteilt. Die südliche Hafenstadt Aden und der gesamte Osten wurden von Großbritannien kontrolliert. Der Nordwesten hingegen, mit der Hauptstadt Sanaa, war ein isoliertes, verarmtes und strengreligiöses Königreich unter der Herrschaft von König und Imam Muhammad al-Badr, dessen 4,5 Millionen Untertan:innen größtenteils in Stämmen organisiert waren.

Beeindruckt von Nassers Ägypten, radikalisierten sich jedoch alsbald die jungen Armeeoffiziere des Königreichs. Im September 1962 stürzten sie al-Badr und riefen die Jemenitische Arabische Republik (JAR) aus.
Es entbrannte ein jahrelanger Bürgerkrieg, der bis zu 200.000 Menschen das Leben gekostet haben könnte. Nasser unterstützte die JAR mit zeitweise bis zu 70.000 Soldaten, während Saudi-Arabien, Großbritannien, Israel und die regionalen Königshäuser die royalistischen Kräfte des in die Berge geflohenen Imams unterstützten.
„Kairo kann nicht innerhalb seiner Stadtmauern verteidigt werden“
Bis heute ist unklar, welche Rolle Nasser bei dem Coup spielte. Offiziell erklärte Kairo, überrascht worden zu sein und erst auf Einladung der JAR militärisch eingegriffen zu haben. Nassers Entscheidung für die anschließende Intervention wurde dabei durch gravierende Fehleinschätzungen begünstigt.
In Kairo wusste man nur sehr wenig über den Jemen, wodurch die soziale Verankerung des Imams unterschätzt und die Zustimmung für die neue Republik überschätzt wurde. Aufgrund seiner Weltanschauung verfiel Nasser dem Irrglauben, ein Putsch gegen eine als vormodern, korrupt und tyrannisch empfundene Monarchie müsse auf breite Zustimmung stoßen.

Geopolitisch sah sich Nasser derweil in Bedrängnis. Denn erst im Jahr zuvor hatte sich Damaskus aus der ägyptisch-syrischen Staatenunion gelöst. Auch wirtschaftliche Stagnation, Turbulenzen in der Führungsriege und die Erzfeindschaft mit London setzten ihn unter Druck. In der Nilrepublik wuchs daher das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, und mit ihm die existenzielle Sorge um die eigene „arabische Revolution“.
Auf dem Papier bot das Eingreifen in Jemen einige strategische Vorteile: Ägypten könnte an die Grenzen seiner Intimfeinde Saudi-Arabien und Großbritannien heranrücken und diese militärisch sowie durch die Unterstützung von lokalen Nationalisten herausfordern. „Kairo kann nicht innerhalb seiner Stadtmauern verteidigt werden“, wie Nasser es bildlich formulierte. Zugleich könnte Kairo beide Zugänge des Roten Meeres kontrollieren und damit Israels südliche und östliche Seewege abschneiden.
Jemenitischer Treibsand
Durch die Intervention warf Nasser Kairos Image als progressive Führungsmacht der arabischen Welt in die Waagschale. Als angeschlagene Gallionsfigur des arabischen Nationalismus konnte er es sich kaum leisten, die junge Republik in Sanaa, die sich explizit auf ihn berief, ihrem fast sicheren Zusammenbruch zu überlassen.
Was mit einer einzigen ägyptischen Spezialeinheit begann, führte rasch zur Stationierung von zehntausenden Truppen. Die unerwartete Widerstandsfähigkeit der royalistischen Stämme sowie die Schwäche der JAR verlangten indes nach ständigen Verstärkungen vom Nil. Zudem versuchte Kairo mit großem Aufwand, Nationenbildung zu betreiben, und entsandte dafür zahlreiches administratives, pädagogisches und medizinisches Personal.

