30.09.2026
Erbils unsichtbare Arbeitskräfte
Wanderarbeiter aus Bangladesch in Ägypten (2011) Foto: [DFID – UK Department for International Development](Link zur Commons-Bildseite), „Patiently waiting for a flight home“, 2. März 2011, zugeschnitten, Lizenz: CC BY 2.0 (via Wikimedia Commons)
Wanderarbeiter aus Bangladesch in Ägypten (2011) Foto: [DFID – UK Department for International Development](Link zur Commons-Bildseite), „Patiently waiting for a flight home“, 2. März 2011, zugeschnitten, Lizenz: CC BY 2.0 (via Wikimedia Commons)

Hunderte Arbeitsmigrant:innen aus Bangladesch leben im irakischen Kurdistan. Weil Arbeitgeber:innen und Beschäftigte die offizielle Registrierung häufig umgehen, zahlen die Arbeiter:innen mit unsicheren Einkommen und fehlendem rechtlichem Schutz.

Von morgens bis abends durchstreift Mubarak, ein Arbeiter aus Bangladesch, die Straßen von Erbil im irakischen Kurdistan. Er ist auf der Suche nach Pappstücken, die vor Geschäften, Einkaufszentren und Müllcontainern herumliegen, um sie an Recyclingbetriebe zu verkaufen – seine wichtigste und zugleich einzige Einnahmequelle.  

Im September 2022 erließ der Ministerrat der Regionalregierung Kurdistans den Beschluss Nummer 172 zur Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte in der Region. Er sieht vor, dass mindestens 75 Prozent der Belegschaft aus lokalen Arbeitskräften bestehen müssen, ausländische Arbeitskräfte dürfen höchstens 25 Prozent ausmachen. 

Diese Entscheidung veranlasste die Inhaber:innen privater Unternehmen dazu, ausländischen Arbeitskräften keine offiziellen Arbeitsverträge auszustellen. So sollte die Anmeldung bei der Sozialversicherung vermieden werden. Infolgedessen fanden sich bangladeschische Arbeitskräfte außerhalb des offiziellen Systems wieder. 

Unterwegs auf eigene Rechnung 

Laut einem Bericht des Bangladesh Policy Laboratory aus dem Jahr 2026 arbeiten derzeit etwa 13 Millionen bangladeschische Migrant:innen im Ausland – in mehr als 160 Ländern. Damit ist Bangladesch einer der weltweit größten Exporteure von Arbeitskräften.  

Obwohl Bangladesch ein politisch stabiles Land ist, haben die Auswirkungen der Klimakrise und die politischen Entwicklungen in der Region erhebliche Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wohlergehen des Landes. Laut einem UNHCR-Bericht aus dem Jahr 2025 prägen die wirtschaftlichen und sozialen Belastungen durch die Aufnahme von mehr als einer Million Rohingya-Geflüchteter sowie die zunehmenden Naturkatastrophen infolge des Klimawandels maßgeblich, wie Bangladescher:innen leben und arbeiten. Diese Faktoren sind zugleich ein wesentlicher Grund, dass Bangladescher:innen auswandern.  

Mubarak, 39 Jahre alt, lebt mit zwölf Freund:innen – ebenfalls aus Bangladesch – zusammen. Sie teilen sich zwei Zimmer, eine Küche und ein Bad. Jede:r von ihnen zahlt monatlich rund 40 US-Dollar Miete, sie alle verdienen ihr Geld mit dem Sammeln von Pappstücken.  

„Als ich vor drei Jahren nach Erbil kam, habe ich bei einem privaten Unternehmen als Reinigungskraft gearbeitet. Der Inhaber weigerte sich jedoch, mit mir einen Jahresvertrag zu schließen und mich bei der Sozialversicherung anzumelden. Nach einigen Monaten forderte ich meinen Lohn ein, doch er sagte mir, ich müsse warten. Also begann ich, Pappe zu sammeln“, berichtet Mubarak gegenüber The Amargi.  

Er arbeitet etwa zwölf Stunden am Tag und sammelt zwischen 120 bis 150 Kilogramm Pappe, die er zu Recyclinganlagen bringt, die über den Stadtrand von Erbil verstreut sind. 

Er verkauft das Kilogramm für 117 Dinar – umgerechnet ungefähr 0,09 US-Dollar. „Sieben Kilogramm Pappe bringen rund 1.000 irakische Dinar. Das entspricht weniger als einem US-Dollar. Ich verdiene etwa 400 US-Dollar im Monat mit dem Verkauf von Pappe. Einen Teil davon sende ich an meine Familie in Bangladesch, und vom Rest lebe ich hier in Kurdistan“, sagt er.  

