Zum Finale der ersten Staffel des dis:orient-Podcasts „Geteilte Erinnerung – zwischen Palästina, Israel und Deutschland“ lud der Verein zu einer Abschlussveranstaltung vor Ort in Berlin ein.
Am Freitagabend, den 17. Juli 2026, kamen Podcast-Hörer:innen, dis:orient-Freund:innen, aktive Vereinsmitglieder und Interessierte in Berlin-Neukölln im Casino for Social Medicine zusammen. Gefeiert haben wir an diesem Abend die beinahe abgeschlossene erste Staffel des dis:orient-Podcasts „Geteilte Erinnerung - Zwischen Palästina, Israel und Deutschland“ mit mittlerweile neun Folgen.
Bei der Ankunft konnten die Gäste ein neu gestaltetes Zine erstehen, das dis:orient-Mitglied Jamil Zegrer gemeinsam mit den Podcast-Hosts Kian und Valentin extra für das Event gestaltet hat. Versammelt haben sie darin die stärksten Zitate der Podcast-Gäste, wunderschön von Jamil illustriert. An der Bar wurde angestoßen, während sich der Raum füllte, bis kein Stuhl mehr frei war.
Für das Live-Gespräch hatten sich die Podcast-Hosts Kian und Valentin zwei ihrer Podcast-Gäste eingeladen: Sarah El Bulbeisi (Folge 1) und Tomer Dotan-Dreyfus (Folge 7). Sarah ist Forscherin in München und beschäftigt sich mit Palästinensisch-Sein in Deutschland. Tomer ist in Israel aufgewachsen und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht, in dem er sich mit dem Thema des Einheimischseins in Israel und Deutschland auseinandersetzt.
Die Idee der Gesprächsrunde war, von einem reinen Gespräch zwischen Gästen und Hosts in einen Austausch zwischen den Gästen und dem Publikum überzugehen. Als alle ihren Platz gefunden hatten, stellte Vorstandsvorsitzende Henriette Raddatz unsere Arbeit vor und leitete in den Abend ein. Dann hieß es: Manege frei für Gäste & Hosts!
Sichtbarkeit palästinensischer Identität im deutschsprachigen Raum
Sarah, die in der Schweiz aufgewachsen ist, spricht über das Gefühl der Palästinenser:innen, im deutschsprachigen Raum ein Störfaktor zu sein. Sie verwendet dabei von „Post-Holocaust-Ländern“ und beschreibt den Prozess der Unsichtbarmachung palästinensicher Identität als „Tabuisierung“.
Wie sie in ihrem Buch „Tabu, Trauma und Identität“ darlegt, beschreibt der Begriff das konforme Verhalten der Gesellschaft, ohne dass staatliche Verbote oder Repression nötig sind. Damit sieht sie die Verantwortung nicht nur beim Staat, sondern auch in der Gesellschaft. Diese nutzt das Tabu als Schutz vor der Konfrontation, die womöglich die eigene Identität in Frage stellen würde.
Die erste Generation an Palästinenser:innen, die in den 1960er-Jahren in den deutschsprachigen Raum geflüchtet sind, schämten sich oft für die Nakba und ihr Dasein. In den Post-Holocaust-Gesellschaften, in denen ankamen, war ihr Palästinensisch-Sein nicht erwünscht und wurde unsichtbar gemacht. Um dazuzugehören, passten sich Palästinenser:innen an und versteckten diesen Teil ihrer Identität. Erst in der zweiten Generation fingen einige an, nachzuforschen und die strukturelle Diskriminierung aufzudecken.
Tomer ergänzt mit seiner Perspektive. Er ist in Israel aufgewachsen und spricht davon, dass die Nakba-Erfahrung dort wenig sichtbar ist. Auch sie wird staatlich und gesellschaftlich tabuisiert, vor allem im Bildungswesen und in der Weitergabe von Wissen durch die Generationen. Würden sich jüdische Israelis mit der Vertreibung der Palästinenser:innen auseinandersetzen, die mit der Staatsgründung Israels einherging, müssten sie sich eingestehen, dass ihr Selbstbild auf Lügen gebaut ist.
Multidirektionale Erinnerung
Kian und Valentin stellten den Gästen auch eine Frage, die sie sich selbst im Laufe der Staffel immer wieder gefragt haben: Wenn wir von Erinnerungskultur sprechen, müssen die Nakba und der Holocaust zusammengedacht werden? Sind sie beide Teile der deutschen Kolonialgeschichte? Oder sollten sie getrennt betrachtet werden, da der Bezug zum Holocaust die Nakba immer direkt in Bezug zu etwas anderem setzt?
Tomer und Sarah antworten, dass die Nakba und der Holocaust verflochten sind, denn ohne den Holocaust hätte es die darauffolgende Vertreibung der Palästinenser:innen nicht gegeben – der Zionismus war vor dem Holocaust unter der jüdischen Bevölkerung Europas nicht dominant. Zieht man das in Betracht, wird auch die deutsche historische Verantwortung gegenüber den Palästinenser:innen deutlich.
Gleichzeitig war es Konsens, dass Palästinenser:innen es verdienen, dass ihre Geschichte auch getrennt von der jüdischen besprochen wird.
Fragen aus dem Publikum
Zum Schluss gab es noch Raum für Fragen aus dem Publikum. Besonders interessierten die Gäste folgende Aspekte: Wie kann der „Nicht-Bildung“ der israelisch-jüdischen Gesellschaft entgegnet werden? Kann diese umgekehrt werden? Spielt (politische) Einsamkeit eine Rolle in Sarahs und Tomers Leben? Und wie sieht die Vernetzung innerhalb der palästinensischen Community beziehungsweise zwischen Palästinenser:innen und israelischen Juden und Jüdinnen aus?
Tomer sprach eingangs vom „Nichtwissen“ über die Nakba, das in der israelisch-jüdischen Gesellschaft herrscht, und davon, dass dies vor allem durch das Bildungswesen verfestigt wird. Auf die Frage entgegnet er, dass die Erkenntnis von außen aufgezwungen werden müsste, da selbst NGOs innerhalb des Landes daran gescheitert seien.
Zum Thema der Einsamkeit berichten Tomer und Sarah von unterschiedlichen Erfahrungen. Tomer erfuhr einen graduellen Ausschluss aus der Literaturwelt, aber auch teilweise aus seinem privaten Umfeld. Sarah sprach von einer immer präsenten Einsamkeit aufgrund ihres Palästinensisch-Seins im deutschsprachigen Raum. Dennoch blicken beide auf Communities, in denen sie zu Hause sind, und auf die Vernetzungen untereinander.
Ein großer Dank an alle!
Der Abend klang noch lange aus, die Gespräche zwischen Gästen, Hosts, dis:orientler:innen und Interessierten gaben viel Stoff zum Nachdenken. Die Möglichkeit, als dis:orient vor Ort auf Interessierte und Freund:innen zu treffen, ist eines der Highlights der Vereinsarbeit.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Sarah und Tomer, Kian und Valentin und dem Casino for Social Medicine für den Raum und die Unterstützung am Tag der Veranstaltung.
Ganz herzlichen Dank an alle, die dabei waren und mit uns zugehört, diskutiert und gefeiert haben! Und ein letzter großer Dank an alle, die unsere Arbeit bei dis:orient unterstützen – ganz besonders unsere Fördermitglieder. Falls ihr das noch nachholen wollt, geht das hier.

