Doch die Intervention trug nicht wie erhofft dazu bei, die Opposition zur JAR im Keim zu ersticken. Vielmehr wurden die regionalen Rivalitäten befeuert, Nassers Feinde zusammengeschweißt. Der Bürgerkrieg eskalierte und internationalisierte sich. Nasser unterschätzte besonders Saudi-Arabien, das als schwach und politisch illegitim betrachtet wurde, und dessen Fähigkeit, mit enormer Geldaufwendung den Widerstand des Imams aufrechtzuerhalten.
Da die royalistische Seite erfolgreich auf Guerillataktiken zurückgriff, konnte Ägypten, ausgestattet mit modernen sowjetischen Waffen, seine materielle Überlegenheit kaum ausspielen. In den folgenden Jahren mutierte die Intervention für Kairo so zu einem Treibsand, der Menschen, Material und ökonomische Ressourcen verschlang.
Kolonialisierung, Kollektivstrafen und Chemiewaffen
Die JAR-Führung wurde unterdessen zur Nebendarstellerin degradiert. Selbst Nassers antiimperialistische Rhetorik konnte kaum noch verbergen, dass Kairo den Nordjemen nicht in eine aufgeklärte arabische Republik, sondern faktisch in eine ägyptische Kolonie verwandelt hatte, die geprägt war von Korruption, Überlegenheitsdenken und rücksichtsloser Gewalt gegen Freund wie Feind. Nach dem ägyptischen Abzug 1967 blieb die JAR mit leeren Goldreserven, zerstörter Infrastruktur, hohen Auslandsschulden und einer drohenden Hungersnot zurück.
Der schmutzigste Aspekt der Intervention war aber die Kriegsführung gegenüber den Stämmen. So zerstörten ägyptische Truppen in Kollektivbestrafungen die Lebensgrundlagen selbst jener Stämme, die nur im Verdacht standen, den Imam zu unterstützen. Ganze Landstriche wurden dadurch entvölkert – Dörfer, Brunnen und Farmen lagen in Trümmern und Viehbestände waren vernichtet.

Vom Kriegsverlauf frustriert, griff Ägypten zudem immer häufiger zu chemischen Waffen. In verheerenden Luftangriffen wurden Phosgen-, Reiz- und Senfgas eingesetzt, um feindliche oder unentschlossene Stämme auf die eigene Seite zu zwingen. Wenig überraschend erwies sich das als kontraproduktiv: Viele Stämme stellten sich allein aus Hass auf Ägypten hinter den Imam, während die JAR weiter an Legitimität verlor und ihre Führung sich, schockiert von der Kriegsführung, zunehmend von Kairo entfremdete.
Der Ruf der Heimatfront
1967 erlitt Nasser seine entscheidende Niederlage, die das Jemenabenteuer abrupt beendete. Der Sechstagekrieg mit Israel traf Kairos Streitkräfte unvorbereitet. Plötzlich fanden sie sich an zwei Fronten wieder: im Sinai und im Jemen. Fünf Jahre Aufstandsbekämpfung im Jemen hatten Ägyptens Fähigkeit zum konventionellen Krieg erheblich geschwächt. Die jahrelange Gewöhnung an Lufthoheit, überlegene Feuerkraft und den Einsatz kleiner, mobiler Verbände erwies sich, konfrontiert mit der modernen israelischen Armee, als Nachteil.
Infolge der dramatischen Niederlage wurden alle Truppen aus Jemen abgezogen, die nun dringend zur Verteidigung der Heimatfront benötigt wurden. Im Dezember 1967 verließ das letzte Kontingent per Schiff das Land. Bis zu 26.000 ägyptische Soldaten waren im nordjemenitischen Bürgerkrieg gefallen oder verwundet worden. Während Ägypten den Sinai verloren hatte und die Armee am Boden lag, war die Lage der JAR nur wenig besser als noch 1962.
Die Grenzen ägyptischer Hegemonie
Ägyptens Jemenintervention erschwert es, Nassers Panarabismus als fortschrittlichen Internationalismus zu deuten. Vielmehr traten die inneren Widersprüche des Nasserismus offen zutage, vor allem die Ambivalenz zwischen progressiver internationalistischer Rhetorik und dem Streben nach regionaler Vorherrschaft.
Nasser, tief geprägt von seiner Zeit als Offizier im Palästinakrieg 1948/49, verstand seine Politik als moralischen Gegenentwurf zum kolonialistisch-imperialen Westen. Wer, wie Ägypten, selbst Opfer des westlichen Imperialismus war, so die implizite Logik, konnte keinen eigenen Kolonialismus betreiben. Doch obwohl er die globale Dominanz des Westens herausforderte, griff der Nasserismus wie selbstverständlich auf westliche Logiken zurück, etwa den Nationalstaat oder moderne Entwicklungsökonomie.
Zentral für Nassers arabischen Nationalismus war es, je nach Bedarf und Kontext, die ägyptische oder gesamtarabische Ebene in den Vordergrund zu stellen. Mit Blick auf den Jemenkrieg erklärte er: „Wir haben nicht für einen Moment gezögert, denn wir glauben, dass unsere Verantwortung nicht an unseren künstlichen Staatsgrenzen endet, sondern sich über die gesamte arabische Nation erstreckt.“
Dabei hatte schon die gescheiterte Union mit Syrien gezeigt, dass arabische Subidentitäten ausgeprägter waren, als Kairo es darstellte, und dass die ägyptische Hegemonie über die eigenen Staatsgrenzen hinaus keineswegs auf allgemeine Zustimmung stoßen würde. Eines der größten Hindernisse war indes selbstverschuldet: eine ägyptische Arroganz, die sich durch alle Beziehungen mit der übrigen arabischen Welt zog.
Narrative von Fortschritt und Sicherheit
Den Jemen behandelte Nasser nicht nur als außenpolitische Frage, sondern verortete ihn gedanklich in einem als gefährlich und umkämpft erachteten Raum zwischen Innen- und Außenpolitik – ein ägyptischer Hinterhof, in dem nationale Einheit und ideologische Glaubwürdigkeit ebenso zur Disposition standen wie internationales Prestige. „Wenn die arabische Revolution in Jemen geschlagen würde, wäre damit auch die eigentliche Revolution hierzulande besiegt“, so Nasser.
Die Intervention war zugleich ein Präventivkrieg im Namen des arabischen Nationalismus, ein Versuch des Revolutionsexports und ein Experimentierfeld für den ägyptischen Modernisierungseifer. Denn Kairo sah den Jemen als absolute Gegenthese zum eigenen Selbstverständnis als moderner postkolonialer Staat an und betrachtete seine Menschen als rückständige Einheimische, deren Leben dringend verbessert werden müsste.