Selbstständig aus Mangel an Alternativen

Amin, ebenfalls aus Bangladesch, arbeitet als Gärtner und Reinigungskraft. Er fährt mit seinem Rad von Viertel zu Viertel, seine Arbeitsgeräte verstaut in einer Plastikbox auf dem Gepäckträger. 

„Als ich vor zehn Jahren in Erbil ankam, fiel mir auf, dass die meisten Wohnviertel aus Häusern mit je einem kleinen Garten bestanden. Diese Gärten mussten gesäubert, beschnitten und mit Blumen bepflanzt werden, also begann ich, freiberuflich in diesem Bereich zu arbeiten. Ich traf einen Freund aus Bangladesch, und wir fingen an, zusammenzuarbeiten und die Gewinne zu teilen“, sagt Amin.  

Amin kann sein genaues monatliches Einkommen nicht nennen, aber es reiche aus, um seiner Familie in Bangladesch etwas Geld zu schicken und seine Lebenshaltungskosten in Erbil zu decken. Er erklärt: „Ich habe versucht, eine feste Anstellung bei einem privaten Unternehmen zu finden, aber alle meine Bewerbungen wurden abgelehnt, weil es keine offenen Stellen für ausländische Arbeitskräfte gab.“ 

Musharraf, ein über fünfzigjähriger Kaffeeverkäufer in Erbil, ebenfalls aus Bangladesch, fährt mit seinem Fahrrad durch die Stadtviertel und verkauft verschiedene Sorten Kaffee, Tee und Heißgetränke.  

Jede Tasse Instantkaffee kostet 1.000 irakische Dinar, der Tee 500. Er verdient damit rund 10 US-Dollar pro Tag. Musharraf erklärt: „Ich habe letztes Jahr versucht, nach Bangladesch zurückzukehren, aber es gab kaum Arbeitsmöglichkeiten. Mein Zuhause in der Küstenstadt Chattogram habe ich durch Überschwemmungen verloren. Inzwischen lebe ich seit zehn Jahren in Erbil.“  

Was sagt die Regierung dazu?  

Aryan Ahmed, der Medienbeauftragte des Ministeriums für Soziales und Arbeit in Erbil, erklärt, das Ministerium handle gemäß Artikel 19 des Arbeitsgesetzes von 1987, der die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte regelt.  

Die dem Ministerium unterstellten Arbeitsämter sind verpflichtet, die Namen nicht-irakischer Arbeitskräfte nach Datum des Antragseingangs, in einem speziellen Register zu erfassen. Den Arbeitnehmer:innen wird dann eine „Arbeitskarte“ ausgestellt, die die persönlichen Daten der Person und die Tätigkeiten enthält, für die sie qualifiziert ist.   

Das Ministerium bringe die Arbeitskräfte anschließend mit jenen Unternehmen zusammen, die Arbeiter:innen suchen, erklärt Ahmed. Es betreibe außerdem Online-Plattformen mit Stellenangeboten, welche die Arbeitskräfte durchsuchen könnten. Die Bereitstellung dieser Arbeitsplätze liege laut ihm jedoch nicht im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums, es solle lediglich den Zugang erleichtern.  

„Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit wegen der begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten und der steigenden Zahl irakischer Arbeitssuchender, denen das Ministerium Vorrang gewährt, wird die Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte immer komplizierter. Zumal die meisten von ihnen weder Arbeitsämter aufsuchen noch sich registrieren lassen“, betont Ahmed.  

Er führt aus, dass es im Irak über eine Million ausländischer Arbeitskräfte gebe, von denen jedoch nur 71.000 offiziell bei der Sozialversicherung gemeldet seien. Die meisten von ihnen seien bei privaten Unternehmen angestellt oder würden als Tagelöhner:innen ohne formelle Verträge oder Garantien eingestellt.  

Laut Gesetz sind Arbeitgeber:innen dazu verpflichtet, ihre Beschäftigten bei der Sozialversicherung anzumelden und 12 Prozent der Löhne an die entsprechende Behörde abzuführen. Die Beschäftigten sind wiederum dafür verantwortlich fünf, Prozent ihrer Löhne an die Arbeitgeber:innen zu zahlen. Beide Seiten versuchen jedoch, sich dieser Pflicht zu entziehen. Laut Ahmed würden sie sich dadurch anfällig für Ausbeutung durch einen freien, unregulierten Markt machen. 

 

Dieser Text ist im Original auf Englisch am 09. September 2026 bei The Amargi erschienen. 

 

 

 

 

 

Suha Kamel ist syrische Journalistin. Sie arbeitet im Bereich digitale Medien und Investigativrecherche.
Redigiert von Martje Abelmann, Filiz Yildirim
Übersetzt von Martje Abelmann