Auf dieser Grundlage rechtfertigte Nasser die Quasi-Besatzung und verwischte unter panarabischen Bezügen pragmatisch die Unterschiede zwischen beiden Ländern. Ob gewollt oder nicht: Die Begründungen der Intervention – Antiimperialismus, Panarabismus oder Modernisierung – begünstigten direkt oder indirekt ägyptische Expansions- und Hegemonialansprüche. Das ägyptische Selbstverständnis als moderne und antiimperialistische Avantgarde der arabischen Welt ließ das Recht, jenseits der eigenen Grenzen Hegemonie auszuüben, logisch, wenn nicht gar notwendig erscheinen – selbst unter massiver Gewaltanwendung.
Ein weitreichendes Erbe
Der Nasserismus war eines der faszinierendsten Unterfangen des letzten Jahrhunderts, fußte er doch auf zahlreichen inhärenten Widersprüchen. Dazu gehörte die Übernahme imperialistisch geprägter Institutionen wie des Nationalstaats. Nicht nur in Ägypten, sondern auch in vielen anderen Ländern des Globalen Südens erwies sich der Nationalismus dabei als zweischneidiges Schwert: einerseits als Vehikel, um sich von westlicher Unterdrückung zu befreien, andererseits als Ausgangspunkt reaktionärer Logiken nach der Unabhängigkeit.
Dies spiegelte sich auch in Nassers ambitionierter Außenpolitik wider, die zwischen antiimperialistischer Überzeugung und pragmatischem Eigennutz oszillierte. Im ideologisch aufgeladenen Stellvertreterkrieg im Nordjemen wurde dieses Spannungsfeld auf verheerende Weise sichtbar.
Der Krieg zeigte Kairos hegemonialen Ambitionen die Grenzen auf, wurde zum willkommenen Einfallstor für Nassers Feinde, machte Ägypten unbewusst zu einem Erben des westlichen Imperialismus und trug so maßgeblich zum Niedergang des arabischen Nationalismus bei. „Wir hätten niemals gedacht, dass es zu dem wird, was es geworden ist“, so Nasser, der den Jemen nicht umsonst „mein Vietnam“ nannte.


















